18 Jahre nach dem Kult-Tape Tilt: Game Over über ihr neues Album Eclectric (2008)

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Autor: Rok Klemše

Datum des Interviews: 12.04.2008

Die legendäre Band Game Over aus Jesenice veröffentlichte 1990 das Kult-Demotape Tilt, das damals die slowenischen Metalheads komplett eroberte. In wenigen Jahren nahmen sie eine ordentliche Menge eigener Songs auf und spielten zahlreiche gut besuchte Konzerte. Um 1992 herum löste sich die Band auf, und bis auf die Erinnerungen des heimischen Metal-Publikums verlor sich von Game Over praktisch jede Spur, während Tilt bis heute eine Aufnahme mit Sammlerwert bleibt. Im vergangenen Dezember verkündeten Game Over dann ihr Comeback und überraschten mit der Single-Version Eclectric – The Version. Musikalisch sind sie in Gewässer eingetaucht, die man, grob gesagt, als Fusion bezeichnen könnte, mit nach wie vor starken Einflüssen der alten Game Over. Im April erschien das beeindruckende Werk Eclectric, das den Kauf absolut wert ist, und deshalb war es mir eine noch größere Ehre, mit dem Kern der heutigen Game Over sprechen zu dürfen – Aleksander Miklič, Gregor Rožič und Klemen Gasar. Worüber wir gesprochen haben, liest du in den folgenden Zeilen.

RockLine: Ihr habt gerade Eclectric veröffentlicht. Wie sind die Reaktionen bisher? Soweit ich gesehen habe, sind sie ziemlich gut, sogar richtig stark.
Aleksander: Ich würde sagen, sehr positiv, eigentlich sogar überraschend gut. Wenn man bedenkt, wofür Game Over früher standen und wofür wir heute stehen, finde ich das Feedback richtig gut. Auch von Leuten, die vielleicht den älteren Stil erwartet hätten.
Grega: Trotz der stilistischen und genremäßigen Abkehr ist die Resonanz ziemlich überraschend.
Aleksander: Überraschend vor allem deshalb, weil das Ganze in den Medien noch nicht so verbreitet ist und wir die Reaktionen im Moment hauptsächlich über unsere Homepage verfolgen, die noch im Entstehen ist. Positiv sind also vor allem die Reaktionen auf persönlicher Ebene und in Internetforen. Ich habe auch von jemandem gehört, der uns als die alten Game Over kannte, und der meinte, obwohl er uns in der Form gar nicht kennt, gefalle ihm unser neuer Stil gerade. Die Sache läuft ziemlich gut, in den Medien zwar langsam, aber schließlich haben auch wir Eclectric langsam aufgenommen. Wir erwarten, dass es deshalb auch tempomäßig keine riesige Reaktion geben wird.

RockLine: Ihr seid nach fast zwanzig Jahren wieder aktiv geworden.
Klemen: Ein bisschen weniger …
Aleksander: Öffentlich sind wir nach etwa fünfzehn Jahren wieder aufgetaucht, obwohl dieses Material schon ziemlich lange entsteht. Mit diesem Material leben wir seit vier, fünf Jahren.

RockLine: In den Neunzigern wart ihr auch in anderen Bands aktiv, eine davon war Fil Rouge.
Aleksander: Genau, Fil Rouge ist wahrscheinlich die am häufigsten erwähnte Band, die leider keine ordentlichen Aufnahmen hat. Ich glaube, irgendwo haben wir ein paar Demo-Aufnahmen aufbewahrt, aber leider nichts Konkretes. Eine Freundin versucht zwar, eine Live-Aufnahme aufzutreiben, aber ich weiß nicht, ob sie schon fündig geworden ist. Es wäre schön, wenn diese Aufnahme auftauchen würde.

RockLine: Wenn ich mich nicht irre, habt ihr gerade bei Fil Rouge angefangen, den Sound zu entwickeln, den die heutigen Game Over haben.
Aleksander: Ja, teilweise auch. Ein großer Faktor war da das andere Instrumentarium, dazu kamen Percussion und Synthesizer, was den Sound an sich wesentlich verändert hat. Die andere Seite der Klangveränderung waren die Jam-Sessions. Durchs Spielen in Jam-Sessions haben wir alles behalten, was brauchbar war, und sind damit weitergegangen.

