Die legendären Foreigner im neuen Aufblühen haben nicht die geringste Absicht, das harte Rock-Ross aus dem Geschirr zu nehmen (2010)
Ort: Hotel Principe Di Savoia / Mailand / Italien
Interviewdatum: 11.04.2010
Mit über 50 Millionen verkauften Platten weltweit, davon drei Viertel dieser Zahl allein auf US-amerikanischem Boden, sind Foreigner eine Band, die sich wirklich mit ihrer Karriere schmücken kann. Weil den traumhaften kommerziellen Erfolg auch ein Opus außergewöhnlicher Alben begleitet, die mit einer einzigartigen Kombination aus klassisch angelegtem Hard Rock und geschickter Dosierung mehr oder weniger fein kalibrierter Pop-Art-Prothetik aufwarten, ergibt sich als Resultat ein eigenartiges AOR-Rock-Vokabular, das durch die ersten sechs Alben einige wiedererkennbare, für das Ohr giftig-süß invasive Superhit-Evergreens hervorgebracht hat. Foreigner sind eine jener „herausgeschnittenen“ Bands, die im Reich des Rock mit ihrer klanglichen und kompositorischen Perfektion überzeugen. Und dem ist nicht zu widersprechen. Foreigner haben am 01.03.2010 in Europa (!) über das Label Ear Music Records ihr Comeback-Album „Can’t Slow Down“ veröffentlicht (RockLine-Rezension HIER). Obwohl sie sich bereits im vergangenen Jahr in Europa bei einigen Auftritten im Rahmen von Sommerfestivals gezeigt hatten, starteten sie erst diesen Frühling ihre erste richtige Headliner-Tour. Mit den ersten auf Europa ausgerichteten Terminen, auf die ein Besuch Nordamerikas folgt, besuchten sie mit einem Halt in Mailand am 11.04.2010 damit erstmals in ihrer Karriere auch Italien.
Das Hotel Principe Di Savoia ist kein unbedeutendes Haus. Bei all dem Luxus kommt dem Durchschnittsmenschen das Einparken seines blechernen „Eierchens“ inmitten einer Horde glänzender Ferraris, Porsches, Mercedes S-Klassen usw. … wie ein Start in die Umlaufbahn einer neuen Fantasie vor. Sobald er die Schwelle des Fünf-Sterne-Hotels überschreitet und seine Augen neugierig über die Weite der Säle und Suiten streifen, beobachten ihn von der Decke prächtige Kronleuchter, auf Schritt und Tritt flirtfreudige, leicht bekleidete Häschen und sonstiges Personal mit übertrieben süßlichen Pflichtbegrüßungen – da bleibt diesem kleinen Mann nichts anderes übrig, als zu glauben, er sei auf einem anderen Planeten gelandet.
Der Tourmanager von Foreigner taucht auf. Alles ist okay. Er ist routiniert freundlich und zuvorkommend, wie es die Ethik seines professionellen Verhältnisses zu jedem Medium verlangt. Er hat uns Bassist Jeff Pilson zugeteilt, damit dieser für RockLine ein bisschen über Foreigner und sich selbst erzählt. Bassist Jeff Pilson, der sich Jahre seiner Karriere bei der melodischen Hard-Rock-Band Dokken abgeschrubbt hat, mit Dio drei Studioalben aufgenommen und sich in die Riege der Filmstars eingeschrieben hat, als er den Bassisten Jorgen der Band Steel Dragon im Film „Rock Star“ (2001) spielte, ist „nicht irgendjemand“. Obwohl er ein strenger Profi unter den Rockern ist, hat ihm der Ruhm nicht den geringsten Hauch von Überheblichkeit aufgezwungen, obwohl er sich das locker hätte leisten können. So wuchs das anfangs auf 15 Minuten angesetzte Interview bei einer überaus interessanten und ausführlichen Debatte um satte 10 Minuten an.
RockLine: Du bist bei Foreigner seit einigen Jahren festes Mitglied der Band. Wie bist du der Gruppe beigetreten?
