Mit Kelly Shaefer und Scott Flynn über Atheist!

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Autor: Rok Klemše

Ort: Paranoid Open Air 2009, Avtopoligon Ljubečna, Slowenien
Datum des Interviews: 13.08.2009

Manchmal muss man halt den Staub von den Regalen wischen, die Leichen aus dem Keller holen und ein Interview ans Licht zerren, das aufgrund von Faulheit (ja, auch Journalisten sind nur aus Fleisch und Blut :P) nicht rechtzeitig abgetippt wurde. Das Glück dabei ist, dass auch ein altes Interview wieder aktuell werden kann. So auch dieses hier… Atheist ist eine kultische amerikanische Technical-Death-Metal-Band, die mit ihren drei Platten die Standards des Genres gesetzt hat. Auf ihrer Reunion-Tour traten sie zum ersten Mal auch bei uns auf, nämlich beim Paranoid Open Air 2009 – dabei hatte ich die Gelegenheit, mit den Gründungsmitgliedern Kelly Shaefer (Gitarre, Gesang) und Scott Flynn (Schlagzeug) zu sprechen. Und warum ist das Interview jetzt endlich wieder aktuell? Atheist haben kürzlich den Titel ihres neuen Albums bekanntgegeben, das Jupiter heißen wird und das erste Album seit dem 1993 veröffentlichten Elements sein wird. Gleichzeitig haben sie sich (leider nicht auf die schönste Art und Weise – mehr dazu findet ihr auf Blabbermouth.net) von Bassist Tony Choy getrennt, der auf der Kultplatte Unquestionable Presence gespielt hatte (auf bereits geschriebenen Parts, die der leider viel zu früh verstorbene, geniale Roger Patterson geschrieben hatte) sowie auf Elements – und der Band auch bei den Reunion-Konzerten beigefügt hatte. Was hatten Kelly und Scott also vor gut einem Jahr zu sagen…

RockLine: Fangen wir am Anfang an. Atheist, ihr seid nach langer Zeit auf die Musikszene zurückgekehrt. Was ist der eigentliche Grund für eure Rückkehr?
Kelly: Es waren mehrere Faktoren. Als wir die ersten Reunion-Konzerte gespielt hatten, merkte ich, dass das Spielen mit meinem guten, alten Freund (Schlagzeuger Steve Flynn, Anm. d. Red.) unglaublich viel Spaß macht. Wir genossen die Gesellschaft des anderen und hatten die Gelegenheit, mit etwas weiterzumachen, das wir beide lieben… und das zu unseren eigenen Bedingungen.
Scott: Eigentlich gab es eine enorme Nachfrage nach alten Platten, und die Band hatte ohne besonderen Beitrag unsererseits so etwas wie Kultstatus erreicht. Man begann uns als Pioniere des Genres zu betrachten. Die ganze Nachfrage führte zunächst zu Neuveröffentlichungen unserer Alben, dann dazu, dass man uns fragte, ob wir ein paar Konzerte spielen würden, und schließlich dazu, warum wir nicht noch eine Platte aufnehmen sollten. Das alles hat uns selbst völlig überrascht – wir hatten ein paar Konzerte im Sinn und vor allem Spaß…

RockLine: War das zumindest am Anfang auch der eigentliche Grund für die Rückkehr?
Kelly: Ja, genau. Wir sagten, dass es keine Chance gibt, dass wir eine neue Platte aufnehmen. Aber nach ein paar Konzerten hat sich alles verändert – wir setzten uns in einen Raum und fingen an zu schreiben. Scheiße, dachte ich mir, da ist neues Material nach ich weiß nicht wie vielen Jahren. Das sind die neuen Atheist! Es klingt wie Atheist, und ich war wirklich überrascht. Wenn man eine Weile komplett außerhalb der Musikszene ist, betrachtet man alles sehr distanziert, und wir sind das Schreiben von neuem Material nicht methodisch angegangen. Als wir neue Riffs geschrieben hatten und sie dann anhörten, war es unglaublich zu hören, dass das, was wir da hören, die neuen Atheist sind.

