Magnum mit solider Ladung, Saga im epischen Stil (2014)
Ort: München / Circus Krone / Deutschland
Datum: 22.05.2014
Auf deutschem Boden, genauer gesagt in der bayerischen Landeshauptstadt München, gastierten im Rahmen einer gemeinsamen Tour die Bands Magnum und Saga, was besonders alle Liebhaber von progressivem melodischen Rock mit verschiedenen experimentellen Nuancen erfreute. Es ist ein schlicht fantastisches Gefühl, dem Auftritt zweier so großer Bands beizuwohnen, zwischen denen man mehr Parallelen finden kann, als so mancher vermuten würde. Beide veröffentlichten ihr erstes Studioalbum 1978, erlebten ihre größte Popularität in den Achtzigern und hatten Probleme mit Schlagzeugern, während die genremäßige Einordnung ihrer Musik nach wie vor eine ziemlich schwierige Aufgabe ist, obwohl beide aus der Progressiv-Rock-Bewegung stammen. Darüber hinaus genießen beide noch heute die größte Wertschätzung gerade in den deutschsprachigen Ländern, wovon wir uns bei unseren früheren Konzertbegegnungen mit beiden Bands bereits ausgiebig überzeugen konnten. Der Gastauftritt beider Legenden, Magnum und Saga, in der Circus Krone war zweifellos eines der größten Konzertereignisse dieses Jahres für Liebhaber von progressivem und melodischem Rock.
Die Engländer Magnum, die an diesem Abend als Erste auftraten, präsentierten auf dieser Tour ihr neuestes Studiowerk mit dem Titel »Escape From the Shadow Garden« (2014), was bedeutete, dass ihr Konzertrepertoire größtenteils von Songs dieses Albums geprägt war. In der ersten Hälfte des Auftritts dominierten also Darbietungen einiger Favoriten aus dem Zeitraum zwischen 2009 und 2014, während die langjährigen Klassiker erst zur Mitte des Konzerts dran waren. Magnum eröffneten ihren Auftritt mit »Live ‚til You Die«, dem Eröffnungssong des neuen Albums, und bestätigten sofort das glänzende Zusammenspiel zwischen den einzelnen Instrumentalisten, was eingefleischte Kenner ihres Bühnenansatzes nicht im Mindesten überraschte. Der stets ernste, wenn nicht gar beinahe strenge Gitarrist und Hauptkomponist Tony Clarkin bewahrte durchgehend eine statische Bühnenhaltung, während sein vielfältiges Gitarrenspiel wieder einmal eine wahre Ohrenweide war. Der langjährige Keyboarder Mark Stanway baute trotz von Jahr zu Jahr schwerer werdender Augenringe brav mächtige symphonische Arrangements auf und war dabei häufig der entscheidende Faktor für Magnums charakteristische Epik und Pomposität.
Die dynamische Rhythmussektion mit Bassist Al Barrow und Schlagzeuger Harry James, den beiden jüngsten Bandmitgliedern, funktionierte auch diesmal wie ein gut geöltes Uhrwerk und bereitete besonders in den härteren Momenten einzelner Darbietungen große Freude. Das schwächste Glied von Magnum ist mit den Jahren Sänger Bob Catley geworden, neben Clarkin das einzige verbliebene Gründungsmitglied, denn seine Stimme gehorcht ihm bei weitem nicht mehr so wie früher, weshalb er während seines Auftritts erhebliche Schwierigkeiten hatte. Am meisten kostete ihn die Darbietung des epischen »On A Storyteller’s Night«-Klassikers (1985) »Les Morts Dansant«, als er bei einem der Verse den Text vergaß und sich dabei zu Recht an den Kopf fasste. Zum Glück halfen ihm vor allem in den Refrains Barrow und James mit begleitenden Gesangsharmonien aus, denn Catley kann live leider nicht mehr verbergen, dass sein Stimmregister in den letzten Jahren erheblich nachgelassen hat. Manche höheren Lagen kann er schlicht nicht mehr treffen, und wenn er es versucht, klingt sein Ansatz ziemlich kehlig.
Mitten in der Darbietung des Evergreens »How Far Jerusalem« musste er sogar eine längere Pause einlegen, während der das restliche Quartett einen Instrumental-Jam entwickelte, der eine Idee zu lang dauerte. Trotz allem begeisterte Catley noch immer mit seiner Bühnenpräsenz und Energie und konnte im weiteren Verlauf des Auftritts seine schwächelnde Gesangsform sogar etwas korrigieren und kaschieren. Eine der größeren Überraschungen des Abends war die Darbietung von »All England’s Eyes«, während der pompöse Klassiker »Vigilante« für viele Besucher dieses Konzertereignisses den Höhepunkt des regulären Teils des Auftritts darstellte. Auch die Darbietung des kultigen Standards »Kingdom of Madness« gelang ihnen recht gut, sodass wir Bobs Gesangsprobleme fast vergaßen. Als Zugabe überraschten sie mit einer längeren, akustisch umgestalteten Version des »Chase The Dragon«-Klassikers (1982) »The Spirit«, die sie anschließend in gewohnte, elektrische Gewässer überführten. Der Höhepunkt des Magnum-Auftritts kam aber ganz am Ende, als sie das epische Meisterwerk »Sacred Hour« darboten, das sie nicht bei jeder Gelegenheit spielen, obwohl es das verdient hätte, da es zu den besten Schöpfungen ihrer Karriere gehört.
