Metaldays 2018 (vierter Tag) – „Judas Fuckin‘ Priest“
Autor: Rok Klemše, Aleš Podbrežnik, Primož Novak
Fotos: Sebastijan Videc, Nina Grad
Video: Sebastijan Videc
Ort: Tolmin, Slowenien
Konzertdatum: 26.07.2018
Die Rückkehr von Brutart auf die heimische Metal-Szene ist in diesen Zeiten tatsächlich das Licht und die Hoffnung am Ende des Tunnels – für eine heimische Metal-Szene, die zuletzt ganz konkret versiegt ist beziehungsweise weiter versiegt. Mit ihrem Debüt »Mimic« aus dem Jahr 2007 schossen sich Brutart – genau in jener Zeit, als die slowenische Metal-Szene ihren Höhepunkt erlebte – wie ein Meteorit unter die interessantesten heimischen Bands. Das Quartett aus Gorenjska lieferte also letzten April mit »Wear My Skin« den Nachfolger zum Debüt und betrat kurz nach zwei Uhr die zweite Bühne des Tolminer Festivals für einen richtig kernigen Auftritt. Künstlerisch wächst das Quartett und wirkt auf dem neuen Werk noch fokussierter, engagierter, ausgefeilter. Eine unglaublich durchdringende Mischung aus schwer reißenden und polternden Doom-Riffs, die mutig mit brutalisierten Death-Metal-Passagen kombiniert werden – die Band baut ihr Gespür für Atmosphäre auch mit Momenten aus, die ins Post-Metal ziehen. Sie können auch in Sludge-Gewässer abtauchen. Durchdringend und eindringlich. Die mehr als gelungene Kombination zweier kontrastreicher Vocals erreicht eine neue künstlerische Stufe. Schade, dass die frühe Spielzeit ihnen kein breiteres Publikum beschert hat, das Brutart sicher verdient hätten. Eine Band, die also alle Aufmerksamkeit verdient, und eine Band, die weiter aufnehmen und schaffen muss. Hoffen wir, dass »Wear My Skin« sie auch auf die breiteren Bühnen des internationalen Metal-Universums trägt.
Nach dem heimischen Angriff folgten die Londoner Metalcore-Truppe Exist Immortal, denen es sich lohnte zuzuhören, auch wenn sie in einem Genre spielen, das schon ziemlich abgegriffen sein kann. Die Engländer veredeln die Metalcore-Basis mit massivem Groove, starken Refrains und vor allem dem geschickten Spiel des Gitarrenduos, das für eine ordentliche Dosis komplexem Riffing und mächtigen Melodien sorgt. Vokal-technisch bringen Exist Immortal nichts Neues – Sänger Meyrick wechselt zwischen generischen Clean- und Harsh-Vocals –, doch von kaum erträglichen Metalcore-Bands unterscheiden sie sich zumindest dadurch, dass sie die Basis auf angenehme Weise mit technisch anspruchsvolleren Griffen verkomplizieren und nicht mit endlosen Breakdowns ermüden.
In ähnlichen Bahnen setzten Harakiri For the Sky die zweite Bühne fort. Auch wenn die Österreicher sich selbst dem Post-Black-Metal zuordnen, haben meine Ohren eher eine ausgeprägt moderne (hipsterhafte, wenn ihr wollt, hehe) Ausrichtung wahrgenommen, der hauptsächlich JJs schreiender und übermäßig leidender Gesang das Kommando gibt. Der schnitt live am schlechtesten ab, wurde schnell so eintönig, dass er störend wirkte – die Instrumentalisten hingegen überzeugten mit einer soliden Performance, die aber genretypisch völlig formelhaft war, d.h. ultralange Songs voller melancholischer Melodien über einfache mittelschnelle Riffs, dazwischen eine solide Rhythmussektion mit viel Blast-Beating und monotoner Gesang.
Firtan begannen um halb vier nachmittags auf der Hauptbühne des Festivals zu rumpeln. Das deutsche Quartett aus Lörrach (Baden-Württemberg) ist seit 2010 aktiv und hat zwei Studioalben im Gepäck. Darunter das aktuelle »Okeanos«, das gerade mal 14 Tage vor dem Auftritt in Tolmin erschienen war und im Set auch ausgiebiger vertreten war. In der Regel texten sie auf Deutsch, wobei ihr Black-Metal-Fokus Elemente des »Pagan«-Metals aufnimmt. Ohne Schnickschnack und Kitsch. Nur scharfer, fokussierter Drive. Die Band spielte also das neue Material und brachte die Songs Seegang, Tag Werveil, Uferlos und Siebente, im Set fand sich auch Platz für die EP »Innenvelt«, aus der sie Im Licht meiner Sonne spielten. Vom Debüt erklang Wogen der Trauer, und Firtan schlossen das Konzert überzeugend mit dem hervorragenden (ebenfalls älteren) Seelenfänger!
