Beatsteaks – Limbo Messiah zu Besuch in Slowenien (2007)
Autor: Sandi Sadar Šoba
Datum des Interviews: 27.10.2007
RockLine: Es ist uns wirklich eine Ehre und eine Freude, euch wieder bei uns zu Gast zu haben. Soweit ich weiß, ist es schon das vierte Mal, dass man euch auf unseren Bühnen bewundern kann.
Thomas: Genau!
RockLine: Was erwartet ihr, und was geht euch durch den Kopf, wo ihr das hiesige Publikum ja längst mehr als nur flüchtig kennt? Was verbindet die Beatsteaks mit Slowenien?
Thomas: Uff, das sind ja ziemlich viele Fragen auf einmal, aber ich versuche, auf alle so zu antworten, wie es sich gehört … (Lachen) Wenn es auch nur halb so intensiv und gut wird wie bei unseren letzten Besuchen, dann wird das echt phänomenal. Zum ersten Mal waren wir schon ’99 hier, mit der Deconstruction Tour, der jetzige Auftritt in der Gala Hala ist unser vierter Besuch in Slowenien und der zweite hier, und der erste war so intensiv und großartig, dass die ganze Sache diesmal unvollständig geklungen hätte, wenn wir nicht gekommen wären. Es war eine wirklich wilde und unerwartete Party. Das Beeindruckendste an allem: Als wir zum ersten Mal in der Gala Hala gespielt haben, hatten wir eure heimische Band Multiball als Support dabei, und die haben uns erzählt, dass sie sich erst zusammengefunden und richtig angefangen haben zu spielen, nachdem wir zum ersten Mal bei euch aufgetreten waren! Deshalb war es ganz natürlich und entspannt, echte freundschaftliche Kontakte zu den Jungs zu knüpfen. Nach dem Konzert haben sie uns die ganze Stadt gezeigt, und ich kann sagen, das war wirklich ein einzigartiger Abend! Was das Konzertklima angeht: Ihr Slowenen habt ein großes Überraschungselement. Vor dem Konzert konnte ich mir das gar nicht vorstellen, aber wir haben echt einen einzigartigen Style erlebt. Und deshalb kommen wir immer wieder hierher zurück, um neue Leute kennenzulernen und das Ganze aus reiner, zwischenmenschlicher Echtheit und unverbrauchter Energie wieder aufleben zu lassen.
RockLine: Auftritte in Clubs und Auftritte vor riesigen Menschenmassen lassen sich praktisch nicht vergleichen. Letzten Sommer habt ihr ziemlich oft vor Letzteren gespielt, und ich selbst konnte dieses Jahr auf dem FreQuency Festival sehen, wie euch gleich 40.000 Leute auf einmal aus der Hand gefressen haben. Wie sieht’s bei euch aus: Liebt ihr eher das Clubfeeling oder die großen Bühnen?
Thomas: Es ist uns eine echte Ehre und Freude, vor vielen Leuten gleichzeitig zu spielen. Wenn ich was anderes behaupten würde, wäre das gelogen, aber meiner Meinung nach kann man nicht erwarten, dass sich die Gefühle auf einer großen Bühne mit der Intimität und Leidenschaft kleiner Clubbühnen messen können. Auf denen ist es schon wegen der Enge und der räumlichen Begrenzung überhaupt erst möglich, einen engen Draht zwischen uns und den Zuhörern aufzubauen. Die Atmosphäre ist so, dass du sie schneiden könntest, und es mischt sich der Geruch von Schweiß und Libido, der im Raum hängt. Erotik. (Lachen) Wenn der Abend gut ist, lassen sich die Unterschiede und die Distanz zwischen den Leuten auf der Bühne und denen davor überwinden. Wenn alles so ist, wie es sein muss, gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen Auftretenden und Zuhörenden. Trotzdem ist es ein Luxus, vor Massen auf großen Festivals zu spielen. Eigentlich zeigt der Vergleich beider Prinzipien die zwei Seiten einer Medaille. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Im Club sehnst du dich nach den Massen, und auf den großen, nicht selten unpersönlichen Bühnen sehnst du dich nach der intimen Stimmung eines kleinen Clubs. Das tut nach einer ziemlich anstrengenden Festival-Sommersaison mehr als gut. Der Vorteil im Club ist einfach, dass du nicht alles so angespannt und perfekt spielen musst und dich nicht mit der Frage herumschlagen musst, ob du deutlich genug warst, damit dich auch jemand in der hundertsten Reihe klar verstanden hat. Und genau das ist das Hauptkriterium zwischen Bands, die ich mag, und solchen, die ich nicht mag. Manche Bands strahlen schon auf den ersten Blick eine Energie aus, aus der man ablesen kann, dass sie als große Stadionband sein und leben wollen. Das merkt man an ihrem Spiel und an der Musik selbst. Da gehen Echtheit und das Gefühl für die Leute verloren.
