HammerFall auf dem Härtetest in Graz (2017)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Graz / Orpheum Teater / Österreich
Konzertdatum: 02.02.2017
Besucherzahl: 800
Kartenpreis: 31,50€
Auf der Rückseite eines offiziellen HammerFall-Merchandise-T-Shirts stand einst »Metal heart is hard to tear apart!«. Der reifere Teil des Metal-Publikums lacht darüber heute zwar, aber trotzdem. Der Name der neuen Tour »Built to Tour« leitet sich aus der Botschaft des aktuellen Studioalbums der Band mit dem Titel »Built To Last« ab. Man kann sagen, dass HammerFall, nach sage und schreibe zwanzig Jahren, seit ihr Debütalbum »Glory to the Brave« im Jahr 1997 völlig unerwartet eine Renaissance im Metal entfachte – wobei sich die öffentliche Aufmerksamkeit erneut auf seine klassischen Elemente richtete –, buchstäblich jeden Test der Standhaftigkeit, Beständigkeit, Ausdauer und Unnachgiebigkeit bestanden haben. Die Schweden aus Göteborg haben also ein Löwenherz!
Angesichts der Tatsache, dass man heutzutage kein »König« ist, wenn man sich vor Gleichaltrigen nicht damit profiliert, die extremsten Genre-Variationen des Metal zu hören (Hand aufs Herz, das Genre hat sich in den letzten zwanzig Jahren enorm verzweigt und ausgebreitet), ist die diesmal rappelvolle Grazer Halle Orpheum Teater eine erstklassige Überraschung. Einen solchen Ansturm von Heavy-Metal-Fans auf ein Konzert einer Band, die verknöcherten Power Metal spielt (also die „weichere“ Variante des Metal-Genres), hätte man im Jahr 2017 wirklich nicht erwartet – obwohl der vor zwei Jahren halb so große Club PPC, einen Steinwurf vom Orpheum entfernt, beim HammerFall-Besuch aus allen Nähten platzte. Und HammerFall? Keine Abweichung von der eingeschlagenen musikalischen Vision. Nicht einen Zentimeter. Sie halten eisern an ihrer bewährten Power-Metal-Rezeptur fest.
Dass das Konzert brechend voll werden würde, kündigten bereits die täglich aktualisierten Fotogalerien vom Verlauf der aktuellen Europatournee der Band an, die sie regelmäßig auf ihrer Website veröffentlicht. Die Konzerte in Deutschland in Hallen, die mehrere Tausend Menschen fassen, waren ausnahmslos entweder bis auf den letzten Platz gefüllt oder vollständig ausverkauft. Also. Als du zum diesmaligen HammerFall-Konzert in Graz kamst, war das Gefühl haargenau dasselbe wie jenes, das der Autor dieses Berichts vor genau fünfzehn Jahren an eben diesem Schauplatz erlebt hatte, an jenem 2.2.2002) als HammerFall auf der damaligen »Renegade«-Tour gemeinsam mit Freedom Call und Virgin Steele spielten.
Fans waren von überall her zusammengekommen. Aus Österreich, Kroatien, Slowenien. Die Atmosphäre außergewöhnlich. Darauf deutete auch die Energie und die ausgelassene Stimmung um halb acht Uhr abends hin, als Lancer, schwedische Power-Metaller, die auf dieser Tour als Vorband ihr drittes Studioalbum »Mastery« vorstellten, die Bühne betraten. Das Quintett servierte nichts Neues oder noch Ungehörtes. Sie spielen ihre Spielart des Power Metal. Und darin sind sie großartig. Bühnentechnisch hatten sie ihren Auftritt sehr gut einstudiert. Die Kommunikation zwischen den Quintett-Mitgliedern, die dynamische Nutzung der Bühne. Das Hin-und-Herlaufen der Bandmitglieder. Die eingesetzten Tricks angelehnt an die Bühnendynamik von Iron Maiden und Judas Priest. Das Spiel souverän, ein schönes Zusammenspiel. Mit voller Kraft in die Riffs! Die Hauptaufmerksamkeit zog der außergewöhnliche Gesang auf sich. Dieser vereinte in einer Person die besten Qualitäten von Sängern wie Michael Kiske (Helloween), Bruce Dickinson (Iron Maiden), Geoff Tate (Queensryche) und Tobias Sammet (Edguy) – was Letzteren betrifft, gilt das für die Zeit, als er noch in Stimmform war. Gute eine halbe Stunde exzellenten, ultramelodischen und ultrasonischen Power-Metal-Drucks. Ein Klischee ist zwar ein Klischee. Aber es zündet immer, wenn man es von Herzen spielt. Und Lancer haben in dieser Manier auf der Grazer Bühne restlos überzeugt.