Die slowenischen Dekadent gelten seit jeher als Band, die für höchsten musikalisch-künstlerischen Perfektionismus steht. Dekadent haben uns in 40 Minuten Hypnose erneut verzaubert. Eine Band, die man kaum auf der Bühne zu sehen bekommt, und eine Band, die zuletzt alle Fäden selbst in die Hand genommen hat und so zum Inbegriff von Unabhängigkeit und absoluter Eigenständigkeit geworden ist. Charakterisierst du ihre Musik als symphonischen oder atmosphärischen Black Metal, integriert die Gruppe dennoch erfolgreich eine Menge musikalischer Feinheiten – von der erwähnten symphonisch-atmosphärischen Hypnose, die über glühenden, messerscharf und höllenrasant geschnittenen Riffs schwebt, bis hin zu akustischen Einlagen. Arturs Gesang behält seine extreme Durchdringlichkeit, und sein Knurren fügt sich perfekt in das elementar unheilvolle und verderbliche, aber epische und feierliche Theater, das die schwarze Messe der Band-Auftritte entfaltet. In Tolmin war das nicht anders. Kühn und mutig im Komponieren, was ein stetiges Reifen der Band von Album zu Album bringt, und auf der Bühne nicht weniger kühn, selbstgefällig und selbstbewusst. Eine Band, die dich im Nu davon überzeugt, dass sie ihre ganz eigene Charisma trägt, mit aufrechter, stolzer Haltung durch die Welt geht – und von der du weißt, dass sie dich beim Betreten der Bühne mit dem ersten Riff, mit ihrem besonderen musikalischen Abenteuer, sofort mitreißt und verführt. Verzaubert. Ein Song wie Pasijon weckt das Gefühl tugendhafter Magie. Brillant. Einschließlich des Ambientes, in dem sie spielten – das hätte zum musikalischen Dossier der Band nicht besser passen können.
Die Black-Metal-Geschichte wurde mit den heimischen Dekadent auf der Boško Bursać-Bühne fortgesetzt – auf die Lemmy-Bühne betrat dafür die für ihren Namen bei weitem passendste Band. Warum? Weil Asomvel Rock ’n‘ Roll spielen wie ihre größten und offensichtlichsten Vorbilder, die einen und einzigen Motörhead. Eine erstklassige (Re)inkarnation der legendären britischen Pankster haben wir nach Lemmys Tod in Tolmin bereits in Form von Abbathos hervorragendem Coverband Bömbers erlebt, der letztes Jahr gezeigt hat, wie Tribute-Bands klingen sollten – dieses Jahr bekamen wir (im Stil von Gruesome, die die kultigen Death emulieren) das britische Trio Asomvel, das das Erbe des ewigen Lemmy Kilmister feiert. Das verbergen die Engländer nicht mal ansatzweise – sie kopieren die legendären Pankster von A bis Z: Schlaghosen, Koteletten, Leder, Schnauzbart und Rickenbacker-Bass inklusive. Doch Asomvel gehen über die Optik hinaus und überraschten mit starken Songs voller surrendem Bass, sexy Soli, treibenden Drums und einer von Marlboros heiseren, „müden“ Vocals. Songs, so überzeugend, dass der eiserne Kanzler selbst nichts dagegen hätte. Schnell eingängige Rock-’n‘-Roll-Hymnen wie World Shaker und The Nightmare Ain’t Over brachten das Publikum in Bewegung, und Asomvel hallten dank ihrer dreckigen, ansteckenden Energie noch lange in den Ohren nach.
Kaum hatten Dekadent ihren Auftritt auf der zweiten Bühne beendet, begannen auf der Hauptbühne – auf der Asomvel zuvor schon ordentlich Staub aufgewirbelt hatten – Monument im Eiltempo loszugaloppieren. Rund um White Wizzard-Sänger Peter Ellis versammelt, sind die britischen Monument beinahe eine Art Iron Maiden-Parodie. Tatsächlich kopieren sie sie stellenweise schon so gefährlich nah, dass Iron Maiden geradeheraus fragen könnten, wer zum Teufel ihnen die Lizenz erteilt hat, dass Monument-Songs so verdammt ähnlich klingen wie echte Iron Maiden. Der Gesang ist ausgearbeitet, auf den Punkt einstudiert, explosiv, autoritär. Von mittleren in höhere und höchste Lagen trägt er all seine entwickelte Kraft mit federleichter Leichtigkeit. Außerordentlicher Gesang. Charisma und Spiel. Aber gleichzeitig auch eine außerordentliche Kopie von Bruce Dickinson aus den alten Number of the Beast-Zeiten. Spandex, High-Tops, die Achtziger. Revivalismus. Die Band veröffentlichte diesen Mai ihr viertes Studioalbum »Hellhound«, aus dem sie neben dem Titeltrack (Opener) noch präsentierten: Attila, The Chalice und Wheels of Steel (was für eine blühende Fantasie) – dazu ältere Stücke wie Carry On und Fatal Attack (Album »Renegades«) sowie vom Album »Hair of the Dog«: Olympus, Imhotep (the Higher Priest) – wo das Einweben arabischer Tonleitern wieder an etwas erinnerte, das vom Maiden-Album »Powerslave« hätte tropfen können –, und schlossen den Auftritt mit Lionheart. Die Iron Maiden-Fans waren begeistert. Eine Band mit kaum eigenem künstlerischen Charisma hat das Publikum definitiv hochgezogen.
