Marillion bleiben der Inbegriff des strahlenden Art-Rock-Brillanten unserer Galaxie (2017)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Plovdiv / Altrömisches Amphitheater / Bulgarien
Datum des Konzerts: 24.09.2017
Besucherzahl: 4500

Zwei Tage nach dem unvergesslichen Konzertspektakel im bulgarischen Plovdiv und dem dortigen altrömischen Amphitheater, wo Devin Townsend Project aufgetreten waren und unter anderem ihr unvergessliches Studioalbum »Ocean Machine« vollständig, von der ersten bis zur letzten Note, gespielt hatten, übernahmen Marillion dieselbe Spielstätte. Um ganz genau zu sein: Zwischen diesen beiden Konzerten in Plovdiv hätte eigentlich noch eines stattfinden sollen. Doch das fiel wegen zu wenig verkaufter Karten ins Wasser. So fiel der Besuch des Manfred Mann’s Earth Band-Konzerts eben flach, und den dreitägigen Aufenthalt mitten in Plovdiv rundeten wir dann mit dem Konzert der kultigen britischen Art-Prog-Rock-Band ab.

Das Amphitheater von Plovdiv fasst zwischen 5000 und 7000 Besucher. Das Konzert von Devin Townsend Project war dort ausverkauft. Beim Marillion-Konzert waren es dann doch etwas weniger Leute. Vom Generationsunterschied her könnte man sagen, dass beim Marillion-Konzert eigentlich die Eltern derer kamen, die zwei Tage zuvor das Konzert von Devin Townsend hier gesehen hatten. Noch so gegen halb acht abends sah es aus, als würden die Ränge nicht voll werden, doch bis acht Uhr waren die Tribünen vollständig gefüllt. Auf den Tribünen saßen jede Menge Touristen, vor allem aus Großbritannien, die sich die besten Plätze im Amphitheater gesichert hatten – für die man natürlich tiefer in die Tasche greifen musste. Im typischen Fan-Outfit, alias »Marillion-Fan-Fummel«, zeigten sie schon von Weitem ihre Zugehörigkeit zur Band und versorgten sich vor dem Konzert fleißig mit Bierkrügen. Ihr Fanatismus kommt zwar nicht an die »Rush-Trekkies« heran, aber gewisse Parallelen lassen sich durchaus ziehen.

Marillion hatten wir schon im vergangenen Jahr im Amphitheater gesehen, als die Jungs am 10.09.2016 im italienischen Verona auftraten, und schon damals war klar, dass solche Spielstätten der Musik von Marillion einfach wie auf den Leib geschrieben sind.  Von Anfang an war klar, dass der Auftritt von Marillion im Amphitheater von Plovdiv etwas völlig anderes, Einzigartiges und Unvergessliches sein würde. Das Quintett präsentiert bereits im zweiten Jahr in Folge ausgiebig ihr aktuelles Studioalbum mit dem Titel »F.E.A.R.«, oder liebevoll ausgedrückt »Fuck Everyone And Run«. Marillion spielen in den letzten zwei Jahren eigentlich ununterbrochen auf Bühnen. So haben wir sie noch Ende Juli dieses Jahres beim deutschen Festival Rock Of Ages erwischt, wo sie das Album »F.E.A.R.« in seiner Gesamtheit spielten. Dort traten sie aber nicht als Headliner auf und waren daher zeitlich begrenzt. Diesmal war die Situation anders. Ein Marillion-Konzert dauert immer gute zwei Stunden. So war es auch in Plovdiv.

Kurz nach acht Uhr abends betraten Steve Hogarth »H« (Gesang, Gitarre, Keyboards, Perkussion), Steve Rothery (Gitarre), Pete Trewavas (Bassgitarre, Hintergrundgesang), Mark Kelly (Keyboards, Hintergrundgesang) sowie das älteste Bandmitglied Ian Mosley (Schlagzeug) die Bühne.  Unter tosendem Applaus nahmen sie ihre Plätze ein und eröffneten ihr Konzert im Stil großer, routinierter Meister. Die Band widmete den Eröffnungsteil des Konzerts erwartungsgemäß den Songs des aktuellen Albums »F.E.A.R.«, spielte es diesmal jedoch – anders als beim Konzert im deutschen Seebronn – nicht vollständig. Auf das einleitende El Dorado folgte der »Marbles«-Hit You’re Gone, und das Theater wurde von einer Welle tosender Begeisterung des Publikums erschüttert. Auch bei diesem Konzert gingen Marillion im Stil großer musikalischer Herren zu Werke, die nichts dem Zufall überlassen, sondern gemeinsam nur einem Ziel folgen. Der spielerischen Perfektion und dem Hingeben an die Freude, die eigene Autorenmusik zu spielen, die im musikalischen Universum dieses Sonnensystems als absolutes Unikat gilt. Die Männer reifen mit den Jahren. »H« sang wieder fantastisch und auf höchstem Niveau – ein Mann, der mit seiner »Kehle« und seinem Falsett Wunder wirkt, ein wahres Stimmchamäleon, ein Sänger tausender Stimmen und klangfarblicher Nuancen. Dabei dosierte »H« im Stil eines großen Bühnenschauspielers die Darbietung der Songs mit eindringlicher Gestik, verdrehte sich in die ungewöhnlichsten Posen, trat zweimal vollständig von der Bühne bis an den Rand der Mauer, die den leeren Innenbereich von den Tribünen trennte, und feuerte so das Publikum zusätzlich an. In einer der Pausen rief jemand aus dem Publikum lautstark: »Steve I love you!!!« und »H« drehte das meisterhaft und brachte damit das gesamte Theater zum Lachen mit den Worten: »Where are you?!? Are you good looking?«.

