Metaldays 2018 (erster Tag) – feuriger Auftakt mit Behemoth
Autor: Rok Klemše, Aleš Podbrežnik, Primož Novak
Fotos: Nina Grad, Sebastijan Videc
Video: Sebastijan Videc
Ort: Tolmin, Slowenien
Konzertdatum: 23.07.2018
Besucherzahl: 12.000
Ticketpreis: 150,00€ (Wochenticket)
Zu den Metaldays, die Slowenien seit 2004 ebenfalls zu den Ländern mit großen Metal-Festivals zählen lassen, kehrt man jedes Jahr richtig gern zurück. Metaldays ist über die Jahre genau das geworden, was der Slogan verspricht, denn Tolmin verwandelt sich für eine Woche in echten Metal-Urlaub, und dieses Jahr war das Festival erstmals schon vor dem Start ausverkauft. Das Orga-Team tüftelt jedes Jahr an Neuerungen, die meistens sehr willkommen sind – diesmal war schon der Sonntagsblick auf die bis zum Rand mit Zelten vollgestopfte Wiese ein wunderschöner Empfang. Auch heuer bot das Festival schon am Samstag einen »warm up«-Abend, und am Sonntag den ersten richtigen Festivaltag mit Bands auf der New Forces-Bühne. Wir sind musikalisch erst am Montag ins Festival eingestiegen.
Metaldays 2018 haben wir mit einem toxischen Angriff der bayerischen Thrash-Metaller Dust Bolt begonnen. Die deutsche Vierer-Truppe erzählt mit ihrem Thrash zwar nichts völlig Neues, eroberte aber mit roher Energie und starker Performance im Handumdrehen ein paar hundert Köpfe vor der Bühne. Tatsächlich kam es früher selten vor, dass schon die ersten Bands der zweiten Bühne so viele Leute anlockten, dieses Jahr war das eher die Regel als die Ausnahme. Eine Tatsache, die klar für die hohe Qualität des Musikprogramms der Boško Bursać-Bühne spricht und zugleich ein offensichtlicher Beleg für das Ausverkauft-Sein der diesjährigen Metaldays ist. Das alles kam auch Dust Bolt zugute, die vor der Bühne schnell für echten Mosh-Wahnsinn sorgten, und auch auf der Bühne platzten alle vor Energie, denn das Rumwirbeln um die Gitarrenhälse wollte einfach kein Ende nehmen. Dust Bolt sind stilistisch vor allem ihren Landsleuten Kreator sehr nah, mischen aber auch Einflüsse von Bay-Area-Thrash und stellenweise sogar Hardcore in ihre Musik, und einen möglichen Mangel an Originalität machen sie mit Explosivität und jugendlichem Ungestüm wett – darin kommen ihnen von den neuzeitlichen Thrashern höchstens Crisix und Lost Society nahe.
In völlig andere musikalische Gewässer entführten uns die Amerikaner Pillorian, angeführt von John Haughm, dem ehemaligen Mastermind der großartigen amerikanischen Folk/Doom/Black-Metal-Band Agalloch. Die hat sich vor zwei Jahren aufgelöst, Haughm ist mit Pillorian Richtung Black Metal gewandert, und die übrigen drei Mitglieder führen die musikalische Geschichte von Agalloch in Khorada weiter. Pillorian stellten auf den Metaldays im düsteren Licht ihr letztes Jahr erschienenes Debüt Obsidian Arc vor und bewiesen, dass sie nicht bloß Agalloch 2.0 sind. Haughms neues Kind ist nämlich viel boshafter, wütender und verächtlicher als die sanftere Vorgängerin. Das dunkle Herz von Pillorian schlägt nämlich im Rhythmus des traditionellen Black Metal, auch wenn die Amerikaner gezeigt haben, dass man sie ohne Weiteres von ganz klassischem Black Metal unterscheiden kann. Die Geister von Haughms musikalischer Vergangenheit sind nämlich noch quicklebendig und schleichen sich vor allem in den schaurigen Gitarrenmelodien, der melancholischen Atmosphäre und Haughms durchdringenden, nihilistischen Schreien nach vorn. Schon die zweite sehr angenehme Überraschung in Folge.
