Bang Your Head!!! 2017 (zweiter Tag) – oder wie Vince Neil die Festival-Veranstalter an der Nase herumführte!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Balingen / Messegelände / Deutschland
Konzertdatum: 14.07.2017
Besucherzahl: 11000
Kartenpreis: 109,00€

Zweiter Tag des Bang Your Head!!! Festivals. Halb zwölf hatte es geschlagen, und in Balingen ging es los mit Thin-Lizzy-Klängen der alten Schule – dafür sorgten  die schwedischen Hard-Rock-Revivalisten Dead Lord. Nebenbei: Das sind Jungs, die in diesem Quartett-Format seit 2012 rocken. Ende März standen sie auch beim diesjährigen Winterdays of Metal Festival in Slowenien auf der Bühne. Die Band, deren treibende Kräfte Vokalist und Gitarrist Hakim Krim sowie Schlagzeuger Adam Lindmark sind, begleitet von Gitarrist Olle Hedenström und Enforcer-Bassist Tobias Lindkvist, hat beim BYH!!! Festival bereits einmal gespielt – damals allerdings noch ohne Studioalbum im Gepäck. Diesmal kehrten sie mit dem Nachfolger »Heads Held High« zurück, und der Auftritt wurde unter anderem von den Songs Deuce, Hammer To The Heart, Onkalo, Reruns und I’m Rocker getragen. Das Quartett präsentierte sich als ungemein kompaktes und souveränes Team mit hoher Spielfreude und entsprechend überzeugender Bühnenleistung. Teuflische Power, exzellente Bühnendynamik, harmonische Kinetik. Der Vormittag wurde von Regen begleitet, weshalb Dead Lord leider nicht auf so viel Publikumsunterstützung trafen, wie sie es verdient hätten – aber die Schar von Zuschauern in Pelerinen hatte beim Auftritt definitiv ihren Spaß.

Beim Revivalismus und bei Schweden blieb es auch danach, als Bullet die Bühne betraten. Die Band ist ebenfalls jüngeren Datums, tritt aber ungemein viel auf und nimmt auch fleißig auf. Ihr Stil lehnt sich stark an AC/DC an, und nicht selten erinnern sie an diese – vor allem wegen des höllisch lauten Kreischens des teuflischen Vokalisten Dag »Hella« Hofer. Auch Bullet sind beim BYH!!! Festival keine völlig Unbekannten mehr und haben dort bereits gespielt – sowohl in der Halle als auch auf der Hauptbühne. Die Band präsentierte das nach wie vor aktuelle »Storm of Blades!«, mit dem sie auch bei einer Ausgabe des Rock Batuje Festivals in Slowenien aufgetreten waren. Das Quintett behält bei, was wir von ihnen aus früheren Konzertbegegnungen mit dieser Band gewohnt waren. Ein hohes Maß an ungezähmter Wildheit und adrenalingetriebenem Tempo, für das nach wie vor das exzellente Gitarren-Duo Klang/Lyrbo sorgt, während Hofer sich neben seinem gewohnten Theater auf der Bühne auch noch das Schleifen von Klingen gönnte – mit einem echten Schleifgerät, von dem die Funken nur so flogen. Bullet präsentierten sich außerdem mit einer weiteren personellen Neuerung. Bassist Adam Hector wurde in der Band durch seinen Cousin, den lockigen Gustav, ersetzt, der die weiße Rickenbacker-Bassgitarre bereits souverän schwingt.

