Rock Of Ages 2017 Festival – zweiter Tag!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Seebronn / Festivalgelände / Deutschland
Konzertdatum: 29.07.2017
Besucherzahl: 5000
Kartenpreis: 109,00€ (Dreitagesticket)

So. Der zweite Tag der diesjährigen Ausgabe des Rock of Ages Festivals brachte neun Acts auf die Bühne, und um halb zwölf eröffneten die deutschen Heavy/Hard-Rocker Sons of Sounds das Programm. Es handelt sich um ein Trio, bestehend aus den Brüdern Roman, Johann und Hubert Beselt. Obwohl die Uhrzeit eigentlich schon »normal« für den Konzertgenuss war, habe ich diesen Auftritt trotzdem ausgelassen. Doch das Treiben auf der Bühne war bis ins Zelt im Camp gut zu hören, woraus man schließen konnte, dass Sons of Sounds eigentlich eine Art Mischung aus der alten Hard-Rock-Schule entwickeln, in die sie auch härtere Riffs einflechten. Die Band, die bereits seit 2006 aktiv ist, erwies sich als sehr passender Act, mit dem der zweite Tag seine stilistisch-klanglichen musikalischen Konturen bekam. Alte Schule in neuen Zeiten also.  Die Band absolvierte nach dem Abschlussauftritt der kanadischen Art-Rock-Legenden Saga noch einen weiteren Auftritt, und zwar unter einem riesigen Zeltdach, unter dem sich mitten im Camp ein Restaurant und ein Buffet befanden – dort war genug Platz für eine kleinere Bühne. Die Deutschen denken eben an alles und setzen auch alles um!  Besonders in diesem zweiten Auftritt des gleichen Tages spielten Sons of Sounds lange bis in die frühen Stunden des dritten Festivaltages und feuerten einen ganzen Sack voller Cover klassischer Hard-Rock- und Heavy-Metal-Acts raus, wobei es ein paar sympathische Patzer gab, die aber eher das Ergebnis des großen Engagements des Trios waren und so nur die außerordentliche Hingabe der Band bestätigten, dem Publikum mit ihrem Repertoire vollständige Befriedigung zu liefern.

Schon der zweite Act kann mit einer deutlich abwechslungsreicheren Geschichte aufwarten – zumindest in der frühen Anfangsphase. Das sind die britischen AOR-Größen Dare, angeführt von Sänger und Multi-Instrumentalist (vor allem bekannt als ehemaliger Thin Lizzy-Keyboarder, der auch bei Ten und Asia mitgewirkt hat) Darren Wharton. Endlich ging für den Autor dieser Rezension der Wunsch in Erfüllung, den Auftritt der Band am Stück zu erleben, ohne Überschneidung mit einem anderen Act – wie es beim letztjährigen Auftritt von Dare im Rahmen des Bang Your Head Festivals der Fall war. Diese Band veröffentlichte Ende der Achtziger das kultische und unvergessliche Studiodebüt »Out of the Silence«, das bis heute als kleines Meisterwerk und Lehrbuch des AOR gilt. Doch Dare sparte die Munition von diesem Album für das Ende ihres Auftritts auf. Wharton wird vom außergewöhnlichen Gitarrenvirtuosen Vinnie Burns begleitet, der im Vergleich zum letztjährigen Auftritt der Band beim Bang Your Head Festival und vor drei Jahren, als wir ihn beim Frontiers Rock Festival sahen (beim exklusiven und einzigen Auftritt des Projekts Three Lions), einige Kilos verloren hat. Der Mann, der damit seine Bühnenagilität wiedergefunden hat, brillierte erwartungsgemäß mit seiner Fingerfertigkeit, die ihn keinen einzigen Moment im Stich ließ. Wharton mit seiner Sonnenbrille, die er während des Auftritts kaum abnahm, war zusammen mit seiner Crew in außerordentlich guter Stimmung und bester Laune. Durchgehend kommunizierte er mit Blicken mit dem Publikum, verteilte Lächeln und verbreitete insgesamt positive Vibes. Die Band eröffnete das Konzert mit Sea of Roses (Album »Beneath the Shining Water«, 2004), schoss im Anfangsteil drei Songs des neuen Albums »Sacred Ground« raus – nämlich Home, I’ll Hear You Pray und Days of Summer –, und irgendwo in der Mitte des Konzerts verneigte sie sich auch vor dem Vermächtnis von Thin Lizzy mit einem Cover des Klassikers Emerald. Das spielte die Band in einer fast balladesken und halbakustischen Manier.  Ebenso wenig ließen Dare ihr zweites Studioalbum »Blood From Stone« aus, von dem Wings of Fire und We Don’t Need A Reason zu hören waren – und dann, wie erwähnt, das finale Crescendo mit dem Dreierpack aus »Out of the Silence«-Diamanten, beginnend mit dem packenden Abandon, weiter mit Into the Fire und abschließend Return the Heart. Wharton in toller, solider Vokalform, Vinnie bleibt Vinnie – der große Gitarrenheld –, und das restliche Trio, nämlich Bassist Nigel Clutterbuck, Schlagzeuger Kev Whitehead und Keyboarder Marc Roberts, erledigte seine Aufgaben ebenfalls hervorragend. Ein wunderschöner nostalgischer Moment für alle AOR-Fans auf dem Festival also.