Das lässt sich über die nächsten Auftretenden, die tschechischen Grinder Jig-Ai, nicht ganz behaupten, denn die lieferten genau das, was man von einer Band erwartet, die Grind spielt und obendrein aus Tschechien kommt. Das Prager Trio bot einen Schuss echten, aber ziemlich generischen Goregrind, voll mit Polka-Rhythmen, Blasts und D-Beat-Drums, spastischen Ausfällen und kranken Ideen. Jig-Ai servieren, ähnlich wie ihre Landsleute Spasm, Rectal Smegma oder Gutalax, eine wahre Palette, ähm, interessanter Ideen über Ninja-Groupies, Bukkake, Körperflüssigkeiten und Körperöffnungen. Mit Texten, bei denen Feministinnen das Blut kochen würde. Vorgetragen, ganz im Stil, als kämen sie aus der Kehle eines tollwütigen Ebers aus dem Wald. Der Prager Ekel war den Goregrind-Fans auf den Leib geschneidert, aber unsere prekmurischen Fukiči von Vulvahtrone machen das in diesem Genre viel besser und mit mehr Geschmack.
Während es auf der »Wald«-Bühne schon fröhlich brodelte, wachte die Hauptbühne erst um halb fünf nachmittags auf. Da kletterten die österreichischen Moros hinauf. Die Band mit über zehn Jahren auf dem Buckel kombiniert Elemente aus Death Metal und Thrash. Sie hat nur ein Studioalbum in der Tasche, nämlich »Lakeside Terrorfrönt« von 2014. Letztes Jahr haben sie schon in Tolmin gespielt, und zwar am Warm-up-Tag des Festivals. Eine stramme und kompakte Show. Die Songs Skeleton King, Lakeside Terrorfrönt, 7 P.M. und Psychotic Maniäcs packen eifrig und kernig zu. Die Jungs sind souverän, tragen mit ihrem Songwriting zwar nichts sonderlich Erschütterndes zum Metal-Abc bei, aber was sie anpacken, machen sie mit Herz und Hingabe. Vor allem unterhielt der Anblick von Sänger Mons, der mit seinen psychotisch rollenden Augen unter der Baseballcap, mitten in der Nachmittagshitze, mit knallrotem Gesicht und gespannten Halsadern, zwischen den Growls noch zusätzlich verkündete, dass die Montagnachmittagssonne sich kompromisslos auf das Festivalgelände eingeschossen hatte.
Der Auftritt der niederländischen Vuur versammelte vor der Bühne schon mehr Neugierige. Das ist die Band, die sich vorletztes Jahr um die (heute schon fast berühmte) Sängerin Anneke Van Giersbergen (ex-The Gathering) zusammengefunden hat. Das ist eine dieser Künstlerinnen, deren Stimme so mancher Musiker gern auf seiner Studioplatte hätte, und besonders gut kennen sie unter anderem Fans von Devin Townsend und Ayreon. Anneke hat jetzt also ihre eigene Band, und die hat auch ein Studiodebüt in der Tasche, »In This Moment We Are Free – Cities«, das letztes Jahr erschien. Auch wenn die Werbetexte sie in die Prog-Metal-Ecke drücken, wirken Vuur wie ein Kollektiv, das Metal gar nicht wesentlich interessiert. Die Songs sind vielschichtig und abwechslungsreich, und herausragend ist darin natürlich auch Annekes experimentelle Stimmarbeit, die sich diesmal wirklich voll ins Zeug legt und sich im stimmlichen Ausdruck und im Gesamtergebnis absolute Freiheit nimmt. Mit einer Gibson-SG-Gitarre umgehängt ist Anneke mit ihrem stimmlichen Charisma der Hauptmagnet der Band, der es in der Musik nur ein wenig an Wiedererkennbarkeit fehlt, das heißt an eigenem kompositorischem Fokus, mit anderen Worten auch an etwas mehr kreativem Selbstvertrauen als Songwriterin. Vor allem imponierte Drummer Ed Warby, bekannt von Ayreon und Gorefest, der mit seiner Präzision und Variabilität beeindruckte. Eine Band also mit kreativem Potenzial für die Zukunft und eine wunderschöne Bereicherung des Festivalprogramms. Definitiv eine Band, die mit neuen Studioalben künstlerisch wachsen wird. Die Band entwickelt auch einen konkreten rhythmischen Groove, der dank der dankbaren tieferen Intonation massiver Gitarrenriffs zufriedenstellend packt. Die Band stellte das Studiodebüt vor und beschloss das Konzert mit dem The-Gathering-Song Strange Machines.
