Magnum – Großbritanniens Größen des melodischen Art-Rocks wieder fest im Sattel (2011)

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Autor: Peter Podbrežnik, Aleš Podbrežnik

Ort: Ampere / München / Deutschland
Interviewdatum: 15.03.2011

„Magnum, die britischen Meister des melodischen Rocks mit Art-Rock-Komponente, haben mit „The Visitation“ ihr fünftes Werk nach der Wiedervereinigung der Band im Jahr 2001 geschaffen. Gleich zu Beginn  muss erwähnt werden, dass sie seitdem bis zur Veröffentlichung dieses Albums in ihren unaufhörlichen Versuchen, jene Magie wiederzubeleben, mit der sie in den Achtzigern berühmt wurden, nie so überzeugend geklungen haben. Dabei darf man auch so herausragende Leistungen wie „Brand New Morning“ (2004) und das Vorgängeralbum „Into the Valley of the Moon King“ (2009) nicht außer Acht lassen“ – Autor: Peter Podbrežnik – entnommen aus der RockLine-Rezension des Albums „The Visitation“, die ihr in voller Länge lesen könnt HIER) .

Gerade die Exzellenz des neuen Studiowerks der legendären britischen Melodic-Rocker hat das RockLine-Team dazu veranlasst, die Band live zu treffen und einige Infos über den aktuellen Stand der Dinge auszutauschen – über die Energie, die durch ihre Adern fließt, über Pläne, Wünsche und Visionen.

Magnum sind eine Band mit beeindruckender Karriere. Sie haben im Laufe ihrer Laufbahn alles erlebt – von Höhen bis zu Tiefen. Die goldene und kommerziell erfolgreichste Phase begann für Magnum im Jahr 1982, als sie mit dem Album „Chsse The Dragon“ erstmals wirklich auf sich aufmerksam machten. Ihren Weg nach oben setzten sie ehrgeizig fort mit einer unvergesslichen Reihe von Kultklassikern, die in jede Sammlung eines rechtschaffenen Melodic-Rock-Fans gehören: „On A StoryTeller’s Night“, „Vigilante“, „Wings Of Heaven“ – und den Abschluss dieser Siegesserie bildet das 1990 erschienene „Goodnight L.A.“.

Es war früher Nachmittag. Im Garten des Münchner Clubs Ampere, auf dem Gelände eines ehemaligen kleinen Wasserkraftwerks, ist das ehrwürdige Frontgesicht der Gruppe Magnum, Bob Catley, bei uns. Bob, dem in diesem Moment auf der Stirn mit sichtlich dicken Lettern geschrieben stand, dass er nach der Ankunft des Night-Liners am Konzertgelände kaum richtig aufgewacht war, verbarg seine gute Laune und heitere Stimmung nicht….

Zunächst würden wir gerne wissen, wie die aktuelle Magnum-Tour läuft, die der Präsentation des hervorragenden neuen Albums „The Visitation“ gewidmet ist?

Bob: Es läuft großartig. Wir sind wieder hier in München und ich hoffe, dass es heute Abend eine tolle Stimmung gibt. Mit der Tour haben wir in Stockholm in Schweden angefangen. Da war es verdammt kalt, aber die Leute waren begeistert  von unseren neuen Songs. Das Gefühl in diesem Moment ist wirklich großartig. Hier in München beginnt heute Abend der zweite Teil unserer neuen Tour.  Vor ein paar Tagen waren wir in Prag in der Tschechischen Republik. Dort haben wir in einem wirklich kleinen Club gespielt, aber die Atmosphäre war angenehm, denn das Publikum empfing uns mit offenen Armen.

Kannst du uns etwas mehr über den Hintergrund der Entstehung des neuen Albums „The Visitation“ erzählen und wie die Aufnahmen verliefen?