Jeff: Im Jahr 2000 habe ich mit Jason Bonham im Film „Rock Star“ mitgespielt. Als wir zusammen an diesem Film arbeiteten, entwickelte sich zwischen uns eine sehr gute Arbeitschemie. Als Jason Anfang 2004 begann, mit Mick Jones zusammenzuarbeiten, gelang es ihm, diesen zu überreden, Foreigner neu zu gründen. Jason schlug dann vor, auch mich anzurufen, und als ich ankam und wir ausprobierten, wie wir zusammen spielen, lagen wir sofort auf derselben Wellenlänge.
RockLine: Dieses Jahr habt ihr das neue Studioalbum „Can’t Slow Down“ veröffentlicht, das erste seit 15 Jahren. Wie haben die übrigen Bandmitglieder mitgemacht, angesichts der Tatsache, dass Mick Jones heute das einzige originale Mitglied der Foreigner-Besetzung ist?
Jeff: Das Schreiben des neuen Materials haben in erster Linie Mick Jones, Sänger Kelly Hansen und Marti Frederiksen übernommen, seines Zeichens auch Produzent der neuen Platte. Alle Songs schrieben sie in groben Zügen, getrennt von den restlichen Bandmitgliedern. Als die Aufgabe kam, unsere jeweiligen Parts zu den Songs einzuspielen, war das im Grunde Routine. Der Prozess lief sehr natürlich ab. Die Band ist schon seit einigen Jahren zusammen, deshalb stimmt die kreative Chemie. Mit Schlagzeuger Brian Tichy arbeite ich hervorragend zusammen. Es war eigentlich ganz einfach. Ich sag’s mal so: Die schwere Arbeit haben wir mit Leichtigkeit erledigt.
RockLine: Hattest du mit deinem Spiel und deinen Ideen irgendeinen Einfluss auf das Endergebnis, vor allem auf den Sound der Songs des neuen Albums?
Jeff: Eigentlich nicht. Wir alle wussten, was für ein Album wir wollen. Wir wussten, dass es wie Foreigner klingen muss. Dazu wollten wir aber einige neue Elemente hinzufügen. Vor allem solche, die auf dem heutigen Markt wiedererkennbar sind, aber gleichzeitig den charakteristischen Sound und Stil von Foreigner mitgestalten. Das war also unser Ziel. Meine Aufgabe war es, Bass zu spielen.
RockLine: Die heutige Jugend nimmt Rock-Musik nicht mehr so an wie früher oder nimmt sie gar nicht mehr an. Ihr Geschmack ist dem untergeordnet, was MTV verkauft. Was meinst du dazu?
Jeff: Man sagt, alles dreht sich im Kreis. Rock-Musik hat einen langen Zyklus. Ich glaube, wir sind am Ende des Hip-Hop-Zyklus. In den letzten Jahren gab es viel guten Hip-Hop. Die Jugend findet sich darin wieder, was schön und richtig ist. Lustig ist aber, dass immer mehr Kinder dem klassischen Rock ausgesetzt sind, seit RockMan und Guitar Hero aufgetaucht sind. Für sie ist diese Musik neu und wirkt frisch, weil sie nichts ähnelt, was ihre Generation sonst hört. Deshalb stellen auch wir bei Foreigner fest, dass zu unseren Konzerten immer mehr jüngere Besucher kommen, die sich damit identifizieren, dass Foreigner eine Rock-Band ist. Ob das die Waage zugunsten einer größeren Rock-Präsenz in den Medien kippen wird, weiß ich nicht, aber ich habe das Gefühl, dass dieses Phänomen, das sich bereits vollzieht, in Zukunft immer mehr junge Menschen erfassen wird. Der Jugend gefällt die Energie, die Rock hat. An diesem Punkt wird auch eine neue Band aus den Reihen der jungen Generation auftauchen, die Rock neu entdecken wird, und das sollte dann das ganze Räderwerk in Gang setzen und Rock-Musik wieder in den Mittelpunkt des Alltags rücken.
RockLine: Kannst du den typischen Foreigner-Fan im Jahr 2010 beschreiben?
