Noch ein Interview mit Dave Kerman, Schlagzeuger bei Thinking Plague und Present (unter anderem) (2008)
Interviewdatum: 11.04.2008
Dave Kerman hat seine Musikkarriere bei 5uu’s gestartet, wo er die treibende Kraft war. Mit dieser Band hat er einige Kultalben gemacht und die Entwicklung der amerikanischen Rock-in-Opposition-Bewegung mitgeprägt. Kerman gilt als Arbeitstier, was auch die Zahl der Bands zeigt, in denen er gespielt hat – 5uu’s, U Totem, Thinking Plague, Present, Ahvak, Yugen,… In letzter Zeit hat er sich nur noch auf Present und sein Unternehmen (ReR USA) konzentriert, doch diesmal hat er uns beim Gouveia art rock festival in Portugal als Teil von Thinking Plague mit seiner Anwesenheit beehrt. Wir haben uns mit ihm vor dem Auftritt von Thinking Plague unterhalten.
Rockline: Wie steht’s um Present, jetzt wo du wieder in den USA bist?
Kerman: Ungefähr gleich, ich hab ja vorher in Israel gelebt.
Rockline: Aber Israel ist Europa trotzdem näher.
Kerman: Die Welt ist so klein, die Flüge sind so kurz – vier oder sieben Stunden.
Rockline: Dann gibt’s keine Probleme?
Kerman: Nee, nee. Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass wir mit Present eine neue CD und DVD rausbringen? Auf der DVD sollen eigentlich beide Auftritte vom RIO festival drauf sein, aber jetzt, wo wir uns die Aufnahmen vom letzten Jahr aus Gouveia angeschaut haben, wollen wir auch diesen Auftritt mit auf die DVD packen.
Rockline: Und das neue Present-Album? Ist das eher Roger Trigauxs Baby, oder hat noch jemand anderes was beigesteuert?
Kerman: Die lange Komposition ist ein gemeinsames Werk von Roger und Reginald. Eigentlich geht der Großteil auf Reginald zurück, Roger hat ihm nur bei den Arrangements geholfen, damit das Ganze ein bisschen anders wird. Es ist das erste Mal, dass Reginald stärker als Komponist in Erscheinung tritt. Ich find’s gut und etwas anders – melodischer. Einen Teil davon hast du schon beim RIO festival gehört – das Stück Vertiges. Das Stück ist insgesamt 48 Minuten lang, beim RIO festival haben wir eine gekürzte Version gespielt – nur 15 Minuten. Erst dachten wir, dass auf dem neuen Album nur dieses Stück sein wird, aber wir haben es geschafft, noch die Present-Coverversion von Jack The Ripper draufzuquetschen, das im Original von Unvers Zero gespielt wird und das Roger geschrieben hat. Außerdem kommt noch A Drop of Blood aufs Album, geschrieben von Pierre Chevalier, dem Keyboarder.
Rockline: A Drop of Blood? Ihr seid ja echt Spaßvögel.
Kerman: Ja. Das ist eine Show, wir nehmen uns da ein bisschen auf die Schippe. Aber ehrlich, wir sind wirklich Spaßvögel. Ich glaube, die Leute haben ein falsches Bild von Present. Die denken, wir wären irgendwelche Miesepeter. Wir mögen einfach Spannung und Wut in der Musik.
Rockline: Damit werdet ihr den Frust los?
Kerman: Ja.
Rockline: Und deine anderen Projekte – 5uu’s, U Totem? Tut sich da was?
Kerman: Ich glaube, bei U Totem haben wir uns so lange nicht gehört, wir sind einfach zu verschieden geworden, zu weit voneinander entfernt. Vor etwa einem Jahr haben wir übers Wiedervereinigen gesprochen, aber ich glaube, dazu kommt es nicht, das ist zu teuer. Die Musik ist so schwierig, dass wir nah beieinander wohnen müssten. Und weil wir so weit auseinander sind, müssten wir am Ende improvisieren, und das will ich nicht machen.
Rockline: Wenn ich mir das erste U Totem-Album anhöre, fallen mir Ähnlichkeiten mit Univers Zero auf? Siehst du das auch so?
Kerman: Vielleicht gibt es Ähnlichkeiten bei den Instrumenten, aber bei uns ist die Musik komplexer. Bei uns gibt es keine Motive, die sich lange entwickeln, oder Wiederholungen, wie Univers Zero sie machen, bei uns war alles bis ins Detail durchstrukturiert.
Rockline: Habt ihr diesen Stil absichtlich gewählt? U Totem klingen nämlich ziemlich anders als 5uu’s oder Motor Totemist Guild.
Kerman: Ich glaube nicht, dass wir das mit Absicht gemacht haben. Zuerst haben sich die beiden Bands zusammengetan, aber 11 Leute waren zu viele. Die Reisen waren viel zu teuer. Am Ende sind nur fünf von uns übrig geblieben. Die Ähnlichkeit mit Univers Zero liegt wahrscheinlich darin, dass wir beide Fagott benutzt haben, aber Univers Zero hatten noch eine Violine.