Gloryhammer sind eine Art Parodie und eine Power-Metal-Band, die man aufgrund ihrer Bizarrerie mit einem Körnchen Salz nehmen muss. Das schottisch-schweizerische Gespann aus fünf Jungs, bei dem auf den Keyboards der Anführer der Piraten-Säufer-Truppe Alestorm, Christopher Bowes, mitwirkt, hat zwei Alben im Gepäck: »Tales From The Kingdom Of Fire« (2012) und »Space 1992: Rise of the Chaos Wizards« (2015). Die Band bekam eine dreiviertelstündige Bühnenzeit und stellte durch die Bühnenshowbiz des „Kitsch-und-Glitter“-Theaters die Schar der Besucher vollständig zufrieden, die in erster Linie genau wegen ihnen zu diesem Konzert gekommen war. Daher verwunderte es nicht, dass das Publikum alle Texte auswendig kannte. Die ersten Reihen waren bei jeder Aktion der Band auf der Bühne ziemlich aufgeheizt, auch wenn sie ans Absurde grenzte. Das Publikum kannte alle Tricks der Band. Vom Exen einer Flasche Cider durch den Bassisten – was der Mann am Ende des Konzerts noch einmal mit einem großen Glas Bier wiederholte –, bis zur knienden Verbeugung am Ende des Auftritts. Kurzum: die gesamte einstudierte Szenografie einer Band, die auf der Bühne Ritterkostüme trägt und bei der während des Auftritts der Sänger Thomas Winkler einen bösen Troll besiegt und ihm den Zauberhammer stiehlt. Musikalisch sind Gloryhammer ziemlich uninteressant, ohne besondere Ideen. Auch die Soli und Riffs selbst sind erheblich weniger interessant als die extrem schnellen, präzisen und ausgefeilten Kompositionen von Lancer. Aber diese »Lücken« mangelnder musikalischer Talente gleichen Gloryhammer natürlich mit ihrem ausgefeilten Bühnen-Spaß-Theater aus, das bei den Kids voll zündet. In dieser Hinsicht sind Gloryhammer auf dem besten Weg, nach und nach eine noch breitere Fanbasis zu erobern, ähnlich wie es auf sehr leichte Weise etwa Powerwolf gelungen ist. Wie man es auch dreht und wendet: Gloryhammer sind im Kern großer metallischer Klamauk, der die richtige Rezeptur gefunden hat, damit die Kids voll drauf anspringen.
HammerFall betraten um zehn Uhr abends die Bühne. Die Halle hatte sich bis in den letzten Winkel gefüllt. Sie war kurz davor, ausverkauft zu sein. Seit Anfang letzten Novembers und seit Anfang dieses Februars hatte sich das Album »Built To Last« hervorragend eingespielt, und das Publikum kannte auch die neuen Songs im HammerFall-Repertoire. Die entscheidenden Punkte holten jedoch die zur Legende gewordenen Klassiker, allen voran der hervorragende Marsch Crimson Thunder sowie das einleitende, episch-bombastische Riders Of The Storm. Es dröhnte Let The Hammer Fall, das absolut obligatorische Renegade war dabei, und die großartige Ballade Glory to the Brave. All diese Klassiker brachten die Halle zum Beben. Von der ersten bis zur letzten Reihe. Alle Fäuste nach oben gereckt! Das Publikum sang ununterbrochen mit. Und die ersten Reihen waren auch von all jenen besetzt, die im Jahr 2000 fünfzehn Jahre jünger waren und jeden Moment des Konzert-Zusammenseins mit HammerFall besonders nostalgisch erlebten. Das Gefühl war unglaublich. Als würde der Power Metal wieder aufsteigen. Wieder auferstehen. Wieder in den Fokus der Massen rücken.
Dabei sind HammerFall ein verlässlicher Qualitätsgarant. Ihre Auftritte sind bis ins kleinste Detail einstudiert. Jede Bewegung. Jede Aktion. Jedes Wort, das Joacim Cans im Gespräch mit dem Publikum spricht. Im Umgang mit dem Publikum beweist dieser charismatische und markante Sänger, dass er in dieser Hinsicht nach wie vor einer der besseren Frontmänner im Power Metal bleibt. Auch vokal hat Cans alles gut und mehr als ordentlich gemeistert. Die Bühnenkulissen waren erwartungsgemäß dem Fantasy-Cover des neuen Albums untergeordnet. Hektor ließ sich diesmal nicht blicken, aber Dronjak trug eine maßgefertigte E-Gitarre, deren Aussehen an Hektors Hammer erinnerte. Ebenso schneite es während der Ballade Glory to the Brave nicht. Kurzum. Alles muss irgendwie mit dem Hammer zusammenhängen. Pontus Norgren spielte erwartungsgemäß die schwersten Soli und Übergänge, da er einst als Gitarrentechniker von Yngwie J. Malmsteen gedient hatte. Vom Ausführungsstandpunkt her bleiben HammerFall eine gut geölte Maschinerie, bei der während des Konzerts nichts hakt. Zu viel haben sie bis zu diesem Punkt ihrer Karriere erlebt und durchgemacht. Wieder war es schön, am Rande des Bühnengeschehens gelegentlich Stefan Elmgren zu erspähen, der als ehemaliges Bandmitglied diesmal als Gitarrentechniker der Band Gesellschaft leistete. Die Band stellte außerdem erfolgreich ihren neuen Schlagzeuger Johan Koleberg vor, während mit der Band wieder der Originalbassist Fredrik Larsson spielen konnte (auf der vorherigen Tour hatte ihn aufgrund familiärer Verpflichtungen am Bass genau Stefan Elmgren vertreten).
