Der legendäre John Wetton – die erste Stimme der Supergroup Asia (2010)

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Autor: Peter Podbrežnik, Aleš Podbrežnik

Ort: Orpheum Theater / Graz / Österreich
Datum des Interviews: 28.04.2010

Es passiert nicht gerade jeden Tag, dass man mit einer solchen Legende wie John Wetton an einem Tisch sitzt. Er ist der legendäre Sänger und Bassist von Asia, der im Laufe seiner mehr als erschöpfenden musikalischen Karriere auch in anderen sehr bekannten, um nicht zu sagen geradezu bahnbrechenden Bands mitgewirkt hat, die ganze Rock-Kontinente verschoben und neue Entwicklungshorizonte der Rockmusik erschlossen haben. Das waren: King Crimson, Roxy Music, Uriah Heep, Wishbone Ash, U.K. John Wetton ist ein Mann mit einer einzigartigen Stimmfarbe, der einen angeborenen und verfeinerten Sinn für das Herausarbeiten der idealen Melodie in sich trägt, wie sie die Rockmusik optimal aufnehmen kann. Das ist ein Musiker, der in der Welt des Rock im Grunde alles erlebt hat.  Unter anderem war und ist er Teil von Asia, die einen wahren kommerziellen „Superboom“ erlebte, als ihr Debüt-Studioalbum über 10 Millionen Mal verkauft wurde. Die Mitgliedschaft in Asia zusammen mit drei weiteren Eminenzen des Progressive Rock – Steve Howe (Gitarre), Carl Palmer (Schlagzeug) und Geoff Downes (Keyboards) – ist eine Tatsache, die für sich selbst spricht und den außergewöhnlichen Stammbaum von John Wetton belegt.

Das Interview führten wir am 28.04.2010 backstage in der Orpheum-Halle in Graz, kurz vor dem Konzert von Asia. Es war vier Tage nach dem offiziellen Erscheinen des neuen Studioalbums der Band mit dem Titel „Omega“ (RockLine-Rezension HIER). Die Band hatte gerade gegessen, und vor Ort und für Interviews verfügbar waren John Wetton, Geoff Downes und Carl Palmer. Nur Steve Howe war nirgends zu sehen. Es ist bekannt, dass der launische Gitarrist auf Tour sehr schwer zugänglich ist. Er hält sich lieber für sich und ist selten offen für Dialog, sei es mit Besuchern der Asia-Konzerte oder mit Medienvertretern.

John Wetton befand sich nach dem Mittagessen bereits in seinem Zimmer. Er hatte gerade seinen riesigen Reisekoffer abgestellt und sich in einen Sessel niedergelassen, als zwei Gesichter eintraten…

RockLine: In diesem Jahr habt ihr das neue Studioalbum „Omega“ veröffentlicht. Kannst du den Hintergrund seiner Entstehung beschreiben?

John: Einige der Songs für das neue Album entstanden so, dass ich nebenbei eine 12-saitige Akustikgitarre spielte. Gleichzeitig, während ich die Musik formte, entstanden auch die Texte. Die kamen mir völlig spontan in den Kopf. Diese rohen Ideen habe ich dann Geoff vorgestellt, und gemeinsam haben wir das Material weiterentwickelt. Der Großteil des Materials für das neue Album entstand im vergangenen Sommer während der nordamerikanischen Tournee. Das Schreiben war also bis Ende August abgeschlossen, als wir noch auf Tournee waren. Im September begannen wir dann mit den Aufnahmen.  Gegen Ende steuerte auch Steve noch einige Ideen bei.

RockLine: Der Sound des neuen Albums ist etwas anders.

John: Dieses Mal haben wir den Produzenten Bill Paxman eingesetzt. Das war überhaupt das erste Mal, dass jemand von außen unser Album produziert hat. Die Produktion haben wir immer selbst übernommen. Das war sehr gut für die Band. Paxman wirkte wie eine Art Filter. Zunächst haben wir ihm das Material präsentiert, es ihm vorgespielt. Geoff und ich wussten bereits genau, was wir mit den neuen Songs wollten, der Produzent eben nicht. Deshalb musste er die einzelnen Songs erst hören, bevor wir sie aufnahmen.  Manchmal wissen wir selbst schon automatisch, was wir in den Songs erreichen wollen. Wenn wir dem Produzenten Material vorstellen, wirkt er wie eine Art Schiedsrichter, der rote und gelbe Karten verteilt und vorschlägt, was brauchbar ist, was besser weggelassen oder für ein anderes Mal aufgespart werden sollte.

RockLine: Verbirgt sich hinter dem Albumtitel „Omega“ eine besondere Botschaft?