RockLine: Ihr schreibt also gerade eine neue Platte. Habt ihr schon eine Vorstellung, wann ihr mit den Aufnahmen beginnen und wann ihr sie veröffentlichen werdet?
Scott: So bald wie möglich.
Kelly: Wir werden sie veröffentlichen, wenn sie fertig ist. Es muss wirklich eine gute Platte sein.

RockLine: Schließlich sind die Erwartungen auch hoch.
Kelly: Genau. Wir werden sie nicht veröffentlichen, bis sie bis ins letzte Detail fertig ist. Momentan sind wir in ausgezeichneter musikalischer Verfassung, daher sollte das Album theoretisch unglaublich sein. Ich weiß aber noch nicht, wie es klingen wird – ich weiß nur, dass wir das sein werden.

RockLine: Glaubst du dennoch, dass es eine Art Fortsetzung der ersten drei Platten sein wird? Auch die ersten drei Platten unterschieden sich voneinander, hatten aber einen aus der Ferne erkennbaren Atheist-Stempel.
Kelly: Steve hat auf der dritten Platte nicht gespielt, aber ich denke, dass auch Elemente der dritten Platte vorhanden sein werden, vor allem wegen Tony. Für Steve und mich geht es natürlich hauptsächlich um die Fortsetzung von Unquestionable Presence. Steve und ich haben Songs immer zusammen und auf ähnliche Weise geschrieben. Wenn man die Songs in der Reihenfolge hören würde, wie wir sie geschrieben haben, würde man einen deutlichen Fortschritt bemerken – sie werden immer schwieriger, immer komplexer. Theoretisch sollte das also eine Fortsetzung von Unquestionable für Steve und mich sein, mit Tony Choy am Bass anstelle von Roger. Die Platte wird sicher schnell und schwer sein – wir haben den Kontakt zu unseren Wurzeln nicht verloren.

RockLine: Als ihr als junge Band angefangen habt zu spielen, hattet ihr schon einen klaren Weg zu extrem technischer Musik, stark vom Jazz beeinflusst, vorgezeichnet – oder ist das ganz natürlich entstanden?
Scott: Ja, das ist ganz organisch entstanden – wir haben das geschrieben, von dem wir das Gefühl hatten, dass es gut ist…
Kelly: Technisch – zumindest in Bezug auf Musik, Death Metal – war damals noch gar kein Begriff…

RockLine: Ihr wart sicher unter den Ersten, die dem Genre einen Namen gegeben haben.
Kelly: Ja, wir haben uns an Bands wie Rush orientiert und daran, wie sie Musik gewoben haben, die einem das Gefühl des Reisens gab – gleichzeitig mochten wir aber auch schwere Musik wie Slayer.

RockLine: Und ihr habt zwei Welten vereint.
Scott: Ja, wie Kelly gesagt hat – ich selbst war stark beeinflusst von Rush und dem Schlagzeugspiel von Neil Peart, gleichzeitig mochte ich aber auch das Schlagzeugspiel von Dave Lombardo. Als Reign in Blood herauskam, war ich sprachlos. Viele sind sich auch nicht bewusst, welchen Einfluss Gene Hoglan auf das Metal-Schlagzeugspiel hatte. Was er auf dem Dark Angel Album Darkness Descends getrommelt hat, ist wahnsinnig. Alle Schlagzeuger, die heute die Technik des synkopierten Schlagzeugspiels verwenden, wie Thomas Haake (Meshuggah, Anm. d. Red.), können sich bei Hoglan bedanken. Er war der Erste. Ich habe irgendwie Lombardo, Hoglan und Peart vereint.