RockLine: Eine enge Verbindung zwischen dem einen und dem anderen Prinzip habe ich selbst nach eurem Auftritt auf dem FreQuency deutlich gespürt, das war mein letzter Kontakt mit eurer Konzertmusik – der letzte Kontakt bei uns zu Hause war natürlich letztes Jahr auf dem Trnfest.
Thomas: Stimmt, genau … Ein Ort, der mir fest im Kopf und in guter Erinnerung geblieben ist, ist der, von dem man mir gesagt hat, er sei ein „Ort mit unglücklichem Namen“ – Trnovo. Echt geile Stimmung.
RockLine: Jetzt stellt ihr wahrscheinlich mehr als alles andere Material von eurem aktuellen, frischen Album vor – .Limbo Messiah.
Thomas: Hmmm… Ich finde gar nicht, dass wir so berechenbar sind, denn auf unserer Konzert-Speisekarte steht ein Mix aus altem und neuem Material. Wir spielen nicht nur die neue Platte und ein paar ältere Songs, sondern Material von wirklich allen bisherigen Platten.
RockLine: Um die Energie auszubalancieren und eine möglichst breite Palette von Leuten zufriedenzustellen …
Thomas: Klar. Alles für eine gute Party.
RockLine: Wie siehst du den Vergleich zwischen dem Sound und der Logik des letzten Albums und dem Sound und der Mentalität, die einem von den alten Platten entgegenweht?
Thomas: Über die Unterschiede könnte ich selbst schwer urteilen, aber jedes Mal, wenn wir ins Studio gehen, wollen wir uns klanglich und inhaltlich nicht wiederholen und nicht nachbauen, was man schon gehört hat. Wir wollen sicher sein, dass wir uns nicht wiederholen. Das Große, was uns von Nachahmern und Bands unterscheidet, die sich danach sehnen, irgendein längst gehörtes Klischee und Ideal zu kopieren, ist, dass wir das einfach nicht mögen. Jedes Album muss anders klingen. Auf der neuen Platte haben wir uns allerdings entschieden, aus der Tradition der echten klassischen amerikanischen HC-Bands zu schöpfen, zum Beispiel Dead Kennedys, vielleicht ist noch ein Schuss Bad Brains dabei. Es geht eher darum, sich auf die Spannung und die Energie dieser frühen Bands zu konzentrieren, bei denen Leidenschaft und Feuer das Grundelement von allem sind. Da war immer irgendwie dieser Drang zu spüren, dass jeder einzelne Musiker den Song selbst so schnell und souverän wie möglich zu Ende bringen wollte. Diese Energie zieht uns an, und das war das Grundmotiv und das Bild, dem wir bei den Aufnahmen gefolgt sind. Wir schreiben als Ganzes, und wenn wir es schaffen, die Energie aus dem Proberaum oder von einem unglaublichen Konzert auf die Platte zu gießen, dann ist das Ziel erreicht. Limbo Messiah möchte tatsächlich so eine Platte sein. Das spürt ihr doch, oder?
RockLine:Und was war der Gedanke, der das Ganze zusammenhält?
Thomas: Wir wollten, sagen wir mal, Popmusik so spielen, wie uns Hip-Hop gefällt. Es ging nicht darum, den Rhythmus neu zu erfinden, sondern einfach das, was wir zu sagen hatten, genau so zu spielen, wie es uns passt.
RockLine: Wenn wir beim klanglichen Vergleich bleiben: Limbo Messiah hat im Vergleich zu den Vorgängern weniger mit dem Punk-Revival gemeinsam und mehr mit dem Sound der neuen Welle britischer Gitarrenbands oder mit so etwas wie den Pixies. Welche Einflüsse haben euch beim Schaffen musikalisch dahin geführt, das Erzählte zu einem festen Ganzen zu vervollständigen?