John: Ja. Die Idee für den Albumtitel „Omega“ stammt von mir, während Geoff den Titel „Tiger“ vorschlug, weil dieses Jahr nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Tigers ist. Warum ich mich für „Omega“ entschieden habe, liegt in der Tatsache begründet, dass es mich, abgesehen davon, dass es ein typischer Asia-Albumtitel ist, an das Album „Alpha“ erinnert. Als wir 1981 entstanden und 1982 unser Debüt-Studioalbum veröffentlichten, blickten wir auf unsere früheren Taten innerhalb der Bands Yes, Emerson Lake And Palmer und King Crimson zurück. Bis zum Album „Alpha“ hatten wir noch keine klar ausgearbeitete musikalische Ausrichtung. Und mit „Alpha“ haben wir sie endgültig begründet. Als wir uns wieder zusammenfanden und 2008 das Album „Phoenix“ veröffentlichten, war dieses in seiner musikalischen Ausrichtung nicht so klar wie jetzt „Omega“. „Omega“ ist ein weit echteres Asia-Album als „Phoenix“ und begründet gewissermaßen die musikalische Ausrichtung der Band in der heutigen Zeit. Viele fragen mich, ob das aufgrund des Titels das letzte Asia-Album ist. Ich antworte ihnen: „Nicht unbedingt.“ Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht. Auch das Album „Alpha“ war nicht das erste Asia-Album, also muss „Omega“ nicht unser letztes sein.

RockLine: Hat sich die Zusammenarbeit zwischen den vier Musikern innerhalb der Band nach 30 Jahren verändert?

John: Wenn ich Asia heute mit Asia früher vergleiche, kann ich sagen, dass wir heute etwas reifer sind, toleranter gegenüber einander und auch geduldiger. Früher haben wir uns oft gestritten, heute passiert das viel seltener. In der Zeit, die seit der Gründung der Band im Jahr 1981 vergangen ist, sind wir zu dem wichtigen Schluss gekommen, dass nur wir vier Musiker das verkörpern, was Asia wirklich ist. Alle anderen Kombinationen, die erprobt wurden, haben nicht vollständig funktioniert. Von Zeit zu Zeit haben sie sich dem Kern der Band zwar etwas besser angenähert, aber nie vollständig. Die Magie von Asia verkörpern wir vier in dieser Besetzung. Ob wir wollen oder nicht – die Dinge entwickeln sich so, dass wir in dieser Besetzung offensichtlich dazu verdammt sind, miteinander auszukommen.  Seit der Wiedervereinigung existieren wir länger als in der Zeit, als wir ursprünglich entstanden. Wir haben zwei Studioalben aufgenommen und zwei DVDs veröffentlicht und auch deutlich mehr Konzerte gespielt als in der Anfangszeit der Asia-Karriere.

RockLine: Wie hat das Musiklabel Geffen Records das musikalische Bild der Band zu eurer Hochzeit in den Achtzigern beeinflusst?

John: Labels haben uns immer beeinflusst. Das ist logisch. Ihr Motiv ist ein möglichst hoher Plattenverkauf. Der Unterschied liegt nur darin, wie stark ein Label eine Band beeinflusst. Es ist selten, dass eine Band ein Album veröffentlicht, ohne dass das Label zumindest ein bisschen mitmischt. Es kann sich dabei nur um Vorschläge von ihrer Seite handeln. Diese Vorschläge erscheinen der Band selbst auf den ersten Blick überhaupt nicht wichtig, das Label kann daraus aber ein großes Problem machen. Als wir sehr populär waren, war John Kalodner beim Label. Wir waren sehr eng mit ihm verbunden. Er kam immer mit irgendwelchen Vorschlägen zu uns. Manchmal erschienen sie uns nützlich, manchmal nicht. Aber der Punkt, an dem das Label sich letztendlich sicher einmischt, ist, wenn es aussucht, welchen Song es auf den Markt pushen und zum Hit machen will. Da mussten wir nachgeben. Die Wahl der Asia-Singles lag also stets beim Label.

RockLine: Stimmt es, dass es Kalodners Wunsch war, von Anfang an eine Supergroup zu erschaffen, und so Asia entstand?

John: Ja. Das stimmt. Obwohl John Kalodner im Grunde die Leute ausgesucht hat, die die Besetzung von Asia bilden sollten, zeigte sich, dass die Band von Anfang an ziemlich natürlich funktionierte. Auch ohne seine Anwesenheit konnte Asia existieren. Es wurden auch einige andere Persönlichkeiten ausprobiert, wie Trevor Rabin und Robert Fleischmann, aber am Ende erwies sich die Kombination von uns vieren als die richtige Wahl. Kalodner gebührt Dank dafür, dass er uns zusammengebracht hat. Seine Idee war es, eine Supergroup zu erschaffen, die aus Mitgliedern sehr bekannter Bands zusammengestellt wird. Interessant war auch, dass wir uns bereits kannten, bevor Kalodner Asia ins Leben rief. Carl und ich waren schon einige Jahre zuvor sehr gute Freunde, Steve und Geoff kannten sich noch aus der Zeit, als sie gemeinsam bei Yes spielten.

RockLine: Kannst du für einen bestimmten Song, den du schreibst, im Voraus vorhersagen, dass er ein Klassiker wird?