Den nächsten Act kündigte quasi das Publikum selbst an – zumindest einzelne Leute, die mit dem Skandieren begannen: »Oli, Oli, Oli…!« Wer sonst als Oliver Hartmann mit seiner Band Hartmann. Oliver ist kein Neuling. Es handelt sich um einen ausgezeichneten Sänger und Gitarristen, der auch ein sehr geschickter Komponist ist. Oliver hat seine Talente in der Vergangenheit Bands wie unter anderem Edguy und Helloween geliehen, und bei der letztjährigen Ausgabe des Rock Of Ages Festivals stand er als einer von zwei Hauptgitarristen beim Auftritt von Avantasia auf der Bühne. Zwischen 1999 und 2002 war er Teil der Band At Vance, und dieser unglaubliche Workaholic vertritt außerdem noch die Pink-Floyd-Tributeband Echoes. Und um das Maß voll zu machen: Mit einer Reihe sehr hochwertiger Melodic-Rock-Veröffentlichungen unter dem Banner Hartmann hat er seine künstlerische Klasse nur noch einmal bestätigt. So verlief auch sein Auftritt. Oliver spielte mit seiner Crew überwiegend Eigenmaterial von Hartmann. Durch den Großteil der Spielzeit übernahm natürlich Oliver die Hauptrolle – nicht nur mit seiner außerordentlich schönen, leicht rauen und für das Melodic-Rock-Genre unglaublich kompatiblen Stimme, sondern auch mit dem Großteil der Soli, die er selbstverständlich in den Middle-Eight-Passagen platzierte. Das restliche Trio, bestehend aus Schlagzeuger Markus Kullman, Bassist Armin Donderer und Gitarrist Mario Reck, deckte ihm mit seinen Fähigkeiten durchgehend geschickt den Rücken. So reihten sich größtenteils Songs des aktuellen neuen Studioalbums »Shadows And Silhouettes« (2016) aneinander: Irresistible, High On You, dazu die Single When Your Mama Was A Hippie, Letting Go sowie die älteren Don’t Give Up Your Dream, After the Love Is Gone und Listen to Your Heart. Was die Keyboards betrifft, setzte die Band eine Klangmatrix ein. Oliver ließ für den letzten Song Mario Reck in den Vordergrund treten, der zeigte, aus welchem Holz dieser Gitarrist geschnitzt ist. Bis zu diesem Punkt hatte Reck fleißig und ruhig die Rolle des Statisten gespielt, doch dann explodierte er in einem ausgedehnten Solopart und lieferte einige unglaubliche gitarristische Eskapaden, die natürlich jede Menge Training und Übung erfordern. Summa summarum, ein sehr schöner und qualitativ hochwertiger Auftritt!

