Motorpsychose verzauberte und hypnotisierte Pordenone (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Pordenone / Il Deposito Giordani / Italien
Konzertdatum: 07.05.2016
Besucherzahl: 500
Kartenpreis: 22,00€ (im Vorverkauf) / 26,00€ (an der Abendkasse)

Motorpsycho und das neue Album »Here Be Monsters«. Auf Promo-Tour durch den alten europäischen Kontinent – das dem slowenischen Gebiet nächste Konzert im italienischen Pordenone. Es war sogar der einzige Auftritt im nordöstlichen Teil der Apenninenhalbinsel. Die seit Langem aktive Truppe aus drei Musikern aus dem norwegischen Trondheim, die ununterbrochen seit dem fernen Jahr 1989 zusammenspielt, bleibt eine konstante künstlerische Variable, die die Reichweite ihrer musikalischen Botschaft unablässig »verbiegt« und erweitert, sich nicht in Schablonen und Klischee-Fallen fangen lässt. Eine Band, die man am liebsten als »revivalistisches« Derivat vieler Einflüsse ureingesessener psychedelischer wie auch progressiver Rockbands vom Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger beschreibt, agiert künstlerisch völlig freigeistig und unbeschwert – und schreibt in ihrem ungezügelt forschenden Abenteuertum durchweg eine eigengewachsene Geschichte künstlerischer Tiefenschärfe.

Das Trio trat ohne Vorband auf. Die Bühnenkulisse mit fünf zusätzlichen Scheinwerfern im rustikalen Look ließ bereits ahnen, dass hier eine Band mit ungewöhnlichem musikalischem Horizont auf die Bühne kommt, der eine eingefleischte Fangemeinde folgt. Zwei Mellotrons, und das mehr als alles andere. Und tatsächlich. Im Raum hatte sich ein stattlicher Haufen von rund sechshundert Fans versammelt, die das Trio beim Betreten der Bühne donnend begrüßten. Dieses verschmolz daraufhin, nachdem Sänger, Bassist, Gitarrist und Keyboarder Bent Sæther in seiner launigen Ansage verkündet hatte, der Saal sei angeblich für extreme Lautstärke bekannt und Motorpsycho würden daher mit einem besonders kaum hörbaren, leisen Spiel beginnen, und dann das eröffnende Big Black Dog ankündigte (eine außerordentlich ehrgeizige, fast 20-minütige epische Suite), augenblicklich mit dem Publikum zu einem einzigen Körper. Besonders die vorderen Reihen boten eine Handvoll echter Fanatiker, die beim Konzert – vor allem in den längeren repetitiven Passagen der Stücke – regelrecht delirierende Ausbrüche erlebten, wenn das transzendental-zerebrale Moment der Musik von Motorpsycho sie davontrug. Noch mehr: Die minimalen Textzeilen, die nicht selten die Rolle einer gelegentlichen Würze übernehmen, hatten einige Besucher sogar auswendig drauf. Ein herzliches Publikum.