Der nächste Auftritt galt als einer der bewegendsten, wenn nicht gar rührendsten. Die Bühne übernahmen nämlich Grim Reaper – oder wie sie in neueren Zeiten korrekterweise heißen: Steve Grimmett’s Grim Reaper, legendäre Vertreter der NWOBHM-Ära. Wie bekannt, wurde dem Bandkopf und einem der herausragendsten Heavy-Metal-Sänger der Achtziger, Steve Grimmett, Anfang dieses Jahres aufgrund gesundheitlicher Probleme ein Teil des Beines amputiert – oberhalb des Knies. Es war eine Frage von Leben und Tod. Der Mann ist geblieben und hat durchgehalten. Und wie er es bereits offiziell angekündigt hatte,  wurde sein Versprechen zu spielen nicht gebrochen. Grimmett trat also auf, wie er es angekündigt hatte. Entweder mit Prothese oder im Rollstuhl. Am Ende war es eine Kombination aus beidem. Er rollte im Rollstuhl zum Mikrofon und stand das Konzert teils stehend, teils sitzend durch. Der Mann riss einen sofort mit seinem unverwechselbaren und markanten Gesang mit, der wieder seine Faszination für Ronnie James Dio zum Ausdruck brachte – auch wenn ihm sein Gesundheitszustand bzw. das körperliche Handicap keine optimale Entfaltung seiner Stimmkraft ermöglichte. Dennoch meisterte Steve alle Höhen und Tiefen nach wie vor bravourös.  Neben dem aktuellen Studioalbum »Walking in the Shadows« füllte die Band das Konzertrepertoire natürlich mit Material vom berüchtigten »Rock You To Hell«, von dem Grim Reaper vier Songs spielten:  den Titeltrack sowie Lust For Freedom, Rock Me Till I Die und Night of the Vampyre. Steve bedankte sich immer wieder tief beim Publikum, das Wetter hatte sich während seines Auftritts vollständig aufgeklärt, und sengender Sonnenschein herrschte über dem Gelände. Ein besonderer Moment ereignete sich, als Steve die Darbietung eines Songs seines großen Vorbilds Ronnie James Dio ankündigte – Don’t Talk To Strangers, den er mit außerordentlicher vokaler Raffinesse und Gefühl vortrug. Hut ab vor der Legende und ihrem Team. Für Unnachgiebigkeit, Glauben und Trotz. Das ist alles – und das Höchste, was ein Musiker seinem Publikum mit künstlerischer Aufrichtigkeit geben kann. Wenn man an diese Farce mit Volbeat beim Metaldays Festival vor zwei Jahren denkt, schreibt man so einen Künstler sofort ab – im Vergleich zum Löwenherz eines Steve Grimmett. Dort hat der »Wannabe-Zwerg-Elvis« Poulsen »ein bisschen gehustet« ins Mikrofon, und die Band hat das Konzert sofort abgesagt. Hier verliert ein Mann ein Bein – und gibt trotzdem nicht auf und nicht nach. Steve Grimmett rundete den Auftritt mit seiner Crew noch mit zwei älteren Songs ab: den Titelstücken der Alben »See You In Hell« (mit dem er das Konzert beendete) und »Fear No Evil«. Unvergesslich.

Nach dem Auftritt von Steve Grimmett und Grim Reaper ließ die Spannung des Festivals keineswegs nach. Lee Aaron brachte dem Festival ganz sicher einen weiteren besonders attraktiven Moment. Sicher eine der Überraschungen dieser Ausgabe des BYH Festivals. Die kanadische Musikerin zählt heute 55 Jahre und tritt wieder öfter auf europäischen Bühnen auf. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie im Eigenverlag ein neues Studioalbum, »Fire And Gasoline«, mit dem sie zu ihren Rock-Wurzeln zurückkehrte. Lee Aaron, die bürgerlich Karen Lynn Greening heißt, bewahrt eine hohe Vitalität und Bühnenpräsenz. Die sprühende Sängerin lieferte einen wunderbaren Überschuss an positiven Vibes und Energie und bestätigte mit ihrem Temperament und Charme, dass sie für die Bühne wie gemacht ist.  Gesanglich überzeugend! Die Zuhörer warteten natürlich auf die bekannteren, rockig eingefärbten Höhepunkte ihrer Karriere – also das Material der Achtziger. Und lange warten musste man nicht, denn Lee eröffnete das Konzert mit Hot To Be Rocked vom dritten Album »Call of the Wild«, gefolgt vom »Bodyrock«-Track Hold On. Dann widmete sie einige Nummern dem neuen Album, gefolgt vom Rest, der den legendären Zeiten gewidmet war – mit den Songs Powerline, Watcha Do To My Body, Diamond Baby, Barely Holdin‘ On sowie abschließend dem stets still ersehnten Metal Queen von ihrem zweiten (und gleichnamigen) Studioalbum. .

