Rock of Ages (2. Tag) – die bunte Palette der Rockerbranche traf verschiedene Geschmäcker (2011)

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Ort: Seebronn (Rottenbrg a. d. Neckar) / Festivalgelände / Deutschland
Datum: 29.07.2011


Nach dem heftigen Regen des Vortages enthüllte erst der Morgen das volle Ausmaß des Unwetters. Überall Pfützen, kleine Seen und Schlamm, die einen beim Querfeldein-Laufen über das Festivalgelände zwangen, jeden einzelnen Schritt sorgfältig zu beobachten. Die Veranstalter legten an den kritischsten Stellen (Eingang zur Festivalzone, Ausfahrt aus dem Parkplatz …) Paletten aus und streuten Sägemehl, um die Folgen des Unwetters zumindest ein wenig abzumildern.

Den Konzerttag eröffneten die deutschen Heavy Rocker Voodoo Circle mit Mat Sinner am Bass. Nach einem ansprechenden Hard-Rock-Auftritt vor überschaubarem Publikum übernahmen Circle II Circle die Bühne, amerikanische Heavy Metaller unter der Führung des ehemaligen Savatage-Sängers Zac Stevens. Die Auftretenden mischten zwischen Savatage-Klassiker ihr eigenes Material mit Schwerpunkt auf dem aktuellen Album „Consequence of Power“. Während der ersten beiden Auftritte erkundete die Rockline-Crew die Festivalstände und erweiterte ihre eigene Tonträgersammlung, weshalb für mehr als nur einen flüchtigen Blick keine Zeit blieb. Die erste Band, der wir vollständig beiwohnten, war Girlschool, eine veterane weibliche Heavy-Metal-Formation aus England.

GIRLSCHOOL
Girlschool ist ein legendäres Frauenquartett, das ein wichtiges Glied im Mosaik der Entwicklung der britischen NWOBHM-Bewegung war und gleichzeitig die erste weibliche Heavy-Metal-Formation, die die Ohren zahlreicher Hörer rund um die Welt erreichte. Die Band besteht heute aus langjährigen Freundinnen Kim McAuliffe (Gitarre), Enid Williams (Gesang, Bass), Denise Dufort (Schlagzeug) und der im Jahr 2000 dazugestoßenen Jackie Chambers (Gitarre), die die ursprüngliche Gitarristin und einstige treibende Kraft der Band, die verstorbene Kelly Johnson, ersetzte. Die Mädels (genauer gesagt: die Tanten) präsentierten sich als äußerst interessante Besetzung, die sich nicht allzu viel aus den längst vergangenen Jungmädchenzeiten macht. Der energiegeladene Auftritt mit eingängigen, simplen Heavy-Metal-Riffs und Rock’n’Roll-Rhythmik im Motörhead-Stil war die einzige Hommage des diesjährigen Rock of Ages Festivals an die Frühphase des Heavy Metal und erinnerte an die goldenen Jahre der frühen Achtziger. Auch wenn sich mit den Jahren ein paar Falten angesammelt haben — Girlschool halten sich wacker! In vorwiegend ledernen Outfits im Oldschool-Look posieren sie auf der Bühne und pflegen auch im fortgeschrittenen Alter eifrig ihre Bühnenpräsenz und ihr Image; dem männlichen Auge gefällt dabei vor allem die rothaarige Frontfrau Williams. Girlschool rasten in rasantem Tempo durch ihr Repertoire, das stark auf die klassischen Alben „Demolition“, „Hit and Run“ und „Screaming Blue Murder“ fokussiert war. Den regulären Teil des Auftritts schlossen die Britinnen mit dem Hit Emergency ab, für den ihnen vor zwei Jahren beim Wacken Rock South Festival, wo ich sie zum ersten Mal erlebte, die Zeit fehlte und die Bühnentechniker sie buchstäblich von der Bühne jagten. Ein perfekter Abschluss eines ordentlichen Auftritts!