Hecate Enthroned sind legendäre Extrem-Metaller aus Wales. Heute ist im Sextett von den Mitgliedern der Originalbesetzung Gitarrist Nigel Dennen dabei, dem dicht auf den Fersen Bassist Dylan Hughes und Gitarrist Andy Milnes folgen. Dieses Trio bildet auch in der neuen Ära des Bandschaffens den Kern der Gruppe, in der die Band mit Black-Metal-Wurzeln immer mehr und mehr Death-Metal-Richtungen in ihre Musik einbringt. Obwohl sie schon lange in der Szene sind, sind Hecate Enhtroned bei Alben eher faul. Das letzte, »Virulent Rapture«, erschien 2013, und zwischen ihm und dem Vorgänger »Redimus« (2004) ist fast ein ganzes Jahrzehnt vergangen. Die Band verspricht schon eine ganze Weile ein neues Studioalbum, und der aktuelle Sänger Joe Stamps, der ein ziemlich spezielles, sagen wir »krächzendes« Growling einsetzt, hat das in einer der Pausen während des Auftritts in Tolmin auch laut gesagt. So machte sich die Band an die Aufführung eines komplett neuen Songs, Revelations in Autumn Flame. Auch mit diesem Stück beharrt die Band auf rudimentären, also altmodischen Riffs, was den Kontakt zu den Wurzeln hält und zugleich für die Entwicklung der hohen musikalischen Reichweite sorgt, die ihre Kompositionen in der Regel auszeichnet. Die Band hat die ganze Nomenklatur aus Black-Metal-Glitzer und Kitsch abgeworfen, die sie einst begleitete und mit der sie damals erfolgreich zum Beispiel ihre Generations-»Leidensgenossen«, die viel berüchtigteren Cradle of Filth, »herausforderte«. Auch diese Phase streiften sie in Tolmin, und so erklang unter anderem der Song Dark Requiems and Unsilent Massacre vom gleichnamigen und insgesamt zweiten Studioalbum der Band. Die Band zeigte ein hohes Maß an Bühnenkompaktheit und Abgestimmtheit während der Show, was gewiss Ausdruck reicher Erfahrung und langer Laufleistung ist. Das Konzert wurde von hervorragenden Soundverhältnissen begleitet und war fast exklusiv, denn die Band ist in letzter Zeit auf Bühnen verdammt schwer zu erwischen.
In deutlich feinerer Stimmung verlief der erste diesjährige Besuch der New Forces-Bühne, wohin wir uns am späten Nachmittag durch den Nebel des Ljubljanaer Moors durchschlugen, vorher aber noch einen kurzen Ausflug ins idyllische belgische Gent und Brügge unternommen hatten, woher die Melodic-Death-Metaller Reject the Sickness stammen. Die Fünferbande hat dieses Frühjahr ihr zweites Studioalbum The Weight of Silence veröffentlicht, das sie in knapp einer halben Stunde auch ziemlich wuchtig präsentierte. Die Jungs überzeugten auf der Bühne mit Lebendigkeit und Hüpfigkeit, etwas weniger mit ihrem musikalischen Gesicht, dem man zwar nichts vorwerfen kann, das aber zugleich in nichts aus dem grauen Durchschnitt der Flut ähnlich klingender Bands herausragt.
Deutlich angenehmer war deshalb der Nebel des Ljubljanaer Moors mit Morost. Die Mädel und Jungs stellten in guten dreißig Minuten wieder, leider vor ziemlich wenig Publikum, in schönem Licht ihre Vision von atmosphärischem Death/Black Metal vor, den gebrochene Rhythmen, atmosphärische Gitarrenparts, eine abwechslungsreiche Rhythmusgruppe und Jonas‘ roher, schneidender Gesang auszeichnen. Die Songs vom Debüt Solace und Solitude überzeugten erneut, noch mehr die Neuheiten à la das progressiv ausgerichtete The Conundrum, etwas weniger die schlechter klingenden Keyboards und die verzweifelte Statik der Band, die auf der Bühne noch immer wie festgegraben dasteht. Das Anteasern mit neuen Songs ist aber auch schon richtig unverschämt, und wir warten auf das neue Album!
Jinjer sind ein ukrainisches Metalcore-Quartett, das letzten September vor den berüchtigten Arch Enemy, genau an dem Tag des Finalspiels, in dem Slowenien Serbien besiegte und so ganz Basketball-Europa unterwarf, das Konzert in der Ljubljanska Cvetličarna eröffnete. Die in Mysterien gehüllte schwarze Gesangspantherin Tatiana Shmailyuk, die vom Aussehen her gar nicht ukrainisch wirkt, ist der Hauptanziehungsgenerator der Band. Stimmlich kennt sie keine Unbekannten. Vom kristallklaren, sanft verträumten Vortragen der Strophen bis zum wilden, unheilvollen Growlen. All das baut die Band geschickt in ihre giftige rhythmische Groove-Kinetik ein. Für eine Frau ein überzeugender und ausreichend »robuster« Growl. Im Gegensatz zu den statischen Bühnenfiguren von Gitarrist und Bassist ist Tatiana eine echte »Athletin«, die mit ihrem dynamischen Herumrennen wirklich alle Nischen des Bühnenraums ausnutzte. Die Band setzt alles auf ansteckend melodisch geformte Songs. Die Stücke beruhen auf einer tiefer gestimmten Riff-Wand, untermauert von voluminöser und durchgehend aktiver und dynamischer Rhythmus-Kinetik. Eine technisch ungemein versierte Band, die deshalb Entwicklungspotenzial in sich trägt. Auch in Richtung Experimentieren, die Frage ist nur, wie viel sie sich trauen und wagen. Die bewährte musikalische Spur, auf der sie unterwegs sind, öffnet ihnen derzeit den Weg zum Publikum, und nach dem überzeugenden Festivalauftritt in Tolmin ist die Zahl ihrer Anhänger gewiss gewachsen. Die Band spielte unter anderem die Songs: Words Of Wisdom, Who’s Gonna Be The One, I Speak Astronomy, Pisces, Outlander, Cloud Factory und Bad Water.
Die absolut schönste und unerwartetste Überraschung folgte, als sich alle sechs Mitglieder der Montags-Headliner der New Forces-Bühne auf die Bühne quetschten, die amerikanischen Oubliette. Der französisch klingende Name bezeichnet eine Art Kerker bzw. Verlies, dessen einziger Zugang durch eine Luke in der Decke führt, und tatsächlich nagelten die Amerikaner, dem Namen angemessen, etwa zweihundert Köpfe vor der Bühne für eine Dreiviertelstunde mit erstklassigem melodischem Black Metal an Ort und Stelle. Den Kern von Oubliette bilden die Eheleute Mike (Gitarre; Inferi) und Emily (Gesang) Low, neben den beiden wirken in der Band vor allem Mitglieder der Black/Death-Truppe Enfold Darkness mit. Oubliette haben kurz vor Beginn der Metaldays ihr zweites Studioalbum The Passage veröffentlicht, das sie auch in Tolmin größtenteils vorstellten und mit großartiger Darbietung geradezu umhauten. Das Mädel und die Jungs sind stilistisch Bands wie Thulcandra und den kanadischen Frostbite nah, und auszeichnen tun sie sich durch Emilys wütenden, aber klaren und deutlichen Gesang, eine starke Rhythmusgruppe und eine reiche Atmosphäre, die gleich drei Gitarren weben, die meisterhaft zwischen Tremolo-Brutalität, epischer Riffarbeit und geschickt gebauten pentatonischen Melodien schwanken. Oubliette sind der Beweis, dass der US-Bundesstaat Tennessee musikalisch nicht nur country-achy-breaky-heart ist, sondern offenbar eine starke extreme Underground-Metal-Szene hat. Für Oubliette war das der allererste Auftritt auf europäischem Boden, und ich hoffe sehr, dass es nicht der letzte war, denn ihr Montagsauftritt ist mir als einer der schönsten des diesjährigen Festivals in Erinnerung geblieben.