Es folgte ein hervorragender Auftritt von Riot V. Das sind eigentlich die legendären New Yorker Metaller Riot in neuem Gewand – ohne den verstorbenen Mark Reale in der Besetzung. Riot V traten vor zwei Jahren beim Bang Your Head auf, als das neue Studioalbum »Unleash the Fire« ganz frisch war. Zwei Jahre später tritt die Band nach wie vor auf – und das in unveränderter Besetzung mit Don Van Stavern am Bass, Mike Flyntz an der Gitarre, Frank Gilchriest am Schlagzeug, Todd Michael Hall am Gesang und dem jungen und aufstrebenden Nick Lee an der Gitarre. Dem Auftritt von Riot V konnte man nichts vorwerfen. Abgeliefert?  Erstklassig. Von der Spielfreude bis zur Nutzung des Bühnenraums.  An Präzision in den haargenau ausgearbeiteten Soli mangelte es nicht, wobei der erfahrene Flyntz natürlich die Initiative übernahm. Dabei muss man besonders den herausragenden Todd Michael Hall hervorheben, der tatsächlich absolute vokale Brillanz ablieferte. Die Band begann zwar mit Rock Hard Live Free vom aktuellen Studioalbum, schwenkte dann aber rasch auf das Kultalbum »Thundersteel« um, als Flyntz und Lee mit ihren Gitarren in Fight of the Warrior eingruben.  Die erste große Überraschung kam bei der Wahl des dritten Songs: Don’t Hold Back vom Album »Fire Down Under«, den die Band seit 1981 nicht mehr gespielt hatte. Danach festigten Riot V ihre außergewöhnliche Bühnenpräsenz noch weiter mit dem »kultigen« Johnny’s Back, bei dem der Großteil des Publikums mitsang;  darauf folgte Road Racin‘, der einzige Track vom Album »Narita«, dann das fantastische und unvergessliche Bloodstreets (Album »Thundersteel«), das neue Take Me Back sowie das große Finale, das das erwartete Swords And Tequila (Album »Fire Down Under«) eröffnete, gesteigert von der »Rock City«-Klassik Warrior und abgerundet durch den tosenden Sturmangriff – den Titeltrack des Albums »Thundersteel«. Ein Konzert von Riot V ist Pflicht für jeden unverbesserlichen Old-School-Heavy-Metal-Fan. Die Band ist auf der Bühne außergewöhnlich. Deshalb war das Gefühl, dass das Konzert im Nu vorbei war, in diesem Fall schlicht Realität. Schade. Riot V muss man unbedingt bei einem Konzert mit voller Spielzeit erleben – also einem Konzert von knapp unter zwei Stunden. Hoffen wir, dass sich diese Gelegenheit so bald wie möglich bietet.

Magnum sind die großen Veteranen des Rock’n’Roll. Die Briten bleiben unzerstörbar und veröffentlichen auch in reifen Jahren regelmäßig neue Studioalben. Das aktuelle »Sacred Blood »Divine« Lies« erschien im Februar letzten Jahres, und die Band kündigt bereits für dieses Jahr den Nachfolger an. Hand aufs Herz – vom Auftritt hätte man sich etwas mehr erwartet. Obwohl die Band geschickt die nicht gerade optimale Tagesform durch die Integration von Kultklassikern des Albums »On A Storytellers Night« (Titeltrack, All Englands Eyes, Les Morts  Densant, How Far Jerusalem) kaschierte, war das Gefühl einfach nicht loszuwerden, dass Magnum Erschöpfung und Abgenutztheit ausstrahlten. Das galt besonders für Sänger Bob Catley, der seit einigen Jahren stimmlich merklich nachlässt und die gewünschte Stimmkraft und Höhe schon lange nicht mehr entwickelt. Auch wenn die Band gerade in diesem Jahr die Besetzung mit dem neuen Keyboarder Rick Benton aufgefrischt hat, der den pensionierten Mark Stanaway ersetzte, und Schlagzeuger Lee Moriss, der das langjährige Magnum-Mitglied Harry James ersetzte (James schied aus, weil er zu beschäftigt ist – und mit seinem Thunder läuft es auch wieder sehr gut), war das Gefühl, dass die Band nicht in Tagesform war, einfach nicht loszuwerden. Catley wirkte müde, und die Band insgesamt so, als würde sie ihren Auftritt so schnell wie möglich routinemäßig zu Ende bringen wollen. Vielleicht forderte die Mittagsposition ihren Tribut. Die Hitze und Schwüle forderten ihren Tribut. Die Band überraschte zu Beginn angenehm, indem sie nach langer Zeit Soldier of the Line vom Album »Chase the Dragon« (1981) wieder in die Setliste aufnahm; es folgten zwei Songs des aktuellen Albums »Sacred Blood »Divine« Lies« (Titeltrack und das weniger spannende, aber veröffentlichte neue Single Crazy Old Mothers), dann ein Schwung Tracks des kultischen »On A Story Tellers Night«, unterbrochen in der Mitte durch das neuere Unwritten Sacrifice (Album »Escape From A Shadow Garden«), und die Band beendete den Auftritt mit Vigilante (Album »Vigilante«).

