Gespräch mit dem exzentrischen Daevid Allen

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Datum des Interviews: 18.04.2008

Daevid Allen ist der legendäre Gitarrist und Sänger von Gong, die er auch gegründet hat. Nach allerlei Eskapaden (hauptsächlich mit Drogen) hat er die Band verlassen. Über die Jahre spielte er mit vielen Musikern in den unterschiedlichsten Projekten, und jetzt hat er in Görz mit Brainville 3 Halt gemacht, wo er gemeinsam mit Chris Cutler (Henry Cow, Peter Blegvad,…) und Hugh Hopper (Soft Machine) auf der Bühne stand. Nach dem Konzert nahm er sich ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch.

Rockline: Sind Sie mit dem Auftritt zufrieden?
Daevid Allen: Eigentlich kann ich mich gar nicht richtig daran erinnern.

Rockline: Wie meinen Sie das?
Daevid Allen: Ich erinnere mich an bestimmte Entscheidungen, und dann bin ich in irgendeinen Raum gegangen, an den ich mich nicht erinnere. Ziemlich seltsam.

Rockline: Ist Musik für Sie wie eine Droge?
Daevid Allen: Drogen sind nur eine Fälschung.

Rockline: Denken Sie, dass sie unproduktiv sind?
Daevid Allen: Nein, sie sind produktiv, sie sind wie Medizin. Aber ohne Drogen bist du völlig klar im Kopf und kannst aus der Erfahrung mehr mitnehmen. Ich mag Drogen trotzdem. Ich habe nichts gegen sie. Sie sind unsere Freundinnen, die dir durchs Leben helfen. Man muss nur vorsichtig und diszipliniert sein. Wichtig ist auch ein gesunder Körper. Ich bin siebzig Jahre alt und kümmere mich um meinen Körper. Wenn ich nicht auf ihn aufpassen würde, wäre ich wahrscheinlich ziemlich mies drauf. Ich würde irgendwo im Bett liegen oder im Rollstuhl sitzen. Man muss sich um seinen Körper kümmern. Der Körper ist das Fortbewegungsmittel, das dich durchs Leben trägt, also muss er in gutem Zustand sein.

Rockline: Sehen Sie das Leben denn positiv?
Daevid Allen: Nein, denn auf diesem Planeten ist die Hälfte der Dinge gut und die andere Hälfte schlecht. Wenn ich optimistisch drauf bin, dann in jeder Hinsicht. Im Moment bin ich in so einer Phase. Wenn ich optimistisch bin, verändere ich mit Kunst etwas, und wenn ich Pessimist bin, spiegle ich nur die Gesellschaft und all ihre schlechten Seiten. Mit Musik machst du all diese schlechten Dinge platt und bringst die Leute zusammen. Musik vereint die Stämme.

Rockline: Denken Sie, dass das Publikum Teil Ihres Stammes ist?
Daevid Allen: Natürlich. Das Publikum ist der Stamm!

Rockline: Nicht nur die Musiker auf der Bühne?
Daevid Allen: Wo denkst du hin! Die Musiker sind da nur zufällig. Klar, als Musiker lenkst du einen Fluss, öffnest ein Fenster und lässt dich vom Wind davontragen. Wenn ich spiele, spiele ich spontan, ohne nachzudenken. Es geht nicht um eine intellektuelle Übung. Außer wenn etwas schiefläuft. Wenn du etwas geradebiegen musst, muss man auch das Hirn einschalten. Heute war es zu sechzig Prozent intellektuelle Übung und zu vierzig Prozent spontanes Spielen.

Rockline: Heißt das, Sie haben viele Fehler gemacht?
Daevid Allen: Nein, ich habe einfach viel nachgedacht. Dadurch ist es schwerer zu spielen. Wenn du richtig gut drauf bist, willst du Sachen spielen, die du noch nie gespielt hast, die du vielleicht gar nicht spielen kannst.

Rockline: Gab es während des Auftritts viel Improvisation?
Daevid Allen: Es war alles improvisiert, bis auf ein paar Kleinigkeiten.

Rockline: Und die Texte?
Daevid Allen: Drei Texte waren vorbereitet, der Rest war improvisiert.

Rockline: Ist das ein wichtiger Aspekt der Musik der Band?
Daevid Allen: Ich glaube, dieser Aspekt ist wichtig für die Zukunft der Politik. So werden Staaten künftig geführt werden. Beim Improvisieren geht es darum, ganz im Moment aufzugehen. Auch in der Politik wird man die Vergangenheit vergessen und sich dem Moment hingeben müssen.

Rockline: Ging es auch bei Gong um improvisierte Musik?
Daevid Allen: Auf jeden Fall. Wir haben nie einen Song zweimal auf dieselbe Art gespielt. Wenn junge Bands kommen und andere kopieren, ist das, als würde man Musik in Plastik einschweißen. Das ist eine Fotokopie. Ich ermutige Bands, andere Versionen der Stücke zu spielen, zum Beispiel eine Punk-Version, Hip Hop oder Heavy Metal.