Dabei tat sich besonders Stanway hervor, der die symphonischen Arrangements so spielte, wie es sich gehört und der Originalversion entspricht, zumal er bei früheren Darbietungen gerne mit diversen ‚Abkürzungen‘ improvisierte und anspruchsvollere Texturen auf diese Weise schnell abhandelte. Auch Catley hielt sich diesmal recht wacker, obwohl Magnum-Fans berechtigt besorgt über die Zukunft seines Gesangs sein dürfen. In der Gesamtschau haben Magnum die Erwartungen erfüllt und einen sehr guten Auftritt gezeigt, vor allem in instrumentaler Hinsicht, wenngleich sie ruhig etwas mehr langjährige Evergreens und weniger neuere Werke hätten spielen können. Allerdings muss man ihr Bedürfnis verstehen, neues und altes Material gleichmäßig zu vertreten, besonders nachdem »Escape From the Shadow Garden« einen unerwarteten kommerziellen Erfolg mit einem hohen Charteinstieg sogar im eigenen Land, in Großbritannien, erzielte, was seit Ende der Achtziger nicht mehr vorgekommen war.
Vor dem Auftritt von Saga unterhielten sich die Bühnentechniker beim Auf- und Abbau der Bühnenausrüstung mit dem Abspielen eines der schwächsten Alben der Gruppe Yes namens »Union« (1991), was auch der bizarrste Moment des Abends war – vielleicht war das aber auch ein ganz besonderer Musikwunsch der ‚eigenartigen‘ Kanadier. Die kanadischen Legenden des Progressiv-Rock Saga legten gleich zu Beginn mit drei ihrer beliebtesten Klassiker aus ihrer reichen Karriere los, nämlich »Don’t Be Late«, »You’re Not Alone« und »On The Loose«, was alle Fans im Nu in unbeschreibliches Delirium versetzte. Der Grad der Einspieltheit aller Mitglieder dieser kultigen kanadischen Band ist schlechthin unglaublich, was man bei jedem erneuten Treffen feststellt, und doch gibt es nur wenige Bands mit ihrer Erfahrung, bei denen die Bandmitglieder so offensichtlich Spaß am Spielen ihrer früheren Werke haben.
Ian Crichton, einer der am meisten unterschätzten Gitarristen unserer Zeit, war an diesem Abend in wirklich fantastischer Spiellaune und genoss jeden einzelnen Lauf. Nach anfänglich bösen Blicken in Richtung Techniker wegen Problemen mit dem Sound seiner E-Gitarre – die schnell behoben wurden – gab er sich vollständig seinen charakteristischen solistischen Improvisationen hin und bot einen randvollen Sack bunter Gitarrenphrasen, mit denen er die Fans in den siebten Himmel entführte. Sein Bruder Jim Crichton am Bass und an den Zusatz-Keyboards wirkte an diesem Abend regelrecht verspielt und aufgekratzt, denn neben seiner ungewöhnlichen Lebhaftigkeit überraschte er auch mit einem bizarren Image, das an einen texanischen Trucker erinnerte. Für einen traditionell eher ernsthaften Bassisten und Produzenten auf jeden Fall eine ungewöhnliche Wahl.
Wesentlich zurückhaltender wirkte Keyboarder und Backgroundsänger Jim Gilmour, der nach einer aufwändigen Augenoperation einige Kilos zugelegt hatte, was ihn aber nicht daran hinderte, mit seinem virtuosen Legen regenbogenfarbener Synthesizer-Texturen zu begeistern. Sein Glanzmoment war eine traumhafte Darbietung von »Scratching The Surface«, den er mit außergewöhnlichem Feuer sang und dabei erneut mit seiner spezifischen Stimmfarbe begeisterte. Ein ganz eigenes Kapitel war auch der legendäre Sänger Michael Sadler, der 2011 zur Band zurückgekehrt ist und auf einem so beneidenswerten Niveau singt wie in seinen besten Zeiten, als seine Band noch jung war und in Mitteleuropa auch im kommerziellen Sinne ein großer Name war. Darüber hinaus ist er nach wie vor einer der charismatischsten Progressiv-Rock-Vokalisten, der mit seinen ausgefeilten Gesten und seiner Bühnenmimik stets die Schlüsselverse einzelner Texte veranschaulicht.
