Rage – das knallharte deutsche Power-Metal-Trio, das die Szene seit 26 Jahren aufmischt! (2010)
Ort: Backstage / München / Deutschland
Interviewdatum: 03.03.2010
Victor Smolski ist der Gitarrist der mittlerweile fast legendären deutschen Heavy-Metaller Rage, deren Ursprünge in die erste Hälfte der Achtziger zurückreichen. Der belarussische Multi-Instrumentalist, Virtuose und mittlerweile Haupt-Arrangeur der Rage-Songs der letzten 10 Jahre, hat im Gespräch für RockLine den Inhalt des neuen Rage-Albums „Strings To A Web“ vorgestellt, das Anfang Februar dieses Jahres erschien. Rage sind der Inbegriff einer Band, die in ihrer Diskografie nie enttäuscht hat. Alle Alben sind besonders, alle verschieden. Ihr Klangbild hat an jedem Punkt der Bandentwicklung immer die jeweils herrschende Arbeitschemie zwischen den verschiedenen Besetzungen authentisch eingefangen.
Victor kam zum Gespräch für RockLine mit der Gitarre in den Händen. Während er antwortete, wärmte er durchgehend seine Finger auf, indem er Tonleitern auf der Gitarre spielte. Der E-Gitarre, natürlich ohne Anschluss an eine Stromquelle. Als würde er Kaugummi kauen….
RockLine: Das neue Rage-Album „Strings To A Web“ läuft super. In der ersten Woche nach dem Release hat es sich unter den 30 meistverkauften Alben in Deutschland platziert.
Victor: Ja. Und das ist noch nicht alles. Normalerweise hält sich so ein Album eine Woche oben, danach verschwindet es aus den Charts. Unser neues Album hat sich ganze drei Wochen gehalten. Das ist wirklich ein schöner Erfolg für uns.
RockLine: Ich seh, du wärmst dich schon auf (Anmerkung zum ständigen Gitarrenspiel Victors)?
Victor: Ja. Ich mach das eigentlich, weil heute ein ziemlich stressiger Tag für mich ist. Und auch für die Band. Wir spielen komplett neue Songs, eine komplett neue Setlist, mit komplett neuem Equipment. Das ist unser erster Gig auf dieser Tour. Bekannt ist, dass dieser Ort, wo wir heute spielen, für sehr schlechte Akustik bekannt ist. Das ist ein zusätzlich erschwerender Umstand, da wir uns anstrengen müssen, im Backstage einen optimalen Sound hinzubekommen.
RockLine: Ihr habt euch aber ganz normal kurz vor der Tour zu einer Probe getroffen.
Victor: Ja. Auf jeden Fall.
RockLine: Als Haupt-Arrangeur der Rage-Songs, kannst du den Prozess erklären, der zur Entstehung eines Songs führt, den du komponierst?
Victor: Wenn ich eine Idee habe, bring ich sie zum Proben und dann jammen wir im Grunde drüber. Und so entwickelt sich ein Song. Das ist so ein alter klassischer Ansatz. Und er funktioniert gut. Solange es für alle noch nicht ok klingt und uns nicht gefällt, arbeiten wir weiter daran. Wenn Peavy eine Idee mitbringt, ist die eher in der rohen Form einer Melodie mit ein paar Akkorden. Ich füge dann die Arrangements hinzu. Also grundsätzlich entwickelt sich unsere Musik durch Jammen, nur die orchestralen Arrangements füge ich ganz alleine hinzu, nachdem ich die Noten aufgeschrieben habe.
RockLine: Wie hat dein Vater dein musikalisches Profil beeinflusst? Er ist bekanntlich unter anderem auch Komponist und Dirigent.
Victor: Mein Vater ist klassischer Komponist, er lebt buchstäblich mit dem Orchester. Schon seit meiner Kindheit hab ich durchgehend von ihm gelernt.
RockLine: In der Besetzung ist der neue Schlagzeuger Andre Hilgers. Wie hat er sich bei Rage eingefügt?
