Ein Strauß Progressive Rock mit Premiata Forneria Marconi im Herzen Friauls (2017)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: San Daniele del Friuli / Piazza Vittorio Emanuele / Italien
Konzertdatum: 23.06.2017
Besucherzahl: 500
Eintrittspreis: 0,00€ (freier Eintritt)

San Daniele del Friuli ist die friulanische Hauptstadt des Prosciuttos. Genau an diesem Freitag, dem 23.06.2017, veranstaltete die Stadt nach guter Jahrestradition erneut den großen Tag zu Ehren dieser auch den Slowenen wohlbekannten Delikatesse – die sich darüber allerdings nicht allzu viele graue Haare wachsen lassen, denn sie wissen nur zu gut, dass der echte Prosciutto natürlich im slowenischen Karst zu finden ist. Wie dem auch sei: Ein Ausflug in diese Stadt ist schon allein aus rein opportunistischen Gründen interessant, denn der alte Stadtkern liegt auf einem Hügel, umgeben von einer Stadtmauer mit einer Schlossanlage im Inneren. Selbst wenn man zufällig dort landet, gibt es also einiges zu sehen. Nun, diesmal war es ein Freitag, und da der diesjährige Juni konzertmäßig ziemlich trostlos ausgefallen war, kam die Neuigkeit, die ich erst am Mittag desselben Tages erhielt, umso erfreulicher: Dort treten die großen Veteranen der italienischen Symphonic- und Progressive-Rock-Szene auf. Das sind natürlich Premiata Forneria Marconi, kurz PFM. Erwähnenswert ist auch, dass dieser Freitag einer der heißesten Juni-Tage des laufenden Jahres war, was die tagsüber herrschende Gluthitze und die schwüle Luft anging.

Eine der zentralen Bands der gewaltigen Welle des Progressive Rock, die sich als besonderer Entwicklungszweig in den Siebzigern auf italienischem Boden entfaltete, ist also noch immer aktiv – neben einer Handvoll ihrer Zeitgenossen wie Le Orme (die am 03.08.2017 im nahen Lignano auftreten), New Trolls oder den Überresten von Goblin. Premiata Forneria Marconi trat 2017 als Septett auf. Im Line-up ist von den originalen Gründungsmitgliedern natürlich nach wie vor Schlagzeuger und Sänger Franz Di Cioccio, der PFM 1970 auf den Trümmern der Vorgängerband I Quelli gründete. 1974 stieß Bassist Patrick Djivas dazu, der Di Cioccio auch in den heutigen PFM treue Gesellschaft leistet. Sein Können ist auch Ramazzotti bekannt – er wählte Djivas für die Begleitband einer seiner früheren Welttourneen aus. An der Leadgitarre stieß nach dem Rückzug des markanten Franco Mussida der außergewöhnliche Virtuose Marco Sfogli hinzu, während am Geigenbogen (und gelegentlich an den Keyboards) nach wie vor der alte Bekannte der Band Lucio Fabbri zu finden ist. Letzterer spielte von Ende der Siebziger bis zur zweiten Hälfte der Achtziger bei PFM und schloss sich der Band 2002 wieder an. Die neuen PFM treten gelegentlich gleich mit drei Keyboardern auf (Fabbris gelegentliche Dienste eingerechnet). Die beiden festen Keyboard-Positionen besetzen zwei jüngere Musiker: Alessandro Scaglione (auch Moog, Hammond, E-Piano) sowie der zusätzliche Keyboarder, Gitarrist und Leadsänger Alberto Bravin. Damit Di Cioccio beim Konzert nach Herzenslaune agieren und entspannt von der Schlagzeugposition in die Rolle des Leadsängers wechseln kann, haben PFM außerdem den zusätzlichen Schlagzeuger und Perkussionisten Roberto Gualdi in ihre Reihen integriert. Auf der Bühne standen somit zwei Schlagzeug-Sets und ein schier unüberschaubares Meer an verschiedensten Keyboards.  

Der Veranstaltungsort auf der Piazza Vittorio Emanuele war brechend voll. Die Bühne war in eine Ecke des Platzes gequetscht, davor hatte sich eine Menge von rund 500 Zuhörern gedrängt und dabei einen regelrechten «Stau» erzeugt, denn ein Strom von Passanten floss aus dem Hintergrund und drängte mal von links, mal von rechts ununterbrochen auf alle ein, die dem Konzert lauschen wollten. Dazu muss man noch die unerträgliche Hitze rechnen, die durch die starke Bühnenbeleuchtung und natürlich die Masse an Körpern, die sich vor der Bühne (ob man wollte oder nicht) «aneinanderdrängten», noch weiter angefacht wurde.

