Dirkschneider mit neuem Sturm der Accept-Klassiker in Wien (2017)

0 11

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Wien / Szene / Österreich
Konzertdatum: 27.10.2017
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 35,00€

Es ist zwei Jahre her, dass sich die deutschen Metaller U.D.O., angeführt vom legendären einstigen Frontsänger der deutschen Metal-Titanen Accept Udo Dirkschneider, in Dirkschneider umbenannten und beschlossen, bei künftigen Konzertauftritten ausschließlich Accept-Material zu spielen. Nichts außer Accept. Die erste Konzerttournee erwies sich bereits als unglaublicher Erfolg, und Dirkschneider bestätigten daraufhin aufgrund des großen Interesses (sowie einer ganzen Reihe komplett ausverkaufter Konzertlocations) immer neue Konzerttermine. So erschienen in den Jahren 2016 und 2017 bereits gleich zwei Konzertdokumente (aus dem deutschen Memmingen und dem tschechischen Brünn). Das Jahr 2017 neigt sich dem Ende, und Dirkschneider haben sich auf ihre letzte Tournee begeben, auf der sie Accept spielen. Angesichts unserer beiden Besuche von Dirkschneider-Konzerten — nämlich im  Rahmen des Bang Your Head!!!-Festivals und in Brünn im vergangenen Jahr — hat es sich gezeigt, dass es sich lohnte, Dirkschneider auch ein drittes Mal zu sehen. Aus einem einfachen Grund: Sie haben das Konzertrepertoire nämlich komplett auf den Kopf gestellt und einige Songs hineingepackt, die Accept seit Jahren beharrlich aus dem Konzertrepertoire ausschließen.

Aber der Reihe nach. Das Konzert eröffneten die österreichischen Garagedays, eine Band aus der Tiroler Stadt Rattenberg. Die Band, die seit 2005 aktiv ist, hat eine Reihe von Demo-Aufnahmen sowie zwei Studioalben veröffentlicht: »Dark And Cold« (2011) und »Passion of Dirt« (2014). Die Band sprang als Vorband von Dirkschneider für gerade einmal drei Konzerte dieser Tournee ein — als Ersatz für die kultigen NWOBHM-Metaller Raven, die Dirkschneider ansonsten auf dieser Tournee begleiten. Ausgerechnet das Wiener Konzert fiel auf einen dieser Termine ohne Raven. Und wie sehr wir uns auch nach den legendären Raven-Riffs gesehnt haben — Garagedays haben sich wirklich mit ganzem Herzen ins Zeug gelegt, eine erstklassige Show abgeliefert und alles gegeben. Man spürt, dass die Band schon sehr lange zusammenspielt und die Bindungen zwischen den Mitgliedern eng und fest sind. Die Band schüttelte natürlich einen ganzen Sack voll Riffs heraus, die eine Art schmutzige Dosis teutonischen Heavy Metals bildeten. Diese zog auf der einen Seite Inspiration aus den Errungenschaften des europäischen Metals — allen voran der alten Hamburger/Bochumschen Metal-Tradition —, und so mancher Moment ließ nostalgisch mit den Frühwerken von Metallica und/oder Megadeth flirten. Die Band wirkte ungemein kraftvoll. Eingespielt, kompakt, überzeugend. Besonders dank der knochenhart unerschütterlichen Bühnenpräsenz und dem Rückgrat des Bandanführers — Sänger und Gitarrist Marco Kern —, der mit festem rhythmischen Phrasieren und kehlig donnernder Stimme für eine überzeugende Vokalperformance sorgte, wie sie der musikalischen Ausrichtung der Gruppe entspricht. Stark, souverän und engagiert. Eine Band, die ihre Rolle als Vorband in jeder Hinsicht vollauf gerechtfertigt hat.

Es folgte eine zweistündige Dosis Accept-Musik. In der neuen Ära nahmen Dirkschneider (und gleichzeitig U.D.O.) einen Personalwechsel vor: Den finnischen Gitarristen Kasperi Heikkinen ersetzte der Amerikaner Bill Hudson — ein Mann mit reichlich Erfahrung, hatte er doch zuvor mit Trans Siberian Orchestra, Power Quest, Circle II Circle und Nightrage zusammengearbeitet, und arbeitet gleichzeitig nach wie vor mit John Oliva’s Pain zusammen.

Der kleine Club Szene fasst bis zu 500 Personen. Das Publikum war weniger zahlreich. Vielleicht gut 300 Besucher. Angesichts des sprichwörtlich schwachen Besuchs des österreichischen Publikums bei solchen Konzerten hat es sich daher umso mehr gelohnt, den Auftritt von Dirkschneider  inmitten einer perfekten Club-Atmosphäre und aus nächster Nähe (dritte Reihe) zu erleben. Als interessante Randnotiz sei hinzugefügt, dass wir das Konzert von Dirkschneider in Brünn im Dezember 2016 von der Tribüne aus verfolgt haben. Es fand nämlich inmitten einer Basketballhalle statt und war restlos ausverkauft — 6.500 Besucher strömten damals ins Haus. Dirkschneider überraschten in Wien mit der Setliste. Diese konzentrierte sich auf Material, das Udo Dirkschneider zwar mit Accept aufgenommen hatte, aber in der späteren Phase seiner Zusammenarbeit mit der Band. So überraschte er das Publikum gleich zu Beginn vollkommen, als Dirkschneider in den »Death Row«-Kracher The Beast Inside starteten. Es folgte Überraschung auf Überraschung. Unter anderem gleich vier »Objection Overruled«-Klassiker (Bulletproof, direkt dahinter Slaves To Metal, und in der zweiten Konzerthälfte die hervorragende Ballade Amamos la Vida sowie der Titeltrack). Neben The Beast Inside spielten Dirkschneider noch einen weiteren »Death Row«-Song, nämlich Stone Evil. Aus dem Repertoire fehlte auch Hard Attack nicht, das das bei Accept-Fans etwas ungeliebte Accept-Album »Predator« eröffnet, und die Band konnte sich auch der Darbietung des »Eat the Heat«-Klassikers X-T-C nicht entziehen (diesen Song haben U.D.O. einst vor langer Zeit für eine »tribute to« Accept-Kompilation aufgenommen). Doch damit waren die Überraschungen noch lange nicht erschöpft. Aus einem der berühmtesten Momente der Accept-Karriere — dem Album »Balls To the Wall« — reihte Udo zwei im Konzertkontext ewig übersehene Highlights aneinander: Love Child und Fight It Back. Und außerdem hatte sich wohl niemand je zu hoffen gewagt, Can’t Stand the Night vom Kultalbum »Breaker« live zu hören — und neben Aiming High vom Album »Russian Roulette« noch eine weitere tolle Setlist-Überraschung: Another Second to Be.