Abgesehen von »Anywhere You Wanna Go« vom Album »20/20« (2012) und dem Instrumentalstück »Corkentellis« von »10,000 Days« (2007) herrschten an diesem Abend, zur Freude der meisten Fans, die langjährigen Saga-Klassiker. Nach »Too Much To Lose« hatte Schlagzeuger Mike Thorne, das neueste Bandmitglied, seinen Solopart, mit dem er erneut bewies, dass er nach dem erschöpften und kränkelnden Brian Doerner frische, jugendliche Energie in die Band gebracht hat, an der es an diesem Abend wirklich nicht mangelte, vor allem dank Sadler und den beiden Brüdern Crichton. Mit der Darbietung des Instrumentalstücks »Corkentellis« demonstrierte Saga erneut, dass sie unter Gilmours sorgfältiger Regie problemlos auch symphonischen Progressiv-Rock spielen können, wenn ihnen danach ist.
Darauf folgten vier Songs in Folge aus dem gleichnamigen Saga-Debütalbum von 1978, die an diesem Abend klangen, als wären sie gestern aufgenommen worden, denn sie haben den Test der Zeit hervorragend bestanden und die Band kann sie noch immer so spielen wie damals. Während »Humble Stance« wechselte Sadler nach alter Gewohnheit effektiv zu Jim Crichton an der Bassgitarre, der sich zu diesem Zeitpunkt hinter dem Zusatzsynthesizer befand. Mit einer brillanten Version von »Careful Where You Step«, bei der sie besonders mit dem Spielen von Synthesizer-Multi-Harmonien begeisterten, krönten Saga den Abschluss des regulären Teils ihres Auftritts. Als Zugabe überraschten sie mit dem »Heads Or Tales«-Standard (1983) »The Pitchman«, der in den letzten Jahren nur selten auf ihrer Setlist auftaucht. Einige hofften insgeheim, dass sie auch »The Flyer«, den bekanntesten Track des zuvor genannten Albums, auf die Setlist setzen würden, doch das geschah an diesem Abend nicht. Für das große Finale vergaßen sie nicht den unvergesslichen Klassiker über den Zwangsspieler, »Wind Him Up«, der die Liste ihrer beliebtesten Songs abrundete. Die wilde Stimmung in der Halle erreichte ihren Höhepunkt, und das Publikum konnte sich nur schwer damit abfinden, dass die Bandmitglieder sich schließlich doch von der Bühne verabschieden mussten.
Um ehrlich zu sein, waren Saga die absoluten Sieger, wenn man die Konzertauftritte beider Bands vergleicht, denn der gesamte Band war neben der faszinierenden Setlist die ganze Zeit über in phänomenaler Form und wurde dementsprechend auch mit längerem Applaus als Magnum belohnt. Letztere haben uns keineswegs kaltgelassen, werden aber unbedingt etwas gegen Bobs schwächelnde Stimme unternehmen müssen, da das Wegsehen vor dem offensichtlichen Problem völlig sinnlos wäre. Zwei hervorragende Bands, die ihre größten Erfolge in einer weitaus romantischeren Musikepoche erlebt haben, begeisterten uns erneut mit außergewöhnlicher Professionalität und füllten uns ordentlich mit positiver Energie, die der Mehrzahl moderner Rockbands chronisch fehlt. Saga werden sich aber auf jeden Fall auch in der zweiten Jahreshälfte auf Tour begeben, da sie dabei erstmals Songs des kommenden Studioalbums »Sagacity« vorstellen werden, von dem es jetzt schon nicht übertrieben wäre vorauszusagen, dass es eines ihrer besten Werke der letzten zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre sein wird, da die Band nach Sadlers Rückkehr und dem Einstieg von Thorne noch immer eine regelrechte Infusion jugendlicher Energie erlebt, die den kreativen Prozess entscheidend beeinflussen kann.
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste:
SAGA
1. Don’t Be Late (Chapter 2)
2. You’re Not Alone
3. On The Loose
4. Anywhere You Wanna Go
5. Too Much to Lose (Chapter 7)
6. Drum Solo
7. Corkentellis
8. Ice Nice
9. How Long
10. Humble Stance
11. Tired World (Chapter 6)
12. Scratching the Surface
13. Careful Where You Step
—Zugabe—
14. Pitchman
15. Wind Him Up
MAGNUM:
1. Live ‚til You Die
2. Black Skies
3. Freedom Day
4. Dance of the Black Tattoo
5. Blood Red Laughter
6. Unwritten Sacrifice
7. How Far Jerusalem
8. Les Morts Dansant
9. Falling for the Big Plan
10. All England’s Eyes
11. Vigilante
12. Kingdom of Madness
—Zugabe—
13. The Spirit
14. Sacred Hour













































































































