Grandiose Jazzrock-Extraktion unter der Regie des einzigartigen Jonas Hellborg (2016)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Krainburg / Transtation SubArt / Slowenien
Konzertdatum: 20.09.2016
Besucherzahl: 42
Kartenpreis: 10,00€
Jonas Hellborg ist einer der interessantesten Bassisten der Jazz-Rock-Fusion unserer Ära. Der skandinavische Meister der Verschmelzung von Jazz und Rock ist weltweit ein hoch angesehener und anerkannter Name. Der Typ hat im Laufe seiner Karriere unter anderem mit John McLaughlin zusammengearbeitet (fünf Jahre in den Achtzigern verbrachte er nämlich bei der Mahavishnu Orchestra), und dann weiter mit anderen Größen wie: Billy Cobham, Tony Williams, Ginger Baker, Bill Frisell, Mike Shrieve, Ornette Coleman, Steve Vai, Joe Satriani – und die Liste ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Als Kuriosum sei auch noch auf die Namen Jens und Anders Johansson hingewiesen, falls dieser Artikel gerade von einem untröstlichen Power-Metal-Fan gelesen wird.
Für den Soloweg entschied sich Hellborg im Jahr 1988, und in seiner ersten Besetzung spielte ausgerechnet Aydin Esen die Keyboards für ihn – der großartige und vielseitige Keyboarder türkischer Herkunft. Alte Liebe rostet nicht, so sagt man zumindest, und Hellborg spürte in seiner reifen Schaffensphase, dass jetzt wieder die richtige Zeit war, und rief den alten Freund in die Formation des Trios Trinity. Das dritte Stück dieses Puzzles verkörpert kein Geringerer als der markante amerikanische Schlagzeug-Zauberer Keith LeBlanc, der so manchem Fan rhythmisch solide untermauerter experimenteller Musik noch bestens bekannt ist – konnte man ihn doch schon mehrfach in Slowenien beobachten, als er als Teil des Teams von Little Axe (des Gitarristen Skip McDonald) hierher reiste. Zudem hat dieser geschätzte Schlagzeuger im Laufe seiner Karriere auch solchen musikalischen Schwergewichten seine Dienste angeboten wie Tina Turner, Seal, Nine Inch Nails und Ministry.
Der Veranstaltungsort Trainstation SubArt in Krainburg, der dort wie immer glücklich trotzt – direkt beim Krainburger Bahnhof –, bietet ein immer bunteres Musikprogramm, und die Ankunft dieser geistreichen experimentell-jazzigen Formation kündigt vielleicht noch so manche Köstlichkeit an, auf die sich echte Musikgourmets in diesem Club bald freuen dürfen.
Gegen neun Uhr abends, vielleicht etwas früher, stieg das Trio fast unbemerkt auf die Bühne und begann sein Set etwas schüchtern – oder, wenn das noch nicht reicht als Beobachtung: Es näherte sich dem Publikum mit seinem musikalischen Material völlig entspannt, leise und unaufdringlich. Aydin Esen übernahm schon bald die Initiative an den Keyboards, und Jonas, eigentlich der Hauptstar des Abends, trat in diesen (häufigen) Momenten der Show respektvoll in den Bühnenhintergrund zurück und entzog sich dabei geschickt dem Scheinwerferlicht.
Das Trio entfaltete eine enorm willige und sanfte jazzige Experimentalmischung mit gelegentlichen flüchtigen Ausflügen zum Blues wie auch zur klassischen Musik. Den Melodiehauptteil schuf erwartungsgemäß Esen, bestens ergänzt durch die blitzschnellen Finger von Jonas entlang dem Hals seiner akustischen Warwick-Bassgitarre, während LeBlanc dem Publikum auf denkbar schönste Weise zeigte, was Feinsinn und sinnliche Geschmeidigkeit bedeuten – in einer unglaublich geschickten und einfallsreichen Füllung des verfügbaren Raums mit zahllosen Übergangstricks, die den Begriff Einschränkung nicht kennen und mit denen er die ohnehin zerbrechliche, doch zugleich enorm dynamische Rhythmusstruktur des Trios weiter freigelegt hat. An Dynamit mangelte es dem Trio nicht, und die Mienen aller drei Musiker strahlten stellenweise eine unglaubliche Versunkenheit in ihre Arbeit aus, die sie auch an diesem Abend mit größtem Vergnügen verrichteten.
Das Publikum, zusammengesetzt aus »Musikdoktoren«, Mitgliedern von Bands mit Art-Prog-Rock-Charakter (Game Over aus Aßling, Divje Jezero aus Idria,…) und natürlich im Kern viele große Musikbegeisterte, die alles anzieht, was nach experimentell-avantgardistischem musikalischen Exzess riecht, zählte insgesamt knapp vierzig Leute – natürlich abzüglich des Personals, das für die logistische Durchführung des Konzerts sorgte. Trotzdem sorgten sie mit einigen donnernden Ovationen für eine ausgezeichnete Stimmung, die natürlich auch dem Trio auf der Bühne gefiel. Und dennoch. Man hätte eine höhere Besucherzahl erwartet. Vielleicht beim nächsten Mal, oder eben im nächsten Leben. Wir leben nun mal in Slowenien.
Jonas Hellborg, der das Konzertbeisammensein im Trainstation SubArt mit seinen Kumpanen durchweg barfuß verbrachte, teilte das Konzert in zwei Hälften mit einer zwanzigminütigen Pause dazwischen. Auch im weiteren Verlauf der Show begeisterte das achtsame und sinnliche Miteinander-Wahrnehmen der drei – das unglaubliche, fast instinktive Aufeinanderhören und darüber hinaus eine bravouröse Mischung aus organisch klingender abenteuerlicher musikalischer Komplexität, die den Raum mit der Wärme natürlicher Klänge füllte. Die Rhodes-Keyboards zauberten auch einen Hauch von Weather Report hervor. Das Trio brillierte schlicht gesagt und befriedigte die Handvoll anspruchsvoller Zuhörer vollständig, die genau das bekamen, weswegen sie gekommen waren. Echte feuchte Träume vom Gipfel der Jazzrock-Fusion. Und obendrein zu einem geradezu lächerlich günstigen Eintrittspreis.
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