Motörcity festival 2017 – erster Tag!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Tolmin / Sotočje / Slowenien
Konzertdatum: 24.08.2017
Besucherzahl: 100
Kartenpreis: 79,00€ (Dreitagesticket)

Kein Wunder. Das Team, das die Festivals Metaldays, PunkRock Holiday und Overjam organisiert, hat wirklich ein riesiges Herz. Nachdem es sich mit einer Winterversion des legendären Tolminer Metaldays-Festivals neu erprobt, ist auch die Idee für ein Festival entstanden, das eher bluesige Farben und die Farben des Rock’n’Roll vertreten sollte. So wurde das Motorcity festival geboren! Drei Tage, insgesamt zehn Acts. Beginn kurz vor sieben Uhr abends, Ende gegen Mitternacht oder kurz danach.

Wie immer. Das Team hat wieder an alles gedacht. Das sage ich gleich vorneweg. Sicherheit, Bühnenlicht, Sound – alles. Natürlich in deutlich kleinerem Maßstab, als wir es z. B. vom Metaldays festival gewohnt sind. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, Bescheidenheit aber auch. Damit fängt man an. Hoffen wir also, dass die Sache ins Rollen kommt!  Und um nicht vorwegzugreifen. Ein riesiges Dankeschön an den Mut aller Beteiligten bei der Organisation des Festivals. Das schreibe ich schon mal im Voraus.

Aber kommen wir gleich zum ersten Tag. Also: die erste Band des ersten Tages. Donnerstagnachmittag, spät. Vor der Bühne kaum dreißig Leute. Insgesamt waren auf dem Plateau des legendären Wäldchens vor dem Zusammenfluss der Tolminka und der Soča – wo die Bühne namens »B.B. King« stand – etwa hundert Leute verstreut, und diese Zahl änderte sich bis zum Abschluss des ersten Festivaltages nicht großartig. Die einzige Bühne, die das erste Motörcity festival in der Geschichte vertrat, gilt beim Metaldays festival übrigens als Second Stage. Auf ihr begannen dann zur angekündigten Zeit – also eine Viertelstunde vor sieben Uhr abends – die Veteranen des slowenischen Blues Rock, EMŠO Blues Band, ihr Programm. Weise Kerle, erfahren und natürlich meisterhafte Interpreten von The Allman Brothers Band. Klanglich und spielerisch wirklich bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Die Band hab ich zum ersten Mal live gesehen – was eine echte kleine Schande ist, aber die Tage  und Jahre verrannen eben so, und irgendwie hab ich’s nie geschafft, sie vorher live zu erleben.  Die Band tritt in der Besetzung Emil ‚Jimi‘ Pock (Gesang, Akustikgitarre), Edo Sušnik (Gitarre), Janc Galič (Gitarre), Slavc Žust (Bassgitarre), Andrej Konjajev (Orgel, Keyboards), Marko Avanzo (Schlagzeug), David Kobe (Perkussion) auf, und bei diesem Auftritt in Tolmin half ihnen der vielseitige und brillante Schlagzeugmeister Sergej Ranđelović »RunJoe«. Ganz im Stile der Allmans. Zwei Schlagzeuger auf der Bühne also! 

Die Band hat wirklich unglaublich viele Kilometer auf dem Buckel, und deshalb gibt es im Team keine Geheimnisse. Der Sound sitzt auf den Punkt. Die Band entwickelt beim Auftritt eine unglaubliche Kompaktheit und Kohärenz. Von Jimi Pocks unglaublich imposantem und durchdringendem Gesang, der im nächsten Moment kehlig rau und kernig sein kann und dann wieder weich und samtig wiegend, bis hin zum außergewöhnlichen Zusammenspiel von Hammond-Orgeln und Gitarren, dem fetten Bass-Fundament sowie der gesamten Perkussions- und Schlagzeugsektion, die wie Klebstoff alle Bausteine des Klangbilds zusammenhält. Die Band eröffnete das Konzert in ihrem eigenen Stil. Mit ihrer ersten Liebe. Mit dem Song Don’t Want You No More von The Allman Brothers Band. Dabei blieb es auch im weiteren Verlauf mit It’s Not My Cross To Bear. Nicht fehlen durfte One Way Out (orig. Marshall Sehor, bekannt auch durch die Version von The Allman Brothers Band) sowie das unvergessliche Whipping Post . Die Band legte den giftig ansteckenden und erotischen Blues-Walzer Get On With Your Life drauf, dann weiter mit You Don’t Love Me (orig. Willie Cobbs), Firing Line, Good Clean Fun, Black Hearted Woman, Gambler’s Roll und abschließend End of the Line. Bei einem fast ausschließlich den „Allmans“ gewidmeten Set würzte die Band ihr Repertoire in der Mitte auch mit dem Song Soundbound Mamma, den im Original Dickey Betts performt.

EMŠO Blues Band haben sichtlich Spaß am Auftritt gehabt. Die meisten auf ihren Sitzen (Barhockern), spielen sie mit Feingefühl und gehen die Sache mit totaler Hingabe an. Wenn Seele und Herz eins werden und zu 100% mit der Magie des Blues und des Rock verschmelzen!