RockLine: Eigentlich arbeitet ihr auch heute hauptsächlich mit Jam-Sessions, und so entsteht auch der Großteil des Materials?
Aleksander: Ja, auch Eclectric selbst ist aus Jam-Sessions entstanden.

RockLine: Also ist das ganze Material spontan entstanden?
Aleksander: Ja, das ganze Material ist spontan entstanden und wurde dann in die Songs gegossen, die du jetzt auf dem Album hören kannst.
Grega: Wenn ein Teil aus einer Jam-Session greifbar ist, wird er gespeichert, denn es wird alles aufgenommen. Wir haben jede Probe mitgeschnitten, dann hört man sie sich an und baut einen Song zusammen.

RockLine: Als Game Over habt ihr offiziell nur das Demotape Tilt 1990 veröffentlicht und euch dann innerhalb weniger Jahre ziemlich schnell aufgelöst. Was ist da eigentlich genau passiert, und was hat zur Auflösung geführt?
(Gelächter)
Aleksander: Zweimal Wehrdienst, musikalische Differenzen und der Umzug des ursprünglichen Schlagzeugers nach Koper. Das sind ziemlich viele Faktoren, die zur Auflösung beigetragen haben, dazu auch das Studium einiger Mitglieder. Fakt ist aber, dass wir uns schon bald nach der Auflösung wieder zu Jam-Sessions getroffen haben, nur waren wir nie als Band fokussiert.

RockLine: Als Bonus-CD liegt dem Eclectric-Paket noch die EP HATrED bei, die jetzt zum ersten Mal erschienen ist.
Aleksander: Stimmt. Einige Aufnahmen waren vorher schon im Netz unterwegs, weil manche das auf Kassetten hatten. Diese Aufnahmen wurden dann von den Bändern gerettet und auf CDs gebrannt, die wir nur für den Eigengebrauch hatten, aber trotzdem sind sie in die Hände von Leuten gekommen, die sie auf diverse FTP-Server hochgeladen haben, und viele haben sie sich schon aus dem Internet gezogen. Trotzdem war das noch nicht besonders viel, und auf Klemens Initiative hin haben wir beschlossen, HATrED herauszubringen. Wir haben die EP remastert und in limitierter Auflage veröffentlicht. HATrED ist nicht auf allen Versionen von Eclectric enthalten, sondern nur in wirklich begrenzter Stückzahl. Es ist die Remaster-Version der Original-EP. Wir haben uns nicht dafür entschieden, sie noch einmal einzuspielen. Wie Klemen sagte, die Frage ist, ob wir das überhaupt noch draufhätten (Gelächter).

RockLine: Wie würdet ihr den Prozess des Schreibens und Aufnehmens bei Game Over Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger mit dem bei den heutigen Game Over vergleichen?
Aleksander: Wie Tag und Nacht (Gelächter). Da gibt es keinen Vergleich. Zum einen die musikalische Reife und die Aufnahmetechnik, die heutige Technik ermöglicht schon zu Hause viel mehr. Du kannst dich viel länger mit der Sache beschäftigen, und entsprechend ist auch das Ergebnis. Damals hattest du ein bestimmtes Budget und damit nur begrenzte Zeit im Studio. Du bist gekommen, hast gespielt, und was war, das war.
Grega: Ob der Tontechniker den Sound überhaupt einfangen konnte, war auch fraglich.
Aleksander: Dazu gibt es eine Anekdote: Als Dali und ich vor ein paar Jahren beim Radio Aufnahmen von den Bändern überspielt haben, um sie zu retten, war seine erste Reaktion, den Bass-Regler bis zum Anschlag aufzudrehen und sich zu fragen, ob damals überhaupt jemand wusste, wie man das aufnimmt. So war das damals eben, die Musik, die wir gespielt haben, kannten nur wenige. Jetzt haben wir uns ziemlich viel Zeit genommen und wollten die Sache so aufnehmen, dass sie wirklich klingt, dass man sie mit Genuss hört und gern wieder zu ihr zurückkehrt. Heute können viele gut aufnehmen, uns hat man vor allem vorgehalten, dass sich die Produktion so tiefgründiger Musik live nicht spielen lassen wird. Das Polieren bis ins letzte Detail war nur der Abschluss, damit die Sache wirklich perfekt aussieht.

