`Apokalypse jetzt` mit Primal Fear und Riot V zu Gast im Salzburger Land! (2018)
Auch wenn wir uns im Laufe der Jahre innerlich bereichern und dabei nach und nach viele Genresphären der Musik entdecken und erforschen – wobei nur eines zählt, ob die Musik gut ist oder nicht –, bleibt doch etwas Unwiderlegbares bestehen. Emotionen, Leidenschaften, die Zugehörigkeit erzeugen, und ich wage es zu sagen: auch Treue. Bis ins Grab. Auch wenn ich die Jahre, in denen ich am Zittern war, sobald Primal Fear auf Tour gingen, längst hinter mir gelassen habe, bleibe ich ihnen irgendwie verbunden und verfolge sie regelmäßig. Wenn sie dann noch mit einer hervorragenden neuen Studioaufnahme aufwarten, wie im Fall des neuen Albums »Apocalypse«, bleibt die Verbindung zur Band umso intensiver.
Und wenn sich dazu noch Riot V für die Tour anschließen – die legitimen Nachfolger der legendären New Yorker Band, die schon immer für ihre erstklassige Heavy-Metal-Feinmechanik der alten Schule bekannt war –, und dabei die Erinnerung an jene Zeiten aufflackert, als die Band unter dem klassischen Namen Riot vom verstorbenen Gitarristen Mark Reale geleitet wurde und Ende Januar 2000 im Ljubljaner K 4 gastierte, ist der Moment der Nostalgie umso kompakter und ruft einen unweigerlich zu einem neuen Konzertabenteuer.
Nein, das Abwarten auf Primal Fear und Riot V im Ljubljaner CUK Kino Šiška, wo die Bands am Sonntag, dem 21.10.2018 auftreten, hat nicht geklappt. Da das Konzert in Salzburg fast drei Wochen früher im Tourprogramm stand, Salzburg noch immer nahe an Ljubljana liegt und uns das dortige Rockhouse schon immer sehr ans Herz gewachsen ist, sind wir kurzerhand ins Salzburger Land aufgebrochen. Und? Wir haben’s genossen. Zwar ohne Stiegl in der Hand, doch würdig ersetzt durch einen nicht minder weizenhaltigen Weihenstephanner.
Kurz vor halb neun Uhr abends fetzten auf der Bühne bereits die französischen Heavy-Metal-Revivalisten Existance, mit vorbildlich spürbarer Anlehnung an das Erbe des NWOBHM. Die Band ist nicht ganz grün hinter den Ohren. Sie ist seit 2008 aktiv und hat zwei Studioalben in der Tasche: »Steel Alive« (2014) sowie das aktuelle »Breaking the Rock« (2016). Dass das Quartett souverän die Funken schlägt, stellte sich schnell heraus. Die Hauptantriebskraft der Band, Gitarrist und Sänger Julien Izard, macht einen souveränen Eindruck. Er verfügt über einen ansprechenden und stimmigen Gesang zum ansonsten flotten und geschärften Riff-Gerassel. Die Band ist trotz Juliens Verwurzeltsein am Mikrofon bühnenmaßig agil und nutzte die kleine Bühne geschickt aus, wobei sie sich an der theatralischen Nomenklatur der Achtziger orientierte (Iron Maiden). Julien wird vom zweiten Gitarristen Antoine Poiret unterstützt, mit dem er sich die Soli teilt. Die Riffs sind häufig mit Terz-Harmonien verziert – was keine Revolution ist. Kurzum: Existance sind keine musikalische Revolution, aber auch nicht so gottlos abgedreht wie etwa die belgischen Evil Invaders. Weit davon entfernt, den Eindruck von Rabauken zu machen. So verging eine solide halbe Stunde Eröffnungsset im angenehmen Miteinander mit einer souveränen und schneidigen Band, die alles engagiert und deshalb sehr überzeugend angeht.