Mit den englischen Ingested war auf der zweiten Bühne dafür gesorgt, dass auch die Anhänger moderner brutaler Klänge auf ihre Kosten kamen. Das ist nämlich eine Band, die sich bei Elementen aus Brutal Death Metal und Deathcore bedient. Man könnte sie auch als Slamming Deathcore beschreiben. Ingested servierten also mit schnellen Gitarren und Drums, krächzendem Gesang und natürlich Breakdowns, was dem aufgeheizten Publikum ganz vorn auf jeden Fall gelegen kam, sodass sich auch mal ein Moshpit bilden konnte. Bei Ingested ist es vielleicht keine Offenbarung, aber das Festivalprogramm hat es auf jeden Fall aufgelockert.
Die polnischen Hate wurden vor Jahren als »Baby«-Behemoth beschrieben, als sie vom brutalen Death Metal zum Blackened Death Metal umschwenkten, was für ein größeres Publikum offenbar annehmbarer war. Assoziationen mit Behemoth kamen auch diesmal auf, aber hinter Hate steckt etwas mehr, und sie als blasse Kopie von Behemoth abzustempeln, wäre ungerecht. Die Band servierte kompromisslosen Death Metal, der sich auch Black-Metal-Griffen bediente. Eine bewährte Formel, aber der Band sah man die lange Laufleistung an. Das Zusammenspiel war mehr als solide, zeitweise geriet Drummer Pavulon (Vader, Decapitated) ins Straucheln, der sehr schnell ist, dem aber gelegentlich die Präzision ausging. Der Schwerpunkt lag natürlich auf den letzten Alben, für mehr muss man die Band im Club erwischen.
Die Hauptbühne war noch den Prog-Anhängern vorbehalten. Die norwegische Progressive-Rock-Formation Leprous ist in den letzten Jahren zu einer der meistbeachteten Bands der Prog-Szene geworden. Anfangs überzeugten sie als Begleitband des Black-Metal-Mogels Ihsahn, aber später stellte sich heraus, dass Leprous als eigenständige Band funktionieren müssen, weil sie zu ehrgeizig sind. Hinter diesem Ehrgeiz steht Sänger/Keyboarder Einar Solberg, der außergewöhnliche stimmliche Fähigkeiten zeigte. Die Band betonte Material vom letzten Album Malina (2017). Mit dem Gespielten bewies sie auch hervorragendes Zusammenspiel und Präzision. Für die abgedrehte Rhythmik sorgte der junge Drummer Baard Kolstad, dem einfach nicht die Ideen ausgingen, wie er selbst die simpelsten Songparts würzen könnte. Neben dem instrumentalen Zusammenspiel muss man den mehrstimmigen Gesang loben, der fehlerfrei war. Mit diesem Auftritt bewiesen Leprous, dass sie eine fleißige Band sind, die sich für jeden Auftritt ins Zeug legt.