Bob:  Das Album haben wir in einem Monat aufgenommen. Das Material dafür haben wir direkt nach dem Ende der Tour zur Unterstützung des Albums „Into The Valley Of The Moon King“ zu schreiben begonnen. Eigentlich ist viel Material schon während der Tour selbst entstanden. Diese Ideen mussten danach nur noch ausgearbeitet und verfeinert werden. Die Jungs bereiten die Musik und die Arrangements vor, dann bin ich an der Reihe und frage: „Na, Jungs. Was habt ihr Gutes für mich?“, ich bereite die Verse vor, die Refrains gestalten wir gemeinsam. In der Anfangsphase konzentrieren wir uns mehr auf die Melodien, während die Ideen für brauchbare Verse – sagen wir mal „schöne“ Texte – erst deutlich, deutlich später kommen. Das Album mit zehn Songs ist diesmal deutlich temperamentvoller im Vergleich zum eher „trägen“ Vorgänger „Into The Valley Of The Moon King“. Das neue Album ist rockiger, lauter, die Gitarren sind stärker im Vordergrund, es klingt härter. Wir sind wieder eine Rockband geworden (lacht).  Natürlich eine Rockband, mit immer noch – zumindest hoffe ich das – ausreichend intelligenten Texten und einer intelligenten Melodie. Gleichzeitig steckt in den Texten eine Menge Nostalgie. Heute, wo wir älter sind und diese Erinnerungen an die Anfänge der Karriere auftauchen, als wir noch Teenager waren, gibt es auch viele persönliche Bekenntnisse – jeder von uns kann sich in diesen Texten wiederfinden. Und ein bisschen Kritik an den Ereignissen, die uns im Alltag umgeben, ist auch dabei. Auf dem Album ist der Song Freedom Day. Der trägt eine Botschaft der Befreiung. Der Refrain ist so angelegt, dass ich mich in den Versen und der Melodie genauso ausschreien kann wie das Publikum. Dieser Song entfaltet auf der Bühne jeden Abend eine besondere Intensität, denn in diesen Versen findet sich jedes einzelne Mitglied unserer Band wieder – deshalb sind immer einige Emotionen im Spiel, wenn wir ihn spielen. Die Reaktion des Publikums ist unglaublich, er hebt sie regelrecht  wenn wir ihn spielen. „The Visitation“ ist ein sehr solides, ausdrucksstarkes und emotional intensives Magnum  Album.

Welche Songs würdest du auf diesem Album hervorheben, welche sind deine persönlichen Favoriten?

Bob: Ich kann sagen, dass es genau diese ausgewählten sechs sind, die wir live auf den Konzerten dieser Tour spielen. Natürlich fällt mir die Entscheidung sehr schwer. Auch die Songs, die wir nicht spielen, sind sehr gut. Es ist wirklich schwer, Favoriten zu nennen, aber wenn ich muss, dann ist das mit Sicherheit Wild Angels. Das ist ein Song mit sehr einfachen Texten, die zu guter Unterhaltung einladen.

Wie war es, mit dem Produzenten des Magnum-Albums „Vigilante“, Roger Taylor, zusammenzuarbeiten?

Bob: Uh, das ist lange her….  1986. Wir waren im Studio Mountain in Montreux.  Dort waren wir gemeinsam mit Roger Taylor und David Richards, der unser Toningenieur war. Das Studio bot einige technologische Vorteile, die wir bestens genutzt haben. So haben wir den Sound des Albums „On The Storytellers Night“, das in Birmingham aufgenommen wurde, auf ein neues Niveau gehoben.  Es war großartig für uns, dass ein Mann aus der Queen-Besetzung mit uns zusammenarbeitete. Auch Brian May besuchte uns in dieser Zeit ständig. Queen drehten nämlich zur gleichen Zeit das Video zu Kind Of Magic. Roger musste deshalb zwischendurch nach London zum Videodreh fliegen, während dieser Zeit vertrat ihn David Richards, sodass viele Klanglösungen auf dem Album „Vigilante“ auch von David stammen. Viele Jahre später, in den Neunzigern, nachdem Freddie Mercury gestorben war, gründete Roger seine Band The Cross und fragte uns bei Gelegenheit, ob wir seine Band als Vorgruppe nehmen würden. Das fanden wir super.  Das war eine besondere Zugabe, ein besonderer Leckerbissen. Die Zusammenarbeit mit Roger war uns eine ganz besondere Freude.