John: Für meine eigenen Songs kann ich das nicht vorhersagen, aber ich kann es für Songs anderer Künstler. Kalodner sagte mir immer wieder, meine Karriere sei eigentlich in der A&R-Abteilung des Labels geschrieben. So sagte ich den Hit Walking In Memphis von Marc Cohn voraus, oder Marlene on The Wall von Suzanne Vega. John zweifelte in beiden Fällen, aber beide Songs wurden später zu Hits.

RockLine: Einige Motive in den Songs aus deiner Zeit bei U.K. trugen bereits gewisse Parallelen zum späteren Sound von Asia in sich.

John: Ja. Schon damals haben wir bei U.K. insgeheim auf eine positive Reaktion von John Kalodner gehofft. Lass mich dir die Meinung von John Kalodner über U.K. erzählen. Er sagte, dass U.K. zwar eine sehr solide Band sei, als er nach einer Supergroup suchte, aber er war überzeugt, dass U.K. nicht diese Supergroup sein könnten. Er sagte mir, ich solle noch einmal von vorne anfangen. Nach U.K. veröffentlichte ich das Solo-Album „Caught In The Crossfire“, und John sagte mir: „Jetzt bist du in die richtige Richtung abgebogen! Du brauchst nur noch die richtigen Leute und eine Band.“ Die Entwicklung in diese Richtung von U.K. über das Album „Caught In The Crossfire“ bis zu Asia ist klar und logisch. Es ist nicht schwer, die Gemeinsamkeiten zwischen einigen Momenten der U.K.-Musik und den späteren bei Asia herauszuhören.

RockLine: Welche Gefühle überkommen dich, wenn du auch heute noch im Radio den Asia-Evergreen Hit Of The Moment hörst?

John: Das gefällt mir immer noch sehr. Es ist nichts falsch daran, dass dieser Song auch heute noch oft im Radio gespielt wird. Er hat viele Menschen glücklich gemacht. Ich bin aber auch überzeugt, dass dieser Song heute Nacht viele Menschen glücklich machen wird, wenn wir ihn in dieser Halle spielen.

RockLine: Wie würdest du den typischen Asia-Fan im Jahr 2010 beschreiben?

John: Im Durchschnitt ist er zwischen 40 und 45 Jahre alt. Das Konzertpublikum besteht zu zwei Dritteln aus Männern, ein Drittel sind Frauen. Das kann ich dir auf Basis der Besuche auf meiner offiziellen Website sagen. Diese wird hauptsächlich von Menschen zwischen 40 und 50 Jahren besucht. Der Traffic auf meiner Website ist eine sehr gute Referenz dafür, was wir vor der Bühne antreffen, wenn wir auftreten.

RockLine: Hast du irgendwelche Pläne, dein neues Solo-Studioalbum aufzunehmen?

John: Ja. Im September oder Oktober dieses Jahres werde ich mit der Aufnahme eines neuen Solo-Albums beginnen. Beim Schreiben des neuen Materials werde ich mich gelegentlich am Album „Battle Lines“ orientieren. Das ist etwas, das ich angehen werde, sobald Asia alle wichtigeren Aktivitäten abgeschlossen hat.

RockLine: Und die Zukunftspläne mit Asia?

John: Wir werden bis März oder April 2011 auf Tournee sein. Unsere Terminkalender sind sehr vollgepackt. Für mich kann ich sagen, dass ich wirklich froh sein kann, dass ich überhaupt weiß, was ich heute Abend tun werde, denn für morgen Abend bin ich schon nicht mehr sicher, was passieren wird und wo ich sein werde. Die Dinge fliegen buchstäblich durch unser Leben, wenn wir auf Tournee sind.

RockLine: Es gab auch einige Aktivitäten mit U.K., oder?

John: Ja. Im vergangenen November haben wir drei Konzerte gespielt. Das waren drei Konzerte und nichts weiter. Was mich betrifft, werde ich nicht mehr für U.K. spielen, und es ist auch keine weitere Wiedervereinigung geplant. Als wir nach langer Zeit wieder zusammen spielten, hatten wir sehr viel Spaß. Diese Konzerte waren sehr wertvoll, da wir als Bandmitglieder die alten Bande wieder gestärkt haben.

RockLine: Zum Schluss – was können wir vom heutigen Auftritt von Asia hier in Graz erwarten?

John: Wir werden ein klassisches Asia-Konzert spielen. In das Repertoire nehmen wir fünf neue Songs aus dem Album „Omega“ auf, zwei aus „Phoenix“ und natürlich Klassiker aus den Alben „Asia“, „Alpha“ und „Astra“. Insgesamt wird das fast zwei Stunden ergeben, und auf dem Programm werden auch einige Solo-Stücke stehen.

RockLine: Irgendwelche King Crimson-, Yes- oder ELP-Klassiker?

John: Nein. Wir werden nur Asia-Songs spielen.

Wie das Konzert von Asia am 28.04.2010 in der Orpheum-Halle (Graz, Österreich) war, könnt ihr HIER nachlesen.

Interview geführt von: Peter Podbrežnik & Aleš Podbrežnik

Text übersetzt und bearbeitet von: Aleš Podbrežnik

Fotos: Peter Podbrežnik & Aleš Podbrežnik

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