Der Auftritt von Fair Warning galt als eine Art Attraktion des gesamten Festivals, denn diese Band ist für jemanden, der am Fuß der Alpen lebt – und noch dazu auf ihrer Sonnenseite –, auf den Konzertbühnen Europas überaus schwer zu erwischen. Wenn Konzerte stattfinden, sind diese sehr weit im Norden angesiedelt. Dort, wo Städte wie Hannover, Berlin… und noch mehr liegen. Die Band ist tatsächlich groß in Japan, wo sie regelmäßig tourt – und das in Venues, die sich auch mit mehreren Tausend Zuschauern füllen können. Eine der letzten Tourneen führten Fair Warning im April dieses Jahres in Japan durch, wo ein beträchtlicher Teil des Repertoires aus neu eingespielten Klassikern der ersten drei Alben bestand, die im vergangenen Jahr auf dem Album »Pimp Your Past« erschienen. Fair Warning sind ein Quartett, das von Anfang an in unveränderter Besetzung agiert: Tommy Heart (Gesang), Helge Engelke (Gitarre), Ule W. Ritgen (Bass) und C.C. Behrens (Schlagzeug).  Auf die Bühne des Rock Of Ages Festivals traten Fair Warning in einer leicht erweiterten Besetzung. Mit einem zusätzlichen Gitarristen und einem Keyboarder. So holten sie den hervorragenden Gitarristen Niklas Turmann ins Boot, dessen Talente wir auch beim letzten Besuch von Uli Jon Roth in Vrba in Kärnten bewundern konnten (Turmann hatte auch einige Gitarrensoli beigesteuert), sowie Keyboarder Torsten Lüderwaldt. Die beiden unterstützen die Band auf der Bühne bereits seit vier Jahren, und selbstverständlich funktionieren auf diese Weise auch die mehrstimmigen Vokalharmonien bravourös. Die Band lieferte eine hervorragende Show, wobei natürlich der charismatische Tommy Heart die Aufmerksamkeit auf sich zog – er gehört in die Liga der Vokalgrößen wie der (leider viel zu früh verstorbene) Gotthard-Sänger Steve Lee und Jon Bon Jovi. Eine dynamische Vorstellung. Helge Engelke, der Gitarrist mit einem der lustigsten Namen der Rockszene, natürlich mit seiner bekannten handgefertigten Gitarre von futuristischem Aussehen! Die Klangeigenschaften optimal. Das Funktionieren der Songs auf der Bühne hervorragend. Wie erwähnt. Eine Revision der frühen Ära. Sie legten gleich mit Angels of Heaven los (aus der gleichnamigen EP von 1996), dann folgten: Save Me und I’ll Be There (beide vom Album »Go!«), vom Album »Rainmaker« spielten sie Burning Heart, Desert Song, Don’t Give Up, Get a Little Closer (Abschlussnummer), Pictures of Love, Rain Song, und vom Album »Fair Warning« die Songs Hang On, Longing for Love, One Step Closer, Out on the Run und When Love Fails. Ein hervorragender Auftritt einer exzellenten Band. Abgeliefert mit vollem Einsatz und unglaublicher Souveränität sowie Selbstsicherheit. Die Band lieferte beim Rock of Ages mit diesem Auftritt eigentlich das exklusive einzige Sommer-Konzert in Europa in diesem Jahr! Irgendwann muss man sie unbedingt bei einem Klubkonzert erwischen!