Kurzum: Schock um Schock. Bis zur obligatorischen Zugabe, bei der Dirkschneider das Konzert auf den absoluten Stimmungshöhepunkt trieben und die unumgänglichen Accept-Favoriten aneinanderreihten. Genau für die Zugabe zog Udo Princess of the Dawn, Metal Heart und Balls to the Wall bewusst in die Länge, um aus dem Publikum alle Energie herauszupressen, als dieses die Refrains wild mitsang. Bei Fast As A Shark brachte Udo das Publikum dazu, den Eröffnungsteil selbst zu singen.

Erwähnenswert ist auch, dass Bill Hudson mühelos in die Fußstapfen seines Vorgängers getreten ist und bereits zu Beginn zwei Lead-Solos in The Beast Inside und Aiming High abgefeuert hat — im weiteren Verlauf agierte er als vollwertiges Bandmitglied, wobei er sich mit Andrey Smirnov die Lead-Solos innerhalb der Songs gleichberechtigt aufgeteilt hat. Der Sound: bravourös. Die Snare von Sven Dirkschneider wirkte atomar, die Basslinien von Fitty Weinhold packten intensiv zu, als der Mann, der in seiner Bühnenbewegung ein wenig an Mat Sinner erinnert, wild auf seinem Bass herumwühlte. Die Bassdrum hielt mit aller Vehemenz das Gerüst für die Gitarren-Riffs aufrecht. Natürlich waren alle Augen auf den legendären Sänger gerichtet — den unglaublich charismatischen Typ mit dem ewig »mürrischen« Gesicht, natürlich Udo Dirkschneider. Er bestätigte einmal mehr, dass seine Stimme kein bisschen von ihrer legendären kreischend hohen Kehligkeit verloren hat, mit der er die Szene mehrmals bis in die Grundfesten erschütterte und mit der er den klassischen Accept-Alben — und auf gewisse Weise auch dem gesamten Bild der weltweiten Metal-Landschaft — seinen unvergesslichen Stempel aufgedrückt hat. Auch bei diesem Konzert bestätigte Udo, dass er nach wie vor mit großer Klasse singt, und seine Stimme wirkt bei sage und schreibe 65 Jahren bewahrt, frisch, kraftvoll und autoritär. Mit einer solchen Darbietung klingen auch alle Accept-Klassiker, die die Band bei ihren Konzerten angeht, souverän nach. Dem legendären Sänger mangelt es also nicht an Dynamit. Was man hört und sieht: Die Accept-Klassiker wirken in den Händen von Dirkschneider noch überzeugender als im Konzertrepertoire der heutigen Accept. Ganz einfach. Der Gesang entscheidet. Und Udo bleibt dabei nach wie vor die erste Accept-Kehle — auch wenn er nicht für Accept singt. So wird es offensichtlich für immer bleiben. Mit der Stimme erreicht er nach wie vor solche Höhen, die der aktuelle Accept-Sänger Mark Tornillo schlicht nicht schafft — und das überwiegt, neben Udos legendärer Vokalfarbe, eben alles.

Eine neue Konzertshow, mit aller Klasse abgeliefert. Ohne Handbremse, nur mit voller Härte exekutiert. Unschlagbar! Ein Konzert, vollgepackt mit der Erektion des klassischen Heavy Metals teutonischer Schule! Ein Abenteuer auf den Spuren des Accept-Pioniergeistes, zu dem du für vollen Genuss kommst — und ihn, in mehr als reichlichem Maß, auch bekommst. Nach dieser Tournee benennen sich Dirkschneider wieder in U.D.O. um und setzen ihre Karriere als U.D.O. fort. Ein neues Studioalbum haben sie bereits angekündigt. Aber wie immer: Auch U.D.O. spielen bei ihren Konzerten eine ordentliche Dosis Accept-Favoriten. Es wird interessant sein zu beobachten, ob sie sich in ihrer Karriere noch einmal in Dirkschneider umbenennen werden. Um eine Ehrenrunde mit dem reinrassigen Repertoire der Accept-Klassiker zu drehen.

Setliste

  1. Fire (Playback-Intro, orig. The Crazy World Of Arthur Brown)
  2. The Beast Inside
  3. Aiming High
  4. Bulletproof
  5. Slaves to Metal
  6. Another Second to Be
  7. Protectors of Terror
  8. Fight It Back
  9. Can’t Stand the Night
  10.  Amamos la Vida
  11. Stone Evil
  12. Hard Attack
  13.  Love Child
  14. Objection Overruled
  15.  X-T-C
  16. Russian Roulette
    —Zugabe—
  17.  Princess of the Dawn
  18. Metal Heart
  19. Fast as a Shark
  20. Balls to the Wall

Fotogalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies