Eagles Of Death Metal in Ljubljana (2007)
Autor: Sandi Sadar Šoba
Datum des Interviews: 19.02.2007
Vor dem Faschingsevent, dem Konzert der Band Eagles Of Death Metal, hat unser Team es geschafft, auch Sänger Jesse Hughes vors Mikro zu locken, eine Persona, die dieser amerikanischen Band ihre ganz besondere Patina verleiht. Im Bauch der Ljubljaner Cvetličarna wussten wir nicht, was wir genau erwarten sollten. Einen nonchalanten, selbstverliebten Star? Einen wortkargen Poser, der keine zwei zusammenhängenden Sätze zustande bringt? Jesse ist alles andere als das. Schon als wir in den Raum kamen, in dem das Interview stattfinden sollte, begrüßte er uns mit einem warmen, herzlichen Händedruck und einer Ausgelassenheit, die ein dynamisches und spannendes Interview versprach.
RockLine: Es ist uns eine große Ehre, euch bei uns in Slowenien zu Gast zu haben. Wenn ich mich nicht irre, ist das euer erster Besuch in unseren Gefilden?
Jesse: Genau. Wir sind zum allerersten Mal hier.
RockLine: Was für Eindrücke habt ihr bisher gesammelt?
Jesse: Ich kann sagen, dass das nicht das letzte Mal ist, dass wir hier sind. Diese Gegend gefällt mir verdammt gut. Gestern war ich in Kroatien, in Zagreb, wo ich auf Streifzug gegangen bin und mir die Schönheiten angeschaut habe. Was ihr zu bieten habt, wollte ich mir auch heute hier ansehen. Schon auf der Fahrt hierher, als ich die Landschaft betrachtet habe. Schön ist es hier. Wirklich schön. Ihr habt die Alpen, hübsche Vororte und die schönsten Mädels, die ich je gesehen habe. Echt verdammt schön hier! Weißt du, was ich meine?
RockLine: Du hast dir also Zeit genommen und dir wirklich Sehenswürdigkeiten und Leute angeschaut? Mit dem Wetter hattet ihr auch Glück.
Jesse: Es ist wirklich herrlich. Ich brauchte nicht mal einen Mantel, so warm ist es. Wir sind um zehn Uhr morgens angekommen. Kaum war ich aufgestanden, bin ich aus dem Bus raus und auf Besichtigungstour gegangen. Das mache ich normalerweise. Ich hasse es, im Bus rumzuhängen. Ich schaue mir gern Sachen an. Kultur sind lebendige Menschen und keine aufgehängten Bilder von Leuten, die schon ewig tot sind und die du dir im Museum anschauen kannst. Und genau die Menschen sind es, die den Orten Charakter und Gesicht geben, an denen du den Puls der Stadt, der Kultur, der Nation spürst. Das merkst du schon daran, wie sie auf ein Lächeln reagieren und so. Ich mag eure Gegend. Ich kann es kaum erwarten, mich irgendwann an der kroatischen Küste zur Ruhe zu setzen, wo Scharen von Mädels oben ohne rumlaufen. Du weißt schon, worauf ich hinauswill, oder?
RockLine: Dann komm doch im Sommer wieder und check die Lage. Die größere Auswahl gibt es zweifellos bei den Nachbarn, nicht an unserer kleinen Küste, aber trotzdem… Botschafter des Genusses: Willkommen bei uns! (Lachen)
Jesse: (Lachen) Danke, Alter!
RockLine: Das eine ist Kultur und Schönheit. Kommen wir zu Themen, die näher an der Musik dran sind. Was erwartet ihr vom heutigen Konzert?