Der fünfte Act des zweiten Festivaltages betrat die Bühne fünf Minuten vor vier Uhr nachmittags. Das waren Hardline, von denen aus den Originalmitgliedern in neuen Zeiten nur noch Sänger Johnny Gioeli dabei ist. Dank seines Antriebs und Enthusiasmus sind Hardline überhaupt wieder aktiv und haben so in der Zeit zwischen 2009 und 2016 drei neue Studioalben abgeliefert, von denen das aktuelle »Human Nature« und sein Vorgänger »Danger Zone« mehr als solide sind – wenn nicht sogar sehr gut. Die Band hat die Besetzung in neuen Zeiten stark verändert. An der Gitarre ist der Puerto Ricaner Josh Ramos, der Gioeli bereits 2002 seine Dienste für das Hardline-Album »II« angeboten hatte. Für die Keyboards ist der vielseitige Alessandro Del Vecchio zuständig, am Schlagzeug sitzt der aktuelle Primal Fear-Drummer Francesco Jovino, und am Bass hätte eigentlich Anna Portaluppi spielen sollen, die bei dieser Gelegenheit jedoch von einem anderen Bassisten vertreten wurde, dessen Namen ich beim besten Willen nicht aufschnappen konnte. Kurz gesagt: Die Band lieferte neben den Songs vom aktuellen Album »Human Nature« im Großteil des Repertoires die Songs des kultigen Debüts »Double Eclipse« (1992). Unglaublich, aber fast das gesamte genannte Album spielten Hardline in knapp einer Stunde Konzertauftritt durch. Es folgten Dr. Love, Everything, Hot Cherie, I’ll Be There, In the Hands of Time, Life’s a Bitch, Rhythm from a Red Car, Takin‘ Me Down. Feuchte Träume für Fans dieses Albums und der Band. Natürlich war nichts anderes zu erwarten als eine erneut hervorragende Vorstellung von Johnny Gioeli, der – wie letztes Jahr, als er hier mit Axel Rudi Pell auftrat – wieder extrem aufgedreht war und von einem Bandmitglied zum anderen hüpfte wie eine Kugel im Flipper. Ob der Typ vor dem Auftritt irgendwas geschluckt oder was »gesnackt« hat (oder nicht), ist unklar – aber er wurde unglaublich herumgeworfen und zuckte durch das Konzert. Er sang brillant, was ja das Wesentliche ist. Nur eine Sache störte. Johnny hat die Strophen nicht im Griff. Als er sich dann mehrmals fast theatralisch an den Mikrofonständer zu hängen begann, mit einem Fuß auf einem der Monitore, wurde das zeitweise ziemlich störend – woraufhin jeder Besucher mit etwas mehr Aufmerksamkeit unschwer erkennen konnte, dass er eigentlich auf Zettel schielt, die auf dem Boden neben dem Mikrofonständer geklebt waren. Geld für einen Teleprompter haben Hardline eben nicht – anders als Judas Priest und Black Sabbath. Dr. Love war schon so ein Song, bei dem die Strophen in Vergessenheit gerieten. Ansonsten gab es am Auftritt von Hardline aber rein gar nichts auszusetzen. Es handelt sich um Spitzenmusiker, die Johnny umgeben, und dieses Konzert haben sie eben mit großer Auszeichnung abgeliefert. Im restlichen Material spielte die Band auch das neue Album und lieferte als Konzertöffnung Where Will We Go From Here, spielte im weiteren Verlauf den Titelsong des neuen Albums sowie Take You Home.