RockLine: Produktion und Aufnahme habt ihr bei Dali gemacht, aber ziemlich viel habt ihr auch selbst aufgenommen?
Aleksander: Genau. Die Hälfte haben wir selbst aufgenommen, bei Dali erst die akustischen Drums und die verzerrten Gitarren und ein paar minimale Ergänzungen. Mehr Infos zur Aufnahme wird es geben, wenn die Homepage fertig ist.

RockLine: Auf der Seite wird es auch ein „Behind the Scenes“ von den Eclectric-Aufnahmen geben, richtig?
Aleksander: Ja, auch. Da bestimmte Leute wissen, wie lange wir daran gearbeitet haben, haben wir beschlossen, eine Erklärung dazu zu liefern.

RockLine: Auf Eclectric wirken ziemlich viele Gäste mit, das sogenannte Eclectric Ensemble, von Frenk Rožič am Sax bis zu Dyz (Negligence), der sich bei Lost… …in Scapes ein paar Soli mit Klemen teilt. Habt ihr die gezielt gesucht, sind das Bekannte von euch …
Grega: Am Ende haben wir bestimmte Themen ausgearbeitet und überlegt, wie wir jedem einzelnen Song das Tüpfelchen auf dem i verpassen könnten, und haben uns mit Leuten zusammengetan, die wir kennen. Bei den Songs, zu denen Drums und Gitarren passten, haben wir sie hinzugefügt, und das war’s.

RockLine: Hattet ihr von Anfang an im Kopf, dass Eclectric ein Instrumental-Album wird, habt ihr euch wegen der Musik selbst dafür entschieden, oder habt ihr keinen passenden Sänger gefunden (abgesehen von gelegentlichen Vocals – Ghosts, Anm. d. Red.)?
Grega: Ja, keiner von uns ist ein richtiger Sänger, und fehlende Vocals haben uns auch nicht gestört, wir haben sie nicht vermisst. Die Vocals haben wir nur als Teil, als Ergänzung zur Geschichte, zum Thema eingesetzt.
Aleksander: Als Instrument.

RockLine: Wenn man Eclectric hört, hat man ernsthafte Musiker im Kopf, aber auf dem Album stecken ein paar Späße, zum Beispiel das Lachen, das angeblich von Monty Python inspiriert wurde.
Grega: (Gelächter) Ja, das geht auf Monty Python zurück.
Aleksander: Die Wahrheit kam schnell ans Licht (Gelächter).
Grega: Du hast wohl den Schluss des Albums erwischt?

RockLine: Hab ich (Gelächter). Ihr habt auch viel Wert auf die Verpackung und das Design gelegt, sogar HATrED ist eine Vinyl-Replik.
Aleksander: Ja, das wird langsam zum Standard. Ich finde aber, dass dieses Design relativ spät gekommen ist, man hätte es schon vor zehn Jahren einsetzen können.
Grega: HATrED hat ein komplett anderes Design als Eclectric, deshalb steckt es auch versteckt im Cover selbst.

RockLine: Wie seht ihr, bei all den Jahren Musikerfahrung, die ihr auf dem Buckel habt, die slowenische Szene? Aleksander: Wenn wir uns die Metal-Szene anschauen, sind seit unserer Zeit ziemlich viele richtig gute Bands aufgetaucht. Wir haben unseren eigenen Weg eingeschlagen, den manche vielleicht für riskant halten, für uns ist es aber eine Herausforderung bzw. künstlerische Genugtuung. Wir haben uns nicht gebremst und uns nicht in Schablonen pressen lassen.
Grega: Unter dieses Werk können wir alle ruhigen Gewissens unsere Namen setzen, und es umfasst die Game-Over-Zeit von A bis Z, von Tilt über HATrED bis heute. Den Namen haben wir wegen des alten Materials und anderer Umstände behalten, der Name Game Over hat trotzdem einen historischen Abdruck hinterlassen.