TREAT
Treat sind Vertreter der schwedischen Hard-Rock-Schule der Achtziger, denen mit der Popularisierung des Grunge zu Beginn der Neunziger die Lust am Schaffen abhanden kam und die daraufhin ihre Aktivitäten einstellten — ihre Geschichte ähnelt dem Schicksal vieler Hard-Rock-Formationen der Achtziger. Vor fünf Jahren kehrten sie auf die Szene zurück, und wie ein Phönix aus der Asche erstanden sie mit dem im vergangenen Jahr erschienenen Werk „Coup Da Grace“, einem Album von außerordentlicher melodischer Vollkommenheit, das Treat endgültig zurück auf die Rockkarte Europas brachte. Da die Schweden einen etwas moderneren Ansatz pflegen als die meisten anderen Bands des Festivals, versammelten sich vor der Bühne ein kleines bisschen weniger Unterstützer — doch das hielt die Blondschöpfe auf der Bühne nicht davon ab, einem neuen Konzerttriumph entgegenzusteuern! In einem guten Stunde langen Auftritt warfen Treat ein buntes Potpourri ihrer Achtziger-Hits auf die Bühne, denen die neuesten Songs wie The War Is Over, We Own The Night oder kurz vor dem Ende noch Skies of Mongolia vollkommen souverän Konkurrenz machten. Im abwechslungsreichen Songaufbau verwoben Treat giftig scharfe, metallisch infizierte Gitarrenlinien mit feinfühligem Keyboardeinsatz und mehrstimmigen Vokalharmonien und sorgten so für die stets willkommene erotische Komponente im Hard Rock. Treat sind wie guter Wein! Die Bühnenchemie funktioniert von ganz allein, das ständige Augenzwinkern und Lächeln zwischen dem Quintett auf der Bühne und dem Publikum beweist eindeutig, dass die Jungs in ihrem Tun vollkommen authentisch und unverfälscht sind. Die Refrains wetteiferten geradezu mit ihrer eingängigen Singbarkeit miteinander, weshalb die gute Stunde Auftritt mit World of Promises viel zu schnell verging. Die Schweden begeisterten mich einmal mehr, auch wenn diese Erfahrung, Hand aufs Herz, doch schwer mit der letztjährigen beim Sweden Rock Festival zu vergleichen ist, wo die Intensität und die Interaktion mit dem Publikum dank des Heimvorteils noch eine Stufe höher war.

MOLLY HATCHET
Aus dem frostigen Skandinavien folgte ein Sprung auf die endlosen Plantagen des amerikanischen Südens, in eine Zeit, als der Whiskey floss und die Cowboys ritten! Molly Hatchet sind typische Vertreter des patriotischen Rocks des amerikanischen Südens, die den Sommer mit einer kürzeren Europatournee verbrachten. Nach dem Auftritt beim Rock of Ages Festival machten sich die Onkel ins Studio nach Bad Arolsen auf, und dann hop zurück über den großen Teich neuen Konzerterlebnissen entgegen. Molly Hatchet zeigen auch nach fast vierzig Jahren Karriere keine Schwäche! Obwohl der einzige verbliebene Gründer nur Gitarrist Dave Hlubek ist, sind sie allesamt erfahrene Musiker, die wissen, wie man die Dinge anpackt. Fest auf der Bühne stehend und mit allen Wassern gewaschen, lassen sie das Bühnenspiel dem Lauf der Dinge über, viel gegenseitiges Scherzen und Necken, bei dem der redselige Frontman Phil McCormack die Nase vorn hat — ein Mann von stattlicher Statur, obligatorisch ausgestattet mit Sonnenbrille und Hut auf dem Schädel. Molly Hatchet veröffentlichen in den letzten Jahren fleißig neue Studioalben, deren Songs verständlicherweise einen guten Teil der gespielten Setlist einnehmen. Den Auftritt mit der simplen Rhetorik harter Boogie-Rhythmen, stilistisch deutlich härter als die Country-lastigen Skynyrd, schloss die einzige amerikanische Band der diesjährigen Festivalausgabe mit Flirtin‘ With Disaster ab, dem Titeltrack ihres erfolgreichsten Albums von 1979. Molly Hatchet haben auf väterliche Weise bewiesen, dass Southern Rock noch immer ordentlich Mumm in den Knochen hat!