An diesem Abend befanden sich durchaus einige glühende Riot-Anhänger im Publikum. Das Erbe dieser legendären und kultigen amerikanischen Band lebt heute erfolgreich unter dem Namen Riot V weiter. Aus dem Kreis der Zeitgenossen von Mark Reale sind noch der außergewöhnliche Gitarrist Mike Flyntz sowie der kernige Bassist Don Van Stavern dabei; die Besetzung vervollständigen der junge und talentierte Nick Lee an der Gitarre – übrigens ein Schüler von Flyntz –, der äußerst erfahrene Meister des Doppelbass-Pedals Frank Gilchriest (ex-Virgin Steele) sowie der unglaubliche Schreier Todd Michael Hall. Riot V haben das Publikum – genauso wie bei unseren beiden früheren Begegnungen mit der Band auf den Festivals Metaldays und Bang Your Head!!! – mit außergewöhnlicher Spielfreude, unerbittlichem Bühnenbiss und der ganzen Oktan-Spannung verhext, mit der sie an diesem Abend das Rockhouse zittern ließen. Wenn man Flyntz zuschaut, weiß man, dass dieser Mann in der handwerklichen Finesse des Gitarrenspiels ein Schamane seines Fachs ist. Einmal ließ er sich kurz ablenken, als er hinter Halls Mikrofonständer trat, um einen Song anzukündigen, dabei aber seinen Footswitcher verpasste – was dazu führte, dass er beim Eingangsriff „einschlief“; ansonsten bleibt seine Vorstellung ein waschechtes Märchen des klassischen Heavy-Metal-Ansatzes. Die Band präsentierte natürlich das neue Studioalbum »Armor of Light«, das ebenso wie der Vorgänger »Unleash the Fire« (2014) eine hervorragende Leistung ist; alle warteten aber natürlich vor allem auf die unvergesslichen Leckerbissen der Band aus den Achtzigern, Siebzigern und auch den Neunzigern. Neben dem obligatorischen Bloodstreets – einer der edelsten Kompositionen des eisernen Bankrepertoires – und dem erwarteten Standard Johnny’s Back gehörte das Finale des einstündigen Sturms mit der Band der „heiligen Dreifaltigkeit“ aus Warrior, Swords & Tequilla und dem natürlich unverzichtbaren Thundersteel. Schon zu Beginn überraschte auf höchst angenehme Weise der »Narita«-Klassiker (1979) Road Racin‘; kurz darauf spielten sie gemeinsam noch den vierten Thundersteel-Klassiker Flight of the Warrior und sorgten mit der Integration des fantastischen Angel Eyes aus dem hervorragenden, aber leicht übersehenen »Inishmore« (1998) für eine vollständige Überraschung. Take Me Back, vom Vorgänger »Unleash the Fire« übernommen, fährt wunderbar auf dem Erbe der Klassiker und klingt wie ein Stück, das in der ersten Hälfte der Achtziger geschrieben wurde; ihre würdige Position auf der Metal-Landkarte festigten natürlich auch die neuen Songs, angeführt vom einleitenden Victory sowie Angel’s Thunder Devil’s Reign und Caught In A Witche’s Eye. Die Band wechselt ihr Repertoire ständig. Bei jedem Konzert tauschen sie bis zu fünf Nummern aus, behalten dabei aber natürlich die Klassiker des eisernen Repertoires bei.
Riot V sind eine außergewöhnliche Band. Das hat die neue Konzerterfahrung mit ihnen bestätigt. Dabei waren sie erst direkt von der Japan-Tournee angekommen, um sich der neuen Europa-Tournee mit Primal Fear anzuschließen. Sie könnten zweieinhalb Stunden spielen, so viel eingeübtes Repertoire haben sie – aber nichtsdestotrotz. Um sich wenigstens einem halbwegs anständigen Publikum auf europäischen Konzertbühnen präsentieren zu können, müssen sie sich eben an einen größeren Namen der Metal-Landkarte „koppeln“. So läuft das nun mal. Aber das ist eine Band, die in Europa eigentlich als Headliner auf Tournee gehen sollte.
Primal Fear besteht aus einer Schar unglaublich erfahrener und versierter Musiker. Die Band wurde 1996 von den ikonischen Figuren des deutschen Metals Mat Sinner und Ralf Scheppers gegründet, die sich auch in der neuen Ära alle Cheffunktionen in der Band teilen. Zur Zeit der Bandgründung war Power Metal auf dem Vormarsch. Scheppers, der nach drei Alben mit Gamma Ray plötzlich ohne Job dastand, bewarb sich zunächst als neuer Sänger bei Judas Priest, und da er dort keine Stelle bekam, gründeten er und Sinner Primal Fear. Das gleichnamige Debüt der Band aus dem Jahr 1998 gilt als eines der integralen Alben, das neben dem Debüt von HammerFall zum damals unerwarteten Aufstieg des Power Metals und seiner Popularisierung beitrug. Das zementierte musikalische Rezept begann 2007 mit »New Religion« neue Qualitäten zu entwickeln. Primal Fear öffneten sich für orchestrale Arrangements, auch die Keyboard-Arrangements wurden intensiver, und die Kompositionen wurden immer abwechslungsreicher. Der aufgedrehte Power Metal, der natürlich aus dem Fundus von Judas Priest schöpft, wurde damit aufgefrischt, und die Band hat bis 2018 eine Reihe qualitativ hochwertiger Alben aufgereiht – wobei gerade das letzte davon, das kürzlich erschienene »Apocalypse«, als eines der besten Primal Fear-Alben der Post-»Seven Seals«-Ära gilt.
Die Band, die offiziell ein Sextett ist, tritt bei Konzertauftritten als Quintett auf. Das sechste Mitglied der Band, der Schwede Magnuss Karlsson, der wegen zu viel Arbeit zuhause bleibt, ist ein integrales Element beim Arrangieren und Komponieren aller neuen Primal Fear-Musik. Die Band greift seit Jahren auf Playbacks zurück, denn die Zeiten des einfacheren Arrangierens, als die Band die Studioversion einzelner Songs mit Hilfs-Keyboards auf der Bühne rekonstruieren konnte, sind längst vorbei.