Blues Pills gehörten zu jenen Festivalbesonderheiten, die prinzipiell vom allgemeinen Stilrahmen abweichen, der hinter dem Namen und dem Image des Festivals steht. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Band nicht unglaublich attraktiv wäre, was Auftritte angeht. Ganz im Gegenteil. Blues Pills enttäuschen nie. Der grundlegende Katalysator und Antriebsmotor, der ihren Konzertshows eine unglaubliche Energiespannung und adrenalindurchtränkte Aufgedrehtheit verleiht, ist die außergewöhnliche und unglaublich charismatische Sängerin Elin Larsson. Die Band hat gerade mal zwei Alben draußen, daher setzte sich die Setlist natürlich aus einer Kombination beider zusammen, mit stärkerem Fokus auf dem aktuellen »Lady In Gold«. Blues Pills sind ein sehr gut eingespieltes Team. Alles, was du auf der Bühne siehst, ist rustikal – auch das Bühnen-»Outfit« der Band. Und so klingt die Band auch. Retro-klingend. So »analog« wie möglich – also »nackt« und ohne Schleier von Kitsch und Schnickschnack. What you see is what you get. Das Quartett hat im letzten Jahr Rickard Nygren für Konzertauftritte engagiert, der so als zusätzliches Konzertmitglied Hammond-Orgel spielte und gelegentlich auch zur Gitarre griff, mit der er den rhythmischen Hintergrund hielt – besonders in Teilen, wo Dorian Sorriaux zum Solieren »verurteilt« war. Elementarer Sound und eine besonders klingende Mischung der alten Schule, die mit einer neuen Generation lebt. Eine besondere Mischung aus Elementen des Psychedelic Rock, altem Rock bzw. Hard Rock, entschieden durchzogen vom Blueselement. Elin herrschte erneut mit ihrer geradezu sprichwörtlich einfühlsamen und sinnlichen Bühnenshow, bei der es ihr nicht an »vokaler Munition« mangelte, mit der die Frau auf so brillante Weise ihr reiches Repertoire an Vokalimprovisation abrundete. Wenn ihr langweilig wurde, griff sie zu Shakern und Tamburin und amüsierte sich damit – ansonsten agierte sie vokal so, als wäre sie vom Geist irgendeiner schwarzen Sängerin besessen, und mit ihrer starken Bühnenpräsenz, Interpretation und insgesamt tief empfundenen Ausdrucksstärke gelang es ihr nicht selten, auch den zeitlosen Geist der verstorbenen Janis Joplin heraufzubeschwören. In knapp einer Stunde folgten diese Songs: Lady in Gold, Black Smoke, Elements and Things (ein Cover von Tony Joe White), You Gotta Try, High Class Woman, Somebody to Love (Cover von Jefferson Airplane) und als Abschluss das besonders mitreißend eingängige Devil Man. Eine hervorragende Wahl für den Abschluss. Blues Pills haben an diesem Tag definitiv niemanden auf dem Festival gleichgültig gelassen. Das ist eine Band, die wirklich immer eine vollblütige Show abliefert. Die Band habe ich im Rahmen des Tolminer Metaldays Festivals zwei Tage vor ihrer Ankunft beim Rock Of Ages wegen Terminüberschneidung leider nicht erwischen können. Zum Glück kamen sie jedoch, genau wie der Autor dieses Artikels, selbst in Seebronn an. Die Band hätte Mitte März dieses Jahres in Triest auftreten sollen, doch das Konzert wurde abgesagt, weil Elin damals krank wurde. Hoffen wir, dass sie sich bald mit einem »Ersatz«-Konzert in Triest freikaufen! Summa summarum eine super Show.

Pretty Maids, die legendären dänischen Hard-Rocker, die im vergangenen November ihr neuestes Studioalbum »Kingmaker« veröffentlichten, hat Rockline mit dem Auftritt beim Rock of Ages Festival allein in diesem Jahr insgesamt zum dritten Mal auf Konzertbühnen erwischt. Zweimal im Rahmen einer frühen Frühjahrstournee durch Europa, als sie Konzerte vor Gotthard eröffneten. Pretty Maids bleiben eine Bühnenkonstante. Kürzlich haben sie sich mit dem schwedischen Musiker Chris Laney verstärkt, der für Keyboards und Gitarre sowie Backing Vocals zuständig ist. So haben sie das Bild eines Quintetts beibehalten, und gleichzeitig probierten sie bei diesen Konzerten auch einen neuen Schlagzeuger aus – ihren dänischen Landsmann Allan Sørensen, der einst Unterrichtsstunden bei Mikkey Dee (Scorpions, Motörhead, King Diamond) nahm. Der Festivalveranstalter ist ein großer Fan dieser Band, und Pretty Maids haben so bereits mehrfach sowohl auf BYH- als auch auf ROA-Festivals gespielt. Ronnie trat zum Beispiel im letzten Jahr im Rahmen des ROA Festivals als Sondergast beim Auftritt des Projekts Avantasia auf. Und wo wir schon bei Ronnie Atkins sind: Es muss betont werden, dass er diesen Konzertauftritt erneut auf hohem Niveau absolvierte – obwohl ihn seit einigen Jahren die Tatsache plagt, dass seine stimmlichen Kräfte nachlassen bzw. langsam verblassen, was man besonders bei der Ausführung hoher Gesangslinien spürt. Diesmal holte Ronnie eben das Maximum aus seiner Stimme. Auch sonst lieferten Pretty Maids einen weiteren extrem guten Auftritt, in dem sie ihr klassisches Repertoire aufpolierten. Ohne besondere Überraschungen. Das bestätigte nur, dass die Band ständig auf Tour ist. Und das an zahlreichen Spielorten. Daher ist auch die Bühnenform außergewöhnlich. So reihten sich im einstündigen Auftritt folgende Songs aneinander: Mother of All Lies, Kingmaker, Back to Back, Red, Hot and Heavy, Yellow Rain, Rodeo, I.N.V.U., Bull’s Eye, Little Drops of Heaven sowie das abschließende und allgemein erwartete Future World. Pretty Maids bleiben eben eine Band, die auf Konzertbühnen weder kann noch weiß, wie man enttäuscht.

