Die Schwarze Messe extremer Metal-Kolendanten hüllte den Aprilfrühling in völlige Hoffnungslosigkeit (2017)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Konzertdatum: 06.04.2017
Besucherzahl: 70
Eintrittspreise: 16,00€ (Vorverkauf) / 20,00€ (Tageskasse)
Nocturnal Depression, Franzosen aus Grenoble, sind unsere alten Bekannten. Anfang April dieses Jahres besuchten sie Ljubljana erneut. Vor einigen Jahren traten sie nämlich auf der Metelkova mit den Dänen Make A Change… Kill Yourself auf, diesmal aber brachten sie, mit einem neuen Album in der Tasche und als Headliner der Tour, die georgischen Metal-»Kolendanten« Psychonaut 4 in den Orto bar mit.
Der diesmalige Besuch von Nocturnal Depression und Psychonaut 4 war »konzertmäßig verdoppelt«. Das heißt, wir bekamen zwei Konzerte an einem Tag – und natürlich am selben Ort. Nocturnal Depression und Psychonaut 4 traten also in der normalen Clubbühne des Orto bar auf, das ist die, die man über die Treppe erreicht, während unten, also auf der neueren und größeren Bühne, die alternativen Rock-Gurus aus Brežice, Demolition Group, spielten.
Gehen wir rein, in die Gesellschaft all jener, die einen frühzeitigen Frühlingsfreitod geplant hatten. Also hinein in den Schoß von Depression, Verzweiflung und all den anderen netten Aussichten des »Aderschlitzens«. Die Kombination zweier besonderer Bands, die in ihren Genrebezeichnungen sowohl »depression« als auch »black metal« tragen – und um das Durcheinander aktueller Entwicklungsleistungen des extremen Metals noch zu vergrößern, obendrauf noch »post« –, erwies sich als ausgesprochen interessant und in vielerlei Hinsicht auch als sehr besonders.
Als Erste schlurften Psychonaut 4 um halb zehn abends auf die Bühne. Die georgischen Eigenbrötler, die man in die Genreschublade des depressiven Black Metal steckt, mit einer dezidierten »post«-Konnotation allgemein repetitiven Phrasierens, bei dem es stellenweise nicht schwer war, sogar einen revitalisierenden Post-Punk-Beiklang, ja selbst Psychedelik herauszuhören, überraschten schon zu Beginn. Nicht so sehr in Bezug auf die Konzertperformance, sondern vielmehr in der Art, wie sie die Bühne betraten – wobei die Mehrheit der Bandmitglieder schwankend torkelte. Den ersten Preis trug dabei der Gitarrist und Sänger Drifter davon, ihm stand der Sänger Graf kaum nach. Doch sobald sie auf der Bühne standen, war alles anders. Sie präsentierten dem Publikum ihr drittes Studioalbum »Neurasthenia«, das in diesem Jahr erschienen ist – und so wurde auch das Konzert eröffnet. Mit einem längeren eingespielten Intro vom neuen Album. Das Sextett harmonierte hervorragend auf der kleinen Bühne des Orto bar, wobei genug Platz blieb, damit Vokalist Graf während seiner theatralischen Einlagen viele Minuten in den verschiedensten Posen verbrachte. Sitzend, liegend, »sich windend«,…. Doch er verlor nie den roten Faden. Die anderen Mitglieder auch nicht. Die Band lieferte ein exzellentes Zusammenspiel. Trotz der leeren Blicke völliger »Zugedröhntheit« beziehungsweise des Eindrucks mentaler Abwesenheit. Sehr vorbildliches Zusammenspiel, Kompaktheit, auch Klangqualität. Melancholie, ein aufgetürmter Metalsound, der in den Eingeweiden hängen bleibt. Düstere Metalurgie, kompensiert durch längere Passagen, in denen die Basslinien regierten, während die Repetitionen einzelner Phrasen die anwesenden sechzig Köpfe in Beschlag nahmen und sie in eine ganz eigene Welt und Stimmungszustände entführten. Die Band zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sie in mehreren Sprachen schreibt und singt – unter anderem auf Georgisch, Russisch und Ukrainisch. Später zeigte sich, dass Psychonaut 4 eine ausgezeichnete Konzertkombination mit Nocturnal Depression bilden.
Nocturnal Depression begannen gegen elf Uhr abends erst mit dem Einspielen und absolvierten damit eine kurze Konzert-Vorbereitung – um es geradeheraus zu sagen: einen Soundcheck. Danach verschwanden sie für zehn Minuten von der Bühne in die Garderobe und kehrten zu eingespielten Klängen im Black-Metal-»Corpse-Paint« zurück. Das Quartett strahlt enorme Erfahrung aus. Mit ihrem achten Studioalbum in der Tasche, das in diesem Jahr erschienen ist und den Titel »Deathcade« trägt, präsentierten sich Nocturnal Depression als unglaublich eingespieltes Team, das live zwingend zündet. Also beim Aufeinandertreffen mit der Band von Angesicht zu Angesicht. Bei einem Konzertauftritt. Auch die langsameren Teile und Phrasen, wegen derer sich das Etikett »depressiv« an die Band geheftet hat, wirkten atmosphärisch betont und stimmungsmäßig äußerst packend. Kompakter Mix. Hervorragendes Zusammenspiel und Sound. Der Band gelang es, eine in bleigrauen Nebel gehüllte Atmosphäre zu entwickeln, von der der Weg nur in den Abgrund ewig düsterer Weiten des Verderbens führt. Lord Lokhraed, das einzige noch verbliebene Originalmitglied der heutigen Nocturnal Depression, herrschte erneut über ein giftiges Ausdrucksvokabular, das sein »mit Zyankalium gewürzter« rauer Gesang antreibt, während er mit dem »aufgeschlitzten Handgelenk« seiner linken Hand souverän Riffs und Gitarrenpassagen der Übergangsteile einfing. Jede Menge Charisma, das ist sicher. Das schwere rhythmische Rollen wurde durch stampfende Riffs aufgewertet, gekreuzt mit schnell abgehackten Passagen, mit denen Nocturnal Depression auch eine spürbare Spur großer Musikalität aufrechterhielten, die in ihrer Musik deutlich wahrnehmbar ist.
Der gottlose und süße Rausch des reißenden, unaufhaltsamen Düstertums, dem sich in den Hallen unterirdischer Weiten das Teufelchen persönlich verbeugt, vollzog an diesem Abend im Orto bar einen waschechten Ritus schwarzmetallischer Messfeier – vollbracht von lossgelösten und besonderen, schwer verzerrten Kolendanten extremer Weltsichten –, mit dem der diesjährige frühe Frühling in seiner Hoffnungslosigkeit mörderisch er blüht ist.
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