RockLine: Auch auf Eclectric hört man stellenweise noch deutlich die Einflüsse der alten Game Over heraus, vor allem in den Gitarren.
Aleksander: Ja, vielleicht ist gerade Klemen der rote Faden dabei geblieben. Ich selbst bin vielleicht am weitesten von der ursprünglichen Szene weggegangen, aber wir haben trotzdem weiter zusammengearbeitet. Dieses Material war am Anfang ohne Schlagzeuger, also habe ich andere Sachen gemacht, und Klemen konnte mich als Partner an der Gitarre nicht gebrauchen und hat allein vorgespielt, ich habe mich um Drums und Keyboards gekümmert. Ach ja, ausschließlich Gitarrensynths, was auch eine eigene Herausforderung ist. Ein Synthesizer ist zwar immer noch ein Synthesizer, aber kein klassischer, denn beim Gitarrensynth hängt alles weiterhin von den Saitenschwingungen ab, was auch eine Art Glücksspiel ist.

RockLine: Eigentlich ist das ganze Eclectric ein sehr gewagter, mutiger Schritt, und deshalb ist die Musik auch nicht leicht für die Ohren.
Grega: Nein, ist sie nicht, aber der rote Faden des Albums ist unsere innere Zufriedenheit, und was entsteht, das entsteht eben.

RockLine: RViPVO (Ratno Vazduhplovstvo i Protivvazdušna Odbrana; kurz: Luftwaffe, Anm. d. Red.) ist aus der JNA, oder?
Aleksander: Stimmt! Die Einflüsse der Songs werden wir auf unserer Seite vorstellen, verraten kann ich aber, dass RViPVO ein Plakat ist, das bei uns an der Wand hing, und dieses Plakat ist in den Song eingeflossen.

RockLine: Wen würdet ihr zu euren Einflüssen zählen, sowohl bei den alten als auch bei den neuen Game Over?
Grega: Zu viele.
Aleksander: Stimmt. Wenn ich nur meine eigene Plattensammlung anschaue, die von Grega oder die von Klemen, ist die Bandbreite der Genres endlos.
Grega: Außer Pop (Gelächter).
Aleksander: Die Einflüsse sind endlos, und wir lassen uns nicht darauf ein, weil die Musik stilistisch so unterschiedlich ist.

RockLine: Was habt ihr mit Game Over in Zukunft vor? Plant ihr Konzerte?
Aleksander: Im Moment vor allem die Promotion des Albums. Wir konzentrieren uns zuerst auf die slowenische Szene, und wo die Bedingungen passen, machen wir was aus. Der Plan ist, das Material in leicht anderem Licht zu präsentieren, sodass auch wir zufrieden sind, und ich hoffe, dass es uns gelingt, auch ein gutes Konzert mitzuschneiden. Da die Songs live etwas anders klingen könnten, wollen wir auch eine Live-Aufnahme haben.

RockLine: Audio oder Video?
Aleksander: Wir konzentrieren uns vor allem auf Audio, für ein Musikvideo gibt es vorerst keine Pläne. Ein Video wird wohl zuerst irgendein Konzertbesucher drehen.
Grega: So wie das Album in die Richtung geht, dass wir mit dem Ergebnis zufrieden sind, so werden auch die anderen Aktivitäten laufen. Wir haben keinen Stress mit Managern und Labels, wir machen, was wir wollen und wie wir wollen.

RockLine: Werdet ihr denn versuchen, ein Label zu finden?
Grega: Nein.
Aleksander: Im Moment nicht in diesem Rahmen. Wenn sich aber etwas Passendes zeigt, reden wir weiter.
Klemen: Es hängt nicht nur von uns ab.

RockLine: Das war’s. Vielen Dank für das Interview.
Game Over: Danke dir!

Fotos: Aleš Podbrežnik
Fragen: Rok Klemše

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