Und dann anderthalb Stunden mit den einzigartigen Marillion. Eine Band aus einem ganz eigenen Teig, die sich meilenweit von allen anderen Acts abhob – und tatsächlich schrieben sie sich ins Festivalprogramm ein als die einzige, bedingt gesagt »progressive« Rock-Band. Heute kann man sie am besten als eine der vornehmsten Art-Rock-Bands beschreiben, die je auf dieser Erde herumkrochen, und dennoch bleiben sie eines der bestgehüteten musikalischen Geheimnisse Großbritanniens. Sie haben tatsächlich eine außerordentlich treue und verbissene Fanbasis, deren Obsession bereits an eine Art Psychose grenzt – die sich aber zum Beispiel nicht mit der krankhaften Obsession der amerikanischen »Rush-o-Manie« messen kann. Nun, beim Rock Of Ages war es – im Gegensatz zum Delirium in den ersten Reihen des Amphitheaters von Verona, wo wir sie im September letzten Jahres sahen – ruhig. Die Deutschen wissen, was gute Musik ist, und beim Auftritt von Marillion auf der Bühne wurden sie buchstäblich hypnotisiert. In dem Moment, als Steve Hogarth völlig ruhig zu den Stufen schlenderte, die zum Catwalk führten, sich auf ihnen niederließ und mit dem Zeigefinger den Mund bedeckte – was dem Publikum signalisierte, dass alles unter Kontrolle ist.

Die Band entschied sich, das gesamte aktuelle Studioalbum »F.E.A.R.« (Fuck Everyone And Run) aufzuführen, was alles andere als ein leichter musikalischer Happen ist und viele Durchläufe und Hingabe erfordert – aber wenn es einmal unter die Haut geht, ist es eines dieser Lieblingsalben. Was soll man sagen. Marillion haben immer diesen Rock mit großem Gehirn und tief verankerten Botschaften geliefert. Der Sound, den sie aufgebaut haben, war wie aus dem Bilderbuch. Während des Konzerts hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Genauso die Performance. Alles war genau dort, wo es sein musste. In Kombination mit den Projektionen auf der Leinwand war die Magie geboren! Schade war nur, dass das Konzert nicht nach neun Uhr stattfand, wenn sich das Gelände vollständig in Nacht gehüllt hätte und die Scheinwerfer mehr zur Geltung gekommen wären. Dennoch verzauberten die Meister der Erschaffung und Beschwörung von Mystik das Gelände mit ihrer Vortrefflichkeit und einem ungeahnten Perfektionismus. Hogarth brillierte mit seinem stimmlichen Chamäleonismus, seiner Zerbrechlichkeit, Weichheit, zeitweise gar Sanftheit, voll von Melancholie und Sehnsucht. Im nächsten Moment tobte er donnerlaut, und die Atmosphäre erreichte damit eine völlig neue Dimension. »H« ist bei alledem auch eine Art Theaterschauspieler. Dabei spielt er Gitarre, Keyboards – und auf der Bühne hatte er ein besonderes Instrument, das an eine Zither erinnerte, obwohl es von einer Zither weit entfernt war. Mosley wieder vollständig hinter Becken vergraben, sodass man den Kerl hinter dem Schlagzeug kaum sehen konnte. Ähnliches galt für Mark Kelly, umgeben von einer ganzen Armada an Keyboards. Auch Trewavas musste neben seinem exzellenten und feinfühligen Bassspiel gelegentlich zu zusätzlichen Keyboards greifen, während Steve Rothery noch immer eine unglaubliche Kombination des Trios Gilmour-Hackett-Latimer ist. Der brillante Gitarren-Maestro zeigte erneut, was für ein feinfühliger Meister des Tonhaltens er ist, wie er die Töne mit unglaublichem Gespür formt und aus ihnen alle Ausdrucksstärke, Leidenschaft und Emotion herauszieht. Keltische Melancholie! Die Chemie, die Marillion auf der Bühne aufbauen, ist wirklich bewundernswert. Die Instrumente im Gleichgewicht, und man hat das Gefühl, dass das Quintett noch immer unglaublich genießt, wenn es seine Musik spielt und sich mit dem Publikum austauscht bzw. seine Magie mit dem Publikum teilt.

