Zweistündige Landung des interstellaren Raumschiffs Kraftwerk in Ljubljana (2018)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Dvorana Tivoli (Mala dvorana) / Slowenien
Konzertdatum: 22.02.2018
Besucherzahl: 3500
Kartenpreis: 45,00€ (Parterre) / 42,00€ (Tribüne)
Zeit, was ist Zeit? Eigentlich gibt es sie nicht. Ein wahrhaftiger Künstler kennt sie nicht und erkennt sie auch nicht an. Erst recht nicht, wenn du auf das Düsseldorfer Musikmonster Kraftwerk triffst, eine Band, die wahrlich seit Anfang der Siebziger am Werk ist und die mit ihren revolutionären Alben ab 1974 (im Hinblick auf die weltweite musikalische Evolution) einige Epochen in die Zukunft übersprungen hat und dabei gleichzeitig prophetisch den Lebensstil vorhergesagt hat, den wir heute leben und der sich in der Zukunft generiert. Kraftwerk sind tatsächlich, ganz so wie es das Raumschiff in ihrer Bühnenchoreografie vorgibt, in Ljubljana aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum angekommen, aus einer Galaxie der Zukunft, die für zwei Stunden in Ljubljana zur Gegenwart wurde, oder zur greifbar realen Abbildung von etwas, das noch kommen wird. Wer hätte gedacht, dass Computer Love, entstanden 1981, in der neuen Zeit so aktuell werden würde. Zu dem Zeitpunkt, als es entstand, dachte niemand an virtuelle Liebe, die heute im Netz etwas völlig Normales ist. Die Entmenschlichung und die Fusion von Maschine und Mensch vollziehen sich also. Wenn du schon seit einer guten Weile die Abstumpfung und Kälte Ljubljanas beobachtest, die Entfremdung vor allem der gymnasialen Jugend, die mit der Platine ihrer Taschenandroids verschmilzt, dann sind all diese Assoziationen grausam. Geißel Gottes. Kraftwerk, das zeitlose Phänomen, hat sich nicht nur als große Innovationsfigur auf der Musikszene der Galaxie erwiesen, sondern auch als Prophet. Und diese Prophezeiung setzt sich noch immer um.
Sie waren nicht das einzige außerordentlich intelligente Musikkollektiv, das Ende der Sechziger in Westdeutschland auftauchte. Da waren auch Faust, Can, Amon Düül, Neu! und eine ganze Reihe weiterer Visionäre, die mit ihrem verwegen avantgardistischen Geist ein neues Genre der »kosmischen Musik« auf die Beine stellten (der britische Begriff „Krautrock“ war für diese deutschen Intellektuellen „blasphemisch“ und wurde als Schändung ihrer Kunst verstanden), doch die Düsseldorfer Pioniere haben in ihrem Kling Klang-Studio, wo sie völlig neue Instrumente selbst zusammenbauen mussten, darunter Vocoder, Modularsynthesizer und Synthesizer, mit ihrer revolutionären Nomenklatur der »Klangverzerrung«, mit dem wegweisenden »Autobahn« (1974), als Erste die Tore weit aufgestoßen für den Aufstieg der elektronischen Musik. In all ihren „post Kraftwerk“-Sphären der Evolution. Beziehungsweise der „evolutionären Jagd“ der Kraftwerk-Doktrin.
Die Jahre vergehen, neue Studioalben von Kraftwerk gibt es schon lange nicht mehr, doch die Band tritt übers Jahr regelmäßig auf Bühnen auf und verfeinert und erweitert dabei die Arrangements ihrer Musik. Damit einher geht auch die Visualisierung der Konzerte, die ihre spektakulären Auftritte begleitet. Nach den ausverkauften Križanke im Jahr 2004 haben Kraftwerk nach 14 Jahren in ähnlicher, aber höherer Besucherzahl auch den kleinen Saal der Hala Tivoli gefüllt!
Die Band hat im vergangenen Jahr einen umfangreichen Katalog von acht Konzert-CDs mit dem Titel »3-D The Catalogue« veröffentlicht, dem sie auch die diesjährige »3-D«-Konzerttournee untergeordnet hat. Auch Ljubljana hat so nach einer längeren Durststrecke — zuletzt drängten wir uns im Oktober in der Arena, wo Nick Cave auftrat — mit dem Erscheinen von Kraftwerk ein neues, klangvolleres Musikspektakel bekommen, bei dem dann auch wieder eine neue Vielfache von Tausend an Publikum zusammenkam. Jede Menge Besucher aus Italien, Kroatien, auch aus der Umgebung des österreichischen Villach und Klagenfurt, aber ein Klientel, dem ich als »verkrampfter Gitarrenkonzert-Besucher« normalerweise nur selten begegne. Und wieder viele Leute im Parterre, die nur da sein wollen. Sprich: Android in der Hand und mit allem anderen beschäftigt, nur nicht damit, dem Konzertauftritt der legendären Band zu folgen — nein.