Auf der Hauptbühne drehten nach den »zerebralen« Leprous die Schotten Alestorm die Platte komplett um. Die haben, wie einige andere Bands auf demselben Festival, in ihren Jahren des Wirkens längst ihre Inventarnummer bekommen, und so ergossen sich vor Konzertbeginn unaufhaltsam Bataillone partywütiger Besucher zur Bühne. Mit Abstand das zahlreichste Publikum bis zu diesem Zeitpunkt genossen Alestorm auf der Hauptbühne. Das war zu erwarten.. Klischeehafter Power Metal, der in puncto Poesie in irgendeinen Werbespot eines Alkoholherstellers passen würde, erlebt in letzter Zeit schon fast eine Serie von Selbstparodie. Die Band schleppt neuerdings eine riesige aufgeblasene Entenskulptur auf die Bühne, die sie gegen Ende des Konzerts im Publikum schwimmen lässt. Im Hintergrund hängt ein Banner mit Bananen, aus denen Gänseköpfe hervorgucken. Etwas Ähnliches erlebten wir vor zehn Tagen auf dem deutschen Festival Bang Your Head!!!, wo aber ein ziemlich anderes Klientel unterwegs ist als auf dem Metaldays-Festival. Alestorm sind eigentlich einer der »Schöpfer« des Metaldays-Klientels. Ihr Party-Marsch reihte Bierattacken aneinander: Keelhauled, Alestorm, Mexico, The Sunk’n Norwegian, Nancy the Tavern Wench, Rumpelkombo, Hangover, Captain Morgan’s Revenge, Drink und Fucked With an Anchor. Ein Vergnügungspark des Zynismus der kurzbehosten schottischen Power-Metal-Spötter. Das Volk riss sich los, und wenn man es nicht schon früher gemerkt hat, dann bei so einem Konzert, welche Einzigartigkeit die Energie und Vibration des doppelten Zusammenflusses in Tolmin erzeugt, was dem Festival Metaldays seinen Stempel der Einzigartigkeit aufdrückt. Das Volk ließ also in der kommenden Festivalwoche zum ersten Mal blasphemisch und grenzenlos die Sau raus. Wie erwartet. In teils wirklich absurden Zügen kitzeln Alestorm also einen Moment voller Frotzelei und Verrücktheit heraus, was auch die Figur von Frontmann Christopher Bowes selbst verkörpert. Und das zündet offenbar. Christopher ist nicht nur ein völlig durchschnittlicher Sänger, was er selbst auch weiß, sondern haut mit seiner ständigen Bühnenaktivität auch liebend gern mal einen Ton auf den Keyboards daneben, was einfach zu den Bühnenspäßen und -gewohnheiten der Band gehört. Der Mann erregte Aufmerksamkeit auch mit einem weißen T-Shirt, auf dem stand: »I Got Lost in the Gay Dolphin«.
Die Amerikaner Skeletonwitch sorgten vor drei Jahren für eine der unangenehmeren Nachrichten, als sie, angeblich wegen zu tiefer Blicke ins Glas, den charismatischen Bartträger und Sänger Chance Garnette vor die Tür setzten. Das Schicksal der Band hing eine ganze Weile am seidenen Faden, doch sie rappelten sich auf und festigten ihre Reihen mit dem neuen Sänger Adam Clemans (Wolvhammer). Da spaltete sich die Fanbasis in zwei Lager; die einen kommen über Chances Abgang nicht hinweg, die anderen haben Clemans mit offenen Armen aufgenommen. Persönlich bin ich auf der Seite der Zweiten, auch wenn ich nicht leugne, dass Chances Abwesenheit, der schon mit seinem Aussehen überzeugte, als wäre er nach ein paar Jahrzehnten aus dem Wald in die Zivilisation gekrochen, stark zu spüren ist. Und trotzdem ist Adam mutig in große Schuhe geschlüpft und hat mit Skeletonwitch schon die starke EP The Aphotic Gloom und das ganz frische Album Devouring Radiant Light aufgenommen, das nur wenige Tage vor Beginn der Metaldays erschien. Der diesmalige Auftritt von Skeletonwitch stand also hauptsächlich im Zeichen der beiden Veröffentlichungen mit Clemans, der live, wie die ganze Band, mit ungezügelter Energie überzeugte, auch wenn Skeletonwitch mit ihm live etwas »ernster« und »reifer« wirken, und vor allem Clemans mit seinem Gesang die Band musikalisch eher an die Düsternis des Black Metal heranführt als an eine wütende Death/Thrash-Metal-Stampede. Trotzdem sorgten Skeletonwitch für einen der besten Energieschübe des Festivals, wieder überzeugte mit rasenden Gitarrenzügen das Duo Garnette/Hedrick, und die neuen Songs, vor allem Well of Despair, Red Death, White Light, Fen of Shadows und Temple of the Sun, forderten die Nackenmuskeln ordentlich. Wenn du dazu noch Klassiker wie den zweieinhalbminütigen Schuss Beyond the Permafrost und den ewigen I Am Death (Hell Has Arrived) addierst, ist das Bild perfekt, und Skeletonwitch haben sich ohne Zweifel unter die besseren Acts dieses Jahres eingetragen.