Rockline: Habt ihr mal überlegt, eine Violine dazuzunehmen?
Kerman: Haben wir, aber wir haben niemanden gefunden. Eine Zeit lang hat ein Gitarrist bei uns gespielt, aber der hat dann im letzten Moment abgesagt.
Rockline: Und was ist mit Bob Drake? Spielt der nicht Violine?
Kerman: Doch, aber er hat seinen ganz eigenen Stil. Ich glaube, er würde gar nicht in unserem Stil spielen wollen. Er spielt eher rockig und Country – lustig. Wir haben uns damals für sehr ernst gehalten.
Rockline: Vielleicht hätte sein verspielter Stil einen guten Kontrast zu eurer Ernsthaftigkeit gebildet?
Kerman: Vielleicht. Aber weil wir so ernst waren, wollten wir von Albernheiten gar nichts hören. Aber das war damals, jetzt will ich Blödsinn machen. Das gehört inzwischen zu mir.
Rockline: Zumindest auf der Bühne.
Kerman: Ja. Damals hätten wir problemlos in Anzug und Krawatte auftreten können, so bierernst, wie wir waren.
Rockline: Ich hab gehört, dass bei eurem Auftritt etwas Komisches passieren wird. Kannst du mir einen Hinweis geben, worum es geht?
Kerman: Lieber nicht. Warte einfach ab, dann siehst du’s. Wir werden einen sehr ernsten Auftritt haben, aber es wird ein paar interessante Überraschungen geben.
Rockline: Lest ihr auf der Bühne Noten?
Kerman: Teilweise lesen wir alle Noten. Wenn der Typ fürs Licht vergisst, einen von uns auszuleuchten, kann es Probleme geben.
Rockline: Und hast du selbst was Neues komponiert?
Kerman: Hab ich, bis jetzt habe ich sechzig Minuten Material, aber ich bräuchte Urlaub, um nach Israel zu fliegen und aufzunehmen. Das Ganze würde wohl sechs bis acht Monate dauern. Im Moment sehe ich nicht, wie ich das hinkriegen soll.
Rockline: Würdest du die neuen Stücke mit einer Band spielen oder allein?
Kerman: Mit einer Band.
Rockline: 5uu’s?
Kerman: Ja. Als wir 1995 auf Tour gegangen sind, waren noch drei andere Mitglieder mit mir dabei (auch Mike Johnson und Bob Drake). Für ein neues Album würde ich etwas Ähnliches machen.
Rockline: In welchem Stil werden die neuen Stücke sein? Ich weiß, dass du auf Grindcore stehst. Wird das neue Album Grindcore?
Kerman: Zuerst mal: Mit Stevan Tickmayer, dem Keyboarder von Thinking Plague, wollen wir eine neue Band gründen, in der wir technischen Grindcore spielen. Nur Schlagzeug und Keyboards.
Rockline: Ohne Gitarre? Ich dachte, für Grindcore braucht man eine Gitarre.
Kerman: Größtenteils ohne Gitarre, aber Tickmayer wird für abgefahrene Effekte sorgen. Vielleicht wird es kein typischer Grindcore, aber die Musik wird von diesem Genre beeinflusst sein. Beim Grindcore geht es nicht um die Zuhörer, die Musiker machen einfach ihr Ding. Grindcore erinnert mich an die Progressive-Musik der Siebziger, die sich Inspiration an ganz vielen Orten geholt hat.
Rockline: Wann hast du angefangen, diese Art von Musik zu hören?
Kerman: Vor etwa vier Jahren. Zuerst habe ich New Metal gehört. Als ich mich an den Heavy-Stil gewöhnt hatte, wollte ich noch was Härteres hören. Inzwischen klingt mir alles zu lasch.
Rockline: Und das RIO festival nächstes Jahr?
Kerman: Ja, dieses Jahr gab’s keins, weil das Geld gefehlt hat. Nächstes Jahr soll es stattfinden.
Rockline: Werdet ihr spielen?
Kerman: Mit Present auf jeden Fall. Ein paar andere Bands haben auch zögerlich zugesagt, aber offiziell ist noch nichts.
Rockline: Glaubst du, dass du jetzt, wo du in den USA lebst, mehr musikalische Möglichkeiten haben wirst?
Kerman: Nein, obwohl dort mehr Leute leben, sind die interessanten Musiker übers ganze Land verstreut. Es gibt nicht viele Leute, die sich diese Art von Musik anhören.
Rockline: Wirst du die Arbeit mit Bands wie Ahvak vermissen?
Kerman: Ja, die waren jung und begeistert. Mit denen würde ich gern weiter zusammenarbeiten. Sie hatten einen ähnlichen Ansatz wie Univers Zero. Sie sind immer noch zusammen, haben aber einen neuen Schlagzeuger.
Das Gespräch ging noch lange weiter, aber viele Themen eignen sich nicht für eine Veröffentlichung. Es war eher ein freundschaftliches Gespräch über Politik, das Leben in Israel und Amerika…
Text: Rok Podgrajšek
Fotos: Raymond Ricker und Rok Podgrajšek
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