Schon das dritte magische Ausnahmeerlebnis mit brennbaren Stäbchen (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 09.11.2016
Besucherzahl: 550
Kartenpreis: 18,00€ (Vorverkauf) / 22,00€ (Abendkasse)

Die britischen Alternative-Rocker Tindersticks feiern in diesem Jahr ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen. Das Quintett, das 1991 in Nottingham gegründet wurde, lässt sich mit Jubiläen nicht lange aufhalten, sondern nimmt fleißig Studioalben auf und entwickelt sie – Alben, die künstlerisch gesehen niemanden kalt lassen, sondern die jeweils einen neuen Evolutionsschritt auf dem musikalischen Weg darstellen, für den der angesehene Name der Band steht. So haben Tindersticks in diesem Jahr ihr insgesamt elftes Studioalbum mit dem Titel »The Waiting Room« veröffentlicht, das nach vier Jahren den ebenfalls hervorragenden Vorgänger »The Something Rain« beerbt.

Tindersticks sind übrigens alte Bekannte des slowenischen Publikums, denn ihr neuerlicher Auftritt im CUK Kino Šiška war insgesamt ihr dritter in der Karriere. Auch diesmal kamen sie in den Genuss eines ausgezeichneten Zuschauerzuspruchs.  Im Publikum fehlte auch eine Schar Fans nicht, die das Konzertgeschehen besonders lebhaft verfolgte (auch mit beeindruckender Textsicherheit). Aber der Reihe nach.

Als Vorgruppe luden Tindersticks diesmal das französische Indie-Folk-Duo  Amor Belhom Duo ein. Wie der Name schon sagt, besteht Amor Belhom Duo aus Naim Amor und Thomas Belhom. Die Band ist für zwei Schaffensphasen bekannt. Die erste endete 2001 und dauerte nur vier Jahre. Vor Kurzem haben die beiden ihre Aktivitäten wieder aufgenommen. Die Einladung durch Tindersticks für eine neue Tournee überrascht kaum, denn Thomas Belhom und Stuart  Staples sind langjährige Freunde, und Belhom hat unter anderem auch als Schlagzeuger auf Staples‘ Soloalben mitgewirkt. In knapp einer halben Stunde spielten Amor Belhom Duo eine wunderbare und melodisch verführerische Reihe kurzer, aber klanglich interessanter Stückchen, die unter dem Dach der Alt-Indie-Attitüde Genregewürze vom Kabarettchanson des französischen Melos über Pop bis hin zur Americana vereinen. In den größtenteils vorhersehbaren Lösungen war es jedoch vor allem jene experimentelle Note, die anzog, für die Belhom an Perkussion und Schlagzeug sowie zahlreichen Hilfsmitteln verantwortlich war, darunter der Einsatz von Keyboards, skurrilen Soundeffekten und einer zusätzlichen Gitarre, mit der er Amor unterstützte. Oft einfach und trivial auflösbar klingende Popstücke entfernten sich von den erwarteten Linien musikalisch bewusst dissonant, vor allem dank Belhoms klanglicher Kosmetik, mit der er die Klanglandschaft der Begleitung einfärbte, während Naim das Mikrofon durchgehend sanft »streichelte« – mit seinem scheuen, gelegentlich bis an die Grenze von Flüstern und Narration „gedrückten“ Gesang. Das Publikum nahm in diesem Teil des Konzerts ruhig sitzende Positionen ein und schuf gemeinsam eine besondere Atmosphäre erhabener Verzückung im Saal.