Wenn du den Begriff Death Metal mit jemandem im selben Satz nennen kannst, dann ist das mit Sicherheit Onkel Speckmann. Paul Speckmann gründete 1983 die kultigen Master, die damals sogar Zeitgenossen von Schuldiners Mantas und ähnlichen frühen Kleckereien waren. Schuldiner schrieb etwas später mit Death Geschichte, Speckmann hingegen blieb mit Master im tiefen Underground und wurde zu Unrecht stark übersehen. Doch trotzdem ist Speckmann bis heute ein unaufhaltsamer Underground-Krieger, der mit seinen Master (mit einigen kürzeren Pausen) seit drei Jahrzehnten gnadenlos brettert. Seine Unerbittlichkeit bewies Speckmann auf der Bühne, wo er trotz seiner 54 Jahre frisch und vital wirkt – noch mehr aber sein brodelnder Gesang, sein epischer Bart und sein gnadenloses Bass-Gehämmere. Den Gipfel der Komplexität stellen Master ganz sicher nicht dar – ihre dreiminütigen Songs sind in ihrem Kern völlig roh und primitiv –, aber das amerikanisch-tschechische Trio zeigte zuverlässig, wie Old-School-Death-Metal klingen muss. Wild, dreckig, giftig und chaotisch.
Auf die New Forces-Bühne wurden am vorletzten Festivaltag die mexikanischen melodischen Death-Metaller Orcus O Dis eingeladen – Headliner der dritten Bühne am vierten Festivaltag. Wie biblisch sich das liest. Wie auch immer, Orcus O Dis präsentierten in dreiviertel Stunden den Großteil ihres 2013 erschienenen Debüts IX und boten einen handfesten Schlag melodischen Death Metals, der sich stark an der Göteborger Szene orientiert – mit den frühen Dark Tranquillity an der Spitze. Orcus O Dis reihten so eine Menge sehr schmackhafter und angenehmer Gitarrenmelodien aneinander, unterlegt von einer druckvollen Rhythmussektion und dem souveränen Gesang des sehr energischen und überzeugenden Alfred Roche. Etwas getrübt wurde das Ganze nur durch den schlechteren, ziemlich verdreckten Sound, der die Keyboard-Arbeit von Jesus Fuentes komplett verschluckte.
Leider konnte man den kompletten Auftritt der Mexikaner nicht verfolgen, denn es zog einen unter die Boško-Bühne – ans andere Ende der Welt und zur bei weitem positivsten Überraschung des gesamten Festivals. Ein Trio jugendlicher Kerle aus Neuseeland, die sich nach dem (modernen) Science-Fiction-Klassiker District 9 benannt haben. Alien Weaponry. Es war der allererste europäische Festivalauftritt für das Trio aus dem Städtchen Waipu auf der Nordinsel – und besser hätten sie ihre Sache nicht machen können. Wohl auch entgegen eigener Erwartungen füllten Ethan Trembath (Bass) und die Brüder Henry (Schlagzeug) und Lewis de Jong (Gitarre, Gesang) den Boško-Bühnenbereich komplett und entfachten einen richtigen neuseeländischen Sturm, den wir uns nicht mal annähernd vorgestellt hatten. Alien Weaponry spielen im Grunde eine Art modernen Thrash Metal, der hauptsächlich auf fettem und massivem Groove basiert – Soli werden durch fette Riffs und Breakdowns ersetzt. Nichts besonders Originelles, würde man sagen – aber genau hier glänzen Alien Weaponry und heben sich vom Durchschnitt ab, indem sie Einflüsse ihrer maorischen Wurzeln in ihre Musik einweben. Mehr als die Hälfte der Songs ist nämlich in der traditionellen Sprache Te Reo gesungen, auch die Kriegsrufe – der sogenannte Haka – fehlen nicht, und obwohl bis auf ein paar neuseeländische Festivalbesucher wir anderen kein Wort verstanden, wirkt das Ganze schlichtweg verblüffend. Vor allem wenn die schön fließenden Vokallinien regelrecht explodieren, wenn die drei Teenager (die Jungs sind noch keine 20) auf der Bühne heiser schreien – Gesänge, deren Zweck es ist, dem Gegner Angst einzujagen. Die Jungs haben zweifellos einen der energischsten und dynamischsten Auftritte der ganzen Woche hingelegt und eine so laute und kriegerische Atmosphäre geschaffen, dass unter der Bühne ein echter Krieg aus Mosh- und Circle-Pits entbrannte, der kein Ende zu nehmen schien. Und einen Wall of Death haben sie eben mal so nebenbei auch noch losgetreten. Alien Weaponry haben kurz vor dem Festival ihr Debüt Tū veröffentlicht, von dem sie einen guten Teil spielten – am stärksten eingeprägt haben sich vor allem epische Gesänge wie Ru Ana Te Whenua, Kai Tangata und Urutaa. Den Kiwis steht angesichts des Gesehenen und Gehörten noch eine strahlende Zukunft bevor – und sie sind der klare Beweis, dass man um die Zukunft des Metals keine Angst haben muss. Noch ein Detail bzw. eine Kleinigkeit, die ich schlicht wunderschön finde. Die Jungs tragen bei ihren Auftritten ausschließlich T-Shirts ihrer neuseeländischen Musikkollegen und promoten so auf tolle Weise ihre Metal-Szene und Bands wie Dethnir, Carcosa, BlurRuin, Jörmungandr Bulletbelt und andere.