Rockline: Das ist origineller.
Daevid Allen: Genau. Es geht nicht darum, dass jemand versucht, jemand anderen zu wiederholen.

Rockline: Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie das Projekt Brainville entstanden ist?
Daevid Allen: Mit Hugh (Hugh Hopper) spiele ich am längsten in meinem Leben, seit 1961. Wir kennen uns schon ewig. Jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen, merken wir, dass wir auf derselben Wellenlänge sind.

Rockline: Und Chris Cutler?
Daevid Allen: Auch mit Chris spiele ich schon lange. Wir hängen gern zusammen ab.

Rockline: Ist Chris wegen des Todes von Pip Pyle dazugekommen?
Daevid Allen: Nein, mit Chris haben wir schon vorher gespielt. Eigentlich waren beide Mitglieder der Gruppe. Mal war der eine verfügbar, mal der andere. Jetzt, nach Pips Tod, ist Chris fest dabei, und wir spielen richtig gut zusammen.

Rockline: Sind Tourneen für Sie anstrengend? Körperlich gesehen.
Daevid Allen: Nein. Jeder Auftritt ist anders, und bei jedem Auftritt hoffst du auf eine Art Wunder.

Rockline: Streiten Sie sich manchmal?
Daevid Allen: Eigentlich nicht. Wir sind zwar ziemlich unterschiedliche Charaktere, aber irgendwie passt es. Zwischen den Auftritten kann jeder seinen ganz eigenen Weg gehen, und es funktioniert trotzdem. Weil wir so verschieden sind, sind wir multidimensional. Da entwickeln sich drei Bewusstseinsströme, nicht nur einer.

Rockline: Würden Sie Ihre Musik als multidimensional beschreiben?
Daevid Allen: Natürlich. Das kommt aus der psychedelischen Denkweise. Bei psychedelischer Musik ging es darum, dass sie dich aus dem Körper hebt und irgendwo anders hinführt.

Rockline: Halten Sie Gong für eine psychedelische Band, für Canterbury oder für etwas anderes?
Daevid Allen: Man hat uns zu den psychedelischen Bands gezählt, weil wir mit Pink Floyd zusammengearbeitet haben. Man hielt uns auch für eine politische Band, weil ich 1968 in Paris in die Studentenunruhen verwickelt war. Deswegen haben sie mich sogar aus Frankreich ausgewiesen. Außerdem galten wir als Motorradband, weil ich den Soundtrack für einen Motorradfilm namens Continental Circus gemacht habe. Zu unseren Auftritten kamen deshalb viele Biker. Wir haben Stücke mit schrägen Taktarten gespielt, aber das hat sie nicht gestört, es hat ihnen gefallen. Dann gab es noch die Hippies, die uns auch zu sich gezählt haben. Bei Vollmond haben wir immer LSD genommen. Bei jedem Auftritt, egal wo wir waren. Wir kamen uns vor wie amerikanische Indianer. Bei Vollmond haben wir lange, improvisierte Sets gespielt. Das Ganze kommt mir vor wie eine spirituelle Evolution. Sobald etwas zu sehr einzementiert wird, wie zum Beispiel Kirchen, vergiftet es sich. Es versucht, die Menschen zu unterdrücken. Ich glaube, die Zukunft kann schön sein, trotzdem vertraue ich den Menschen nicht, nicht mal mir selbst.

Rockline: Nicht mal sich selbst?
Daevid Allen: Nein, ich habe schon zu oft etwas falsch gemacht. Ich glaube, man muss ab und zu bewusst einen Fehler machen.

Rockline: Warum?
Daevid Allen: Weil sich dadurch alles klärt und du dir keine Sorgen mehr machen musst. Du kannst dich entspannen. Wenn ich spiele, mache ich viele Fehler. Genau deswegen spiele ich so gern – weil ich so viele Fehler mache.

Rockline: Können Sie uns etwas über die imaginäre Welt erzählen, die Sie mit Gong erschaffen haben?
Daevid Allen: Ich habe einfach nur auf die Stimmen in meinem Kopf gehört. Vielleicht kamen sie von einem anderen Planeten. Das gehört zum Scherz dazu. Das Konzept wird als Kindergeschichte präsentiert.

Rockline: Und die Namen? Waren die Ihre Idee?
Daevid Allen: Manchmal ist jemandem einfach ein Licht aufgegangen, und er hat gesagt: „Du bist übrigens Bloomdido.“

Rockline: War das eine Folge der Drogen?
Daevid Allen: Immer. Das Hauptelement waren wir selbst, die Drogen haben uns nur geleitet. Wir alle haben unsere eigenen Fähigkeiten, die uns formen.

Rockline: Danke für das Gespräch.
Daevid Allen: Danke.

Das Interview führte: Rok Podgrajšek
Fotos: Aleš Podbrežnik

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