Noch vor dem Auftritt der legendären Schweizer Hard-Rocker Krokus begann es um Punkt sechs Uhr abends in der Halle zu donnern, wo Almanac ihren Auftritt begannen – eine neue Band, die nach dem Abschied von den legendären Hamburger Power-Metallern Rage vom belarussischen Multi-Instrumentalisten, Komponisten und Gitarren-Virtuosen Victor Smolski geleitet wird. Ein Hinweis: Eben jene Almanac spielten diesen Februar in Ljubljana vor einer Handvoll Zuschauer (ungefähr 20, eher weniger). In der Halle trafen Almanac auf deutlich stärkere Zuschauerunterstützung – mindestens 600 bis 700 waren dabei. Die Band wirkt wie ein Mini-Operetten-Metal-Orchester. So ist auch das Album »Tsar«. Smolski setzt drei Lead-Vocals ein: eine weibliche (Joanette Marchewka) und zwei männliche (David Readman von Pink Cream 69, Andy B. Franck von Brainstorm). Eine Power-Metal-Odyssee, stark durchdrungen von Arrangements, die von Operetten- und Orchesterelementen inspiriert sind. Und Victor? Bleibt eben Victor. Ein außergewöhnlicher Gitarrenmeister und -akrobat. Sein Solieren und Spielen bleiben Gitarrenpoesie und ein einzigartiges Meisterwerk der Beherrschung der sechssaitigen Bibel.

Dennoch lenkte ich mehr Aufmerksamkeit auf den Auftritt von Krokus, die beim Bang Your Head Festival schon lange keine Unbekannten mehr sind. Die legendäre Schweizer Hard-Rock-Band tritt mit gleich drei Gitarristen auf: Mark Kohler, Fernando Von Arb und Rückkehrer Mandy Meyer (Unisonic, ex-Asia, ex-Gotthard). Die Band, die so ziemlich seit 1975 aktiv ist, wird vervollständigt durch den unverwechselbaren und markanten Sänger Marck Storace, Gründungsmitglied, ehemaliger Schlagzeuger und heutiger Bassist Chris Von Rohr sowie Schlagzeuger Flavio Mezzodi als einzigem etwas jüngeren Mitglied. Die Band hat in diesem Jahr das Cover-Album »Big Rocks« veröffentlicht, weshalb Krokus diesmal ein paar Coversongs spielten. Krokus treten sonst regelmäßig in der Schweiz auf und dann eher in den entlegeneren Ecken Deutschlands. Zum Glück haben Krokus es mit »Big Rocks« aber nicht übertrieben. Zum Auftakt schossen sie American Woman (The Guess Who) raus, am Ende des Auftritts das »Dylanartige« Mighty Queen, irgendwo in der Mitte des Repertoires schlich sich noch Rockin In A Free World (Neil Young) ein – und dann war’s genug mit dem Minutenstehlen. Die Band füllte das Repertoire mit den gefragten Achtziger-Klassikern, mit denen sie weltweit bis heute über 14 Millionen Studioalben verkauft haben. So folgten Heatstrokes, Fire, Bedside Radio (alle vom Album »Heavy Metal Rendez Vous«), dann Headhunter und Screaming in the Nigth (Album »Headhunter«). Das Konzert eröffnete Long Stick Goes Boom von »One Vice At Time«, wobei sie sich die Eingangszeile der The-Who-Klassik Pinball Wizzard gönnten. Krokus ließen auch die Alben »Hardware« (Easy Rocker) und »Heart Attack« (Rock ‚N‘ Roll Tonight) nicht aus.  Von den Post-Millennium-Werken landete nur Hellraiser (vom gleichnamigen Album) im Repertoire – ansonsten Klassiker auf Klassiker der Achtziger, und in einem Wort: Außergewöhnlich. Die Band ist unglaublich erfahren und routiniert. Storace bleibt ein außergewöhnlicher Anführer – obendrein noch sehr unterhaltsam und theatralischer kleiner Kerl. Die Gitarren sangen, sangen und ächzten süß. Krokus bleiben unglaublich agil und überzeugend – auch nach all den Jahren des Durchhaltens, die mehr als beneidenswert sind. Okay, Storace hat nicht mehr jene Höhe von früher, aber er ist aufgekratzt, lausbubenhaft und scharf auf der Bühne wie ein potenter kleiner Star. Ein super Auftritt der Legenden des europäischen Hard Rocks also.

