Ein Abend musikalischer Schrullen in Cerkno mit Zlatko Kaučič und Litošt (2018)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Cerkno / bar Gabrijel / Slowenien
Konzertdatum: 04.05.2018
Besucherzahl: 60
Eintrittspreis: 5,00€

Das letzte Konzert im Jahreszyklus der bereits 23. Ausgabe des Festivals Keltika, dem wir traditionsgemäß in Cerkno und dem dortigen Bar Gabrijel beiwohnen, brachte einen alten, guten Bekannten dieser Gegend auf die Bühne. Einen der interessantesten slowenischen Musiker überhaupt. Zlatko Kaučič. Einen vielschichtigen und in seiner Vision facettenreich geschliffenen Perkussionisten und Schlagzeuger – oder lieber weiter gefasst: einen musikalischen Künstler. Zu Zlatko gesellten sich auch die hervorragenden musikalischen Provokateure Litošt, die mit ihrer Rhetorik elektronischer Klangverführung den Hörer keineswegs weniger reizen. Cerkno ist eigentlich so etwas wie die slowenische Hauptstadt des Jazz, auch wenn ich weiß, dass dieser Satz einiges an Eifersucht auslösen wird – ob aus Ravne na Koroškem, Maribor oder natürlich Ljubljana. Cerkno hat eine ausgewiesene Jazz-Tradition, die mit der Außergewöhnlichkeit des musikalischen Abenteurertums aufwartet, und nur wenige Ecken Sloweniens können da mithalten. Mehr noch: Cerkno kann sich einer Tradition der größten musikalischen Diversionen rühmen, die das menschliche Vorstellungsvermögen und die Musikkultur überhaupt hervorzubringen vermögen.

Zlatko ist eben einer dieser Bannerträger. Der wackere Mann hat also kurz nach neun Uhr abends ganz allein sein Schlagzeug auf der Bühne in Beschlag genommen. Begleitet von der aufmunternden Ansage des hauseigenen Inventars des Gabrijel – dem uns allen lieben  Weltenbürger Dario Cortese – ließ sich Zlatko nicht lange bitten, seine gesamte Natur perkussiv-schlagzeugerischer Besessenheit zu zeigen, die in ihrem Experimentalismus natürlich auch die Gefilde der Avantgardemusik betritt. Für diesen Anlass hatte er sein Werk Rainbow Solitude eigens neu definiert und in Rainbow Solitude Nr. 2 umbenannt. Er widmete es Boštjan Cvek. In einer knappen Dreiviertelstunde saftigen und esoterischen Spiels des »Unvorhersehbaren« und »Spontanen«, das natürlich auch einige Eskapaden handfester körperlicher Übungen über Becken und Fellen umfasste, unterhielt Zlatko die Anwesenden mit der Kombination elektronischer Klangerzeugung (dabei bediente er sich natürlich des Delay-Memorierens) sowie des Xylophons.  Dabei bürstete er auch über die Felle und ritzte und kratzte mit antennenähnlichen Metallschlägeln am Gerüst der Drums und den Fellen entlang. In seinen Händen wurden die Handtüchlein des Hauses, kleine Schälchen – Tassen, sogar leere Laško-Dosen zu Klangerzeugern – am meisten im Gedächtnis blieb jedoch der Plüschhase als besondere Attraktion der Konzertvorstellung des musikalischen Genies Zlatko Kaučič. Die Vorstellung schlug augenblicklich um und erfasste alle Anwesenden vollständig. Zlatko bleibt ein Phänomen ohne Gleichen. Ganz besonders in Slowenien. Der Auftritt erinnerte nicht selten an die Darbietung von Fred Frith im Cankarjev dom Mitte Februar dieses Jahres, nur dass dieser eine ähnliche Revision verschiedenster Gegenstände klanglich an der Gitarre und nicht am Schlagzeug erprobt – und dass Zlatko auf der Bühne, anders als Frith, eben nicht barfuß auftritt.  