RockLine: Wenn man heute Piece of Time hört, ist ihre Rohheit, fast Primitivität, deutlich zu hören, während Unquestionable Presence viel progressiver und polierter ist.
Kelly: Ja, Piece of Time war unsere erste Platte – wir waren noch Kinder.
Scott: Wir wollten nur Geschwindigkeit!!! Weißt du – Anthrax, Metallica, S.O.D. – wir wollten wie diese Bands sein, und wir wollten schnell sein! Dann sind wir erwachsen geworden und gereift, und ich denke, das merkt man auch in unseren Ideen.
Kelly: Auch Bands wie Iron Maiden begannen uns zu beeinflussen. Unsere Harmonien stammen größtenteils aus dem, was Iron Maiden und Judas Priest gemacht haben.

RockLine: Vor allem Roger war ein großer Fan von Steve Harris.
Kelly: Oh, ja!

RockLine: Nach seinem Tod muss es für Atheist extrem schwer gewesen sein. Habt ihr auch daran gedacht, alles aufzugeben…
Kelly: Natürlich…

RockLine: …und wie schwer war es dann, einen Ersatz für ein so einzigartiges Talent zu finden?
Scott: Extrem schwer – es gab schlicht keinen echten Ersatz für ihn. Er war einzigartig, und 1991 gab es kaum Menschen, die Bass auf seinem Niveau spielen konnten. Heute gibt es davon viele – damals haben wir uns wirklich gefragt, wo wir überhaupt jemanden finden könnten, der auf Rogers Niveau ist. Es gab Tony, Doug Keyser von Watchtower und vielleicht noch ein paar Leute.
Kelly: Ausgesprochen gut war noch Dave (Bizzigotti, Anm. d. Red.), der Bassist von Ripping Corpse – das war’s. Die Platte war bereits geschrieben, wir hatten auch schon ein Studio gebucht, und Tony sprang für die Aufnahmen ein. Wir vermissen Roger schrecklich, und ohne ihn wird das Schreiben von Atheist-Material zweifellos nie mehr dasselbe sein – aber wir verstehen seinen Stil so gut, dass wir ihn irgendwie emulieren und so den Stil und Sound der Band sicherstellen können, wie er ihn wollte. Wir schreiben jedenfalls immer mit ihm im Hinterkopf.

RockLine: Wie seht ihr heute die Florida Death-Metal-Szene? Schließlich wart ihr eine der ersten und originellsten Bands dieser Szene.
Kelly: Wenn man Teil einer solchen Szene ist, bemerkt man das gar nicht. Das passierte um uns herum, und wir genossen es. In unseren Augen passierte etwas Ähnliches in Deutschland mit Bands wie Sodom, Destruction, Kreator. Wir waren uns nicht bewusst, dass bei uns etwas Ähnliches passierte. Heute, Jahre später, wenn man die Liste der Bands aus diesem Umfeld anschaut, ist das alles ziemlich unglaublich. Es ist schön, Teil von so etwas zu sein – auf jeden Fall besser als eine obskure Band aus Nebraska zu sein.

RockLine: Habt ihr noch Kontakt zu Mitgliedern dieser Bands, Bands wie Monstrosity,…
Kelly: Ja, wir sehen uns oft. Mit Lee (Harrison, Schlagzeug, Anm. d. Red.) von Monstrosity sehen wir uns regelmäßig, und mit Phil (Fascina, Gitarre, Anm. d. Red.) von Malevolent Creation sehe ich mich regelmäßig. Mit den Jungs von Deicide und Morbid Angel waren wir uns nie besonders nah. Mit Obituary haben wir oft in LA gespielt und sind gute Freunde. In Tampa gibt es die Bar The Brass Mug, wo wir uns oft mit Leuten aus der Szene treffen.

