Megadeth legten den Fluch der Dystopie über Bolognas Himmel (2016)
Acts: Megadeth, Gamma Ray
Ort: Bologna / Estragon / Italien
Konzertdatum: Freitag, 03.06.2016
Am Tag nach dem berüchtigten Gods of Metal Festival fand in der italienischen Bologna eine kleine Neuauflage davon statt. Megadeth und Gamma Ray, die tags zuvor gemeinsam einen Teil des Programms des renommierten italienischen Rock- und Metal-Festivals bestritten hatten, spielten nämlich auch beim Konzert in Bologna zusammen.
Dieser Abend hatte noch eine weitere interessante Facette. Genau zehn Jahre zuvor, also am 03.06.2006, fand nämlich das Gods of Metal Festival im italienischen Idroscalo bei Mailand statt, und bei jener Ausgabe des Festivals standen vier Musiker auf der Bühne, die wir exakt zehn Jahre später beim Auftritt in Bologna im Club Estragon wiedersehen sollten. Das sind drei Mitglieder von Gamma Ray, nämlich Kai Hansen (Gesang, Gitarre), Dirk Schlächter (Bass) und Henjo Richter (Gitarre), sowie Megadeths frischgebackener Gitarrist Kiko Loureiro, der beim Gods of Metal 2006 allerdings noch mit den brasilianischen Progmetal-Jungs von Angra aufgetreten war.
Es ist acht Uhr abends. Der Bolognese Club Estragon ist schon gefährlich voll und füllt sich weiter. Viele werden draußen bleiben und den Auftritt von Gamma Ray verpassen, die in dieser Konstellation logischerweise die Rolle des Voracts übernommen haben. Ihre 40 Minuten haben Gamma Ray erwartungsgemäß routiniert genutzt. Die randvolle Halle und die Tatsache, dass sie ein kürzeres Set spielen und Energie sparen konnten, kam ihnen sichtlich zugute. Das bedeutete: völlig entspannt und unbeschwert spielen. Die Band hatte im Grunde ein reduziertes Set vorbereitet, verglichen mit der November-Erfahrung, als wir die Gruppe auf ihrer damaligen Tour in Graz erwischt hatten. Gamma Ray spielten also ein »Mini-Best-of« und eröffneten das Konzert mit dem erwarteten Heaven Can Wait. Im ersten Teil des Songs standen nur Hansen, Schlächter, Richter und Schlagzeuger Ehre auf der Bühne, danach gesellte sich noch das neue Bandmitglied, Sänger Frank Beck, dazu. Eine große Bühne und jede Menge Menschen. Die Jungs hatten sichtlich Spaß, und an positiver Energie sowie feuriger Performance mangelte es bei diesem Auftritt keineswegs. Gamma Ray sind bei ihrer enormen Kilometerzahl eine unglaublich erfahrene Truppe, und so agieren sie auch auf den Bühnen dieser Welt. Sie sind nämlich unheimlich eingespielt und kennen sich auch unheimlich gut. Erst der Song Man on the Mission — das einzige Stück übrigens, das Gamma Ray auf der November-Tour, also der ersten mit Frank Beck in der Besetzung, nicht gespielt hatten — zeigte gewisse Schwächen. Frank hatte den Song nämlich noch nicht gut genug drauf. Dementsprechend gab es einiges Gesuche auf der Bühne, als er die richtige Gesangslage in den Melodien von Strophen und Refrains suchte. Da sich der Mann während der Performance ständig auf der Bühne hin und her bewegte, ist es möglich, dass er sich selbst nicht gut genug hören konnte. Genau bei Man on a Mission fand Frank die richtige Lage in der Regel erst dann, wenn Hansen, Schlächter und Richter in den Vokalharmonien zusammenkamen. Ansonsten trifft Frank exakt die Lagen, die Hansen hören möchte. Das hat er glaubwürdig unter Beweis gestellt. Also jene Vokallagen, die Kai selbst nicht mehr singen möchte. Die Mission ist also geglückt. Vor der Bühne hatte die Band eine ordentliche Schar aufgeheizter Fans, die entweder die Texte mitsangen oder die ganze Zeit wild brüllten: »Gamma Ray, Gamma Ray,…« Die kamen also, hatten in den knappen 40 Minuten ihren Spaß, lieferten eine klasse Show und verschwanden danach auch gleich wieder flott von der Bühne. Dabei aber eine großartige Vorstellung abgeliefert. So wie man es von Gamma Ray schon immer erwartet und gewohnt ist.
Dave Mustaine und Konsorten präsentierten ihr neues Album »Dystopia« (2016), das insgesamt fünfzehnte ihrer Karriere. Während der Entstehungszeit des Albums hat Dave die Bandbesetzung mal wieder von Grund auf durchgewirbelt, was niemanden mehr überrascht. Statt Chris Broderick ist eingesprungen, was wohl Mustaines größte Entdeckung der letzten Zeit ist: der außergewöhnliche brasilianische Gitarrist Kiko Loureiro, an den sich vielleicht einige von euch von seinen Gitarren-Clinics erinnern, als er zweimal im Orto bar in Ljubljana auftrat — beim ersten Mal solo, beim zweiten Mal in Begleitung von Guthrie Govan (Steven Wilson, The Aristocrats). Von Lamb of God kam letztes Jahr Chris Adler, der Shawn Drover in der Besetzung ersetzte. »Dystopia« ist das Album, auf das die Fans der alten Megadeth-Schule schon viel zu lange gewartet und bei dem sie an Mustaine beinahe verzweifelt waren. Aber »Dystopia« hat alle Dinge wieder an ihren richtigen Platz gerückt. Es enthält exzellentes Material, das sich in jeder Kombination immer fantastisch mit den Klassikern aus dem eisernen Standardrepertoire der Band verbindet.
