Freche Klangexperimente der Rock-Opposition mit Fred Frith (2018)
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Cankarjev Dom / Slowenien
Konzertdatum: 20.02.2018
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 20,00€
In den Räumlichkeiten des Klub CD, der sich im Cankarjev Dom befindet, trat drei Tage nach seinem 69. Geburtstag der kultische englische Gitarrist Jeremy Webster ‚Fred‘ Frith auf, der im vergangenen Jahrhundert, noch als Mitglied der unvergesslichen Gruppe Henry Cow, eine Schlüsselrolle bei der Herausbildung des Avantgarde-Rocks und der RIO (Rock in Opposition) Szene spielte. Dieser ewige musikalische Innovator und Liebhaber der freien Improvisation, der auf konventionelle Musikformen pfeift und in der Vergangenheit, nach der Auflösung von Henry Cow, auch bei den Gruppen Art Bears, Massacre und Skeleton Crew aktiv war, während er mit Musikern wie John Zorn, Robert Wyatt, Brian Eno, Derek Bailey und Mike Patton zusammenarbeitete, um nur einige zu nennen, gab einen Soloauftritt ohne jegliche Begleitung, den die Besucher so schnell nicht vergessen werden, denn Frith hat sich bei der Erschaffung unvorhersehbarer Klangexperimente wieder einmal selbst übertroffen.
Jedes seiner Konzerte ist eine völlig eigenständige Geschichte, denn der unermüdliche Multiinstrumentalist, der neben der Gitarre auch Keyboards, Bass und Violine beherrscht, schafft mithilfe seiner Klangmittel, mit denen er nach aktuellem Einfall freie Improvisationen kreiert, bei jedem neuen Auftritt eine völlig neue musikalische Erfahrung. Bei seinen Auftritten spielt er selten bereits aufgenommenes Material, etwa alte Soloarbeiten oder Stücke seiner früheren Gruppen. Viel lieber erschafft er völlig neue Klangexperimente, die niemanden im Publikum kalt lassen – und so war es auch an diesem Abend. Frith betrat die Bühne barfuß, also seiner gewohnten, langjährigen Praxis folgend, und setzte sich mit der Gitarre im Schoß auf einen Hocker neben einem Tisch, der sich regelrecht unter dem Gewicht verschiedenster Klang-Requisiten bog. Dazu gehörten ein Geigenbogen, goldene Ketten, Kreisel, Schälchen, ein Topf, eine Handvoll Reis, eine Schuhbürste und Wäscheklammern.
Fast alle genannten Requisiten sind selbst gebastelt, und das Gitarrengenie legte sie nach aktuellem Einfall und mit geradezu väterlicher Zuneigung zwischen (und über) die Saiten. Dann schichtete er mithilfe eines speziellen Samplers, den er mit Fußtritten auf ein Klangpedal steuerte, alle erzeugten Klänge übereinander und vermischte sie zu einer höchst bunten Klangcollage. Diese bekommt oft ausgesprochen komische Dimensionen, klingt zu anderen Gelegenheiten schon fast postapokalyptisch – ist aber in jedem Fall Musik, die alles andere als geeignet ist für das Autoradio oder romantische Abende bei Kerzenlicht.
Diese Klangcollagen bespielt Frith dann – wie sein musikalisch eigenwilliger Landsmann Robert Fripp (King Crimson), mit dem er eine ähnlich verwandte Gitarrentechnik teilt, ist er Autodidakt – in Form von Klangkulissen durch äußerst vielfältige Gitarrenimprovisationen, ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken. Der Kerl ist ein echter Meister seines Lieblingsinstruments, was er mehrfach mit leidenschaftlichen und völlig unkonventionellen Soli demonstrierte, denen wieder das Aufschichten verschiedener Requisiten auf die Gitarrensaiten folgte – wobei das Umschütten von Reis von einer Schale in die andere am meisten auffiel –, während er sich bei Gelegenheit sogar an vokale Improvisationen wagte, die am ehesten an druidische Beschwörungen erinnerten. Nur wenige musikalische Eigenbrötler könnten sich mit dem Avantgarde-Rock/RIO-Patriarchen messen, der während seines Auftritts keinerlei Gefühle zeigte außer vollständiger Hingabe an seine Klangexperimente.
Frith war nicht der Erste, der sich ans Bearbeiten von Gitarrensaiten mit Geigenbogen oder Bürste wagte – man denke nur an die musikalischen Anfänge des verstorbenen Frank Zappa, der in einer Musiksendung mit einem Geigenbogen auf ein Fahrrad spielte –, aber er ist mit großer Wahrscheinlichkeit derjenige, der mit solchen Tricks in seiner Karriere am meisten experimentiert und die freie Improvisation zu neuen Formen klanglicher Provokation getrieben hat, und damit bewiesen hat, dass im progressiven bzw. avantgardistischen Rock noch immer enorm viel Raum für Innovationen aller Art vorhanden ist. So hat sich Frith, der viel von Zappas Manipulationen an der Rockmusik gelernt hat, im Laufe der Jahre den Titel ‚musikalischer Provokateur Nummer eins‘ erworben – was sein vollständiges Ablehnen konventioneller Musikformen und jeglicher potenzieller kommerzieller Gefälligkeit betrifft –, daher ist es kein Wunder, dass er in seiner Karriere mehrfach mit einem weiteren ‚Klangprovokateur‘ der ersten Liga zusammengearbeitet hat: John Zorn.
Der große Innovator Frith unterhielt uns in einer guten Stunde seines leidenschaftlichen Bearbeitens der Gitarrensaiten von allen möglichen Seiten und Winkeln sowie mit allerlei Haushalts- und Trödelutensilien vor allem durch seine vollständige Verachtung jeglicher etablierter Musikformen, kommerzieller Zugänglichkeit und durch die Erschaffung avantgardistischer Klangformen, die ständig zwischen Groteske, Düsternis und absoluter Komik wechselten. Im Publikum war an diesem Abend auch seine Tochter anwesend, die ihn in den letzten Jahren zu den meisten Konzerten begleitet und dafür sorgt, dass er sich auf seinen Reisen so wohl wie möglich fühlt. Friths Auftritt war zwar kurz, erfüllte aber in jeder Hinsicht die hohen Erwartungen der Liebhaber avantgardistischer Spielarten des Progressive Rock sowie aller Neugierigen, die wenigstens für einen Tag dem Einheitsbrei entfliehen wollten, den die kommerziellen Radiosender rund um die Uhr spielen und damit die Ohren und den Geist der heutigen digitalisierten Jugend vergiften. Friths Auftritt im Klub CD wird bei so manchem sicher den Wunsch wecken, seiner neuesten Studioarbeit zu lauschen, die er mit dem Fred Frith Trio aufgenommen hat und die »Another Day in Fucking Paradise« heißt.
Bildergalerie














