Helmet donnern erneut auf den Schwingen der Apokalypse im CUK Kino Šiška (2017)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 01.03.2017
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 15,00€ (Vorverkauf) / 18,00€ (Abendkasse)
Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Noch keine zweieinhalb Jahre sind vergangen, als die amerikanischen Alternative-Metaller Helmet im CUK Kino Šiška aufschlugen und auf jener Tournee ihr Album »Betty« in voller Länge spielten. Diesmal kehrten sie wieder nach Europa zurück – und erneut in die slowenische Hauptstadt – und brachten frisches eigenes Material mit. Im Oktober des vergangenen Jahres erschien nämlich das insgesamt achte Studioalbum der Band mit dem Titel »Dead to the World«.
Vor guten zwei Jahren traten Page Hamilton und seine Mannen noch ohne Vorband auf. Diesmal brachten sie eine mit. Die Anfänge von Local H reichen übrigens, ähnlich wie bei Helmet, weit in die Achtziger zurück. Die Band ist heute ein Duo, bestehend aus Gründungs- und Originalmitglied Scott Lucas (Gesang und Gitarre) und Schlagzeuger Ryan Harding. Diese langlebige Formation hat eine ganze Reihe von Alben vorzuweisen, wobei Local H in ihrer Vergangenheit nicht immer als Duo unterwegs waren. Die Show zweier erfahrener, bis an die Zähne mit Energie bewaffneter Musiker, die unter den Scheinwerfern des kleinen Saals im Kino Šiška schmorten und hektoliterweise Schweiß vergossen, riss sofort durch ihre Herzlichkeit mit: Die schweren Riffs rollten durch den Raum, und Ryan beeindruckte mit seiner ungezähmten, ans tierisch Abgedrehte grenzenden Wildheit, als er gnadenlos auf die Becken und den Rest seines Drumsets eindrosch. Lucas servierte eine extrem zugespitzte, lawinenartige, hallig-fette Klangwand, die sich durch die Ungezügeltheit der Gitarrenfrasen aufblähte, während er die Show mit einer irren vokalen Exekution abrundete. Alternative Rock auf der Basis von rohem Garagenschund – da war es für Unvorsichtige an diesem Abend im Venue kein Kunststück, taub zu werden.
Helmet präsentierten sich in unveränderter Besetzung im Vergleich zu ihrem Auftritt im Kino Šiška im Oktober 2014. Obwohl die Setlist den neuen Songs des Albums »Dead to the World« untergeordnet war, ließ das Quartett sich nicht lange bitten und würzte das Repertoire auch mit älteren Stücken – vor allem mit jenen von den ersten vier, heute kultigen Alben ihrer Karriere. In der Musik von Helmet steckt vielerlei drin, und man freut sich über die Tatsache, dass ihnen kaum jemand ähnelt – wenn überhaupt.
Warum sind Helmet auch in neuen Zeiten so geschätzt – was das rappelvolle Kino Šiška bestätigte, wo es in den vorderen Reihen nicht an italienischen Besuchern mangelte, die während des Konzerts besonders aufgeheizt wirkten? Wegen Hamilton natürlich. Es ist kein Pappenstiel, als Gitarrist so besonders und vielschichtig ausgeformt zu sein, dass einen der hocherlauchte David Bowie persönlich für seine Begleitband auswählt.
Page kündigte bereits beim Betreten der Bühne an, was für ein exzellenter Gitarrist er sein kann, als er die Finger mit jazzgefärbten Solovariationen aufwärmte. Dann donnerte die Band gemeinsam in Give It hinein. Das monströse Gepolter stahlhart aufgepeitschter Riffs und extremen Schunds, das sich unvermittelt im Raum entlud, musste man irgendwo in der Mitte oder vorne in der Mitte miterleben. Hypnose! Ganz links oder ganz rechts konnte man für einen Moment taub werden – so aufgedrehte Monitore produzierten eine Unmenge an Dezibel. Hamilton nutzte im einen Moment einen schönen, klaren, leicht mystischen Gesang, um sich im nächsten in einen Wütenden zu verwandeln, der durch die Wut seiner Lyrik nasal-kehlig über die Entwertung des Einzelnen in dieser längst verfallenen Gesellschaft und nicht zuletzt Zivilisation polterte. Schicht um Schicht, verstärkt auch durch den Beitrag von Rhythmusgitarrist Dan Beeman sowie einer außerordentlich lebendigen und bewegten Rhythmuslinie mit gelegentlich verdicktem Groove-Moment, über dem synkopierte Riffs wachten. Zeitweise hypnotisch, auch beunruhigend entfremdet, dann wieder angenähert durch die Sanftheit feiner Nuancen. Postapokalypse und Katharsis hatten an diesem Abend, im Zusammensein mit Helmet, endlich doch begonnen!
Setlist
- Beauty / Give It
- Life or Death
- Birth Defect
- Broadcast Emotion
- Bad News
- Enemies
- Drunk In the Afternoon
- I Love My Guru
—Zugabe— - On Your Way Down
- Welcome to Algiers
- Red Scare
- Life Or Death (slow)
- Wilma’s Rainbow
Bildergalerie