Anderthalb Stunden waren eindeutig zu wenig, denn das Konzert verging wie im Flug. Wir hörten also das gesamte Album »F.E.A.R.«, danach lieferte die Band noch zwei Songs des vorherigen Albums »Sounds That Can’t Be Made« – nämlich Power und den Titelsong –, und schloss diesen neuen exzellenten Auftritt mit dem »Afraid Of Sunlight«-Song King ab.

Die Rolle des Headliners beim diesjährigen Rock of Ages Festival fiel der legendären kanadischen Art-Rock-Band Saga zu. Deutschland ist die zweite Heimat dieser Band. Diese Rolle hat sie sich besonders nach dem kommerziellen Niedergang der Band in den Neunzigern gefestigt – wobei Saga in ihrer Karriere gerade mal ein wirklich schlechtes Album aufgenommen hat (»Pleasure And The Pain«). Als es ihnen an den Kragen ging, wechselten Saga unter das Dach des deutschen Labels SPV Records und begannen eine Reihe hervorragender Studioleistungen abzuliefern, mit denen sie zu ihren kreativen Wurzeln der späten Siebziger und durch die Achtziger zurückkehrten. Konzerttouren der Band Saga waren all die Jahre eine große Konstante auf deutschem Boden, die meisten Konzerte waren stets ausverkauft, und die Band veröffentlichte fast regelmäßig auch Konzertdokumentationen dieser ihrer postmillennialen Epen. In diesem Jahr erklärten Saga nun, dass sie ihre Karriere unwiderruflich beenden, und so hatten sie bereits im April und Mai eine Europatour durchgeführt, die anlässlich des 40-jährigen Bestehens also eine Abschiedstour war. Ihr Auftritt beim Rock of Ages Festival war aber eigentlich exklusiv und faktisch das historisch letzte gespielte Konzert auf dem Boden des alten europäischen Kontinents (Teufel noch mal, wie weit ist dieses Čakovec aus dem Jahr 1982 schon entfernt?).