ERIC BURDON & The ANIMALS
Eric Burdon ist ein Musiker von beachtlichem Ruf, der seit gut einem halben Jahrhundert kreativ in der Blues-Musik verschiedenster Subgenres tätig ist. Einst war Burdon der Kopf von The Animals, an deren Namen er auch alle Urheberrechte besitzt, weshalb er heutzutage unter dem unverkennbaren Markennamen Eric Burdon & The Animals auftritt.

Eric Burdon ist ein Mann von großer Charisma, was er während des Auftritts jede einzelne Minute unter Beweis stellte. Mit den Jahren hat er sich jede Menge Speckringe zugelegt, die er unter einem schlichten Hemd mit karibischen Motiven versteckte. Seine Stimme hat den Zahn der Zeit überstanden und bewahrt auch heute noch die unverkennbare Rauheit und rohe Kraft — all das bei kaum hörbarem Nachlassen, um das ihn jeder Vokalist seines Formats beneiden kann. Burdon genoss vokale Ausflüge abseits der Originale seiner hitorientierten Setlist, womit sich seine Bühnenbegleiter leider nicht rühmen können. Die Begleitmusiker hielten sich pedantisch an die Anweisungen des Chefs und nutzten die Gelegenheit zum Jam-Experimentieren nicht, die die bunte Instrumentenpalette auf dem Silbertablett bot. So drehte sich alles um Burdons herzlichen Ansatz und seine energiegeladenen, stellenweise klanglich überarbeiteten größten Hits einer langen Karriere. Die erste Begegnung mit dem psychedelischen Erbe der Sechziger bildete der Eröffnungssong When I Was Young, in Don’t Let Me Be Misunderstood trat der Oldschool-Klang der Hammond-Orgeln in den Vordergrund, für die lautesten Ovationen sorgte natürlich das immergrüne House of the Rising Sun, dargeboten in einer etwas langsameren Version als man sie aus dem Radio gewohnt ist. Die angenehme Reise in die ferne musikalische Vergangenheit schloss We’ve Gotta Get Out of This Place ab und feierte Burdon mit der Band als eine sympathische Attraktion, nach der wir uns mit der Zeit noch sehnlichst zurücksehnen werden.

THIN LIZZY
Thin Lizzy, die unsterblichen Förderer des irischen Rock-Erbes, blasen auch im Jahr 2011 mit vollem Dampf, obwohl sie Herz und Seele schon längst verloren haben. Gerade in diesem Jahr gedenken wir des 25. Jahrestages des Abschieds von Phil Lynott, der viel zu früh Anfang 1986 verstorben ist. An den großen Sohn der Rockmusik erinnerte in diesem Jahr auch seine Heimatstadt Dublin und widmete ihm im Jubiläumsjahr verschiedene Straßengedenkveranstaltungen und Ausstellungen. Nun aber zurück zu Thin Lizzy in der Gegenwart. Heute besteht die Band aus Lynott-Weggefährten Scott Gorham (Gitarre), Brian Downey (Schlagzeug) und Darren Wharton (Keyboards) sowie den neu dazugestoßenen Ricky Warwick (Gesang, Gitarre), Marco Mendoza (Bass) und Richard Fortus (Gitarre).

Das versammelte Team mehr oder weniger klangvoller Musikernamen weiß natürlich, wie man die Dinge anpackt. Der professionelle Ansatz ohne ein Quäntchen Zögern und die durchdacht zusammengestellte Hit-Setlist erwiesen sich als Volltreffer. Der tätowierte Frontman Warwick, den vielleicht der eine oder andere auch als Kopf von The Almighty kennt, nutzte die Weite und Größe der Bühne mit kinetischer Energie fleißig aus — im Gegensatz zum Gitarrengespann Gorham / Fortus, das einen etwas weniger temperamentvollen Bühnenansatz pflegt. Auf der linken Bühnenseite regierte Spaßvogel lateinamerikanischer Wurzeln Marco Mendoza und unterhielt das Publikum mit Plektrumwürfen und anderen Gesten, während Keyboarder Wharton hinten rechts fast unbemerkt wachte — sein Beitrag im Klangbild war (wieder) minimalistisch. Die irischen Recken wandelten durch die größten Karrierehöhepunkte, auch diesmal ging’s nicht ohne Waiting For an Alibi, Jailbreak, Whiskey In The Jar und The Boys Are Back In Town, und zum Abschluss des Abends spielten sie nach erneutem Betreten der Bühne im Gedenken an den in diesem Jahr verstorbenen Gary Moore noch den Hit Black Rose. Bei den immergrünen Melodien glitt der Abend unmerklich in die Nacht, die erfahrenen Musiker präsentierten sich als gut geölte Maschine — obwohl ich persönlich, Hand aufs Herz, kein Freund dieser Art von Wiederbeleben alter Glorie mit neuen Gesichtern bin, schon gar nicht im Fall von Thin Lizzy. Jungs — ich hoffe, Phil nimmt euch das nicht übel.