Megadeth haben in Bologna allerdings nicht für Überraschungen gesorgt. Die Setlist war im Grunde haargenau dieselbe wie beim Metaldays-Festival, nur dass die Jungs ein paar Nummern des neuen Albums ins Repertoire geschmuggelt haben. Loureiro hat erwartungsgemäß echte Frische auf die Bühne gebracht. Genauso agiert die Band mit ihm in der Besetzung wieder dynamischer, und seine klassische Ausbildung ist auch für Mustaines Songwriting ein außerordentlicher Gewinn. Mustaine, Ellefson und Loureiro wechselten während des Konzerts mehrmals zwischen der mittleren bzw. linken und rechten Position. Mustaine bleibt giftig in jeder Hinsicht des Wortes. Der finstere Frontmann warf während des Konzerts nur ein paar Blicke ins Publikum, die zerzausten Haare seiner charakteristischen, dichten gelockten Mähne verdeckten sein Gesicht die ganze Zeit. Das Publikum sprach er erstmals erst nach dem vierten Song an und erklärte, dass Megadeth noch nie zuvor in Bologna aufgetreten seien.
Der Estragon war bis in den letzten Winkel vollgestopft. Megadeth betraten die Bühne um 21:25 Uhr. Menschen tröpfelten noch immer in die Halle. Dicht an dicht, unerträgliche Hitze, und natürlich entsprechend verbrauchte Luft. Die Hölle in jeder Hinsicht. Vorne hatte sich kaum ein kleiner ritueller Moshpit gebildet, ansonsten konnten sich die Leute nicht einmal normal bewegen. Obwohl es sich um einen Headliner-Auftritt handelte, haben Megadeth sage und schreibe gerade mal 80 Minuten gespielt (Zugabe inklusive). Allerdings mit allen Pflicht-Klassikern im Repertoire. Ein Tornado! Nicht mehr, nicht weniger. Anderes war nicht zu erwarten. Das höllisch aufgeheizte und aufgepeitschte Publikum ließ in seinem Wahnsinn und Irrsinn einfach nicht nach. Mustaine hielt sich beim Gesang solide, allerdings begann seine Stimme gegen Ende langsam an Kraft zu verlieren, was inzwischen die Standardbeobachtung ist, die wir in den letzten Jahren auf Megadeth-Konzerten machen. Aber wir haben auch schon wesentlich schwächere Dave-Auftritte erlebt. Als Besonderheit ist erwähnenswert, dass auf dieser Tour nicht Chris Adler trommelt, der die Tour wegen seiner Verpflichtungen gegenüber Lamb of God absagen musste — eingesprungen ist stattdessen Dirk Verbeuren von Soilwork. Den Abschlusspart des Konzerts bereicherte die Band mit dem grandiosen neuen Song Dystopia, ehe sie erwartungsgemäß mit Symphony of Destruction ins Finale startete, in das die vollbesetzte Halle mit rund 4.000 aufgeheizten Köpfen wieder einstimmte: »Mega-deth, Mega-deth,…«
Vor der obligatorischen Zugabe bat Mustaine alle Anwesenden um eine Schweigeminute in der Halle zum Gedenken an den verstorbenen ehemaligen Megadeth-Schlagzeuger Nick Menzo. Als Mustaine nach einigen Versuchen erkannte, dass es ihm nicht gelingen würde, das Publikum zum Schweigen zu bringen, trat er ans Mikrofon und sagte: »Habt ihr denn keinen Funken Respekt vor dem Verstorbenen?!? Ich bitte um eine Schweigeminute!!« Auch diesmal klappte es nicht. Wie auch immer — einmal noch donnerte Holy Wars… durch die Halle, entstanden aus den Eindrücken von Mustaines Tour-Erlebnissen in Irland Ende der Achtziger, die er sein Leben lang nicht vergessen wird — und damit war Schluss.
Abschließender Gedanke? Routine. Gekommen und gespielt. So wie es das Geschäft verlangt. Die Gunst des Publikums erkauft sich der unersättliche Mustaine nach wie vor überaus überzeugend mit seiner giftigen Präsenz, seinem Charisma, seinem Lausbuben-Charme — diesem Ausdruck, der das Gefühl des ewigen Rebellen vermittelt. Hoffen wir, dass auf diese Tour noch eine Clubtour im Herbst dieses Jahres folgt. Wie gesagt: Das neue Album und die Ankunft von Kiko Loureiro sind der Schlüssel zur Wiedergeburt einer der markantesten Größen aller Zeiten im Metal, die mit ihrem visionären Geist einen riesigen Beitrag zur Entwicklung des Metals geleistet hat. Mustaine bleibt in dieser Hinsicht eine der wichtigsten Figuren im Metal.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist GAMMA RAY:
1. Welcome
2. Heaven Can Wait
3. Fight
4. I Want Out
5. Induction
6. Dethrone Tyranny
7. Master of Confusion
8. Rebellion in Dreamland
10. Send Me a Sign
Setlist MEGADETH:
1. Hangar 18
2. The Threat Is Real
3. Wake Up Dead
4. In My Darkest Hour
5. Post American World
6. Dawn Patrol
7. Poison Was the Cure
8. Poisonous Shadows
9. She-Wolf
10. Sweating Bullets
11. A Tout Le Monde
12. Trust
13. Dystopia
14. Symphony of Destruction
15. Peace Sells
—Zugabe—
16. Holy Wars… The Punishment Due






























































