Im Stampede des Wahnsinns mit Rodoljubac in Tolmin (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Tolmin / MINK / Slowenien
Konzertdatum: 14.10.2016
Besucherzahl: 130
Eintrittspreis: 4,00€

Rodoljubac gelten heute als lokale Legenden des nordprimorischen Rock’n’Roll. Sie blicken auf eine langlebige Karriere zurück, die bis in die frühen Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts reicht, und doch haben sie erst dieses Jahr ihr zweites abendfüllendes Studioalbum veröffentlicht, dem sie den direkten und überaus bedeutsamen Titel »Rodoljubac« verliehen haben.

Den Marathonabend eröffneten zwei »befreundete Bands«. Die ersten, also die Truppe Neverend, haben wir verpasst; die zweiten, nämlich die Kärntner Savage Semen, ratterten in ordentlicher Spieldauer eine energetisch angenehme Dosis lärmenden Rock’n’Rolls herunter, in den HC-Punk-Einflüsse eingewoben sind und mancher Riff auch im Stoner-Stil zu heulen und zu dröhnen  wusste. Im Anfangsteil des Auftritts hatte das Quartett einige Probleme mit dem Gitarrensound, ansonsten aber erlebten wir eine überzeugende Feuertaufe der Band im nördlichen Primorska.

Weil es Freitag war und das der Tag ist, an dem man endlich bei halbwegs vollem Bewusstsein vollständig abschaltet, zählten Stunden und Minuten nicht mehr. Erst recht nicht, wenn es sich um den MINK handelt, einen im Untergeschoss eingenisteten Club, der eine hermetisch geschlossene Akustik besitzt, aus der nicht mal der harmloseste Dezibel an die Oberfläche dringt, was bedeutet, dass man dort bis in die Morgenstunden feiern könnte, wenn? Wir nicht vor Jahren zum Polizeistaat geworden wären und sich nicht jeder, der »fünf Minuten zu viel Zeit« im Leben hat, dort einmischen würde, wo er nichts zu suchen hat. In die Magie des Rock’n’Roll (Hauptsache, Stane Vidmar hat in Cerkno abgeräumt und Tereza Kesovija kommt bald nach Tolmin, dann ist die Welt wieder gerettet press). Na ja, der »Nachrichtendienst«, der auf der Strecke MINK – Hauptkreuzung Tolmin – Kovačija operiert, hat trotz der heftigen Regengüsse dieses Abends einwandfrei funktioniert, und der MINK füllte sich zur rechten Zeit kurz vor Beginn des Auftritts von Rodoljubac brav. Alle sind wieder da, denn sie kennen Rodoljubac sehr, sehr gut. Die Band diktierte vom ersten bis zum letzten Takt und angeschlagenen Ton ein wildes Tempo, die Leute folgten brav dem Marsch, und der Großteil der Kumpels, unter einer gehörigen Dosis alkoholischer Derivate, beanspruchte gutmütig und mehrmals schwankend das Podest direkt vor der Bühne für sich.

Rodoljubac sind eine unglaublich erfahrene Band. Schlagzeuger Rok Peršolja, der sich den abgehärteten Rock’n’Roll-Pfadfindern Davor, Damir und Domen erst kürzlich angeschlossen hat, brachte echte Frische ins Team. Rodoljubac  haben auf Basis des neuen Zuwachses, der unter anderem auch die technisch höhere Versiertheit des neuen Schlagzeugers umfasst, die rhythmische Kinetik der Songs gestärkt. So wirkt das Bild des Quartetts auf der Bühne interpretatorisch unglaublich überzeugend. Damir lieferte eine hervorragende Vorstellung und verdankt die Inspiration für seine Gestikulationen irgendwie Bruce Dickinson. Davor entwickelte einen fetten und aggressiven, wuchtig-garagigen Sound, der auch an Phil Campbells (Motörhead) Gitarrenspiel erinnerte und damit einen enormen Raum im Klangbild abdeckte (inklusive hervorragender Soli; irgendwo in der ersten Konzerthälfte musste er das Kabel wechseln, weil sein »jack« kaputtging – kann man nix machen, das ist Rock’n’Roll), die linke Bühnenposition nahm das auf den ersten Blick freundlichste Mitglied der Band ein,  der zuverlässige Lange mit den geschmeidig-virtuosen Fingern an der Bassgitarre  Domen, der für das kernige Pulsieren der tiefsten Töne sorgte.   Die Bühne gehörte Damir. Er lief von links nach rechts, stellte einen Fuß auf den Monitor, begleitete jede gesungene Zeile mit den Gesten der freien Hand und überzeugte vor allem mit einer durchdringenden und unnachgiebigen Gesangsshow, bei der es an den punkmäßigsten Songs nicht an »höhnisch abgehacktem Gebell« mangelte.

Die Band pflügte das neue Studioalbum »Rodoljubac« kreuz und quer durch, das mit fünfzehn gänzlich neuen Songs aus eigener Feder aufwartet und die musikalische Haltung der Gruppe im Jahr 2016 definiert; nicht fehlen durften Stücke der EP »Terrapija šoka«, und schon gar nicht die bis heute im Soča-Tal bestens bekannten Klassiker des Debüts »Greatest Hits« (2000), wo den Spitzenplatz die Darbietung des progressiv-punkigen Epos Hojak einnahm, sowie Stücke aus der EP „Na čelu evolucije“ (2005) und dem Album „1713“ (2008). Episch ist der Moment, wenn die Band aus einem durch und durch Orgasmatron-mäßigen Motörhead-Rhythmus plötzlich in einen 9/8-Takt wechselt, bei dem sich auch der gute alte Dave Brubeck erschrocken hätte.

So viel Wahrheit sich durch die direkte Bitterkeit der harten Alltagsrealität des aufrührerischen Zorns  in Damirs Lyrik entlädt, so reichlich wird auf der anderen Seite auch mit sarkastischer und luzider Würze echten Humors dosiert, der die Essenz der Band seit jeher begleitet.

Um nicht zu viel zu labern! Eine fantastische Party, die kein Ende nehmen wollte und nach der das Publikum die armen Kerle nicht einfach so von der Bühne ließ, als diese den Weg in  die Kulissen suchten. Die alte Schule des Punk, eingewoben in den wilden Stampede einer primordial wütenden Variante des Rock’n’Roll, liefert der Szene also ein neues Studiowerk von Rodoljubac und festigt ihr einzigartiges musikalisches Charisma als erstklassige Botschafter des Aufstands, der sich schon seit 20 Jahren in Folge unter dem Migovec entfacht. Es lebe also der auf heimischem Boden verwurzelte T’miner Rock!

Setlist

1. Rodoljubac puši
2. Glava / Sam
3. Budala
4. Zakrul & zažgi
5. Odjebi prohibicija
6. Zakon
7. A smo se zato boril
8. V sobi je miš
9. Možeš da pališ
10. Istina je sve
11. Šest cipela izpod
12. Deca MTV-ja
13. Venček punkoidnih
14. Za 1 sat
15. Šok rock / Hojek
—Zugabe—
16. Kralj

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