Victor: Alles unter Kontrolle. Andre hat sich gut in der neuen Situation zurechtgefunden, so wie Peavy und ich auch. Andre hat auf jeden Fall ein anderes Schlagzeugspiel für das neue Album beigetragen als für den Vorgänger „Carved In Stone“. Damals war seine erste und einzige Aufgabe, das Schlagzeug entsprechend den Ideen zu spielen, die Peavy und ich für „Carved In Stone“ mitgebracht hatten. Für das Album „Strings To A Web“ hat Andre auch aktiver mitgewirkt und einige sehr interessante Drum-Arrangements beigesteuert. In dieser Phase stellte sich auch heraus, dass Andre Musik ähnlich wahrnimmt wie Peavy und ich, weshalb das Ganze am Ende noch intensiver und gelungener ausfiel. Deshalb sind wir umso zufriedener mit dem neuen Album, und auch Andre hat sich damit endgültig in die Besetzung eingefügt.
RockLine: Wie würdest du die grundlegenden Unterschiede zwischen den Alben „Carved In Stone“ und „Strings To A Web“ beschreiben?
Victor: Bevor wir anfingen, Songs für „Carved In Stone“ zu schreiben, waren wir auf Tour mit dem Orchester. Mit dem Orchester haben wir wirklich sehr viele Konzerte gespielt. Als wir uns damit konfrontiert sahen, neues Material zu schreiben, das dann auf „Carved In Stone“ erschien, waren wir alle einer Meinung, dass wir das Orchester gelinde gesagt satt hatten. Deshalb haben wir härtere und direktere Strukturen in den Songs bevorzugt. „Carved In Stone“ ist ein deutlich knackiger definiertes Album, ohne viel Kompliziertmachen. Nach zwei Jahren drehte sich das dann um. Wir fingen an, das Orchester zu vermissen, ha, ha, ha… Deshalb haben wir das Orchester wieder zur Zusammenarbeit eingeladen. Grundsätzlich ist es so, dass wir nicht viel darüber nachdenken, wie unsere Alben sein werden. Wir machen einfach das, was uns im jeweiligen Moment gefällt und was wir in diesem Moment durch die Musik ausdrücken wollen. Deshalb ist die Situation für uns umso interessanter, da wir mit jedem neuen Album etwas anderes, etwas Neues bieten. Wir scheuen uns nicht, neue Sachen auszuprobieren. Bands, die auf ihren Platten immer dasselbe spielen, sind für mich langweilig.
RockLine: Auch als Gitarren-Solist erreichst du große Wiedererkennbarkeit. Wenn man dein Solo hört, weiß man genau, dass du hinter der Gitarre stehst und kein anderer.
Victor: Wenn ich mich ans Schreiben von Teilen mache, die Soli oder Übergangsteile sind, experimentiere und improvisiere ich ziemlich viel. Ich probiere vor allem viele verschiedene Soundeffekte aus und versuche, aus ihnen so viele neue, andere Klänge herauszuholen wie möglich.
RockLine: Für das neue Album habt ihr insgesamt zwei Jahre gebraucht.
Victor: Wir komponieren Musik sehr schnell. Für das gesamte Album „Strings To A Web“ haben wir nur zwei Monate gebraucht. Dann haben wir einfach gesagt: „Stop! Genug ist genug!“, ha, ha… Wir sind eine Band, die keine Probleme damit hat, neue musikalische Ideen zu finden. Im Studio haben wir nur drei Wochen gebraucht, um das Album aufzunehmen und klanglich fertigzustellen.
RockLine: Wann hast du in dir diese Fähigkeit entdeckt, klassische Musik mit Metal zu vereinen? War das spontan, oder stand dahinter irgendwann eine bewusste Entscheidung?
Victor: Das kommt alles aus der Tatsache, dass mir sowohl klassische Musik als auch Heavy Metal sehr gut gefallen. Der entscheidende Moment war, als mein Vater die Idee bekam, eine Sinfonie für E-Gitarre zu komponieren. Das geschah Anfang der Neunziger, 1992 oder 1993, wir komponierten gemeinsam eine Sinfonie für E-Gitarre. Bestimmte Partituren hab ich dann auch für meine Solo-Alben verwendet. Ansonsten ist das Gefühl, wenn ich klassische Musik oder Heavy Metal komponiere, völlig gleich. Alles ist gleich. Du verwendest einfach andere Instrumente.
RockLine: Und dann ist es passiert, dass du mit diesen Ideen zu Rage gekommen bist.