Thomas: Ich glaube nicht, dass uns die neumodischen britischen Gitarrenbands beim Sound beeinflusst haben. Trotzdem gibt es einen gemeinsamen Nenner: Wir kommen beide aus derselben Basis, denn es geht um die Weiterverarbeitung der Logik alter britischer Gitarrenbands … (Lachen) Wir schöpfen beide aus demselben Wissenstümpel. Die Sounds sind ziemlich identisch mit denen aus dem Proberaum. Das ist es, was wir bei den Proben machen, und das ist ganz und gar nur der Sound unserer Verstärker. Der Schlagzeugsound ist der Schlagzeugsound, und das ist das einzig Wahre. Dazu haben wir noch einen Schuss von dem hinzugefügt, was wir beim Touren gelernt und beim Ausprobieren von Rezepten auf der Bühne mitgenommen haben. Weil wir wirklich irre viele Konzerte spielen, muss davon auch etwas den Geisteszustand im Studio widerspiegeln und eine Richtung vor dem Mischpult vorgeben, oder nicht?
RockLine: Und das verbindende Glied, das alle elf Songs zu einem Ganzen macht? Gibt es ein gemeinsames Konzept oder eine Geschichte?
Thomas: Es ist kein Konzeptalbum. Wir sind nicht gerade Anhänger des Progressive Rock der Siebziger. Natürlich gibt es potenziell eine Hauptachse, die sich durch die Texte zieht, aber es geht nicht so sehr um staubtrockenes Storytelling. Es ist nur eine Sammlung von Assoziationen. Bei bestimmten Assoziationen entstehen bestimmte Bilder, die ganz deine eigenen sind und bei jemand anderem nicht dieselben. Wir wollten nur erreichen, dass jeder die Möglichkeit hat, etwas ganz Eigenes zu sehen. Wir mögen kein Predigen. Jeder soll zu seinen eigenen Bildern kommen! Jeder hat sein eigenes Leben und seine eigenen Erfahrungen, die wir alle in unseren Herzen und Köpfen tragen, und die sind weit davon entfernt, für alle gleich zu sein. Genau das reizt mich an Texten und gibt mir immer wieder neuen Schwung und Freude daran, über Gemütszustände und Bilder nachzugrübeln. Es ist das Konservierungsmittel, durch das das Gericht immer frisch bleibt …
RockLine: Trotzdem unterscheidet sich vieles davon deutlich von dem, was ihr ganz am Anfang ’95 gemacht habt. Was war der Ruf der Wildnis und das erste Prinzip, das euch alle zusammengetrommelt hat? Und was steckt hinter dem Namen, der Assoziationen an Rindfleisch weckt? Beatsteaks…
Thomas: Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie wir überhaupt auf den Namen gekommen sind. Wahrscheinlich war es eine Dummheit, die aber dafür gesorgt hat, dass die Beatsteaks in den Musikregalen und in den alphabetischen Bandlisten direkt hinter den Beatles stehen. Das ist zweifellos die gute Seite des Namens. Der rote Faden der Beatsteaks und von allem, wofür wir als Band stehen, ist aber Freundschaft. Nicht so sehr die musikalisch-technischen Fähigkeiten. Als der Bassist zur Band kam, hatte er nicht gerade viel Ahnung vom Bassspielen. Es ging darum, dass wir als Ganzes zusammen sein wollten. Und als solche entwickeln wir uns und wachsen gemeinsam.
RockLine: Und Besetzungswechsel? Hattet ihr auch die?
Thomas: In der Band gab es tatsächlich zwei Wechsel. Die Beatsteaks hat der erste Schlagzeuger verlassen, den man noch auf dem ersten Album hört. Auch bei den Bassisten gab es einen Wechsel, wir haben den Bassisten ersetzt, der auf den ersten beiden Alben gespielt hat. Der Abschied war aber einvernehmlich, und er selbst hat vorgeschlagen, wer ihn ersetzen könnte. Es war ein Vorschlag zu unserem gemeinsamen Wohl. Und es hat sich tatsächlich herausgestellt, dass er uns den Richtigen vorgeschlagen hat. Natürlich kannst du bei so etwas nicht blind irgendwas glauben, sondern musst die Energie bei Probe-Sessions testen, die unsere freundschaftlich-geschäftlichen Bande dann sogar noch gestärkt haben.
RockLine: Von Anfang an wart ihr auch eng damit verbunden, an der Seite großer Bands aufzutreten, neben denen jeder Musiker gern spielen würde – eine solche große Chance war der Auftritt auf der Tour und beim erneuten Comeback der alten Punk-Legenden und Veteranen Sex Pistols … Mit wem würdet ihr persönlich gern gemeinsam auf die Bühne gehen, und welche Namen würdet ihr gern in euren Katalog gemeinsamer Auftritte aufnehmen?
Thomas: Faith No More und All. Kennt ihr All? Das war anfangs die Band Descendants, die in dieser Besetzung einen Sänger hatten, der dann gegangen ist, und die Band hat sich in All umbenannt.