Zwei Stunden Hypnose. Eine riesige Leinwand mit außergewöhnlichen Visualisierungen, kombiniert — ihr habt’s erraten — mit dem musikalischen Artismus der Band. Eine himmlische Verbindung zweier Welten! Der klanglichen und der visuellen. Nach strikt deutscher Manier. Im Handumdrehen drehen sich einem sämtliche Filme über Musikgeschichten durch den Kopf, bis hin zu Laibach und Rammstein, und sehr wahrscheinlich hat auch unser Karatemeister Miha Kralj dieses Konzert keinesfalls verpasst. Die Gefühle, die man bei einem Konzert von Kraftwerk erlebt, sind natürlich einerseits zutiefst nostalgisch (sofern du Anfang der Siebziger geboren wurdest), Kraftwerk aber werden gerade in der neuen Zeit von Jahr zu Jahr immer grotesker unterhaltsam, denn mit ihrer Präsenz und ihrem Erbe berühren sie die Zeiten der ersten Schritte der Digitalisierung, wie es etwa primitive Computer und die Formen der ersten digitalen Aufzeichnungen auf der Leinwand zeigen. In die echten Siebziger aber katapultieren dich vor allem die Visualisierungen zu Autobahn, bei denen du mühelos Teil eines VW-Käfers und eines Mercedes jener Klasse wirst, in der sich einst unser längst verstorbener Marschall und natürlich der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl chauffieren ließen. Und dann, auf einer dritten Ebene, sind Kraftwerk etwa mit Radioactivity, Computer Love und The Robots hochaktuelle Boten einer neuen Realität der modernen Gesellschaftsordnung, die sie prophetisch angekündigt haben! Ihr nicht selten bizarrer Minimalismus erschafft eigentlich sein Gegenteil. Er greift in den »Maximalismus«. Ein Durchgang durch alle Epochen und alle zehn Alben der Band, wobei die Tatsache, dass The Model in der ersten Konzerthälfte gespielt wurde, so manchen überrascht hat — doch Kraftwerk wollten das Konzertmaterial möglichst in einer sinnvoll konzipierten Reihenfolge präsentieren, teils auch im Sinne der chronologischen Evolution ihrer Kultalben.
Die Band hat also die Arrangements der Originale über die Jahre bereichert, erweitert und das Klangerlebnis „veredelt“. Die Bässe wurden mit einer solchen Intensität betont, dass du das Zittern im Magen gespürt hast. So hat etwa Das Model beziehungsweise The Model im Vergleich zum Original in einer deutlich kompakteren, beinahe sinfonischen Nomenklatur nachgeklungen, und generell haben die Stücke über die Jahre noch mehr Sympathie für Tanzschritte gewonnen. Sie haben sich also über die Jahre eine noch größere rhythmische Durchschlagskraft angeeignet!
Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen bleiben, nach fast fünf Jahrzehnten musikalischer Revolution, mit ihrem interstellaren Raumschiff nach wie vor ein großes musikalisches Phänomen der Zukunft! Und nach wie vor eine musikalische Revolution! Was das Konzerterlebnis angeht, ist der Besuch ihres Konzerts in jeder Hinsicht Pflicht für jeden Erdenbürger und eine Köstlichkeit, für die man gerne sündigt. Egal ob du ihr Fan bist oder absoluter Musiklaie. Ein Erlebnis, das dich aufweckt, wachrüttelt, erschüttert und das dich nicht nur für zwei Stunden in eine eigentümliche Welt jenseits der Realität entführt, sondern das Bewusstsein, die Sinne und das intuitive Innere öffnet und erweitert.
Ahhh…. und nebenbei, falls es jemanden interessiert. Die sexy Brillen. 3-D-Brillen! Das obligatorische Requisit, das du beim Eingang in die Halle und auf das Konzert der Band bekommen hast! Fast hätte ich’s vergessen.
Setlist
1. Numbers / Computer World
2. It’s More Fun to Compute / Home Computer
3. Computer Love
4. The Man Machine
5. Spacelab
6. The Model
7. Neon Lights
8. Autobahn
9. Airwaves
10. Geiger Counter / Radioactivity
11. Electric Café
12. Tour De France / Prologue / Etape 1 / Chrono / Etape 2
13. Trans Europe Express / Metal on Metal / Abzug
—Zugabe I.—
14. The Robots
—Zugabe II.—
15. Aéro Dynamik
16. Planet of Visions
17. Boing Boom Tschak / Techno Pop / Music Non Stop
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