Nach einer ordentlichen Dosis klassischem Rock in Form von Lizzy war es Zeit für die Headliner des Abends — The BossHoss! Boss..wer?, fragte sich wohl so mancher. Ich auch. Es handelt sich um einen weiteren Musiknamen, der in deutschsprachigen Ländern enorm populär ist, während er in internationalen Gewässern völlig anonym bleibt. Die Gruppe setzt auf unterhaltsam-peppigen Punkrock mit starkem Country- und Rock’n’Roll-Anteil im Stil von Elvis Presley — die simple musikalische Rhetorik spricht in erster Linie vor allem das Teenie-Publikum an. Dem BossHoss ist dabei keineswegs Korrektheit oder Einsatz abzusprechen, dafür verdient der Veranstalter umso mehr Kritik dafür, dass er der Band die Rolle der Hauptstars des Abends zugewiesen hat. Mehr noch: Die Band passt eigentlich überhaupt nicht ins Konzept des Rock of Ages Festivals, denn ihre Zielgruppe besucht Festivals wie Sziget, Frequency, Nova Rock und ähnliche … Ein wenig verärgert verschwand ich schnell in Richtung Zelte.

Die Organisation war tadellos, über die angenehme Atmosphäre des überwiegend reifen Publikums lässt sich natürlich ebenfalls nicht klagen — das Festivalwochenende trübte einzig das launische Wetter. Die zwei Tage musikalischen Verwöhntwerdens vergingen wie im Flug, und schon musste man beginnen, an die Heimreise zu denken. Das für Slowenien ziemlich weit entfernte Festival (wir reden von knapp 700 Kilometern) hinterließ also positive Gefühle, auch wenn ich persönlich nichts dagegen hätte, wenn es beispielsweise noch eine zweite Festivalbühne gäbe, die dem Event mehr Breite verleihen und vielleicht den einen oder anderen zusätzlichen Besucher anlocken würde — ein abwechslungsreicheres Programm würde natürlich auch die beschwerliche Fahrt zu einem so weit entfernten Festival leichter rechtfertigen.

Autor: Urban Bolta
Fotos: Martin Prezelj

12:00 — 12:50 VOODOO CIRCLE
13:00 — 14 :00 CIRCLE II CIRCLE
14:15 — 15:15 GIRLSCHOOL
15:30 — 16:40 TREAT
17:00 — 18:10 MOLLY HATCHET
18:30 — 19:50 ERIC BURDON & The Animals
20:15 — 21:35 THIN LIZZY
22:05 — 23:50 THE BOSSHOSS

GIRLSCHOOL Setlist:
1. Demolition
2. C’mon Let’s Go
3. Not For Sale
4. Hit And Run
5. I Spy
6. Screaming Blue Murder
7. Future Flash
8. Everything’s The Same
9. Yeah Right
10. Race With The Devil
11. Emergency
12. Take It All Away

ERIC BURDON & The Animals Setlist:
1. When I Was Young
2. Don’t Bring Me Down
3. Don’t Let Me Be Misunderstood
4. San Franciscan Nights
5. Red Cross Store
6. I Believe to My Soul
7. Invitation To The Whitehouse (It Was A Dream)
8. Boom Boom
9. Spill The Wine
10. It’s My Life
11. The House of the Rising Sun
12. I’m Cryin‘
13. We’ve Gotta Get Out of This Place


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