Und dann warteten wir noch auf einen weiteren Auftritt von Girlschool in Slowenien. Warum noch einen? Weil die Damen – heute schon Rock-’n‘-Roll-Omas – bereits 1986 zum ersten Mal in Slowenien aufgetreten sind, in der Hala Tivoli in Ljubljana, und zwar zusammen mit den Schotten von Nazareth. Nach einem etwas missglückten Auftritt beim Bang Your Head!!!-Festival vor wenigen Tagen erwarteten wir also eine Nachprüfung der Gruppe. Vier Musikerinnen also, die alle Rock-’n‘-Roll-, Punk- und N.W.O.B.H.M.-Stürme der guten alten Tage überstanden haben – ihre beachtliche Karriere wirft allerdings die rhetorische Frage auf, warum sie nicht zuhause ihre Enkelkinder hüten. Aber nein. Und gut so. Ein handfestes Publikum hatte sich an der Hauptbühne versammelt! Neugierig wurde geschaut, was da passiert. Vor allem das ältere Festivalpublikum, das in den späten Nachmittagsstunden schließlich doch noch zur Bühne getrabt war – denn es war klar, wer die Hauptfavoriten des Tages waren (Judas Priest). Girlschool redeten wenig und spielten viel – sie hämmerten eine ordentliche Auswahl ihrer Klassiker raus (Demolition Boys, C’mon Let’s Go, Hit And Run, I Spy, The Hunter,…) und packten auch Neues dazu (Take It Like A Band, Come the Revolution). Diesmal ohne Soundprobleme und dementsprechend auch ohne jede Zurückhaltung. Zum Abschluss gossen sie Öl ins Feuer mit dem erwarteten Race with the Devil, dem legendären Gun-Klassiker, den zu ihrer Zeit auch Bands wie Judas Priest gern gecovert haben. Darauf folgte das obligatorische Abschlussstück Emergency, der eiserne und unvergessliche gemeinsame Ausflug von Girlschool und Motörhead. Girlschool können Lemmy nicht vergessen. Kim McAuliffe trägt normalerweise immer ein Shirt, das die Erinnerung an den eisernen Kanzler des Rock ’n‘ Roll wachhält. Ohne die ikonische Schlagzeugerin Denisse Duffort geht es natürlich nicht, Bassistin Enid Williams beeindruckte erneut mit ihrer Spritzigkeit und ihrem Kokettieren, während Gitarristin Jackie Chambers wie zum Spaß ein paar elementare Soloausflüge hinlegte, die ein echter Unterricht im Axiom »weniger ist mehr« sein können. Gespielt wurden auch: Screaming Blue Murder, Never Say Never, Future Flash, Kick it Down, Watch Your Step. Fazit? Wenn eine Legende zum Leben erwacht!
Vom gewaltigen maorischen Angriff hatten wir uns kaum erholt, da betraten die Florida-Death-Metal-Veteranen Obituary schon die Lemmy-Bühne und lieferten eines der heißesten Death-Metal-Konzerte der Metaldays 2018. Obituary sind trotz ihres Namens lebende Legenden, und es ist jedes Mal ein echter Genuss, ihnen zuzuhören, wenn sie die Bühne betreten. Die Amerikaner betraten die Bühne in der erbarmungslosen, spätnachmittäglichen Hitze – Sänger John Tardy störte das aber nicht daran, nach alter Gewohnheit im Pullover auf die Bühne zu marschieren. Doch bewies er einmal mehr, dass er ein Frontmann mit einem der wildesten und unverwechselbarsten Vocals im Death Metal ist. Obituary rechtfertigten diesmal trotz eines nicht gerade günstigen Slots den Status von Genre-Legenden vollauf, bewiesen, dass sie auf der Bühne teuflisch tight sind (das war, wenn ich mich nicht irre, sogar das letzte europäische Konzert der Band mit Schlagzeuger Donald Tardy, der die Tour aus familiären Gründen vorzeitig verließ; danach wurde er von Lee Harrison aus Monstrosity ersetzt, was ebenfalls schön zu sehen gewesen wäre) – und das Publikum, das trotz der Hitze durchhielt und unter der Bühne sogar eifrig moshte, hackten sie mühelos klein mit Turned to Stone, Sentence Day, A Lesson in Vengeance vom aktuellen selbstbetitelten Album sowie den eisernen Klassikern Visions in My Head, Don’t Care und den überragenden Threatening Skies und Find the Arise. Obituary warfen zum Abschluss noch den Mix aus Chopped in Half und Turned Inside Out raus und verabschiedeten sich von den Metaldays mit der eisernen Hymne Slowly We Rot. Animalisch!
Wiegedood, die belgische Black-Metal-Kapelle aus Gent, in der erfahrene Mitglieder von Amenra und Oathbreaker zusammenkommen, traten in einem etwas undankbaren Überschneidungszeitraum mit dem Auftritt der Florida-Old-School-Death-Metaller Obituary auf, die auf der Hauptbühne des Festivals bereits kräftig am Toben waren. Trotzdem wurde unser kurzer Abstecher in den schattigen Bereich der zweiten Bühne mehr als belohnt. Die Band, die in diesem Jahr – im Abstand von gerade mal drei Jahren – den dritten Teil der Trilogie »De doden hebben het goed« veröffentlicht hat, schreibt und singt in ihrer Muttersprache. Alle Songs sind enorm lang! Atmosphäre ist der Hauptfokus der Gruppe. Die Erschaffung derselben! Das schwarze Bekenntnis der Band, inspiriert von den Wurzeln der norwegischen Black-Metal-Pioniere, gewinnt in seinem Charakter spürbare Elemente hinzu, durch die man ihr sinnvoll das Genre-Präfix »Post« anheften kann. Während des Konzerts streifte mich die Assoziation an die Begegnung mit Harakiri for the Sky, die ebenfalls auf dem diesjährigen Metaldays-Festival aufgetreten sind. Überzeugend und außerordentlich. Drei Typen also, nur mit zwei Gitarren und natürlich Schlagzeug. Blasphemisch genug!
Beim Auftritt von Black Star Riders erwachte der Geist des Rock ’n‘ Roll der Siebziger zum Leben. Das ist eine Band, die sich vor einigen Jahren aus Thin Lizzy heraus in Black Star Riders umbenannt hat. Wie bitte? Es muss also eine Verbindung geben. Ja. Das ist Gitarrist Scott Gorham. Der grauhaarige, charismatische, wenn nicht gar charmante Herr sorgt auch im reifen Alter dafür, dass das Erbe der Legenden keinesfalls erlischt und stirbt. Er hat sich ein außergewöhnliches Team zusammengestellt, und das Quintett Black Star Riders – neben Gorham vertreten durch prominente Namen der Rock-’n‘-Roll-Welt, nämlich: Ricky Warwick (Gitarre, Gesang), Damon Johnson (Gitarre), Robert Crane (Bassgitarre) und Jimmy DeGrasso (Schlagzeug) – begab sich in diesem Sommer auf gemeinsame Tournee mit Judas Priest, weshalb es auch in Tolmin landete. Obwohl ihr noch immer aktuelles »Heavy Fire« letztes Jahr erschienen ist, konzentrierte sich die Band im Repertoire auf Songs des Debütalbums »All Hell Breaks Loose« (Before the War, der gleichnamige Opener, Bound for Glory, Bloodshot, Kingdom of the Lost). Dazu packten sie das neuere Heavy Fire und When the Night Comes sowie drei weitere Songs vom zweiten Album »The Killer Instinct« (Titeltrack, Finest Hour, Soldierstown). Ordentlicher in Tritt kam das Publikum jedenfalls, als die Band gleich zu Beginn den (erwarteten) Thin Lizzy-Klassiker Jailbreak in Angriff nahm. Interessant, dass keine weiteren Thin Lizzy-Songs ins Repertoire eingebaut wurden. Erst gegen Ende legte die Band auch The Boys Are Back In Town nach. Deutlich weniger Publikum als beim Obituary-Auftritt – ein Spiegelbild der Generationenkluft zwischen der neuen Welle von Metalheads, die auf dem Festival zahlenmäßig überwiegen und sich in dieser Zeit die Zähne schon für Hatebreed schärften, und der alten Garde der Metal- und Rock-Enthusiasten. Einige Leute, die mit der Band kaum vertraut waren, ließen sich vor dem Konzert schon mit dem beiläufig hingeworfenen Fakt aktivieren, dass z.B. Damon Johnson einst mit Alice Cooper gespielt hat. Die Band ist außergewöhnlich gut geschärft, eingespielt und kompakt! Ricky Warwick beschwört geschickt die Essenz von Phil Lynott herauf, der in den Gitarrenphrasen von Black Star Riders weiterlebt. Nostalgisch.
Für die Portion abgedrehten Grindcore, der zum obligatorischen Bestandteil des Boško-Bühnen-Repertoires geworden ist, sorgte die schwedische Grind-Maschine Birdflesh. Die Schweden spielten in typischer Grind-Manier in knapp einer Stunde etwa dreißig, vierzig ein- bis zweiminütige Songs, die vor allem durch abgedrehten Humor glänzen – mit Tracks wie Skyrat, External Wounds of Vagina Power, Anal Misery, The Flying Penis, Wheelchair Impaler, Morbid Jesus und Fight Fire With Fireman. Genretechnisch erinnerten sie zeitweise stark an die amerikanischen Serienmörder Macabre, boten aber insgesamt eine gute Grind-Show, bei der es weder an Masken noch an Damen-Kleidchen fehlte. Sowohl auf der Bühne als auch darunter. Solch ein Toben und Zirkus wie die tschechischen Grind-Bands Gutalax, Spasm und Rectal Smegma in vergangenen Jahren haben sie zwar nicht verursacht – ihr Grind war im Vergleich zum tschechischen, den ich persönlich überhaupt nicht verstehe (und ertrage), aber viel, viel hochwertiger. Von den diesjährigen Grind-Bands wahrscheinlich die beste (Rotten Sound haben wir leider verpasst) – und alle Achtung vor Schlagzeuger Smattr, der bei all dem Blasting noch schreien und gurgeln kann.
Bekannt ist, dass der Sänger der schwedischen Shining seit einiger Zeit in Ljubljana lebt – es war also nur eine Frage der Zeit, wann er mit seiner Band wieder bei Metaldays auftreten würde. Dieses Jahr traten Shining in Tolmin zum ersten Mal seit 2013 auf – diesmal mit dem neuen, Anfang des Jahres erschienenen Album X – Varg Utan Flock. Die Bühne war entsprechend ihrem düsteren Stil in blaues und/oder rotes Licht, Nebel und Stroboskop gehüllt, im Hintergrund schmückte ein einfaches, aber wirkungsvolles Banner. Die Schweden begrüßten Metaldays mit dem zerstörerischen Han som lurar inom und zeigten gleich zu Beginn, dass sich ihr Auftritt in einer starken, nihilistischen Atmosphäre abspielen würde. Niklas machte sofort klar, dass man einen größeren Bühnen-Misanthropen schwerlich finden kann – es fehlte nicht an obligatorischem Spucken, Mittelfingern, verbalem Beleidigen des Publikums und dem Schießen mit einer imaginären Schrotflinte. Aber wenn man diesen Unsinn beiseitelässt, spielten Shining eines der besseren Black-Metal-Konzerte des diesjährigen Festivals – ausgezeichnet durch exzellenten Sound, Niklas‘ gute Performance sowohl bei den Clean- als auch den Scream-Linien sowie ein außergewöhnliches instrumentales Schauspiel. Besonders überzeugend waren die rockigen Soli und der effektive Wechsel zwischen ruhigen, düsteren, verträumten Abschnitten und Black-Metal-Ausbrüchen – das Sahnehäubchen setzte noch der hervorragende Gastauftritt von Goran aus Srd bei einem der Songs.
Die amerikanische metalisierte Hardcore-Truppe Hatebreed braucht man nicht groß vorzustellen – sie sind alte Bekannte des Festivals. Hatebreed haben mit ihren treibenden, eingängigen Songs immer eine richtige Party gemacht. Die Gruppe spielte ihr Set aus Stammgästen, bei denen To The Threshold, Destroy Everything, Doomsayer, This Is Now, Live For This u.a. herausragten. Auf jeden Fall Songs, die die Fans regelrecht zum Toben zwangen. Es zeigte sich aber schon sehr schnell, dass Hatebreed nicht mehr so viel Kraft haben wie einst. Vor allem der Gesang des charismatischen und energischen Jamey Jasta hat nicht mehr die richtige Kraft und wirkt ziemlich reserviert. Auch der Rest der Gruppe nahm das Konzert ziemlich routinemäßig. Der Auftritt von Hatebreed kann als solide bewertet werden – im Vergleich zu früheren Auftritten war das aber schlicht Durchschnitt.