Das spürte auch die Band, die diese Herzlichkeit in ihrer Performance ans Publikum zurückgab. Motorpsycho erschufen eine außerordentliche Kulisse aus einem undurchdringlichen Klangwall, den sie ausschließlich aus Röhrenverstärkern und alten Gitarrenmodellen herauslockten, die die Geschichte des Rock’n’Roll schon vor langer, langer Zeit geschrieben haben. Sanfte, fast makellos naive Segmente der Stücke wechselten sie mit borstigem, massig-fettem, klanglich »krachend-zerfallenem« Imponiergehabe ab, das zusammen mit der Mellotron-Kulisse den Effekt atmosphärischer Hypnose erzeugte – beziehungsweise einen »trip-oiden« Zustand erschaffener Stimmungen (z.B. das neue I.M.S. – Akronym für  Inner Mounting Shame). Die Einflüsse der psychedelischen Pink-Floyd-Ära (ich meine die Zeit des Albums »Meddle«) sind offensichtlich, besonders als die Band das neue Lacuna / Sunrise in Angriff nahm: Hans »Snah« Magnus Ryan griff zur Doppelhalsgitarre und entlockte ihr vor allem zu Beginn mit Griffen am Zwölfbund-Hals Klänge (Stereo-Chorus-Effekte, giftig nachhallender Sound), die stark an die ursprüngliche Klangästhetik der psychedelischen Pink-Floyd-Ära erinnerten. Damit es aber nicht nur bei Pink Floyd bleibt – es ist längst kein Geheimnis, dass Motorpsycho sich schon immer für das Erbe des West-Coast-Psychedelic-Pop/Rock begeistert haben, den einst Grateful Dead, Iron Butterfly und andere schufen. So fand sich auf der Setlist auch eine besonders reizvolle Bearbeitung des Stücks Spin Spin Spin, das im Original Terry Callier gehört (er veröffentlichte es 1968 auf seinem Debütalbum) und das später zuerst die amerikanische Psychedelic-Rockband H.P. Lovecraft coverte – von deren atmosphärischer Färbung sich auch die Version von Motorpsycho nicht weit entfernte.

In Momenten längerer zeitlicher Wiederholungen ausgewählter Phrasen schöpfte die Band die ungeahnten Talente von Schlagzeuger Kenneth Kapstad stärker aus, sodass er sich aktiver aufs Raumfüllen mit mehrfachen Rolls über die Toms konzentrieren konnte. Gleichzeitig bewies Kenneth, der seit 2007 mit Hans und Bent zusammenarbeitet, außerordentliche Geschicklichkeit und Einfallsreichtum, wenn er vor allem in Momenten, die vollblütige Sinnlichkeit und plasmaartige Sensitivität erfordern, eine unglaubliche Weichheit und Geschmeidigkeit zauberte (Nutzung der Becken). Kaum noch verwunderlich ist auch, dass die Musik von Motorpsycho ein schamloses Einlassen auf die im musikalischen Untergrund immer beliebteren Elemente des Post-Rock enthält – wenn sie die trip-oide Kulisse ausgewählter Phrasen aufrecht erhält und ausbaut, durch die sich auch mal ein pulsierender, schier »drone-ierter« Bass durchschneiden kann (Stück I.M.S.).  

Die Band spielte zwei Stunden und fünfzehn Minuten starkes Repertoire,  in dem sie auch ihren Katalog älterer Stücke nicht vergaß – darunter überraschte angenehm Feel (Album »Timothy’s Monster«, 1994) sowie drei Nummern vom dritten Album »Demon Box« (1993) – diese waren Tuesday Morning und am Ende des Konzerts Junior sowie Nothing to Say. Die Band ist außerordentlich ehrgeizig und live furchtlos. Das Konzertrepertoire wechselt nämlich regelmäßig. Keine zwei Konzerte sind deshalb identisch, da sich die Setlists von Abend zu Abend ständig ändern.

Was bleibt am Ende zu sagen? Hypnose, die Faszination einer besonderen Begegnung von »Schönheit« und »Bestie« zu einem eigenständigen musikalischen Leckerbissen. Nach dem Konzert stehst du in einem Zustand der Verzückung, ohne zu merken, wann und wie effektiv dich Motorpsycho in ihre Musikwelt jenseits der Realität hineingezogen haben. Motorpsycho sind eine Band, die angesichts ihrer musikalischen Vita und des eigengewachsenen Abenteuertums voller bissiger Provokation perfekt ins Konzertprogramm des CUK Kino Šiška passen würde. Wer weiß, vielleicht machen sie bei der nächsten Tournee auch bei uns Halt!   

Setlist

1. Big Black Dog
2. Un chien d’espace
3. Blueberry Daydream
4. Sleepwalking
5. Lacuna/Sunrise
6. Tuesday Morning
7. Feel
8. Running With Scissors
9. I.M.S.
10. Spin, Spin, Spin
11. The Alchemyst
12. Wishing Well
13. Upstairs-Downstairs
14. Cloudwalker (A Darker Blue)
15. Junior
16. Nothing to Say

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