Jeff: Einen typischen gibt’s nicht mehr, ha, ha, ha … Bei unseren Konzerten sehen wir Kids, die 15 Jahre alt sind, und solche, die 75 sind. Und alles dazwischen. Was die Musik von Foreigner speziell ausmacht, ist, dass sie viele musikalische Rahmen und Grenzen übersteigt. Im Radio haben sie unsere Klassiker vor dreißig und mehr Jahren gehört, gleichzeitig sind wir durch und durch eine Rock-Band. Allen, die uns zuhören und zu Konzerten kommen, ist aber eines gemeinsam. Sie suchen Melodie. Das ist das Wesen eines echten Foreigner-Fans. Dass er Melodie erkennen kann. Dass er auf Melodie aus ist.
RockLine: Als Musiker hast du viele Erfolge erzielt. In der Vergangenheit mit Dokken, heute mit Foreigner. Was bedeutet dir das?
Jeff: Ich bin sehr dankbar für diese Gelegenheit, die sich mir geboten hat, mit diesen großartigen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit ihnen einige wirklich große Alben aufgenommen habe und dass ich seit vielen Jahren Teil dieser großen Rock-Szene bin. Sonst kann es einem passieren, dass man, nachdem man einen Job erledigt hat, jahrelang warten muss, in der Zwischenzeit Teller spülen oder die Zeit sonst irgendwie überbrücken muss, bis sich eine neue Gelegenheit bietet. Ich hatte das große Glück, auf dieser Bühne durchgehend aktiv präsent zu sein. Ich halte mich in dieser Hinsicht für einen großen Glückspilz.
RockLine: Was muss ein Musiker tun, um das Eis zu brechen, auf der Bühne Erfolg zu haben und ein großer Name zu werden?
Jeff: Wer wüsste das schon? Es gibt kein Rezept, keine Formel dafür. Gäbe es eine, könnte ich ein sehr erfolgreiches Buch darüber schreiben. Ich wäre Milliardär. Viele haben es schon versucht und sind gescheitert, ha, ha, … Dennoch glaube ich, dass das Entscheidende dabei Qualität ist. Bei einer Band wie Foreigner ist Qualität durch all die Jahre ein konsistenter Begleiter, eine Art Konstante unserer Musik. Diese Tatsache hat geholfen, Foreigner über die Jahre zusammenzuhalten und auch den kommerziellen Erfolg der Band lange aufrechtzuerhalten. Was mich persönlich betrifft, muss ich sagen: Wenn du etwas liebst, so wie ich die Musik liebe, dann kannst du auch schwierige Dinge leichter erledigen – und dabei noch mit Auszeichnung. Von Natur aus bin ich ein Arbeitstier. Im Studio habe ich viele Stunden mit Spielen, Schreiben, Arrangieren verbracht. Aber ich habe das nie getan, weil ich musste, und nicht in erster Linie fürs Geld, sondern weil ich es gerne tue. Ich glaube, das Ganze beginnt mit Leidenschaft. Und ich glaube ebenso, dass Menschen echte Musik, die mit Leidenschaft erschaffen wurde, von der Mathematik im Studio unterscheiden können, die vorschreibt, dass etwas gemacht werden muss, weil es eben gemacht werden muss. Menschen können unterscheiden, was Emotion ist, was Leidenschaft ist, sie hören die Besonderheiten. Damit identifizieren sie sich. Echte, große Songs funktionieren genau deshalb, weil sie in dir besondere Gefühle wecken. Das ist nicht so einfach. Menschen müssen sich wirklich anstrengen, diese Unterschiede innerhalb der Musik selbst zu unterscheiden und zu erkennen. Aber wie gesagt: Alles beginnt mit Leidenschaft und damit, dass du zu dir selbst ehrlich und offen bist in deinen Gefühlen. Oft habe ich in meiner Karriere Dinge in der Musik nach dem Rat anderer ausprobiert. Oft ist es aber klug, zwar zu hören, was die Leute empfehlen, aber selbst