Als Krokus gerade ihren Auftritt beendeten, betraten die deutschen Heavy-Metaller Paragon die Hallenbühne.  Es handelt sich um eine kultische deutsche Band aus Hamburg, die seit über zweieinhalb Dekaden aktiv ist. Im vergangenen Jahr veröffentlichten Paragon ihr insgesamt elftes Studioalbum »Hell Over Hell«, und in der zur Verfügung stehenden Spielzeit präsentierten sie neben dem neuen Album eine wunderbar ausgewogene Setliste mit älterem Material. Die Besetzung bilden Gitarrist Jan Bertram (heute das einzige Mitglied der Originalbesetzung) und Martin Christian, dazu Sänger Andreas Babuschkin und Bassist Jan Bünning, während Soren Teckenburg die Drumsticks schwingt – der Mann mit dem kürzesten Dienstalter bei Paragon.  So reihten sich Abducted, Palace of Sin, Armies of the Tyrant, Law of the Blade, Across the Wastelands, Rising Forces, Hypnotized, Hell Beyond Hell, Impaler, Hellgore Play und Thunderstorm aneinander. Den außergewöhnlich reifen und kompakten Auftritt der Band mussten wir leider verlassen, da auf der Hauptbühne bereits alles für den exklusiven Auftritt der australischen Rock’n’Roll-Veteranen Rose Tattoo vorbereitet wurde.

Neun Jahre waren sie nicht in Europa. Nach all dieser Dürre kehrten sie endlich nach Europa zurück – und zwar genau beim Bang Your Head, mit ihrem einzigen europäischen Auftritt im Jahr 2017. Exklusiv. Damen und Herren: Die australischen Rock’n’Roll-Halunken Rose Tattoo, aktiv seit 1976. Der Teufel weiß, warum sie immer im Schatten der großen Brüder AC/DC geblieben sind – aber das ist eine Band, die definitiv den großen Durchbruch verdient hätte, zu dem es leider nie kam. Nachdem es so aussah, als wäre alles vorbei – in der Band waren, mit Ausnahme des zähen und stimmgewaltigen kleinen Kerls Gary »Angry« Anderson, die wichtigsten musikalischen Figuren verstorben –, sickerten im vergangenen Jahr Nachrichten über eine Wiedervereinigung und Reaktivierung der Band durch. Es folgte ein neues Konzertdokument und mehr. Die Ankündigung eines neuen Studioalbums. So war es kein Wunder, dass das Gros des Festivals um acht Uhr abends gespannt auf Rose Tattoo auf der Bühne wartete.  Sie enttäuschten auf jeden Fall nicht. Die Setliste bestand hauptsächlich aus Momenten der ersten drei Alben, mit Schwerpunkt auf dem Debüt »Rose Tattoo« (1977) und dem dritten – also »Scarred For Life«  (1982). Interessant, dass dabei Material vom Album »Southern Stars« (1984) fehlte. In der Band übernahm der erfahrene Dai Prichard die Leadgitarre, der seit 2007 dabei ist; sein Fingerpicking entlockte der Gitarre ein wahrhaft wohlklingendes Stöhnen, wenn er kunstvoll den Gitarrenhals auf und ab fuhr und dem Bandsound jenen charakteristischen, unverwechselbaren Schutzglanz verlieh. Die übrigen drei Bandmitglieder schlossen sich Angry erst dieses Jahr an: Bassist Mark Evans, Schlagzeuger John Watson und Gitarrist Bob Spencer. Angry reißt nach wie vor mit seinem legendären Gesang und seiner bloßen Bühnenpräsenz alles nieder. Vielleicht hätte die Band lauter eingestellt sein können. Das ist die einzige Anmerkung. Der Sound also. Ansonsten Song für Song: Out of this Place, Assault & Battery, Tramp, Who’s Got the Cash, Juice on the Loose, Rock ’n‘ Roll Outlaw, The Butcher and Fast Eddy, One of the Boys, Bad Boy for Love, Rock ’n‘ Roll is King, Branded, Scarred for Life, We Can’t Be Beaten, Black Eyed Bruiser (Album »Blood Brothers«, 2007) und als Abschluss Nice Boy. Rose Tattoo reiten also wieder.  