Den gesamten Auftritt begleitete wieder eine reiche Bühnenkulisse aus zahlreichen Scheinwerferstrahlen und thematischen Filmprojektionen, die den Bühnenhintergrund schmückten. Rothery amüsierte sich sichtlich beim Konzert, näherte sich mehrmals den Soli mit geschlossenen Augen, und sein spezifisches Gitarrenspiel beschwor auf unglaubliche Weise erneut die Einflüsse von David Gilmour, Andy Latimer und Steve Hackett herauf. Außerordentliche Kontrolle über die Töne, außergewöhnliche Feinmechanik. Weich und raffiniert. Auf der anderen Seite füllte Trewavas‘ berühmter Bass mit seinem energischen Wummern den Raum kontrastreich, und all diese Chemie und die mitreißende Qualität der erschaffenen Atmosphären wäre bei Marillion undenkbar ohne den raffinierten Mark Kelly an den Keyboards, bei dessen Einsätzen die gesamte musikalische Darbietung auf riesigen Wellen aufgewühlter Leidenschaften und Emotionen wogte.

Die Band spielte erwartungsgemäß Fantastic Place, im finalen Höhepunkt griffen Marillion noch zweimal auf das Album »Marbles« zurück – mit dem großartigen Neverland (zum Abschluss des regulären Sets) sowie der ersten Zugabe, die sie mit Invisible Man eröffneten, das erneut eine Welle heftiger emotionaler Reaktionen beim Publikum auslöste. Vom Meisterwerk »Brave« (1994) spielten Marillion erneut den Song Mad, den sie in den letzten Jahren ihrer Karriere auf Bühnen ohnehin sehr gerne spielen; auch die erneute Integration von King überraschte nicht weiter, mit dem sie den verstorbenen Stars des Rock’n’Roll huldigten – wobei in der begleitenden Filmprojektion merkwürdigerweise das Bild des einzigartigen Frank Zappa nicht zu sehen war. Von »Sounds That Can’t Be Made« spielten die Jungs den außergewöhnlichen Titeltrack und direkt danach das energiegeladene Power. Die Band brachte das Publikum besonders beim einzigen in den Achtzigern entstandenen Song in Delirium, als sie sich der »Clutching At Straws«-Klassikerin Sugar Mice annahmen. Im Repertoire fanden auch Afraid of Sunlight, Real Tears for Sale sowie Man of a Thousand Faces ihren Platz.  In der zweiten Zugabe überraschte die Band mit dem »Radiation«-Track Three Minute Boy, und gute zwei Stunden waren vergangen wie im Handumdrehen.

Wieder eine neue Begegnung mit der Magie, die dich noch eine gute Weile nach dem Konzert in einem Zustand der Entrückung festhält, in einer Art Parallelwelt, jenseits der Realität und des Logischen. In der Welt der Musik von Marillion. Einer einzigartigen Welt, die immer wieder nur bei Konzertbegegnungen mit dieser außergewöhnlichen Art-Rock-Band neu geboren wird. Einer Band, die alles auf die Karte Ambiente und Emotionen setzt. Und wieder haben sie ihr Publikum verhext und verzaubert. Marillion bleiben also auch weiterhin das musikalische Glanzstück eines vollständig eigenständigen Schaffens und einer einzigartigen Charisma ihrer ureigenen und urwüchsigen musikalischen Handwerkskunst.  Wieder einmal mit einem Wort: unvergesslich.

Setlist

1. El Dorado:
– I. Long-Shadowed
– II. The Gold
– III. Demolished Lives
– IV. F E A R
– V. The Grandchildren of Apes
2. You’re Gone
3. The Leavers:
– I. Wake Up in Music
– II. The Remainers
– III. Vapour Trails in the Sky
– IV. The Jumble of Days
– V. One Tonight
4. Fantastic Place
5. Mad
6. Afraid of Sunlight
7. Sugar Mice
8. Real Tears for Sale
9. Sounds That Can’t Be Made
10. Power
11. Man of a Thousand Faces
12. King
13. Neverland
—Zugabe I.—
14. The Invisible Man
—Zugabe II.—
15. Three Minute Boy

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