RockLine: Bekannt ist aber, dass ihr keine besonders gute Beziehung zu Death, bzw. vor allem zu Chuck Schuldiner hattet…
Kelly: Ja, wir hatten auf jeden Fall unterschiedliche Ansichten zu Dingen. In den frühen Tagen hat er versucht, unsere Karriere negativ zu beeinflussen. Unser Manager war jemand, der ein guter Freund von Chuck war…

RockLine: War das Borivoj (Krgin, in den Achtzigern Manager vieler amerikanischer Bands, Gründer der Website Blabbermouth.net, Anm. d. Red.)?
Kelly: Ja. Borivoj war in den Achtzigern eine extrem wichtige Person in der Szene und ist zu einem großen Teil für unsere Bekanntheit verantwortlich. Er war der Mensch, der uns verstand. Mit Death haben wir 1986 zum ersten Mal im Sunset Club gespielt, und Chuck hat Borivoj angerufen und ihm gesagt, dass wir live schrecklich sind. Das war ein großer Schock für uns – Bori war der einzige Mensch auf der Welt, der uns verstand, und dann fing sein bester Freund an, ihm zu erzählen, dass wir live schrecklich sind.
Scott: Borivoj rief uns an und sagte uns, er habe gehört, dass wir furchtbar seien. Aber wir sprachen miteinander und spielten ein Konzert.
Kelly: Das klingt vielleicht großspurig, aber in den frühen Tagen hat Chuck Dinge über uns gesagt wie, dass wir Jazz in den Metal bringen und dass wir gar keinen Metal hören. Das stimmte nicht, und bekanntlich wurde er nach der Zusammenarbeit mit Paul und Sean (den Gründern von Cynic – Paul Masvidal und Sean Reinert spielten auf der Kult-Death-Platte Human) deutlich technischer.
Scott: Er wurde sogar ein großer Fan von uns.
Kelly: Die Philosophie unserer Musik ist: Spiel dein Instrument gut, schreib interessante und gute Musik. Das war immer der Kern unseres Schaffens. Es ging nie darum, weichere Musik zu schreiben – aber wir wollten den Leuten mit unseren Ideen den Kopf abschneiden. In späteren Jahren verstand uns auch Chuck, und ein Jahr vor seinem Tod haben wir zusammen auch einen geraucht. Er war immer noch ein wenig verbittert – Death Metal war sein Baby, und er war sehr schützend damit; er wollte ihn nicht verändern oder irgendjemanden damit herumspielen lassen. Auf der einen Seite verstehe ich ihn vollkommen – er war sehr leidenschaftlich. Wie ich auch.
Scott: Den Konflikt hatte er nicht nur mit uns, sondern auch mit anderen Bands. Er war ein unglaublich warmer Mensch, aber gleichzeitig im Umgang mit anderen Bands extrem paranoid und aggressiv.
Kelly: Er hatte auch enormen Einfluss. Wenn er etwas Schlechtes über deine Band sagte, war es sehr schwer, ein Konzert zu bekommen oder irgendwelche Deals zu machen.

RockLine: Der Grund dafür war wahrscheinlich, dass ihr Musik geschrieben und gespielt habt, die vor euch niemand gespielt hat – vielleicht nur Cynic – und dass ihr deshalb nicht verstanden wurdet.
Kelly: Ja, obwohl Cynic nach uns kamen. Darin waren wir am Anfang komplett allein.

RockLine: Ja, niemand hat Death Metal so wie ihr mit Jazz-Techniken kombiniert – ich persönlich höre zum Beispiel in eurer Musik ziemlich viel Einflüsse von Künstlern wie Allan Holdsworth.
Kelly: Definitiv. Am Anfang waren wir zwar nicht direkt von diesen Bands beeinflusst, aber wir schätzen den Vergleich. Später fingen wir an, Jazz-Unterricht zu nehmen.
Scott: Ich selbst hatte Musikunterricht in der Schule, und einiges des Materials, das auf Unquestionable Presence gelandet ist, kommt direkt daher. Eines Tages haben wir zum Beispiel in der Schule Bossa Nova durchgenommen, und am nächsten Tag hab ich bei der Probe einen solchen Teil vorgeschlagen, den wir in den Song Incarantions Dream eingebaut haben.
Kelly: Das war das direkte Ergebnis dieses Jazz-Unterrichts – und als Folge davon fingen wir an, noch mehr solche Musik zu hören.
Scott: Auch Paul und Sean und die anderen Jungs von Cynic, die solche Musik hörten, haben einen großen Einfluss auf uns gehabt. Auf mich hat Sean mit seinem Schlagzeugspiel sicher einigen Einfluss hinterlassen.

RockLine: Tony hat sicher auch seinen Stempel bei Atheist hinterlassen – natürlich vor allem auf Elements, höchstwahrscheinlich gerade mit dem Song Samba Briza.
Kelly: Ja, diesen Song hat Tony geschrieben, und er hat sicher einen großen Einfluss von Latino-Musik eingebracht. Für das Schreiben von Elements hatten wir sehr wenig Zeit, und Tony hat mit seinem instrumentalen Können enorm geholfen. Steve hat diese Erfahrung mit ihm noch nicht gehabt, deshalb bin ich gespannt zu sehen, wie die beiden sich im Studio schlagen und sich gegenseitig an ihre Grenzen treiben werden. Das wird wahnsinnig sein! Ich bin Fan von beiden und kann es kaum erwarten zu hören, was dabei rauskommt – ich selbst werde ein bisschen Gitarre spielen, die Texte schreiben und ein bisschen schreien. Interessant wird es sein, ganz neue Songs zu hören.
Scott: Wir spielen die Songs von der ersten Platte schon so lange, dass ich kaum erwarten kann, etwas Frisches zu spielen. Obwohl die alten Songs immer noch neu und frisch klingen und ich sie gerne spiele.
Kelly: They Slay spielen wir schon seit 24 Jahren! Es war schön, Cynic vor so vielen Jahren kennenzulernen – wir waren verwandte Seelen, standen uns sehr nah und haben zusammen unsere Krankheit über die ganze Welt verbreitet. Damals mussten wir beide wegen unserer Einzigartigkeit um unsere Existenz kämpfen – aber wir standen auf und haben uns organisch wie Unkraut ausgebreitet. So viele Jahre später ist es unglaublich zu sehen, wie viele Bands entstanden sind. Auf so etwas kann man sich unmöglich vorbereiten.
Scott: So eine Band ist zum Beispiel Obscura, die ich vor vier Monaten kennengelernt habe, als meine Band Gnostic zusammen mit ihnen gespielt hat. Sie sind unglaublich talentierte Musiker – wir haben über Atheist geredet, und sie sagten mir, sie seien riesige, riesige Fans. Ein Einfluss auf eine Band wie sie zu sein… Stefan, ihr Gitarrist, sagte mir, dass ein Song auf ihrem Album Cosmogenesis ein kompletter Rip-off eines unserer Songs von Piece of Time ist (lacht). Es ist ein unglaubliches Kompliment, von solchen Bands zu hören, dass ausgerechnet du sie beeinflusst hast. Dafür lohnt sich das alles.

RockLine: Ich habe kürzlich mit Sean und Paul von Cynic gesprochen, und sie sagten, dass das Kiffen einen enormen Einfluss auf ihre Texte hatte. Wenn ich mich nicht irre, gilt das auch für euch?
Kelly: Absolut. Ich glaube, es gibt keinen Atheist-Songtext, den ich nicht geschrieben hätte, während ich high war. Gras öffnet verschiedene Türen und ‚schärft‘ mich. Ich glaube, dass Gras auch unsere Musik beeinflusst hat – Steve raucht zwar nicht, aber Roger hat eine Menge davon geraucht. Was die Texte betrifft, ist es sehr wichtig. Die Wahl der Wörter und Phrasen ist eine völlig andere, wenn ich high bin. Leute, die kein Gras rauchen, sehen uns als gewöhnliche Kiffer – aber Leute, die auf diesem Level rauchen, verstehen das. Auf mich wirkt es sehr beruhigend.
Scott: Auf jeden Fall besser als Trinken ohne Alkohol.

RockLine: Wenn du es nicht mit Tabak mischst, ist es sogar ziemlich gesund (lacht).
Kelly: Was es natürlich nicht ist (lacht). Es ist seit Jahren und Jahren mein Partner beim Schreiben von Texten. Vielleicht sind die Leute enttäuscht – viele erwarten romantische Geschichten über das Schreiben von Texten, wie ich bei ’ner beschissenen Kerze sitze, mit einer Tasse Kaffee daneben. Bei Elements war das besonders wichtig, denn ich musste alle Texte in sehr kurzer Zeit schreiben. Zum ersten Mal hatte ich zum Beispiel die Songtitel vor den eigentlichen Texten, was für mich sehr untypisch ist. Normalerweise schreibe ich zuerst den Text und wähle dann den Titel. Hier aber war ich bei den Wörtern Air, Water, Mineral ziemlich entsetzt, wie zur Hölle ich Texte schreiben soll, die nicht dumm klingen. Jeden Song habe ich in der dritten Person in Bezug auf das jeweilige Element geschrieben. Die Texte entstanden also auf der Grundlage von außergewöhnlich gutem Gras, das uns River Phoenix gegeben hat.

RockLine: Im Ernst?
Kelly: Ja, er wohnte genau gegenüber von unserem Studio – wir freundeten uns an, und dann besuchte er uns täglich im Studio und brachte uns Obst, Gras und Pizzen ohne Käse (lacht). Das waren gute Zeiten. Josh Greenbaum war eigentlich sein Schlagzeuger. Er kam zwei Wochen vor den Aufnahmen angeflogen und half uns beim Schreiben und Finalisieren. Der Song Mineral wurde zum Beispiel einen Tag vor Beginn der Aufnahmen geschrieben. So macht man das einfach nicht. Wenn du einen Song geschrieben hast, hörst du ihn eine Weile, spielst ihn, um zu sehen, ob er dir überhaupt gefällt.

RockLine: Zu einer so schnellen Veröffentlichung von Elements hat euch – wenn ich mich nicht irre – die Plattenfirma gezwungen?
Kelly: Ganz so war es nicht. Sie haben uns tatsächlich gesagt, dass sie uns verklagen werden, wenn wir keine weitere Platte aufnehmen. Ich fing gerade mit einer neuen Band an – Neurotica – Steve war auf der Uni, und ich war eigentlich ohne Band. Eines Tages sah ich eine Band mit Gitarrist Random (Burkey, Gitarre auf Elements, Anm. d. Red.) spielen – für alle Fälle hab ich mir seine Telefonnummer aufgeschrieben. Ich rief auch Frank (Emmi, Gitarre auf Elements, Anm. d. Red.) an, und wir fingen mit dem Schreiben an. Die ersten Songs schrieben wir zusammen – dann rief ich noch Josh und Tony an, und dann haben wir tagelang und nächtelang geschrieben… und geraucht, und geschrieben und geraucht.

RockLine: In deiner Freizeit malst du auch. Auf deinem MySpace hab ich mir ein paar deiner Bilder angeschaut, und sie erscheinen mir ausgezeichnet. Soweit ich sehe, malst du jede Menge Porträts von Schauspielern und Musikern?
Kelly: Danke. Nicht aus eigener Wahl – ich male sie, weil die Leute sie kaufen. Ich bin Künstler und muss auch etwas verdienen. Marilyn Monroe habe ich zum Beispiel auf Leinwand gemalt, und den Leuten hat es gefallen. Lieber male ich aber eher seltsame Sachen wie Tropfen und Kleckse. Danke, dass du es bemerkt hast.

RockLine: Du hast vor einiger Zeit auch eine Tochter bekommen. Die hat wahrscheinlich dein Leben ziemlich verändert.
Kelly: Oh ja! Beiden – auch Steve hat zwei Kinder. Aber verändert hat sie es nur zum Besseren. Es ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Es ist erschreckend, für ein menschliches Wesen verantwortlich zu sein – vor allem als alleinerziehender Vater. Aber ich liebe sie, und es ist schön. Sie kam genau in einer Phase meines Lebens, in der ich unglaublich selbstsüchtig war, und hat mich komplett verändert.