Auf Kaučič folgten im weiteren Verlauf des Konzertabends  die nicht minder besonderen »schrulligen Klangexperimentatoren« und Einreißer aller musikalischen Rahmen und Tabus, die im logischen Verständnis von Musik entstehen – Litošt. Ein Trio mit zwei Knöpfedrückern und einem Schlagzeuger. Was für ein Trio aber. Es besteht aus Boštjan Simon (DSI Evolver, Max, Oberheim Matrix 6, Effekte), Vitja Balžarosky (Arturia Minibrute, Moog Slim Phatty, Effekte) und Bojan Krhlanko (Schlagzeug, Klangerzeugung). Alle kommen aus dem Jazz-Umfeld, doch ihre vielschichtige und freiheitsverliebte Begeisterung für die expressive Authentizität der musikalischen Übertragung führt in die Entdeckung und Erschließung neuer zerebraler musikalischer Dimensionen, die das Laienenohr oft nicht erkennt und nicht wahrnimmt. Litošt fangen sie dankbar auf. Man trifft sie kaum auf einer Bühne, da die Bandmitglieder ständig handfest in verschiedenen Projekten beschäftigt sind. Balžarosky und Krhlanko wurden kürzlich sogar Mitglieder der aktuellen Inkarnation der slowenischen Alt-Industrial-Größen Laibach. Vitja kannst du als aufgedrehten Schweißer schwer rollender Riffs bei Carnaval antreffen, Krhlanko unter anderem bei Brest, das als eine der zugänglicheren musikalischen Inkarnationen des slowenischen Gitarren-Großmeisters Samo Šalamon gilt. Litošt haben bereits 2013, als Boštjan und Vitja noch deutlich kürzere Frisuren trugen, mit einem Auftritt auf der Metelkova in Ljubljana den damals unvorbereiteten ehemaligen RockLine-Reporter Tine Kolenik völlig entwaffnet und durcheinandergebracht. Auch diesmal haben sie mit ihrer scharfsinnigen musikalischen Provokation dem Mann, der gekommen war, um das Konzert im Gabrijel zu covern, den Boden unter den Füßen weggezogen. So viel spontanen Spaß, großen Enthusiasmus und Genuss auf einmal trifft man nicht allzu oft. Die Kerle verwandelten sich in drei große Kinder, die in ihrem Spiel unglaublich viel Freude hatten. Der direkte Kontakt des Trios stimmte. Auch der Augenkontakt, besonders zwischen Krhlanko – Balžarosky. Krhlanko brach den Rhythmus mehrfach, wechselte das Tempo wie auf eine Wette, doch Boštjan und Vitja durften dabei keinen Moment vom strikten Fokus auf die rhythmische Textur abschweifen, die Bojan mehrfach handfest komplex würzte und dabei auch beide Mitstreiter gelegentlich überraschte. Das Geflecht zahlreicher elektronischer Pastelle, die in ihrer Natur auch »klangliche Durchgeknalltheit und Verspieltheit« hervorriefen, schuf eine eigenartige musikalische Inkarnation, die als Einheit wirkte. Sogar Dub-Spuren konnte man in einer solchen klanglichen »Minestrone« herausschälen. Durch das gesamte Repertoire machten die Jungs keine einzige Pause. Das Gefühl war, als spielten sie eine einzige Komposition über eine knappe Dreiviertelstunde des Konzerts. Die Klangverteilung ausgezeichnet. Das Zusammenspiel der Bausteine nicht minder. Litošt sind die richtige Adresse für alle musikalischen Gourmets, die scharfkantigen Abenteuergeist in der Musik suchen. Das ist die musikalische Lektüre. Die sich einen Dreck um  Genreschubladen schert. Sie sind ungewöhnlich, nicht alltäglich, divergent herausfordernd, dem Verstand völlig unkontrollierbar – was nur ein weiterer Beweis dafür ist, dass du Musik keineswegs als Kombination mathematischer Gleichungen hören kannst. Die beste Methode ist, bei einem solchen Konzert die Augen zu schließen. Und damit entfernst du einen der Störfaktoren, die die Wahrnehmung der musikalischen Information von ihrem Wesen entfernen.  Genauso gut hast du daran getan, wenn dir das schon während der Darbietung von Zlatko Kaučič eingefallen ist.

Kurzum: Bar Gabrijel hat einmal mehr in seinem ganzen Glanz musikalisch aufgestrahlt. Und nun hüllt sich Cerkno bereits langsam in das Vorfestivalfieber des Jazz Cerkno. Noch ein bisschen. Ganz wenig noch.

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