Rose Tattoo waren gerade dabei, ihren Auftritt zu beenden, als die exzellenten spanischen Thrash-Metal-Revivalisten Angelus Apatrida die Hallenbühne betraten – sie hatten im vergangenen Dezember auch im Orto Bar in Ljubljana gespielt, zusammen mit Vector.  Auch bei diesem Konzert in Balingen präsentierte das Quartett in der Besetzung Guillermo Izquierdo (Gesang, Gitarre), David G. Alvarez (Gitarre), Jose Izquierdo  (Bass) und Victor Valera (Schlagzeug) das insgesamt fünfte und letzte Studioalbum mit dem Titel »Hidden Evolution« (2015), ohne dabei die frühere Schaffensphase zu vernachlässigen. So reihten sich unter anderem Immortal, Violent Dawn, Vomitive, Of Men and Tyrants , End Man, Give’Em War, Serpents On Parade und You Are Next aneinander. Angelus Apatrida sind eine exzellente Band. Ungemein fokussiert und aufgeschärft – und eigentlich macht Guillermo allein alles. Er ist ein exzellenter Solist und unglaublich durchdringender, charismatischer Sänger. Der lockige Sänger und Gitarrist kann gelegentlich seine Stimmfarbe auf erstaunliche Weise dem legendären Dave Mustaine annähern, obwohl er sonst überwiegend mit seiner eigenen Farbe und seinem eigenen Ansatz singt. Von allen Auftretenden wurden sie auf der Bühne in puncto Kinetik auf dem gesamten Festival wohl nur von den belgischen »Verrückten« Evil Invaders am nächsten Tag übertroffen – ansonsten sind Angelus Apatrida eine Band, die unverschämt aggressiv ist und nicht an Energie und schwerer Artillerie spart, mit der sie aus allen Positionen auf ihr Publikum schießt. Gnadenlos. Spielfreude, außergewöhnliche Power, unglaubliche Durchschlagskraft und darstellerische Überzeugungskraft, die dem Zuhörer keinen Moment zum Luftholen lässt. Das außergewöhnliche Konzert der Band mussten wir leider verlassen, weil die Hauptbühne bereits für den Headliner-Auftritt des ehemaligen Mötley Crüe-Sängers Vince Neil mit seiner Begleitband vorbereitet wurde.