Taylor hat auch Backing Vocals zum Album beigesteuert.

Bob: Oh ja, natürlich. In den Teilen, die außerhalb meiner Reichweite lagen, bat ich ihn einzuspringen. Die höchsten Linien deckte er mit seiner Stimme ab. Anfangs hatten wir nicht einmal erwartet, dass Roger bereit sein würde zu singen, aber er nahm die Einladung mit Freude an und wir haben einige außergewöhnliche Vokalharmonien für das Album aufgenommen. Wir sind bis heute Freunde. Gelegentlich treffen wir uns, auch mit Brian.

Welche Ereignisse haben sich dir am stärksten ins Gedächtnis eingebrannt bei den Aufnahmen zum Album „On The Storytellers Night“?

Bob: Einige der Songs auf diesem Album haben wir schon lange live gespielt, bevor wir ins Studio gingen und sie für das Album aufnahmen. So war es zum Beispiel bei How Far Jerusalem und All England’s Eyes – beide spielen wir bis heute sehr gerne live. Zu dieser Zeit hatten wir sogar keinen Schlagzeuger. Jim Simpson  sprang ein, der damals für U.F.O. spielte. Das Studio, in dem wir aufnahmen, gehörte der Band UB 40. Die Aufnahmen zogen sich wirklich hin. Wir hatten keinen Plattenvertrag. Den schlossen wir mit dem deutschen Label Polydor erst nachdem das Album erschienen war und sich zu verkaufen begann.  In diesem Jahr traten wir auch beim Monsters Of Rock-Festival in Donington auf. In Großbritannien schlossen wir einen Vertrag mit dem Label FM Records. Das war ein kleines lokales Label, das unser Album vertrieb. Gleichzeitig erlebte das Album eine Neuauflage, und beim Label haben sie sich mit einem wesentlich schöneren Design und einer besseren Aufmachung unseres Produkts Mühe gegeben. Bei Polydor haben wir später auch das Album „Wings Of Heaven“ veröffentlicht. Das war damals wirklich ein großes Album für uns. Das waren gute Zeiten für uns. Jede Woche kamen unsere Musikvideos in die Charts. Das Album verkaufte sich hervorragend, dank Polydor Records.

Welche Kraft treibt die Band heute noch an, nach so einer langen Karriere des Trotzes und der Beharrlichkeit auf der Rockbühne? Jedes Album, das seit eurer Wiedervereinigung erschienen ist, klingt noch besser als das vorherige.

Bob: Mitte der Neunziger haben wir uns eine Auszeit gegönnt. Die Zeiten für Musik wie unsere waren nicht rosig, und die Situation in der Musikindustrie war ihr alles andere als gewogen. Die Dinge haben sich wirklich nicht von der Stelle bewegt. In dieser Zeit habe ich zwei Alben für das Projekt Hard Rain aufgenommen, das Tony und ich gemeinsam gestartet hatten (Tony Clarkin, Gitarre, Magnum, Anm. d. Red.). In dieser Zeit habe ich auch mit einigen anderen Musikern zusammengearbeitet, wie zum Beispiel  Gary Hughes von der Melodic-Rock-Band Ten. Auch mit Hard Rain kamen die Dinge nirgendwo hin, und wir haben Magnum zu Beginn des neuen Jahrtausends wieder aufgestellt. Obwohl wir zwei qualitativ hochwertige Alben veröffentlicht hatten – „Breath Of Life“ und „Brand New Morning“ –, fanden wir irgendwie keine richtige Befriedigung in deren Wirkung; Tony brauchte eine Weile, bis er wieder anfing, diese berühmten verführerischen Magnum-Riffs aus sich herauszuschütteln. „Princess Alice And The Broken Arrow“ hat uns schließlich wirklich dorthin zurückgebracht, wo wir hinwollten. Wir fingen ein bisschen an uns zu sorgen, aber dann begann die alte Chemie wieder voll zu wirken und wir wussten, dass wir wieder auf dem richtigen Weg waren. Auf dem Weg zur Magnum-Musik, wie wir sie uns alle gewünscht hatten.