Noch voller als bei Skeletonwitch wurde das Gelände vor der Boško Bursać-Bühne, als die norwegischen Black-Metal-Veteranen Carpathian Forest sie betraten, die Slowenien schon eine halbe Ewigkeit nicht besucht hatten. Frontmann Nattefrost und seine Kompanie sorgten für eine einstündige Show primitiven, Dreiakkord-Black-Metals, der mit Punk- und Rock-’n‘-Roll-Energie für eine echte Party vor der Bühne sorgte. Noch mehr begeisterte der kultige Zirkusclown Nattefrost, der auf der Bühne wirkt wie ein Black-Metal-Kind. Schon auf die Bühne marschierte er mit einem riesigen umgedrehten Kreuz, gekleidet in eine schwarze Kutte, unter der er natürlich nichts trug. So konnten wir uns an nackten Schenkeln sattsehen, als er das Bein auf die Monitore hob, und natürlich fehlte auch der nackte Hintern nicht. Noch besser waren seine schrägen Tanzbewegungen, die verarschenden Ansagen, mit denen er uns zu Tränen zum Lachen brachte, und die zahlreichen »Ugh«s. Eines der, milde gesagt, interessanteren Konzerte der diesjährigen Metaldays. Ugh!
Ähnlich wie für Alestorm (und später auf derselben Bühne (neuerdings) sogar für Behemoth) gilt auch für die Schweizer Folk-Metaller Eluveitie, dass sie die »eingebürgerte« Band des Metaldays-Festivals sind. Ich würde mich angesichts ihrer mehr als häufigen Präsenz auf dem Festival zu behaupten trauen, dass gerade Metaldays ihnen einen Namen aufgebaut hat und Eluveitie dadurch zu einer größeren Band herangewachsen sind. Als sie 2009 im Februar als Vorband der Kreator-Tour auftraten, kannte sie zum Beispiel im Boogaloo in Zagreb niemand. Heute ernten sie unter der Garde junger Metal-Fans große Beliebtheit und füllen große Spielstätten. Das Nonett lieferte an diesem Abend aber nicht das Beste ab, was es draufhat. Vor allem wirkte es nicht besonders eingespielt, und auch klanglich lieferte es keine korrekten Eigenschaften. Zwar versammelte die Band vor der Bühne eine mehrtausendköpfige Menge, ähnlich vollgepackt war es kurz zuvor schon bei Alestorm, doch bei einem etwas zurückhaltenden Auftritt konnte sich die Band bequem auf vergangene Arbeit und vergangene triumphale Epen auf dem Tolminer Festival stützen. Chrigel Glanzmann war nicht der Richtige, vielleicht merkt man ihm einfach an, dass er gerade erst aus dem Krankenhaus zurückgekehrt ist, weshalb Eluveitie einige Sommerfestivals auslassen mussten. Die Band tritt auch in erneuerter Besetzung auf, aber das dürfte in dem professionellen Geschäft, dem Eluveitie nachgehen, kein Grund für ein weniger überzeugendes Konzert in Tolmin sein. Trotzdem haben Eluveitie das Wesentliche herausgeholt und mit den Songs Your Gaulish War, King, Nil, Lvgvs, Quoth the Raven, The Call of the Mountains, A Rose for Epona, Thousandfold und den obligatorischen Rebirth und Inis Mona ihr zahlreiches Publikum glücklich gemacht.
Den ersten Festivaltag beschlossen auf der Lemmy-Bühne im großen Stil die polnischen, na ja, Kolosse, Behemoth. Der Bühnenaufbau dauerte ziemlich lange, denn Inferno saß mit seiner Batterie wieder auf einem hohen Podest, und das Gitarrentrio hatte ebenfalls jeweils sein eigenes Podium und riesige Mikrofone, wie üblich verziert mit luziferischen Symbolen. Behemoth begrüßten Tolmin diesmal mit Ov Fire and the Void, und der Rest stand wieder weitgehend im Zeichen des ziemlich langweiligen The Satanist, mit Ausnahme des aufgemotzten Ora Pro Nobis Lucifer. Warum der Bühnenaufbau so lange gedauert hatte, war gleich ganz am Anfang klar, denn die Polen hatten ein echtes Feuerspektakel vorbereitet, voller ausbrechender Explosionen und Feuerfontänen. Der Blick auf die Bühne war damit wirklich spektakulär, leider kamen aber schnell die erbärmlich übertriebene Pose und übertriebene Theatralik zum Vorschein, die gelegentlich schon an Parodie grenzen. Das Erlebnis verdarb etwas auch der ziemlich schlechte, dünne und matschige Sound sowie Nergals wirre Ansagen. Behemoth machten es zwar mit der Vorstellung des neuen Songs Wolves of Siberia wett, der seinen Platz auf dem neuen Album finden wird, aber leider ist das ein ziemlich durchschnittlicher Song, die logische Fortsetzung von The Satanist. Die größte Überraschung war so der Gastauftritt von Niklas Kvarforth (Shining) bei der Coverversion des The-Cure-Klassikers A Forest, die recht gelungen ausfiel, auch wenn ausgerechnet der Gesang ziemlich schlecht zu hören war. Die große Bühne beschlossen Behemoth den ersten Tag also mit einem soliden, guten Auftritt, aber nicht mehr als das.