Tindersticks spielten ein insgesamt zwei Stunden langes Konzert. Sie betraten die Bühne gegen neun Uhr abends. Der Saal hatte sich vor Konzertbeginn extrem gefüllt, mit Besuchern auch aus dem benachbarten Kroatien und Italien, die vor allem die vorderen Plätze besetzt hatten. Tindersticks sind eine äußerst beliebte Band. Das verdeutlichte die hervorragende Publikumsbeteiligung während des Auftritts, besonders bei den etwas älteren Stücken, die die Band vor allem in der zweiten Konzerthälfte spielte. Ohne Zweifel zieht auf der Bühne die Hauptaufmerksamkeit Stuart A. Staples mit seinem unverwechselbaren Gesang auf sich – vollblütig von Bowiehafter Rhetorik inspiriert. Stuart verblüffte auch an diesem Abend mit Feingefühl und unglaublicher vokaler Weichheit und Geschmeidigkeit, wobei er, vor der vertrauten Kulisse britischer Melancholie vibrierender Stimmungen, die auf den kurzen, zarten, sanften, aber prägnanten Bewegungen der Instrumentalsektion der Band gründen, Emotionen und Leidenschaften mit unglaublicher Wirksamkeit zum Leben erweckte. Staples kommunizierte während des Auftritts kaum mit dem Publikum. Einfach so. Worte waren überflüssig. An diesem Abend sprach die besondere Atmosphäre für sich, mit der Tindersticks die Anwesenden so verführerisch in ihre einzigartige musikalische Welt hineinzogen.  Mit dem ersten Stück bauten sie eine besondere Klangkulisse auf, die im theatralischen, fast kabarettartig-pophaften Ansprechen nicht nachließ. Diese Kulisse verstärkte auch die minimalistische Beleuchtung selbst, die die Musiker in dezenten Lichtschleiern umhüllte und an den Minimalismus der Kulisse erinnerte, den einst der große und unvergessliche Leonard Cohen verwendete.

Die hervorragend aufeinander abgestimmten und eingespielten Tindersticks widmeten beim Konzert in Šiška mehr als ein Drittel des gesamten Repertoires dem neuen Studioalbum »The Waiting Room«, das Mitte Januar dieses Jahres erschien. Das verwundert kaum, denn es handelt sich um ein äußerst ambitioniertes neues Werk der Band, mit dem sich Tindersticks noch eine Stufe höher in der Festigung ihres ureigenen Artismus und ihrer Selbstexploration geschwungen haben. Die oft hypnotisch versunkene und vertiefte Atmosphäre nahm einen mit in ein feinsinniges Spiel, in dem der unglaublich präzise, dunkelhäutige Schlagzeuger Earl Harvin das Konzert im Grunde nahezu vollständig »durchwirbelte«. In den Konzertmomenten, in denen Staples mit dem Gesang in den Hintergrund trat, ruhte die Theatralik und die verführerische Hypnose der Tindersticks-Welt auf der Kulisse der Repetition einfacher, aber musikalisch prägnant definierter Leitmuster, wo natürlich der Geist des klassischen Post-Rock eines urzeitlichen The Penguin Cafe Orchestra zu spüren ist und wo es vom »Stempel« des Kammerpops nicht weit entfernt war. Zarte Verflechtungen lebhafter, aber grundlegender gitarristischer »Jangle«-Klänge, angereichert durch geistreiches Einweben von Keyboards, rustikale Klanglichkeit, starke Fundierung durch einen voluminösen Bassfuß. Sound: perfekt. Es liegt auf der Hand, dass Tindersticks definitiv auch in früheren Zeiten viel Radiohead und Talk Talk gehört haben. Sie sind eben Perfektionisten, die den artistischen Minimalismus im kleinen Finger haben.

So hallte auch der dritte Besuch dieser alternativ-rockenden Meister ihres ganz eigenen musikalischen Handwerks in Ljubljana nach. Brillant. Je sanfter du die Musik spielst, desto glühender brennen die Emotionen und Leidenschaften. Tindersticks sind wieder unter die Haut gegangen, wie nur sie es können. Meister des Steigerns einer hochatmosphärischen Wirkung, die auf dem Purismus organischer Klanglichkeit und interpretatorischem Perfektionismus schwimmt – sorgsam und hingebungsvoll verpackt im grundlegenden musikalischen Axiom »weniger ist mehr«.

Setliste

TINDERSTICKS:
1. Johnny Guitar
2. Keep You Beautiful
3. Second Chance Man
4. Were We Once Lovers?
5. Sleepy Song
6. Medicine
7. Say Goodbye to the City
8. The Other Side of the World
9. Hey Lucinda
10. How He Entered
11. The Waiting Room
12. Planting Holes
13. We Are Dreamers!
14. Show Me Everything
15. This Fire of Autumn
16. A Night So Still
—Zugabe—
17. Sometimes It Hurts
18. My Oblivion

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