Hast du schon irgendwelche konkreten Pläne für zukünftige Aktivitäten bezüglich deiner Solokarriere?

Bob: Momentan passiert so viel rund um Magnum und die Promotion unseres neuen Albums, dass ich gar keine Zeit habe, darüber nachzudenken.  Dennoch bin ich in die Zusammenarbeit mit dem Projekt Avantasia eingebunden. In diesem Zusammenhang wird ein besonderer Auftritt von Avantasia beim diesjährigen Wacken Open Air vorbereitet, und darauf freue ich mich schon sehr. Die Zusammenarbeit mit all diesen Leuten unter der Führung von Tobias Sammet und Sascha Paeth ist wirklich wunderbar. Ansonsten sind all meine Kräfte und Energien in diesen Momenten auf die Arbeit mit Magnum ausgerichtet. Sobald die Magnum-Tour abgeschlossen ist, werden wir wieder ins Studio gehen. Was meine Solokarriere betrifft, würde ich natürlich sehr gerne noch das ein oder andere Album in der Zukunft herausbringen, aber momentan kann ich noch nichts dazu ankündigen. Auch das Arbeiten mit Avantasia ist eine ziemlich anspruchsvolle Sache, die auch zeitaufwendig sein kann. Sieben Sänger gleichzeitig im Studio zusammenzubekommen – da ist zum Beispiel auch Jorn Lande dabei, unter anderen – ist eben keine leichte Angelegenheit. Wir alle, diese Musiker, sind gleichzeitig in anderen Projekten tätig und arbeiten in unseren Stammbands.  Manchmal grenzt es schon an ein Wunder, dass sich die Situation so entwickelt, dass alle gleichzeitig Zeit haben und von ihren Prioritäten abrücken können, um an dem Projekt Avantasia mitzuwirken.

Hast du einen Musiker im Sinn, mit dem du in Zukunft besonders gerne an einem gemeinsamen Projekt zusammenarbeiten würdest?

Bob: Das habe ich schon alles gemacht. Diese Frage hättest du mir vor etwa 20 Jahren stellen sollen. Natürlich hätte ich – aber es ist zu spät. Mit Ronnie James Dio. Es wäre auch interessant, mit Ozzy Osbourne zusammenzuarbeiten. Eine gemeinsame Amerika-Tour, auf der auch Magnum spielen würden, wäre reizvoll. Nun gibt es ja die bereits erwähnte Zusammenarbeit mit Tobias Sammet, von dem ich bis vor ein paar Jahren noch nie etwas gehört hatte. Er kam auf mich zu und sagte, er sei ein massiver Magnum-Fan – und ist selbst Mitglied von Edguy; dazu kommt noch die Zusammenarbeit mit Jorn Lande. Ich habe wirklich kein Bedürfnis, keinen Wunsch, meine Karriere in Richtung Zusammenarbeit mit einem größeren Künstler zu lenken, in Zukunft. Wenn mich Tobias wieder einlädt, am nächsten Album des Projekts Avantasia mitzuwirken, wird mir das vollkommen ausreichen.

Das wäre alles, danke Bob für deine Zeit und viel Spaß beim heutigen Konzert in München.

Bob: Es war mir eine große Freude. Ich hoffe, ihr genießt heute Abend unser Konzert.

Gespräch geführt von: Peter Podbrežnik

Fotos: Aleš Podbrežnik und Helena Vertačnik

Text übersetzt und redigiert von: Aleš Podbrežnik

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