Jesse: Vollblütiger Boogie-Rock’n’Roll. Killer-Rock, der dir die Unterhosen zerfetzt – das ist es, was ich euch zu bieten habe. Im Moment macht mir meine Stimme leichte Probleme, aber das ist mir ehrlich gesagt scheiß- ich werde dafür mehr mit dem Schwanz rumwedeln. Ich schließe mit dem Publikum einen Deal: Wenn sie versprechen, mir nicht allzu böse zu sein, weil ich nicht gerade bei bester Stimme bin (falls mir die Stimme ausgeht…), werde ich schuften wie ein Hund und mir Mühe geben, dass sie mit einem Lächeln nach Hause gehen. Ich biete Spaß. Wie könnte man sich Spaß und Lockerheit widersetzen? Was mich angeht: Ich kann es kaum erwarten, denn jeder Auftritt ist immer ein neues Erlebnis. Es kommt immer ein neues Publikum, und das beeinflusst zweifellos, was ich auf der Bühne mache. Ich bin da, weil ich glücklich bin, das Publikum zu sehen, ungefähr so glücklich, wie sie sind, mich zu sehen, oder? Eine Show ist immer ein Prozess in beide Richtungen. Wie ich die Rolle des Rock’n’Rollers verstehe: Ich spiele einfach Gitarre. Jetzt bin ich hier, und bisher waren die Crowds so was von irre. Und wenn ich von der Bühne ins Publikum schaue und lächelnde Gesichter sehe… „Hey baby! How are you doin‘?“
RockLine: Wie würdest du deine Erfahrungen mit dem vergleichen, was ihr bei der Albumpromotion in verschiedenen Ländern erlebt habt, in Europa, den USA…? Wie wurde das Vorgestellte vom Publikum aufgenommen?
Jesse: Im Großen und Ganzen finde ich, dass die Aufnahme meistens gut war. Ich erzähle niemandem Mist. Ich komme, bin respektvoll, kümmere mich um meinen eigenen Kram und gebe alles. Ich glaube, die Welt ist genau reif für Spaß, für gute Zeiten. Ich glaube, es hängt allen schon zum Hals raus, dass man ihnen sagt, wen sie wählen sollen. Wir haben die Nase voll von Gelaber über die globale Erwärmung. Ich glaube auch, wir haben genug vom Gerede über Krieg. Deshalb werde ich euch von dem Genannten gar nichts erzählen. Ich erzähle von schönen Mädels und Cherry Coke. Ich will euch einfach was vorsingen, Leute, und mit dem Schwanz wedeln. (Lachen) Und das ist ungefähr das, was ich tun werde!
RockLine: Und das ist deine persönliche Philosophie, die du auf den Alben auslebst, oder? Und was ist der rote Faden hinter dem letzten Album, hinter seinem Titel… Gibt es irgendwas, wovon man sagen könnte, dass es der zentrale Faden der Platte Death By Sexy ist?
Jesse: Mit dem Scheiß beschäftige ich mich nicht und denke ehrlich gesagt auch nicht zu viel darüber nach. Death By Sexy ist eine Haltung. Die Haltung, bereit zu sein, in einer Welt voller Scheiße zu sterben, zu fallen und wiedergeboren zu werden: Death By Sexy. Dann wirst du wiedergeboren in die Rock’n’Roll-Haltung, die sagt, alles ist phänomenal, nichts ist schlimm, und dann lässt du los, entspannst dich und nimmst dich nicht so ernst. Dann erlebst du geile Zeiten! Ich bin glücklich, hier zu sein! Niemand hat so viel Glück, mich interviewen zu dürfen. Das ist es! Ich bin glücklich, diese Show zu spielen. Keiner, der mich sieht, wird so glücklich sein wie ich beim Spielen. Ich glaube, ich bin der glücklichste Typ auf der ganzen Welt und schätze jede Sekunde, die mir geschenkt wird, hier zu sein. Das möchte ich zurückzahlen, damit ich es verdient habe. Wenn ihr zu unserem Konzert kommt, seht ihr, dass ich wirklich versuche, all das zu rechtfertigen, was ich habe. Ihr seht auch, dass ich alles gebe, um flachgelegt zu werden…(Lachen) Bis zum Äußersten!
RockLine: Wenn wir zurückblicken, in die Zeit, als die EODM-Geschichte gerade erst begann…
Jesse: Ich hatte keinen Schimmer, dass da was läuft! Josh hat an mich geglaubt, bevor ich selbst an mich geglaubt habe! 1998 war ich verheiratet. Von Eagles Of Death Metal hatte ich noch nicht den Hauch einer Ahnung…
RockLine: Was war der entscheidende Auslöser, wegen dem ihr von der Lockerheit zur ernsthaften Arbeit gewechselt seid und EODM Realität wurden?
Jesse: Der Grund war eine Scheidung. Ich habe eine schlimme Scheidung durchgemacht, und mein bester Freund Josh hat sich große Sorgen um mich gemacht. Er kam vorbei, hat nach mir geschaut, hat sich ein paar Songs angehört, die ich damals geschrieben hatte, und schrieb dann ‚My Mother’s Card To Hollywood‘ und: da war ich! Genau so ist es passiert.
RockLine: Die erste ernsthafte Zusammenarbeit war das Projekt Desert Sessions, wenn ich mich nicht irre?
Jesse: Dafür sollte ich mir nicht zu viel Verdienst anrechnen, weil ich zu nichts fähig war. Ich habe nicht mal Gitarre gespielt. Ich singe auch nichts, was nach Death Metal klingt. Es war ein Scherz. Dann haben wir uns den Namen ausgedacht und uns totgelacht, und Josh ist einer der „Schuldigen“ dafür, dass wir bei den Desert Sessions zusammengearbeitet haben…
RockLine: Erzähl mal, wie ihr auf den Namen gekommen seid? Was ist die wahre Geschichte hinter der Namensgebung?
Jesse: Eigentlich gibt es gleich zwei Geschichten, die am selben Tag passiert sind. Wir sind im Beerhunter auf ein Bier gegangen, und mein Freund Joshua hat Lou angerufen. Und dieser Typ hat ‚Wind Of Change‘ von den Scorpions gehört und dabei wie wild rumgezappelt. Da haben wir uns gefragt, was zum Teufel macht der Typ da? Und er guckt mich an und fragt: „Was ist???“ und ich antworte: „Nichts, Alter. Geil! Das ist Rock’n’Roll“. Und er erwidert: „Na klar! Das ist verdammter Heavy Metal!“ und ich sage „Was auch immer…“, und er macht weiter: „Das ist verdammter Death Metal!“ Und Joshua entgegnet ihm: „Alter… Das sind die Eagles Of Death Metal!“ und dann haben wir uns unfassbar schlapp gelacht, aber später, als wir einen Joint rauchen gingen, auf dem Rücksitz des Vans saßen und einer von den Anwesenden echten Death Metal aufgelegt hat, Dimmu Borgir, die Galle spuckten und wie Verrückte donnerten, sagten wir, es sei Zeit, mit diesem Pussy-Scheiß aufzuhören: „Leg mal was Echtes auf, Death Metal!“ und dann legt der Typ die Band Vader auf. „Das ist kein Death Metal, Alter! Das sind die Eagles Of Death Metal!“ und… Die Band war geboren.
RockLine: Was ist für Josh denn der ultimative Death Metal, wenn ihm Vader zu weich sind?
Jesse: Er hat doch nur Spaß gemacht. Ich kam mit der Definition, dass Little Richard Death Metal ist. Little Richie tauchte im rosa Anzug und mit Schnurrbart auf, sang ‚Totie Frutie‘ und hat die ganze Welt erschreckt und verändert! Das ist furchtbar. Kabuki-Schmiererei im Gesicht und Grunzvocals finde ich nicht so furchterregend. Der Herr der Ringe ist unterhaltsames Fantasy und kein Rock’n’Roll-Stil. Ich wünschte echt, Gandalf hätte nie was gesungen. Dangeons&Dragons ist ein Spiel und keine Musik!
RockLine: Erzähl mal, was waren deine musikalischen Einflüsse, aus denen ihr das gesponnen habt, was ihr als EODM seid?
Jesse: The Sonics, The New York Dolls, Stooges, The Strokes, Foo Fighters, QOTSA, Alice Cooper, Little Richard, Chuck Berry, Angus Young, Bon Scott, K.K.D. und Elton John und sogar die Bee Gees. Einflüsse nehme ich aus allem, was gut ist und wozu man tanzen kann. Meine Mutter sagt, ich hätte das klassische Rockradio auf Tarantino-Art umgemodelt, deshalb kannst du wirklich auch sagen, dass ich klassischen Rock liebe. Ich vergöttere Dizzee Rascall, Jungle Brothers, Hip-Hop und ähnlichen Scheiß.
RockLine: Noch ein paar Fragen, weil uns die Zeit davonläuft… In zwei Jahren habt ihr gleich zwei Alben herbeigezaubert. Was sind eure Pläne für die Zukunft?
Jesse: Wenn wir nach Hause kommen, gehen wir ein neues Album aufnehmen. Das soll irgendwann im April oder März rauskommen… Nein… Wir fangen irgendwann im März mit den Aufnahmen an, kriegen alles in einer Woche in den Kasten und ziehen auf eine neue Tour los. Ich würde das am liebsten die ganze Zeit machen! Ich liebe das bis zur Bewusstlosigkeit!
RockLine: Und wann können wir das Album in den Regalen finden?
Jesse: Innerhalb von sechs bis acht Monaten. Und das Konzept wird Stylus Interuptus sein. Das neue Album von QOTSA soll Era Vulgaris heißen, und ich sehne mich nach Stylus Interuptus, ein bisschen Stil dazugeben und euch in Bewegung bringen, zum Tanzen.
RockLine: Apropos QOTSA: Du hast bei der neuen Platte mitgewirkt… Wie war die Zusammenarbeit und wie gefällt dir das Ergebnis?
Jesse: Ich habe auf der Platte gesungen, was eine große Sache ist. Auf einem QOTSA-Album zu singen ist eine große Sache, denn Josh ist ein Perfektionist mit einer klaren und intensiven Vision, und deshalb ist es oft fast unmöglich, ihn zufriedenzustellen. Und wenn dir die Ehre angeboten wird, auf einem seiner Alben zu singen, dann bekommst du die Anerkennung, dass du vielleicht sogar was kannst und beherrschst… Die meiste Zeit habe ich nur im Studio gesessen und diesen unglaublichen Gruppenprozess mit Chris Goss bewundert und… Alles, was Josh macht, ist, grandiose und die größten Rockalben zu erschaffen, die du dir vorstellen kannst. Und dieses Album hat Zähne und einen wunderschön strukturierten Körper und einen bösartig großen Appetit…
RockLine: Und dir wurde die Rolle des zweiten Mark Lanegan angeboten… Ich freue mich schon auf die Platte, die rauskommt…?
Jesse: …Bald, denn sie sind mit dem Mixen fertig. Darauf folgt die Schlussphase. Joshs Philosophie ist, dass du genau so gut bist wie die Leute, die dich umgeben. Er ist mein Held und bester Freund. Er ist der Kapitän unserer Truppe, und was der Kapitän befiehlt, tue ich gern und folge seinen Richtlinien. Ohne ihn wäre ich nicht hier, deshalb fällt es mir überhaupt nicht schwer, das auszusprechen. Ich hab ihn echt lieb!
RockLine: Heute Abend konzentrieren wir uns auf EODM, und wir wünschen euch einen einzigartigen, wunderbaren Auftritt, jede Menge Spaß und dass ihr in Slowenien flachgelegt werdet!
Jesse: So spricht man, Alter! (es folgt ein Gimme-five-Gruß) Danke für das Interview, an dem ich endlich mal Spaß hatte!
Foto: Jani Lah
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