Um elf Uhr abends erlebte ganz Slowenien die Rückkehr und einen neuen Auftritt lebender Metal-Fossilien – nämlich der Birminghamer Judas Priest, die anno dazumal, am 25.02.1991, erstmals slowenischen Boden betraten und in der Hala Tivoli in Ljubljana spielten. Dann verstrichen die Jahre, und bis zu diesem Sommer haben wir Judas Priest vergebens nach Slowenien gerufen. Wie auch immer – Judas Priest haben wir auch in der Zeit nach der Reaktivierung mit Halford am Mikrofon mehrfach gesehen. Und nicht umsonst sagt man, dass die Jahre still vergehen. So hatte sich in der Zeit, die wir auf Judas Priests Rückkehr nach Slowenien warteten, K.K. Downing 2010 zurückgezogen, Halfords Stimmkraft ließ im Laufe des neuen Jahrtausends hörbar nach, und die Jahre schonten auch Glenn Tipton nicht, der sich wegen seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung von allen Sommerauftritten der Band zurückziehen musste. Tipton wird deshalb vom erfahrenen britischen Gitarristen Andy Sneap vertreten, der sich als sehr gefragter und geschätzter Produzent zahlreicher Alben renommierter Künstler des Metal-Universums einen Namen gemacht hat. Richie Faulkner, der Downings Platz übernommen hat, ist also schon länger bei Priest als Sneap und hat damit das gesamte Solieren auf seine Schultern genommen. Also? Das einzige verbliebene Originalmitglied der heutigen Judas Priest ist Bassist Ian Hill, dem von der Dienstzeit her Rob Halford dicht auf den Fersen folgt, während Schlagzeuger Scott Travis erst zur Zeit der Aufnahmen des Albums »Painkiller« in Hollands Fußstapfen trat. Die Massen strömten zum Gelände. Von überall her. Viele waren nur exklusiv für einen Tag zum Festival gekommen. Einzig und allein, um Judas Priest zu sehen. Dabei nagte gelegentlich der Gedanke im Bewusstsein, dass wir Judas Priest vielleicht zum letzten Mal sehen. Genau wegen der eben aufgezählten Fakten.
Judas Priest eröffneten ihr Konzert damit, dass sie das Publikum zunächst fünf Minuten warten ließen, während War Pigs (Black Sabbath) lief. Dann ging es direkt ins »Firepower«-Album – und zwar gleich mit dem Titeltrack. Die Bühnendekoration wieder im Stil der Band. Überwiegend rotes Scheinwerferlicht. Im Vergleich zu früheren Tourneen haben sie aber die Hintergrundprojektionen aufgewertet, die deutlich weniger »klotzartig« wirken. Halford, wie gewohnt sorgfältig mit Sonnenbrille ausgestattet, bekommt reichlich Unterstützung vom Mischpult und nimmt wie immer meist die mittlere Position auf der Bühne ein – er ist ans Ablesen der Texte vom Teleprompter »gekettet«.
Faulkner und Sneap erledigten alles, wie es sein muss. Außerordentliche Harmonie haben sie gezeigt. Dabei merkt man Faulkner an, dass ihn allmählich eine gewisse Bühnen-Selbstgefälligkeit und leichte Aufgeblasenheit erfasst – was (bei Tiptons Abwesenheit) eine Neuerung und natürlich schade ist, aber so läuft das eben. Hill bleibt streng an die Hinterbühne und seine Monitore gefesselt und ist auf der Bühne kaum zu bemerken, Travis gönnt sich nur ein längeres Schlagzeug-Intro, das sich allmählich in Painkiller verwandelt. Halford ist zwar noch immer korrekt – mit der Unterstützung vom Mischpult behält er die vokale Souveränität –, seine Abgenutztheit war aber vor allem im Schlussteil des Konzerts zu spüren. Wenn man so eine Band sieht, die immer noch hervorragend spielt, aber keiner der beiden Gitarristen mehr auf der Bühne ist, die das legendäre Gitarrenduo bildeten, beschleicht einen das undankbare Gefühl, dass das Tüpfelchen auf dem i fehlt.
Die Band hat eine hervorragende Setlist vorbereitet. Neben den obligatorischen Klassikern des eisernen Repertoires beglückte sie ihre Fans vor allem mit der Integration des »verloren und wiedergefundenen« »Stained Class«-Klassikers Saints in Hell – zum 40. Jahrestag dieses kultigen Albums ihrer Karriere. Sehr gefällig war auch die Integration der »Screaming For Vengeance«-Hymne Bloodstone sowie die verlockende Abfolge zweier »Defenders of the Faith«-Klassiker – nämlich der balladesken Night Comes Down und direkt danach dem rasanten Spötter Freewheel Burning. Nach langer Zeit kehrten auch die »Sad Wings of Destiny«-Klassiker The Tyrant und The Ripper zurück (Victim of Changes fiel raus), »British Steel« erlebte neben dem obligatorischen Trio MetalGods, Breaking the Law und Living After Midnight eine Rotation zwischen The Rage und Grinder, und Sinner (»Sin After Sin«, 1977) tat außerordentlich gut. Interessant, dass die Band nach langer Zeit auf Electric Eye verzichtete. Schön war auch, dass Judas Priest vom Album »Firepower« dessen wohl besten Song spielten – das dramatische Rising From the Ruins.