Doch diese alles andere als angenehmen Bedingungen für ein konzertmäßiges Musikerlebnis konnten die ohnehin herausragende Qualität der Konzertvorstellung, die PFM ablieferten, in keinster Weise beeinträchtigen. Durch ein langes und umfangreiches Repertoire, das über gute zwei Stunden reine Spielzeit ausmachte (abzüglich der längeren Ansagen des lebhaften und «zungengewandten» Franz zwischen den Stücken), spielten sie den Großteil der Werke aus der Frühphase ihrer Karriere – und das war das Entscheidende für jeden, der technische Komplexität und bravouröse Spielfreude sucht und sich gern in die Tiefen einer mystischen Atmosphäre entführen lässt, die durch eine Prise ständig sprühenden und funkelnden Witzes bereichert wird, eingebettet ins mediterrane Umfeld und garniert mit einer Reihe exzellenter Improvisationsmomente. Auch diese nahmen einen besonderen Platz im Konzertrepertoire ein. So konnten wir ausgedehnte Geigen-Eskapaden, bravouröse E-Gitarren-Soli und den verdoppelten Schlagzeug-Einsatz von Di Cioccio und Gualdi in vollen Zügen genießen.

PFM begeisterten das Publikum – darunter naturgemäß jene mit Geburtsjahrgängen von 1955 abwärts bis in die Vierziger –, indem sie eine Reihe von Tracks von ihren klassischen Alben spielten. Besondere Aufmerksamkeit galt vor allem dem Album «Photos of Ghosts» (1973), von dem bereits im Eröffnungsteil des Konzerts der Titeltrack erklang – dem im weiteren Verlauf noch Promenade The Puzzle und Mr. 9 Till 5 folgten. Von «L’isola di niente» (1974) spielten PFM gleich zu Beginn die wunderbar mystische La luna nuova; das Repertoire wurde auch kräftig mit Material vom Studioerstling «Storia di un minuto» (1972) bestückt, indem beide Teile von Dove… quando… gespielt wurden, die sich (in still erwarteter Weise) in La Carrozza Di Hans verwandelten – gefolgt von Impressioni Di Settembre. Vom zweiten Studioalbum «Per un amico» (1972) spielten PFM nur ein Stück (Il banchetto), und mit Paper Charms ließen sie auch das Album «Chocolate Kings» (1975) nicht aus.

Die Band gönnte sich einen Moment ausgiebigen Genusses an klassischer Musik, als sie auf eigenwillige Weise einen Einschub aus Prokofjews Musik zum Ballett Romeo und Julia einfügte. In der zweiten Konzerthälfte verneigten sich PFM auch vor dem verstorbenen italienischen Cantautore Fabrizio De André mit der Darbietung zweier seiner Werke. PFM und De André hatten in der Vergangenheit auf der Bühne nämlich intensiv zusammengearbeitet – daher auch die Veröffentlichung des Livealbums «Fabrizio De André e PFM – In concerto» (1979) sowie „In concerto – Volume 2“ (1980). Ach ja, und die Band ließ auch den schelmischen Maestro della voce («Suonare suonare», 1980) nicht aus und schloss das Konzert erwartungsgemäß und mit furiöser Urgewalt mit Celebration (Album «Photos of Ghost», 1973).

Die Band entwickelte durch das gesamte Konzert hindurch einen leidenschaftlichen Sound, der vor überströmenden Emotionen bebte, während PFM in manchen Momenten einen wahrhaft orchestralen Klang entfalteten und wie ein echtes Sinfonieorchester wirkten – was nicht verwundert, wenn man all die Klangteppiche zusammenzählt, die gelegentlich von den drei Keyboards gemeinsam gewoben wurden.

Kurzum: Es war in jeder Hinsicht ein glänzend gewürztes Konzert, dargeboten mit unglaublicher Disziplin, Tradition, großem Können, Routine und Erfahrung. Über allem aber thronte ein außergewöhnliches Gespür für alles, was die Musiker anpackten. Der charismatische Anführer Franz Di Cioccio und seine Crew bleiben große Perfektionisten ihres musikalischen Handwerks, das nichts dem Zufall überlässt. An alles, was sie tun, gehen sie mit hundertprozentiger Hingabe und Fokus heran. An jenem Abend zelebrierten sie ein unvergessliches Konzert, gewoben aus einem unglaublichen Karussell von Stücken aus der goldenen Ära ihres hochgeachteten Wirkens. PFM sind eine Band, die in all diesen langen Jahren des Trotzens gegenüber Trends und trotz stattlicher siebenundvierzig erfüllter Jahre weder in den Herzen noch auf der Bühne um eine Handbreit gealtert ist. Deshalb sind Besuche ihrer Konzerte jedem wärmstens zu empfehlen, der musikalischen Perfektionismus zu schätzen weiß, der Komplexität und Musikalität des Komponierens zu einem eigenwilligen, aber unglaublich mitreißenden Konglomerat vereint. Für echte Progrock-Feinschmecker bleibt ein PFM-Konzert auch im Jahr 2017 ein besonderes Ritual und eine seelsorgerische Pflicht. 

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