Das Hauptereignis des zweiten Festivaltages war also der Headliner-Auftritt von Vince Neil mit seiner Begleitband. Kurz vor Beginn des Auftritts war Jeff Blando, Gitarrist von Slaughter, dabei zu sehen, wie er den Sound auf der Bühne korrigierte. Im Stil des Hauptbühnenmanagers und Tontechnikers. Was bedeutet das? »Blando«, Dana Strum und Zoltan Chaney sind eigentlich Slaughter und traten bereits am Tag zuvor als Slaughter auf – und einen Tag später noch in der Rolle von Vinces Begleitband.  Nun, »Blando« und Strum bilden schon länger den Begleitkern von Neils Crew, daher war das auch keine Überraschung. Das Konzert dauerte nicht mal eine Stunde. Zugabe inklusive klatschte Vince Neil zehn Songs runter, wobei er in der Mitte des Auftritts hinter die Bühne verschwand – Jeff Blando übernahm an dieser Stelle die Rolle des Hauptsängers und langweilte das Publikum fünfzehn Minuten lang mit abgenutzten Coversongs der Rock-Ära: Whole Lotta Love, Heaven And Hell und Stairway To Heaven (nur Smoke On The Water fehlte noch). Also. Es ist bekannt, dass Neil ein theatralischer Typ ist. Daran gibt es keinen Zweifel. Er war Mötley Crüe – und das kann nicht jeder von sich sagen. Er ist charismatisch, ein abgebrühter Performer und weiß, wie man Theater macht. Aber diesmal konnte sein »Jungs-Punk-Rock«-Gesang einfach nicht alle befriedigen, die vor die Bühne geströmt waren, um Mötley-Crüe-Standards zu genießen. Vince spielte mit der Crew: Dr. Feelogood, Piece of your Action, Looks That Kill, Home Sweet Home, Shout At The Devil, Kickstart My Heart, Girls, Girls Girls, Wild Side und als Zugabe Live Wire. Ungeachtet dessen, dass sich Chaney, Strum und »Blando« wirklich ins Zeug legten und ihr Maximum aus sich herausholten – es war alles zu wenig. Schlicht und einfach. Das Konzert hätte mindestens anderthalb Stunden dauern müssen. Deshalb brachte dieser Auftritt eine bittere Enttäuschung – nicht nur für den zweiten Festivaltag, sondern für das gesamte Festival. Im Zusammenhang mit diesem Debakel gab der offizielle Veranstalter in den Tagen nach dem Festival auch eine offizielle Entschuldigung und Erklärung ab: Es sei ein Missverständnis zwischen dem Band-Management und dem Veranstalter gewesen. Der Teufel weiß es. So eine Abzocke verdient wirklich niemand – am wenigsten das Renommee und die Größe eines Festivals vom Kaliber Bang Your Head. Daher war es kein Wunder, dass nach dem Konzert von Seiten des anspruchsvollen deutschen Publikums Aussagen kamen, dass Vince Neil nicht mehr nach Balingen zu kommen braucht. Die deutsche Musikszene ist kritisch, und diese Kritikalität ist definitiv maßgebend. Und warum? Weil er’s kann. Schlicht und einfach – Vince Neil kann sich das eben leisten. Nicht jeder war bei Mötley Crüe. Ein Konzert, das man schlicht im Nu vergisst. Vinko (G.) Nil.

Nun, da ich persönlich nie als besonderer Fan von Motley Crue oder Vince Neil gegolten habe, hegte ich keine hohen Erwartungen an das Konzert – und daher war das, was passierte, für mich auch keine besondere Überraschung. Zum Glück bin ich, sobald Neil die Bühne zum ersten Mal verlassen hatte und die Begleitband das Publikum in Balingen zur Strafe mit Coversongs verurteilte, in die Halle abgebogen, um dem großartigen Konzert von Angelus Apatrida zuzuhören, das ich mit großem Genuss bis zum Ende miterlebte.

Für das große Finale des zweiten Tages sorgten noch Entombed A.D. – bis 2014 Entombed, dann Entombed A.D. –,  was bedeutet, dass es nun zwei Entombed-Bands auf der Szene gibt. Entombed A.D. sind also jene Fraktion, bei der der charismatische und stets unterhaltsame Lars Göran Petrov singt, der auf den meisten Studioalben von Entombed seine Stimme gegeben hat.  Entombed A.D. haben in den letzten drei Jahren unter diesem Namen zwei neue Studioalben herausgebracht, von denen wir drei Songs hörten: Midas In Reverse, Dead Down (beide vom Album »Dead Down«) und Second To None (Album »Back to the Front«, 2014) – den Großteil der Setliste bildeten jedoch Tracks, die Petrov noch unter dem Namen Entombed gesungen hatte. Das bedeutet also, dass die Fans dieser Kult-Death’n’Roll-Band definitiv auf ihre Kosten kamen. Nicht nur wegen des Repertoires, sondern auch wegen der Neu-Interpretation desselben. Die Band bestätigte das, was wir auch letztes Jahr bei uns erlebt haben, als sie zweimal auch in Slowenien auftrat (zuletzt im November 2016 zusammen mit Voivod).  Gegen Ende ließ Petrov etwas nach, da ihm die Bühnenstrahler mehr als sichtlich zugesetzt hatten – doch er trotzte dem allen mit Löwenmut bis zum Ende des Auftritts. Die Band reihte folgende Entombed-Klassiker aneinander: Stranger Aeons, Eyemaster, Living Dead, Out of Hand, Chaos Breed, Revel in Flesh, Wolverine Blues und Left Hand Path. Souverän und überzeugend. Das nach »Extremem« hungrige Publikum kam voll auf seine Kosten. Der zweite Festivaltag fand so mit dem Auftritt von Entombed A.D. sein Ende und leitete den dritten und letzten Tag dieser Ausgabe des Bang Your Head Festivals ein.

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