Die Band hatte für diesen Auftritt eine hervorragende Setlist vorbereitet, die im Vergleich zu ihrem letztjährigen Auftritt – ebenfalls beim Rock Of Ages Festival, nur dass sie damals nicht als Headliner auftraten – deutlich verändert war. So bestückten Saga das Repertoire mit reichem Rückgriff auf ihre klassischen Tage, besonders auf die ersten drei Studioalben: »Saga«, »Images At Twilight« und »Silent Knight«. Ebenso berührten sie obligatorisch das Album »Worlds Apart« mit drei Klassikern – Wind Him Up, Time’s Up und On the Loose (keiner von ihnen darf im Repertoire fehlen) –, überraschten mit der Integration des »Behavior«-Songs Take A Chance, während die Songs des Albums »Heads Or Tales«, mit Ausnahme des überlegenen Scratching the Surface, bei dem selbstverständlich Keyboarder Jim Gilmour in den Vordergrund trat, für die Zugabe aufgespart wurden. Von den neueren Songs brachte die Band nach langer Zeit auch Songs des leicht übersehenen, aber hervorragenden Albums »Network« (2004) zurück ins Repertoire – nämlich On the Air Tonight und Keep It Reel –, sowie vom Album »10.000 Days« den Song Book Of Lies. Saga überraschten bereits zu Beginn, als sie das Konzert mit dem genannten »Behavior«-Song Take A Chance eröffneten. Nach langer Zeit brachten sie auch einige andere »Silent Knight«-Klassiker zurück in die Setlist, wie zum Beispiel Help Me Out, Someone Should und What’s It Gonna Be?, und dabei ließen sie auch die unverzichtbaren Careful Where You Step und Don’t Be Late (Chapter 2) nicht aus. Das Album »Saga« war ebenfalls stärker im Repertoire vertreten. Neben dem obligatorischen Humble Stance lieferten Saga davon noch drei »Bonbons«: Give ‚Em the Money, How Long und Will It Be You? (Chapter 4), wobei letzterer als absolute Überraschung gilt. »Images At Twilight« lieferte das obligatorische You’re Not Alone sowie das exzellente Mouse In A Maze. Das Publikum kennt die Refrainmelodien auswendig. Besonders bei den »volkstümlich gewordenen« Songs wie On the Loose, Don’t Be Late, Wind Him Up, Careful Where You Step und You’re Not Alone fraßen die Besucher Sänger Michael Sadler buchstäblich aus der Hand. Sadler hat über die Jahre auch etwas Deutsch gelernt und betont es für einen Kanadier sogar sehr geschickt. Das hat das Publikum nur noch mehr angeheizt. Irgendwo in der Mitte des Konzerts prasselte ein Hagel riesiger Luftballons von der Bühne über das Publikum herab, mit denen sich alle für den Rest des Konzerts »abschossen«. Die Band, die Sicherheitsleute und natürlich das Publikum. Ian Crichton bleibt der große Held und einzigartige Gitarrenakrobat, dem es auf diesem Planeten keinen Gleichen gibt. In all diesen Jahren hat er mit seiner Einzigartigkeit dem musikalischen Bild der Band einen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt. Er ist einer jener Gitarristen, auf denen in der Band alles steht (und fällt). Auch diesmal mangelte es ihm nicht an seiner schon sprichwörtlichen Brillanz, Konzentriertheit und filigranen Präzision. Er ist einer der am ungerechtfertigtsten übersehenen Gitarristen der Rock’n’Roll-Ära. Die Rolle der Keyboarder übernahmen neben Gilmour auch Jim Crichton und Michael Sadler. Gilmour deckte Sadlers Gesang erneut hervorragend mit seinem Backing Vocal ab. Kurz gesagt: Saga regierten an diesem Abend in Seebronn eben.

In der ersten Zugabe spielten sie das exzellente The Flyer, das Sadler im Refrain größtenteils erneut dem Publikum überließ, und danach erwartungsgemäß den (einzigen) noch fehlenden Evergreen Wind Him Up. Dann verabschiedete sich die Band. Es sah aus, als wäre alles vorbei. Nach einer längeren Pause trat Veranstalter Horst Franz auf die Bühne und deutete dem Publikum an, dass Saga zurückkommen. Er rief Schlagzeuger Mike Thorne auf die Bühne – und zwar nur beim Vornamen. Ich weiß nicht, was Saga in der Pause hinter der Bühne ausgeheckt haben, aber sie kamen auf einen äußerst guten Streich. Stattdessen trat neugierig Michael Sadler auf die Bühne. Na ja – Mike und Michael, da ist doch schließlich kein Unterschied. Horst bestand weiter auf dem Schlagzeuger. Sadler zuckte mit den Schultern und ging zurück hinter die Bühne. Da erschien Mike Thorne. Danach rief Horst Keyboarder Jim auf die Bühne. Auch diesmal erschien nicht der richtige Jim, sondern Jim Crichton, den Horst wieder hinter die Bühne scheuchte. Beide sind schließlich Jims. Kurz gesagt: ein genialer Gag für das große Finale. Das Quintett versammelte sich also ein letztes Mal auf der Bühne und legte mit der absoluten Überraschung des Abends los – dem »Heads Or Tales«-Song Social Orphan –, und verabschiedete sich dann nach guten zwei Stunden und zehn Minuten feierlich ein für alle Mal.

Horst aber kehrte auf die Bühne zurück und sagte, er sei in Verhandlungen darüber, ob Saga vielleicht irgendwann eine DVD von diesem ihrem letzten europäischen Konzert veröffentlichen könnten. Er betonte, dass es große Chancen gebe und dass das Management bereits seine Zuneigung zur Idee signalisiert habe. So endete der zweite Tag. Er war prallvoll mit einer ganzen Reihe hervorragender Bandauftritte und ließ uns buchstäblich keine einzige Sekunde lang durchatmen. Es blieb also noch ein, nämlich der letzte und dritte Tag des Festivals!

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