Victor: Ja. Das war 1999. Peavy hat mich angerufen und gebeten, ihm zu helfen, das Album „Ghosts“ fertigzustellen, weil ihn alle damaligen Bandmitglieder verlassen hatten. Die CD war also nicht fertig. Deshalb kam Peavy in mein Studio und wir haben das Album gemeinsam fertiggestellt. Danach folgte Peavys Einladung, mich der neuen Rage-Tour anzuschließen. Nach dieser Tour haben wir dann entschieden, die Kräfte zu bündeln und gemeinsam als Rage weiterzumachen. Das Lustigste bei all dem war, dass Peavys Manager ihm schon 1994, als Manni Schmidt die Band verließ, von mir erzählt hatte. Aber er hat sich damals anders entschieden. Später hat Peavy diese Entscheidung sogar bereut.
RockLine: Wessen Idee war das Cover des neuen Albums?
Victor: Das ist vollständig Peavys Idee. Wir verwenden immer den Schädel des „Soundchaser“ und quetschen ihn irgendwo auf die Cover. Diesmal ist es so gewesen, dass für das Cover halt so eine Art Monster entstanden ist, das eine Kreuzung zwischen einer Spinne und dem „Soundchaser“ ist.
RockLine: Als Profi-Gitarrist bist du mit vielen Sachen beschäftigt. Neben Rage unterrichtest du Gitarre, kümmerst dich um die Produktion von Alben anderer Bands und Projekte, schreibst außerdem deine eigene Musik, fährst auch noch Autorennen. Ist es manchmal schwer, dich so zu organisieren, dass du all diese Pläne durchziehst?
Victor: Mein Terminkalender ist sehr voll. Mit der Zeit bin ich immer sehr knapp. Aber alles, was ich mache, mache ich letztendlich zum Spaß und für meine eigene Freude. Mein Tag vergeht nicht anders, als dass ich Sachen mache, die ich liebe. Das ist eigentlich nicht mal ein Job für mich, weil ich bei all dem einfach Spaß habe.
RockLine: Ist vielleicht ein neues Solo-Studioalbum von dir in Sicht?
Victor: Ja. Vielleicht schon diesen Sommer, wenn ich die Aufnahmen sowohl eines Solo-Albums als auch einer DVD plane. Die DVD wird also eine Fortsetzung des ersten Teils von „School Of Metal“ sein. Diese Veröffentlichung war für mich ein unerwarteter Erfolg. Allein in Deutschland hat sich diese DVD 20.000 Mal verkauft. Buchstäblich eine wahnsinnige Zahl. Ich kann es selbst kaum fassen, ha, ha, ha…
RockLine: Für den Japan-Teil der Tour habt ihr die Kräfte mit Gamma Ray gebündelt. Freust du dich schon auf diese Auftritte?
Victor: Ja. Anfangs hatten beide Bands getrennte Touren geplant. Dann kamen Gespräche mit Kai Hansen zustande und es schien uns sinnvoll, dass beide Bands sich zu einer Doppel-Headliner-Tour zusammentun. Das ermöglicht uns eine Kostenreduzierung bei der Tour und öffnet Türen für Auftritte auf deutlich größeren Bühnen. Ich weiß schon jetzt, dass das für mich ein riesiger Spaß werden wird.
RockLine: Der Sommer ist für Rage wahrscheinlich Festival-Zeit?
Victor: So ist es. Unser Auftritt beim englischen Bloodstock-Festival ist bestätigt. Wir werden auch auf Festivals in Russland und Norwegen spielen, der Auftritt beim deutschen Summer Breeze-Festival ist bekannt, aber das ist sicher noch nicht die vollständige Liste unserer Festival-Auftritte im Sommer.
RockLine: Victor? Kannst du uns einen Rage-Song spielen?
Victor: Natürlich, warum nicht (der Gitarrist beginnt den Intro-Teil des neuen Songs Empty Hollow)?
RockLine: Auf diesem Teil der Tour werden euch Jaded Heart supporten. Hier hättet ihr im November 2009 noch mit Primal Fear auftreten sollen, aber irgendwas ist schiefgelaufen. Wie habt ihr euch mit ihnen verstanden?
Victor: Ich kenn den Hintergrund nicht, warum Jaded Heart die Novembertour nicht spielen konnten. Bei Rage machen wir es uns wegen Supportbands nie kompliziert. Die haben uns selbst gefragt, ob wir sie auf unsere Tour mitnehmen würden. Grundsätzlich sind wir bei Rage sehr flexibel und kommen mit allen Bands auf unseren Touren immer sehr gut aus.
RockLine: Wenn es kein zu großes Geheimnis ist, kannst du uns die Umstände erklären, durch die Mike Terrana gezwungen war, Rage zu verlassen?
Victor: Mike ist eine sehr seltsame Person. Eine sehr schwierige Person. Er hat es übertrieben mit dem Wunsch, bei Rage ein Rockstar zu sein. Das ist für uns Schwachsinn. Letztendlich, was bedeutet es überhaupt, ein Rockstar zu sein? Mike ist ein Typ, der durchgehend unter einer Art Stress stand. Er war angespannt. Entsprechend haben auch wir eine gewisse Anspannung gespürt. Es drehte sich alles nur um sein Schlagzeug-Solo. Du kannst auf dem Schlagzeug solieren, wenn deine Zeit unbegrenzt ist. Normalerweise spielte Mike seine Soli im Rahmen unserer eigenständigen Headliner-Touren. Dann aber forderte er eine Schlagzeug-Solo-Einlage auch bei Festivals, wo du auf 45 Minuten begrenzt bist. Sag mir, wer braucht überhaupt ein Schlagzeug-Solo in so kurzer Zeit, die bei Festival-Auftritten zur Verfügung steht, wenn du für die Leute kaum 7 oder 8 Songs spielst? Und unter diesen Umständen hätten wir 20 Minuten für Mikes Schlagzeug-Solo verbraucht… Das passt einfach nicht zusammen. Es ist sogar vorgekommen, dass er Peavy mal ins Gesicht gespuckt hat. Er war eine sehr aggressive Person.
RockLine: Ich erinnere mich an einem eurer Auftritte, wie er ausgerastet ist und ihr dann früher mit dem Konzert aufgehört habt, als es sonst der Fall gewesen wäre.
Victor: Mike rastete immer aus. Sobald nicht mindestens fünf Lichtbündel auf ihn gerichtet waren während des Konzerts, rastete er aus. Und dann passte ihm irgendwas nicht und er hörte einfach auf zu spielen. Wollte nicht mehr Schlagzeug spielen. Mitten in Konzerten. Vor der Menge. Das nennt man Rockstar-Syndrom. Peavy und ich waren uns einig, dass wir das wirklich nicht brauchen. Wenn ich zurückblicke, sehe ich, dass da ein völlig unnötiger Schwachsinn im Gange war. Aber er hat der Band geschadet.
RockLine: Wie erlebst du die Reaktionen des Publikums, wenn du an verschiedenen Orten der Welt spielst?
Victor: Am Ende gibt es nicht viele Unterschiede. Die Wirkung ist dieselbe. In Spanien oder Italien zum Beispiel ist unser Publikum immer sehr laut und reagiert temperamentvoll. Dann findest du dich zum Beispiel in Frankreich wieder, wo das Publikum bei Konzerten sehr ruhig und still ist. Aber mit dem Unterschied, dass sich diese Art Publikum viel stärker darauf konzentriert, was du auf der Bühne machst. Wenn ich das beobachte, diese verschiedenen Reaktionen unserer Fans auf der ganzen Welt, find ich das sehr interessant und etwas Besonderes. Grundsätzlich ist die Wirkung für mich gleich. Bei beiden Arten, unsere Konzerte zu verfolgen. Persönlich spiele ich aber am liebsten in kleineren Locations, zum Beispiel in Clubs. Dort kannst du den Kontakt mit dem Publikum noch intensiver spüren. Wenn du zum Beispiel auf die Bühne des Wacken Open Air trittst, ist es zwar schön, ein Meer von tausenden Menschen vor sich zu sehen, aber das Gefühl ist nicht so persönlich.
RockLine: Was sind die Pläne für Rage nach dieser Tour und deine Pläne als Musiker?
Victor: Nach der Tour werden wir eine kurze Pause einlegen, und ich werde mich dann ans Komponieren eines neuen Solo-Albums machen.
RockLine: Wirst du bekannte Namen zur Zusammenarbeit am neuen Solo-Studioalbum einladen?
Victor: Ja. Aber es ist noch nichts offiziell festgelegt, deshalb kann ich dir diese Namen jetzt noch nicht bestätigen. Ich habe mich aber entschieden, dass ich für das neue Studioalbum nicht nur Instrumentals schreiben werde, sondern auch Sänger zur Mitarbeit einladen werde. Ich hab aber im Kopf, dass dieses Album härter und direkter sein wird, mit weniger Stütze auf klassischen Arrangements.
das Interview führten: Aleš Podbrežnik und Jani Mihevc
Fotos: Jani Mihevc
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