auszuprobieren. Du hörst auf dich selbst, auf das, was dir dein Herz sagt, und entscheidest dann. Oft bekommst du die richtigen Antworten, wenn du dir die richtigen Fragen selbst stellst. Dann weißt du genau, was du tun musst, und auch in der realen Welt stellt sich heraus, dass du richtig entschieden hast, als du auf dein Herz gehört hast. Auch wenn diese Entscheidungen dir keinen Mega-Erfolg bringen, weißt du, dass das die Momente sind, in denen du dich am besten fühlst. Obwohl mich meine einzelnen Entscheidungen oft nicht belohnt haben, haben sie mich stets dorthin gelenkt, wo es hingehört. Auf dem Weg zum gewünschten Ziel. Also: Leidenschaft und ehrlich zu seinen inneren Gefühlen bleiben. Das ist der Schlüssel. Intuition. Und in der heutigen Welt ist das Ganze enorm komplex geworden. Das Musikgeschäft hat sich nämlich sehr verengt. Heute gibt es nur eine Handvoll Menschen, die das Musikgeschäft beherrschen. Als ich in den Achtzigern meine Musikkarriere begann, standen an der Spitze des Musikgeschäfts Menschen, die in erster Linie Musiker waren. Die ließen die Musik atmen und sich entwickeln. Heute beherrschen das Musikgeschäft korrupte Menschen, die nur Bilanzen machen und ausrechnen, wie viel sie wo verdienen können. Deshalb ist das Spektrum des musikalischen Angebots im heutigen „Mainstream“ stark eingeengt, und Erfolg lässt sich nur noch in wenigen Genres finden. Und was ist die Folge davon? Immer mehr Menschen in der Musik haben begonnen, einander zu ähneln, weil sie sich einfach in diese Form pressen lassen wollten, die sie zum Erfolg führen sollte. Diese Form aber bietet dem Musiker heute kaum noch Spielraum. Heute wird Kreativität nicht mehr gefördert. Im Gegenteil. Sie ist unerwünscht, während Konformismus erwünscht ist. „Sei wie die, sei wie die, …“ Deshalb ist so viel Musik, die heute entsteht, eintönig und ohne Inspiration. Deshalb glaube ich, dass das Musikgeschäft in Schwierigkeiten steckt, und deshalb haben viele Musiker heute keine langen Karrieren. Einfach deshalb, weil sie nicht authentisch sind. Sie sind nicht mit dem Level verbunden, das langfristige Präsenz auf der Bühne bei gleichzeitigem Erfolg garantiert. Aber mit der Zeit wird es passieren, dass die Menschen einen Parallelweg entdecken – sei es über das Internet, sei es über Web-Zines (!) –, wie echte Musik präsentiert und wie mit echten Musiktalenten, also Musikern mit kreativem Potenzial, kommuniziert werden kann. Ich selbst gehe davon aus, dass diese Menschen die Plattenfirmen umgehen werden, die zur Vergangenheit gehören werden. Sie werden auf prestigeträchtige, mengenmäßig begrenzte Distributionen beschränkt sein. Wenn das passiert, wird die Musik wieder aufblühen. Ich glaube fest daran, dass das passieren wird. Deshalb ist es umso wichtiger, treu zu dem zu bleiben, woran du glaubst. Die Menschen werden mit der Zeit begreifen, dass sie sich selbst schaden, wenn sie versuchen, dem Geschmack der heutigen Musikkonzerne zu gefallen, die wenig Raum lassen. Wenn du deine Gefühle verleugnest, verursachst du dir selbst eine Art Störung.
RockLine: Du hast meine nächste Frage bereits beantwortet.
Jeff: Und meiner Meinung nach auch die nächsten zehn, ha, ha, ha, …
RockLine: Kannst du für dich selbst vorhersagen, wenn du einen Song hörst, dass er mit der Zeit zum Klassiker wird? Kannst du für einen Song vorhersagen, dass er ein Klassiker wird?