Als einzige weniger spektakuläre Aktion des Konzertauftritts lässt sich ausgerechnet jene bezeichnen, mit der HammerFall einen der Höhepunkte des Abends schaffen wollten. Sie inszenierten nämlich eine Aufführung eines Medleys von Songs des Albums »Glory to the Brave«, wobei sie das Publikum durch eine Serie von fünf Riffs der fünf markantesten Stücke des Debüts in instrumentaler Manier führten. Kurzum: Stone Cold, The Metal Age, HammerFall, Steel Meets Steel, Unchained bis hin zu Where the Dragon Lies Bleeding, wo Cans schließlich mit dem Gesang einstieg. Völlig ohne Not entschieden sie sich, die Riffs „ins Leere“ zu spielen (ohne Gesang). So erinnerte dieser Programmpunkt eher an eine öffentliche Probe als an ein Element eines echten Konzertauftritts. Besser wäre es gewesen, wenn sie aus den fünf ausgewählten Stücken in diesem „Medley to the Brave“ nur eines ausgewählt und es von Anfang bis Ende gespielt hätten.
Aber man will nicht meckern. Ausgezeichneter Sound. Beide Gitarren klar wahrnehmbar, sowohl in den Terzen als auch in den eigenständigen Soli. Hervorragende Energie, die Band in ausgezeichneter Stimmung und deshalb stets auch zu einem guten Scherz aufgelegt. Wieder brachte eines der absoluten Highlights des Abends mit HammerFall das abschließende Hearts On Fire, bei dem das Orpheum Teater buchstäblich aus allen Nähten platzte. HammerFall bleiben also eine wasserdichte, rostfreie Maschine, die außerordentliche Überzeugungskraft in der Ausführung bewahrt und auf ihre Art einzigartigen Charme und Charisma versprüht. Sowohl in den Kompositionen, die stets mit starken Riffs aufwarteten, als auch in der Bühnenpräsenz selbst. Im nächsten Jahr begeht die Band ihr 25-jähriges Jubiläum. Hoffen wir, dass sie uns die eine oder andere besondere Überraschung bereiten. Bis dahin folgen die Amerika-Tournee, Auftritte auf europäischen Sommerfestivals und noch einiges mehr.
Setlist
HAMMERFALL:
1. Hector’s Hymn (eingespieltes Intro)
2. Riders of the Storm
3. Bring It!
4. Blood Bound
5. Any Means Necessary
6. Renegade
7. Dethrone and Defy
8. Crimson Thunder
9. Last Man Standing
10. Let the Hammer Fall
11. Built to Last
12. „Medley to the Brave“ (gespielte Haupt-Gitarrenriffs der Songs: Stone Cold, Unchained, The Metal Age, HammerFall, Steel Meets Steel, The Dragon Lies Bleeding)
13. Glory to the Brave
14. Origins
15. Punish and Enslaved
—Zugabe II.—
16. Hammer High
17. Bushido
18. Hearts on Fire
GLORYHAMMER:
1. Infernus Ad Astra (eingespieltes Intro)
2. Rise of the Chaos Wizards
3. Legend of the Astral Hammer
4. Hail to Crail
5. Questlords of Inverness, Ride to the Galactic Fortress!
6. The Hollywood Hootsman
7. Angus McFire
8. Universe on Fire
9. The Unicorn Invasion of Dundee
10. The National Anthem of Unst (eingespieltes Outro)
LANCER:
1. Dead Raising Towers
2. Future Milennia
3. Purple Sky
4. Behind the Walls
5. Mastery
6. Masters and Crowns
Fotogalerie






































