An diesem Abend war es äußerst erfreulich, dass das Rockhouse voll war. Das waren nicht Saxon. Bei denen platzt der Club bekanntlich aus allen Nähten. Der Veranstalter befürchtete zunächst sogar, dass das Konzert in der Bar stattfinden müsste – so wie dort beispielsweise im Januar dieses Jahres Rage und der berühmte Ozzy-Gitarrist Gus G mit seinen Firewind spielen mussten. Nun, Primal Fear versammelten knapp 500 Leute, was für das verwöhnte und von allem Guten gesättigte österreichische Konzertpublikum sehr lobenswert ist. Das stets etwas reservierte österreichische Publikum machte während des Konzerts recht konkret mit. Zwar musste Ralf es ständig ein wenig anheizen, aber das weckte stets wirkungsvoll die gut aufgelegte Menge. Scheppers bleibt außergewöhnlich und ist nach wie vor einer der größten Vokalvirtuosen der gesamten Ära des deutschen Power Metals. Zwar hilft ihm dabei ein „verstärkter Echoeffekt“ vom Mischpult, und Ralf ist nicht mehr taufrisch jung – aber im Vergleich zu seinem weniger souveränen Auftritt vor zwei Jahren in Wien sang er wirklich auf hohem Niveau. Der Rest der Crew ist nicht weniger routiniert. Das Gitarrenduo betrat angesichts der etwas kleineren Bühne weniger Duelle Schulter an Schulter, doch Beyrodt und Naumann rechtfertigten wieder all ihre solistische Spitzenklasse und beeindruckten zugleich mit unglaublicher Harmonie – besonders wenn es um geteilte Soli in den Mid-Eight-Passagen oder einfach um das Harmonisieren von Riffs in Terzen ging. Bassist Mat Sinner hat wieder ein paar Pfündchen zugelegt, bleibt aber natürlich eine stattliche stimmliche Stütze für Ralf, und ihr diametraler stimmlicher Kontrast klingt weiterhin unglaublich schön in den Harmonien. All das wäre nicht möglich ohne Francesco Jovino am Schlagzeug, der endlich ein Drummer ist, der sich in der Besetzung letztlich „festgebissen“ hat und so die Lücke gefüllt hat, die Randy Black hinterlassen hat.
Primal Fear präsentierten eine sehr ausgewogene Setlist. Wie erwartet dominierten die neuen Songs, unter denen besonders das erstklassige Eye of the Storm heraussticht; überraschend war jedoch die Integration einiger leicht in Vergessenheit geratener Karrierehighlights, wie etwa der »Jaws Of Death«-Klassiker Under Your Spell. Die Momente des Albums »New Religion« sind immer herzlich willkommen. Neben dem hervorragenden Facing the Truth überraschten Primal Fear außerordentlich mit der Zugabe, als sie sich an eine der ambitioniertesten Kompositionen ihrer Karriere wagten: die außergewöhnliche Mini-Suite Fighting the Darkness. Sie wurde vollständig gespielt! Die Band heizte dem Publikum gleich zu Beginn mit zwei absoluten Evergreens ein: Final Embrace und Chainbreaker. Dann kamen Stücke des eisernen Repertoires: Nuclear Fire und das abschließende Metal Is Forever. Primal Fear lieferten den Höhepunkt genau zum Schluss – mit dem hervorragenden Running in the Dust und kehrten damit zum Debüt »Primal Fear« (1998) zurück. Für Schabernack und gute Laune bei Primal Fear-Konzerten sorgt stets der verschmitzte Tom Naumann, ein Mann, ohne den Primal Fear einfach nicht die echten Primal Fear wären.
Hervorragend in jeder Hinsicht. Wenn irgendjemand von euch das alles gelesen hat, hoffe ich von Herzen, dass euch diese Zeilen – als Fans harter Klänge auf klassischer Heavy-Metal-Spur – in möglichst großen Scharen zum Ljubljaner Konzert von Primal Fear und Riot V locken, das für Sonntag, den 21.10.2018 angekündigt ist. Das ist nämlich die obligatorische Metal-Messe dieses Herbstes in Slowenien.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste:
RIOT V:
1. Victory
2. Flight Of The Warrior
3. Road Racin‘
4. Johnny’s Back
5. Caught In A Witche’s Eye
6. Angel Eyes
7. Bloodstreets
8. Take Me Back
9. Angels Thunder, Devil’s Reign
10. Swords & Tequilla
11. Warrior
12. Thundersteel
PRIMAL FEAR:
1. Apocalypse (taped intro)
2. Final Embrace
3. Chainbreaker
4. Blood, Sweat & Fear
5. Face the Emptiness
6. Hounds of Justice
7. The Ritual
8. Under Your Spell
9. Nuclear Fire
10. Eye of the Storm
11. King of Madness
12. The End Is Near
13. When Death Comes Knocking
14. Metal Is Forever
—Zugabe—
15. Fighting the Darkness
16. Running in the Dust
17. Born Again (taped outro)





