Jeff: Hmmm…. Als ich noch bei Dokken war und den Foreigner-Song I Want To Know What Love Is hörte, wusste ich, dass er zum Klassiker werden würde. Denselben Eindruck hatte ich auch, als ich zum ersten Mal Waiting For A Girl Like You hörte. Natürlich konnte ich damals nicht vorhersehen, dass sich so ein Song gleichzeitig auch in den „Mainstream“-Rock einprägen und dort bleiben würde, das ist klar. Aber als ich Waiting For A Girl Like You zum ersten Mal hörte, dachte ich, das ist ein verdammt guter Song. Bis zu einem gewissen Grad wurde mir bewusst, dass er ein Klassiker werden würde, aber ich wusste damals nicht, dass es wirklich passieren würde. Ein ähnliches Gefühl hatte ich auch, als ich Love Bites von Def Leppard hörte. Aber ich hätte nie gedacht, dass der Song Cum On Feel The Noize von Quiet Riot (Original von Slade) jemals zum Klassiker werden würde, ha, ha, ha, …
RockLine: Welchen Einfluss hatten die Plattenfirmen auf die Musik von Dokken zu der Zeit, als die Band groß war? Und wie würdest du das mit der heutigen Situation vergleichen?
Jeff: Die Plattenfirmen haben damals Bands so beeinflusst, dass sie dich sein ließen, was du warst. Dazu haben sie dich ermutigt. Es gab zwar immer einen gewissen Druck. Sie zielten darauf ab, dass du eine Hit-Single oder einen irgendwie erfolgreichen Song erschaffen musstest. Das war immer präsent. Aber es war nicht so wie heute. Heute basiert alles auf dem Forcieren von Hits. Ich erinnere mich an die frühen Achtziger, kurz bevor Dokken auf der Bühne durchgebrochen sind – da hat ein Typ mit uns am Album Breaking The Chains mitgearbeitet, der Mike Bolen hieß. Er war Vizepräsident von Elektra Records und wurde später Präsident von Chrysalis Records und Island Records. Jedenfalls liebte er unsere Musik sehr und hat uns durchgehend Mut gemacht. Er trug die Haare zu einem Zopf gebunden. Er sagte, falls das Debütalbum von Dokken irgendwann nicht in goldener Auflage verkauft wird, würde er sich den Zopf abschneiden. Die Platte schaffte keine goldene Auflage, und Mike musste sich den Zopf abschneiden. Und das tat er auch, ha, ha, ha, … Dreißig Jahre später jedoch schaffte sie doch noch Gold – genau dann, als Mike der Zopf wieder nachgewachsen war. Dieses Beispiel habe ich nur deshalb angeführt, weil ich damit betonen wollte, wie sehr dieser Mensch unserem Schaffen hingegeben war. Also nicht irgendjemand, sondern einer der führenden Männer des Labels. Das Label hat uns nicht zum Erfolg gedrängt, sondern wir haben den Durchbruch erst nach einiger Zeit bei den nachfolgenden Platten erlebt. Und zum Erfolg kamen wir deshalb, weil das Label uns in dem bestärkte, was wir taten. Sie sagten uns nicht, was wir tun sollen, sondern förderten nur unsere Wünsche und unsere Arbeit. Niemand hat uns gezwungen, anderen Bands ähnlich zu sein, etwa Motley Crue, sondern sie stellten unseren Talent über alles. Sie sagten uns: „Schließt euch ins Studio ein und nehmt die beste Platte auf, die ihr könnt!“ Dafür boten sie uns die besten Bedingungen. Sie gaben uns alles, was wir brauchten. Sie ermöglichten uns die besten Aufnahmestudios, sie stellten uns die besten Produzenten zur Seite. Das war damals ihre Aufgabe. Uns zu erlauben, das zu sein, was wir sind, und das Beste aus uns herauszuholen. Diese Strategie hat damals hervorragend funktioniert. Ich glaube immer noch, dass das die beste Strategie ist. Die Strategie, wie man einen Künstler erschafft. Bei den heutigen Konzernen, wo jede Investition sofort in garantierten Profit umgerechnet werden muss, ist das eben nicht möglich. Dokken haben tatsächlich drei Platten gebraucht, um durchzubrechen und Erfolg zu haben. „Tooth And Nail“ war zwar Gold, aber erst unsere dritte Platte „Under Lock And Key“ brachte uns den echten Erfolg. Eine solche Hingabe von Menschen, die Labels führen, findest du heute nicht mehr. Genauso wenig glauben sie daran, Bands auf Tourneen zu unterstützen und all das. Deshalb glaube ich, dass das Musikgeschäft aufgrund dieser Denkweise in großen Schwierigkeiten steckt.