Auf die Bühne stiegen Terry Evans und Hans Theessink. Zwei außergewöhnliche Musiker, die schon vor Jahren ihre gemeinsame Chemie gefunden und ihre Kräfte in einem akustischen Duett vereint haben. Nach Tolmin kamen sie aus Klagenfurt, wo sie einen Tag zuvor aufgetreten waren. Ihre Essenz diktierte das Erlebnis so, als würde jeder von ihnen die wesentlichen Puzzleteile in ein perfektes musikalisches Gesamtbild einbringen. Was dem einen fehlt, hat der andere – und umgekehrt. Also. Nur zwei Musiker, mit Akustikgitarren, Fingerpicks und Mundharmonika – sowie? Gesang. Außergewöhnlichem Gesang, der es versteht, Emotionen auch aus den dunkelsten Winkeln unserer Seelen sanft herauszulocken. Man kann sagen, es war das besondere Konzert des gesamten Festivals. Wie der Minimalismus mit all seiner Intimität jeden megalomanen Kitsch und Flitter bändigen kann, hinter dem sich die Musikproduktion so gerne „versteckt“. Tiefer geht’s nicht. Eine Stunde und fünfzehn Minuten purer seelenpflegender Wonne mit zwei außergewöhnlichen Blues-Predigern. Terry Evans ist ein echtes Vokal-Chamäleon – jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, löste seine Raffinesse und unglaubliche Nuanciertheit Gänsehaut aus, und seine vokalen Manöver glänzten in einer Vielzahl von Farbnuancen. Wenn du vor allem wissen willst, was echter und ursprünglicher „dunkelhäutiger“ Gesang ist, dann frag Evans. Theessink auf der anderen Seite beeindruckte voll und ganz mit seinem tiefen Bariton. Der unglaubliche Vokalkontrast der beiden Musiker hielt das kleine Publikum permanent an der erregten Schwelle von Emotionen und Leidenschaft. Immer in voller »Spannung« also.  Die beiden Kerle spielten folgende Songs: How Come People Act Like That, Don’t Let The Green Grass Fool You (Wilson Pickett), Mother Earth (Memphis Slim), Talk To Your Daughter (J. B. Lenoir), Demons, sowie den hervorragenden Ragtime-Track namens Glory Of Love. Besonderen Nachdruck legten die Musiker auf ihr gemeinsames Album »Delta Time« (an dem auch der legendäre Ry Cooder mitgewirkt hat) – konkret mit den Songs Gotta Keep Movin‘, Shelter From The Storm, I Need Money und Delta Time. Das Duett führte das Konzert seinem Ende entgegen, indem es zunächst Theessinks verspielte Minnibelle anging, darauf folgte das freche You Can’t Judge A Book by The Cover (orig. Bo Diddley) sowie Chuck Berrys erster Hit Maybeline. Unter herzlichem Applaus des kleinen Publikums spielten Evans und Theessink noch Tears Are Rollin‘ und verabschiedeten sich endgültig. Unvergesslich.

Als Letzte betrat die Küstenband Bluesback. die Bühne. Die langjährige Koper-Band bzw. das Quartett, vertreten durch Peter Orlič, Marko Stropnik, Willy DeMattia und Mitja Stropnik, gilt als unglaublich erfahrenes und spieltechnisch hochpoliertes Team. Sie treten seit Jahren in unveränderter Besetzung auf, und das war wieder zu spüren. Bei noch einem ihrer Auftritte voller kühner Soloeskapaden und fiebrig-adrenalinhaltiger Würze. Die Band, die RockLine seit jenem weit zurückliegenden Auftritt vor den legendären Nine Below Zero in Piran am 01.03.2008 nicht mehr live gesehen hatte, präsentierte sich wieder als unglaublich geölte Maschine, bei der jedes kleinste Detail funktioniert. Das außergewöhnliche Geflecht gleichmäßig verteilter Gitarrensolos zwischen den beiden Gitarristen – der Leadgesang hat im Laufe der Jahre an Durchdringungskraft und Breite gewonnen. Außergewöhnlich war auch die rhythmische Kinetik der Band, bei der die ausgeprägte Funky-Federung des warmen, ungemein aktiven und musikalischen Basses hervorsticht. Die Band spielt ihr Material intensiv und mit außergewöhnlichem Einsatz. Eigenes und Coverversionen. Und so war auch das Konzert. Irgendwo in der Mitte des Auftritts lud die Band auch die Bläsersektion (Trompete, Saxofon, Posaune) auf die Bühne und legte Buddy Guys Song Midnight Train drauf, in dieser Formation spielten sie dann auch noch Love Sneakin Up On You (Bonnie Ratt). Unter anderem kamen noch I Want All My Money Back (Lonnie Brooks), I Don’t Believe (Joe Bonamassa), Walk In My Shadow (Free) dran.

Bluesback spielen alle Coverversionen auf ihre eigene Art. Mit ihrem Geist, ihrer Essenz – damit du den wahren Kern und die echte Seite der Band spürst. Es war spät, und die Zeichen täglicher Energieerschöpfung machten sich langsam auf unseren Schultern bemerkbar. Über Bluesback lässt sich abschließend sagen, dass sie eine exzellente Band bleiben, die von Jahr zu Jahr reift wie guter alter Wein – und dieses Wachstum hört nicht auf.

Der erste Tag lieferte also drei erstklassige Konzerte. Alle im Blues-Genre verwurzelt, doch jeder der Künstler näherte sich diesem Genre auf seine eigene Weise. Sowohl in der Interpretation als auch in der Darbietung. Alle drei Acts haben den Musikgourmets jedenfalls eine Menge zu kauen gegeben.

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