Patzer gab es kaum. Genau bei Rising from the Ruins schlug eine der beiden Gitarren vor dem ersten Refraineinstieg einen Halbton-»Ausrutscher«, Faulkner warf dabei einen ruckartigen Blick zu Sneap – der andere kaum nennenswerte Patzer passierte Faulkner beim abschließenden Feiern und Ausgelassensein während Breaking the Law, wenn die Konzentration schon etwas nachlässt. Der Gitarrist quittierte das nur mit einem flüchtigen Stirnrunzeln. Ansonsten (unter Berücksichtigung der »Kosmetik« vom Mischpult) ein hervorragendes, glaubwürdiges, also korrektes Spiel.
Judas Priest haben wir auf Bühnen in besseren Zeiten erlebt. Daran gibt es keinen Zweifel – doch das Biest, das die Metal-Bibel sozusagen gezeugt hat, durchnagte souverän anderthalb Stunden Predigt. Der Sound exzellent, die Energie nicht weniger. Die Vibration strahlte Glut und Leidenschaft aus. Nur jenes Gefühl von Magie, das zumindest mit dem unglaublich charismatischen Tipton auf der Bühne vorhanden war, fehlte.
Die Band wird sicher noch nicht aufhören. Das ist sicher. Sollten Judas Priest sich aber irgendwann dazu entschließen, wäre das völlig sinnvoll und angebracht. Sie haben ihr Werk vollbracht. Beweisen müssen sie nichts mehr. Jetzt ist es nur noch eine Frage, wie viel Energie, kreative Säfte, Wille und Glut noch in den Adern der Legenden fließen.
Den vorletzten Festivaltag schlossen wir auf der Boško Borsać-Bühne mit dem Auftritt von Myrkur ab, dem Projekt der in Dänemark geborenen Künstlerin Amalie Bruun. Myrkur betrat die mit Tannenzweigen geschmückte Bühne beinahe in einer Art weißem Hochzeitskleid und schuf damit sofort eine verträumte, mystische und nahezu fantastische Atmosphäre. Myrkur sollen eigentlich Black Metal spielen, aber von Black Metal war kaum eine Spur zu hören – nur ein Schrei der Sängerin oder zwei. Mein Ohr hatte (vielleicht zu Unrecht) zumindest ein wenig mehr Black-Metal-Elemente erwartet – stattdessen sang Myrkur selbst über Blast Beats mit einem sanften, engelhaften Mezzosopran. Myrkur waren zumindest diesmal genretechnisch eher Folk- und Gothic-Metal näher, hatte viel Gelegenheit für reinen A-cappella-Gesang – von den traditionellen Instrumenten, mit denen sie in ihren Musikvideos kokettiert, nutzte sie diesmal leider nur die Trommel. Der Auftritt der Band war aber sehr schön und hätte musikalisch problemlos seinen Platz in der Serie Vikings gefunden. Ich begrüße noch mehr solche Genre-Ausflüge in den kommenden Jahren, zum Beispiel mit Wardruna.
Nina Grad (Foto): Brutart, Exist Immortal, Harakiri for the Sky, Dekadent, Master, Girlschool, Alien Weaponry, Obituary, Black Star Riders, Hatebreed, Judas Priest
Sebastijan Videc (Foto): Firtan, Asomvel, Monument, Orcus O Dis, Wiegedood, Birdflesh, Shining, Judas Priest, Myrkur
Rok Klemše (Text): Exist Immortal, Harakiri For The Sky, Asomvel, Master, Orcus O Dis, Alien Weaponry, Obituary, Birdflesh, Shining, Myrkur
Primož Novak (Text):
Aleš Podbrežnik (Text): Brutart, Firtan, Dekadent, Monument, Girlschool, Wiegedood, Black Star Riders, Hatebreed, Judas Priest
Fotogalerie

















































































































































































