RockLine: Was sind die Pläne von Foreigner für nächstes Jahr, und hast du selbst irgendwelche anderen Solo-Pläne und dergleichen?
Jeff: Foreigner haben unzählige Pläne. Da wir ein Album herausgebracht haben, das wir alle sehr mögen, werden wir es auch im nächsten Jahr den Leuten vorstellen, deshalb planen wir auch im nächsten Jahr viele Konzerte. Über zukünftige Veröffentlichungen der Band ist es momentan noch etwas zu früh zu reden, aber ich kann mit Sicherheit bestätigen, dass die Band in dieser Hinsicht einige Überraschungen vorbereitet. Bis Ende des Jahres und Anfang nächsten Jahres werden einige interessante Veröffentlichungen der Band vorbereitet. Was meine Solo-Karriere betrifft … Ich wollte immer ein Album mit Musik herausbringen, die ich besonders liebe, aber ich habe dafür nie die richtige Zeit gefunden. Ich habe einige Songs vorbereitet, von denen ich hoffe, dass ich sie irgendwann auf einem richtigen Album veröffentlichen kann. Am Horizont zeichnen sich auch neue Zusammenarbeiten mit George Lynch ab.
RockLine: Gab es ein Angebot, bei Dio zu bleiben, nachdem du mit ihr das Album „Master Of The Moon“ aufgenommen hattest?
Jeff: Natürlich haben sie mir einen Platz in der Crew angeboten. Aber meine Frau war damals schwanger. Wir erwarteten unser erstes Kind, deshalb gab es keine Pläne, mit Dio auf Tour zu gehen. Zu jener Zeit hätte ich das Angebot jeder Band abgelehnt, auch von Foreigner. Als Foreigner auf mich zukamen, sagten sie mir, dass sie mich nur für einen Wochenend-Job brauchen, ha, ha, ha, … Als das passierte, war ich viel mit Produktion beschäftigt. Aber zu der Zeit, als meine Tochter Rudy neun Monate alt war, konnte ich mir nicht vorstellen, auf Tour zu gehen. Aber die Dinge haben sich mit der Zeit geändert, ha, ha, … Ich hätte aber mit größtem Vergnügen die Einladung von Dio angenommen und mit Ronnie James aufgetreten, wenn das damals möglich gewesen wäre.
RockLine: Was war deine Erfahrung, die du aus der Zusammenarbeit mit Ronnie James Dio mitgenommen hast?
Jeff: Es war einmalig. Ich liebe Ronnies Werke, seine Musik sehr. Momentan höre und lese ich, dass er die Krankheit erfolgreich durchsteht. Das war eine besondere Band. Ronnie und Vinny Appice sind beide meine guten Freunde. Wir haben viel Spaß gehabt. Es ist selten, dass man mit echten Freunden Teil derselben Band ist. Die Sache hat super funktioniert. Ronnie war jeden Abend außergewöhnlich. Deshalb funktionieren auch Foreigner hervorragend, weil auch Kelly (Kelly Hansen, Gesang Foreigner, Anm. d. Red.) jeden Abend sehr gut drauf ist. Es war ein Vergnügen, mit Ronnie aufzunehmen. Das haben wir mit viel „Jammen“ gemacht, also nach dem Vorbild der alten Schule. Die Dinge liefen spontan, natürlich, und da war Magie mit uns. Und wenn Magie dabei ist, dann ist die Musik am besten. An das Spielen mit Dio habe ich wirklich schöne Erinnerungen.
RockLine: „Can’t Slow Down“ hat sich in den Billboard-Charts sehr gut geschlagen – eine Woche nach dem Erscheinen landete sie auf Platz 29. Es gibt also noch Menschen, die Foreigner gerne zuhören.