RockLine: Jetzt ist es wahrscheinlich schwieriger, auf Tournee zu gehen – vor allem nach Europa?
Kelly: Ja, natürlich – sehr schwer! Als wir Kinder waren, war das ganz anders.
Scott: Reisen und Touren ist wirklich schwer. Lange Fahrten, Nächte in erbärmlichen Hotels…
Kelly: Diese eine Stunde auf der Bühne ist unbezahlbar – alles andere ist extrem anstrengend.
Scott: Du musst wirklich eine Art ruhige Leidenschaft und Liebe dafür haben. Weil wir älter sind, haben wir deswegen eine gesündere Einstellung zur Band – wir genießen das, was man genießen muss. Als wir jung waren, haben wir das nicht. Jetzt ist es wirklich unglaublich zu realisieren – scheiße, wir sind in Slowenien, wir sind in Österreich… Und wir sind wirklich dankbar jedem, der zum Konzert kommt. Als wir jünger waren, war alles andere wichtig – wir müssen genug Platten verkaufen, wir streiten uns mit dem und jenem, Chuck sagt schlechte Dinge über uns, Morbid Angel sind unfreundlich…
Kelly: Heute ist wichtig, dass gute, alte Freunde durch die Welt reisen und Metal spielen. Und dabei Spaß haben! Am liebsten spielen wir zweiwöchige Touren – so ist es leichter für uns und unsere Familien.

RockLine: Ihr fliegt also zwischen den Touren nach Hause?
Scott, Kelly: Genau.


RockLine:
Spielt ihr lieber in Europa oder in den USA?
Kelly: In Europa!
Scott: Definitiv in Europa!

RockLine: Wegen der Fans?
Scott: Ja, auch – aber in den USA ist es offensichtlich genauso nicht möglich, solche Festivals zu organisieren.

RockLine: Es gibt eher eintägige Festivals.
Scott: Ja, aber auch Festivals wie Wacken, wo wir vor einiger Zeit gespielt haben, sind nicht möglich. An einem Tag spielten Aerosmith und Morbid Angel. Das ist in den USA schlicht unvorstellbar. Kelly betont jedes Mal, wenn er bei einem solchen Festival auf der Bühne ist, dass ihr wirklich froh sein könnt über solche Festivals. Und er meint das absolut ernst. In den USA darf man keine Zelte aufstellen und kein Bier trinken – logistisch gibt es keine Möglichkeit für solche Festivals. In Europa ist es auch entspannter, was die Venues betrifft, und wie die Promoter mit der Band umgehen.
Kelly: Die Fans sind nostalgischer.
Scott: Und klüger! Wir haben gerade eine USA-Tour beendet und hatten ein paar ausgezeichnete Konzerte – wir spielten vor einem vollen Times Square in New York. Aber in Europa ist es anders – besser. Und wir haben die Möglichkeit, Orte wie Slowenien zu besuchen.

RockLine: In Wacken habt ihr auch ein Live-Album aufgenommen.
Scott: Eigentlich haben wir das Konzert nicht bewusst für eine Live-Veröffentlichung aufgenommen – es ist einfach so passiert. Aber wir haben es veröffentlicht, und es ist eine ziemlich rohe Aufnahme – ohne irgendwelche Verschönerungen oder Bearbeitungen. Wir haben es nur gemixt.
Kelly: Der Auftritt vor 60.000 Menschen war unglaublich und ist ein Moment der Atheist-Karriere, den wir uns alle merken werden.

RockLine: Wenn ich mich richtig erinnere, war das für euch ein ziemlich lustiger Auftritt. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, ist Tony auf diesem Konzert durch die Bühne gefallen?
Scott: Hehe, nein – das passierte zwei Wochen vorher in Italien. Die Bühne brach zusammen, und Tony war plötzlich nicht mehr auf der Bühne. Ziemlich gefährlich – aber zum Glück ist alles gut ausgegangen.