Den Schlusspunkt auf der zweiten Bühne setzten als Hauptact die legendären N.W.O.B.H.M.-Veteranen Diamond Head. Die Band, die mit ihren Alben unwissentlich Metallica geformt hat, den heutigen globalen Metal-Titanen. Alles dreht sich in der Band heute natürlich um das einzige Originalmitglied und den Gitarristen Brian Tatler. Die Band hat vorletztes Jahr das Comeback-Album »Diamond Head« veröffentlicht, nachdem sie sich mit einem neuen Schreihals gefestigt hatte, dem dänischen Sänger namens Rasmus Bom Andersen. Wenn Diamond Head auf die Bühne kommen, ist klar, was von ihnen verlangt wird. Material aus den Achtzigern. So viel wie möglich davon. Die Band wusste das klar und spulte so auch den Großteil ihres Konzerts ab. Von den neuen Songs des durchaus soliden Albums »Diamond Head« hörten wir Set My Soul On Fire und Bones in Diamonds, und das Repertoire beschwerten Diamond Head kräftig mit Material des kultigen Studiodebüts »Lightning To The Nations« (1980), von dem neben dem Titelsong noch folgende Stücke an der Reihe waren: Shoot Out The Lights, Helpless, The Prince, der Opener Play It Loud, gegen Ende It’s Electric, Sucking My Love und das abschließende Am I Evil?, ohne dessen Aufführung es zum Bühnenlynchen hätte kommen können. Die Band ließ auch das Album »Borrowed Time« (1982) nicht aus und spielte neben dem Titelsong auch In the Heat of the Night, und kurz blitzte auch das Album »Canterbury« (1983) auf, als die Band To the Devil His Due spielte. ). Diamond Head bewahren Kompaktheit und Undurchdringlichkeit. Dieses Jahr kündigen sie auch ein neues Studioalbum an! Rasmus Bom Andersen war nicht so turnerisch aufgedreht wie letztes Jahr auf der viel größeren Bühne des Bang Your Head!!!-Festivals, wo er auch den weiten »Catwalk« nutzen konnte, lieferte aber trotzdem eine souveräne und korrekte Gesangsleistung ab. Das legendäre Quintett lieferte reichlich nostalgische Momente, und in den ersten Reihen konnte man einige ältere Besucher zählen, die mit der Band auf der Bühne die Geburt des großen Metal-Booms an der Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern noch einmal durchlebten. Unbezahlbar. Ein wunderschöner Schlussakt des ersten Festivaltags.
Nina Grad (Fotos): Dust Bolt, Pillorian, Jig-Ai, Reject the Sickness, Morost, Ingested, Jinjer, Leprous, Skeletonwitch, Carpathian Forest, Behemoth
Sebastijan Videc (Fotos, Video): Moros, Vuur, Oubliette, Hate, Alestorm, Eluveitie, Behemoth, Diamond Head
Aleš Podbrežnik (Text): Moros, Vuur, Hecate Enthroned, Jinjer, Alestorm, Eluveitie, Diamond Head
Primož Novak (Text): Ingested, Leprous, Hate
Rok Klemše (Text): Dust Bolt, Pillorian, Jig-Ai, Skeletonwitch, Carpathian Forest, Behemoth
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