RockLine: Und was ist mit Bands, die nicht schon verstorben sind und als Ergänzung zur Konzerttour in Frage kommen, auf die ihr erst vor Kurzem so richtig losgezogen seid?
Thomas: Bei der Fortsetzung der Deutschland-Tour spielen wir mit der deutschen Band Turbostadt, die aus dem Norden Deutschlands kommt. Sie singen auf Deutsch, und ihre Texte sind wirklich einzigartig. Wir haben schon mit ihnen zusammengearbeitet und sogar einen Song aufgenommen. Martin, der Gitarrist von TurboStadt, hat den Text geschrieben, und wir haben uns die musikalische Grundlage ausgedacht, die im Original Fu Manchu spielen. Den Song spielen wir jeden Abend, und ich hoffe, dass wir gemeinsam mit ihnen auf Tour gehen, damit wir auf der Bühne wenigstens diesen Song zusammen spielen können. Und dann gibt es noch eine mögliche Zusammenarbeit mit einem Typen aus Deutschland namens Dendemann. Er ist einer der größten Hip-Hop-Künstler in Deutschland, hat ebenfalls schon einen Text beigesteuert, und vielleicht könnten wir auch zusammen auftreten …
RockLine: Einige Schritte sind schon gemacht und gelungen. Was könnte der nächste logische Schritt der Beatsteaks sein, auf den wir uns schon mal freuen dürfen?
Thomas: Der nächste logische Schritt ist die Veröffentlichung eines Live-Albums … (Lachen)
RockLine: Ernsthaft? Wann können wir damit rechnen?
Thomas: Wenn alles so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben, und das Glück uns hold ist, dann könnt ihr schon Anfang nächsten Jahres damit rechnen. Ansonsten schreiben wir auch neue Songs. Wir hoffen, dass es nicht wieder eine halbe Ewigkeit oder drei Jahre dauert, bis wir euch das nächste Studioalbum der Beatsteaks präsentieren können.
RockLine: Wann können wir darauf hoffen, und habt ihr schon irgendetwas Frisches geschrieben?
Thomas: Wir schreiben alle Songs, aber gespielt haben wir sie uns bis jetzt noch nicht vor. Wahrscheinlich sind wir zu schüchtern und ängstlich (Lachen). Außerdem sind wir auch nicht eine von den Bands, die sich trotz stressigem Konzertplan und voller Konzentration auf die Auftritte noch trauen würden, nebenbei Musik für die nächste Platte zu schreiben. Vor Kurzem haben wir eine EP zum Song ‚Demons Galore‘ aufgenommen und veröffentlicht. Außerdem haben wir ziemlich viele Coverversionen gespielt, und vielleicht schafft es die eine oder andere in unser Konzertrepertoire. Wenn wir mit dem Spielen aufhören – auf Tour sind wir bis nächsten Sommer –, nehmen wir uns danach eine kürzere Auszeit, und dann geht’s flott an die Arbeit. Wir werden nur einen Monat Pause haben, und ich finde, das reicht völlig, um die Batterien aufzuladen. Und dann heißt es: Mut zusammennehmen und die Entwürfe spielen, die wir bis jetzt noch nicht gespielt haben (wir sind nämlich ganz schön faul … (Lachen)). Nach all dem kann ich euch also noch kein genaues Veröffentlichungsdatum der nächsten Platte nennen …
RockLine: Und was sind eure kurz- und langfristigen Pläne?
Thomas: Kurzfristig: spielen und auftreten, in Europa und Deutschland, bis zum 18. Dezember dieses Jahres, im Frühling zu einer weiteren Europatour aufbrechen, im Sommer ein paar Festivals mitnehmen, alles darüber hinaus würde ich nicht mal zu prophezeien wagen. Langfristig: Material schreiben, aufnehmen, phänomenale Platten rausbringen, ein Live-Album veröffentlichen und dann neue, frische Ideen entwickeln. Ich hoffe, dass wir bei alldem irgendwie geistesgegenwärtig und bei klarem Verstand bleiben … (Lachen)
RockLine: Noch eine letzte Botschaft an unsere Leser und eure Fans, und dann geht’s für dich in die fieberhaften Vorbereitungen für den Auftritt …
Thomas: Wir wollen mit dem weitermachen, was wir tun, so lange es nur irgend geht. Da ich kein Mensch der inneren Eingebung für solche kompakten Ansprachen bin … „I’m Not a massage guy, baby…“(Lachen) Zügelt eure Pferde nicht und genießt es in vollen Zügen!
Fotos: Špela Šoba
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