RockLine: War es schwer für dich, als dir das Karpaltunnelsyndrom diagnostiziert wurde und du keine Gitarre mehr auf der Bühne spielen konntest? Du musstest ja die Rolle des Frontmanns übernehmen.
Kelly: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass mich meine Rolle in Neurotica, mit der wir in den USA einigen Erfolg hatten, in die Rolle des Frontmanns einer Rockband geführt hat. Gitarre spielen ist Ego-Sache – ich selbst habe keines. Ich schreibe problemlos einen Riff und gebe ihn jemand anderem zum Spielen. Als Frontman aber genieße ich es auf der Bühne. Ich glaube, dass das im Metal fehlt – es gibt zu wenig echte Performer.
Scott: Kelly geht in die Rolle des Frontmanns auf eine Weise ein, die für Technical Death Metal sehr untypisch ist. Ich glaube, die Leute reagieren gut darauf.
Kelly: Ich glaube, mein Auftritt ist sehr rockiger Natur.

RockLine: Wahrscheinlich hast du deshalb auch am Casting für den Sängerposten bei Velvet Revolver teilgenommen?
Kelly: Ja – aber wenn sie gewusst hätten, woher ich komme, hätten sie sich sehr erschrocken. Dahinter steckt eine sehr witzige Geschichte, über die ich in Zukunft wahrscheinlich ein Buch schreiben werde. Die Rolle bei Velvet Revolver hätte ich fast bekommen. Aber es war wahnsinnig, in einem kleinen Raum mit Slash zu sitzen – denn ich bin ein riesiger Guns ’n Roses-Fan.

RockLine: Was ist gerade los bei Neurotica?
Kelly: Nichts – absolut nichts. Ich würde die Platten gerne nochmals veröffentlichen, denn sie enthalten jede Menge guter Songs, und ich bin auf beide sehr stolz. Ich würde die Platten den Leuten gerne nochmal anbieten, denn die Geschäftsseite des Musikbetriebs hat uns total versaut. Mainstream-Rock ist eine hässliche Welt – Musik wird dort aus völlig falschen Gründen gemacht. Ich muss die Musik selbst erst mögen – aber ich hab’s versucht, und es hat Spaß gemacht. Wir haben zum Beispiel beim Ozzfest 2002 gespielt. Manchmal aber fühlte ich mich, als ob ich meine Frau betrügen würde.
Scott: Schwein (lacht).

RockLine: Kelly, wenn ich mich nicht irre, hast du auch dein eigenes Label?
Kelly: Nicht mehr. Das ist einfach zu viel Arbeit – obwohl ich immer noch Bands helfen und Platten produzieren möchte.

RockLine: Wenn ich mich nicht irre, sollte auf deinem Label auch das Gnostic-Debüt Engineering the Rule erscheinen?
Scott: Ja, anfangs war das tatsächlich so geplant – Kelly hat uns aber hauptsächlich beim Produzieren geholfen. Die Platte ist gerade bei Seasons of Mist erschienen. Ich selbst habe 13 Jahre lang überhaupt nicht gespielt, deshalb habe ich Gnostic gegründet. Das war noch vor den Neuveröffentlichungen der Atheist-Platten, und eigentlich sind Gnostic irgendwie indirekt schuld daran, dass wir mit Atheist überhaupt zurückgekommen sind. Unser erstes Demo war nicht besonders gut, das zweite zeigte großen Fortschritt – Kellys Starfactory hat die halbe Platte finanziert, die am Ende Season of Mist übernahm. Es bekam ziemlich gute Kritiken, und wir sind sehr froh, dass das Label sich so für uns eingesetzt hat. Ich glaube, die zweite Platte wird viel mehr zeigen.

RockLine: Ok, zum Abschluss eine absolut klischeehafte Frage. Was ist die Zukunft für Atheist und auch Gnostic?
Scott: Neue Platte, Konzerte spielen – und wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
Kelly: Momentan haben wir unglaublich viel Spaß – wenn wir das nicht mehr haben, hören wir auf. Wir freuen uns auf die neue Platte, wenn sie erscheint, und aufs Spielen an Orten, wo wir noch nicht waren.

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