Jeff: So ist es.
RockLine: Hat euch die gute Resonanz auf das neue Album überrascht?
Jeff: Eigentlich schon. Obwohl wir mit dem Album einige Jahre in Verzug geraten sind, möchte ich sagen, dass Foreigner schon einige Jahre vor der Veröffentlichung des Albums wieder aktiv auf Tour waren. Die Überraschung war wirklich schön. Heute ist es nämlich aufgrund der Musikkonzerne, die die Fäden in der Hand halten, schwer, mit neuer Musik vom Typ Foreigner auf Radiostationen zu kommen, im Fernsehen mit neuen Videos usw. … Wir haben aber auch etwas willkommene Unterstützung über die Handelskette Wal Mart und Rhino Records gefunden. Wir haben das Richtige getan, und ich glaube, dass Qualität zählt. Die Leute lieben Foreigner und unsere Musik immer noch. Das Problem ist nur, dass wir schwer die Möglichkeit bekommen, unser neues Album vorzustellen. Das Album erreicht die Leute schwerer als früher, in anderen Zeiten. Die Musikkonzerne wollen also nicht jeder Musik den gleichen Wert geben. Unsere zum Beispiel schätzen sie weniger. Und es bedeutet uns viel, wenn wir ihnen manchmal das Gegenteil beweisen und zeigen können, dass sie sich irren. Etwas Ähnliches passierte auch Dokken Anfang der Neunziger. Es war der Boom des Alternative Rock. Im Jahr 1995 war diese Revolution auf ihrem Höhepunkt. Damals aber hat John Kalodner von Columbia Records einen Vertrag mit uns unterzeichnet, und unser Album „Dysfunctional“ wurde in einer Auflage von 50.000 Exemplaren verkauft, was für uns zu jener Zeit eine phänomenale Leistung war. Das war über alle unsere Erwartungen hinaus.
RockLine: Warum hat Jason Bonham Foreigner verlassen?
Jeff: Diese Entscheidung traf er, nachdem eine Wiedervereinigung von Led Zeppelin am Horizont stand. Alle sprachen davon und alle erwarteten es. Auch bei Foreigner haben alle verstanden, beziehungsweise es war für sie selbstverständlich, dass Jason bei Led Zeppelin spielen würde. Obwohl sie auf eine Wiedervereinigung gehofft hatten, hat Robert Plant durchgehend darauf bestanden, dass es nur einen einzigen Auftritt von Led Zeppelin geben wird. Dabei ist es auch geblieben. Meiner Meinung nach haben sie gehofft, dass sich die Sache zu einer größeren Tournee entwickeln würde, aber Robert war ziemlich stur. Jimmy Page und John Paul Jones entschieden sich, eine Band mit einem anderen Sänger zu bilden, und da ist Jason gegangen. Das haben wir verstanden. Das musste er tun, denn in diesem Projekt steckte sein ganzes Leben. Damals haben wir ihn sehr unterstützt, und auch wir selbst waren enttäuscht, als sich die Sache nicht weiterentwickelte. Jason hat sich sehr darauf gefreut, ich habe auch einige Aufnahmen gehört, die großartig klangen. Hätten sie die Platte fertiggestellt, wäre sie außergewöhnlich gewesen. Auch bei Foreigner waren wir deswegen traurig. Aber dann ist John Paul Jones zu Them Crooked Vultures gegangen, und Jason hat neue Pläne. Er ist bei Black Country dabei, mit Joe Bonamassa und Glenn Hughes. Ich habe noch keine Aufnahmen gehört, aber nach dem, was mir einige Kollegen erzählen, klingen die Songs sehr vielversprechend. Ich kann kaum warten, bis die Platte erscheint. Jason ist begeistert von den Ergebnissen, Joe Bonamassa ist ein außergewöhnlicher Gitarrist, und Glenn Hughes singt immer noch unglaublich.
Interview geführt von: Jernej Vene
Text redigiert von: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Dragan Bulič
Wie es später beim Foreigner-Konzert im Alcatraz in Mailand am 11.04.2010 war, kannst du HIER nachlesen.
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