Rückkehr des Bombers nach Bayern! (2015)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: München / Zenith Halle / Deutschland
Konzertdatum: 20.11.2015
Besucherzahl: 6.000
Ticketpreis: 57,50€

Motörhead, Saxon und Girlschool auf gemeinsamer Tour. Drei Bands, deren Bande seit Anfang der Achtziger des letzten Jahrhunderts fest und eng miteinander verflochten sind.  Im reifen Alter haben sie sich wieder darauf geeinigt, eine neue gemeinsame Tour abzureißen. Schon 2013 war ausgemacht, dass Motörhead und Saxon eine neue gemeinsame Europatour spielen. Doch wegen der gesundheitlichen Probleme des Eisernen Kanzlers Lemmy Kilmister ist die Idee ein wenig in sich zusammengefallen. Zeitlich zog sie sich in die Länge. Erst wurde sie auf das Frühjahr 2014 verschoben, später dann komplett abgesagt. Als sich der Eiserne Kanzler endlich einigermaßen berappelt hatte, begannen Motörhead mit den Aufnahmen für ein neues Album. Das insgesamt 22. Studioalbum »Bad Magic« erschien Ende August dieses Jahres, und für Motörhead liegt der nordamerikanische Teil der Tour schon hinter ihnen, auf dem sie drei Konzerte abbrechen oder absagen mussten. Aber Lemmy kennt keinen Rückzug. So sind Motörhead auf den deutsch-skandinavischen Teil der neuen Europatour gestartet, als gäbe es keinerlei Bedenken, völlig unbeschwert, im Einklang mit der Lebensroutine. In professioneller Hinsicht ist das natürlich eigentlich das einzig Sinnvolle. Aber es ist die Lebensweise dieser Band. Genauer gesagt: Lemmys Lebensweise.

In München haben Motörhead gleich zwei aufeinanderfolgende Konzerttermine am selben Veranstaltungsort angesetzt. In der Zenith Halle. Beide Termine waren komplett ausverkauft. Im Voraus. Man würde am liebsten gleich bei beiden bleiben, aber der vollgepackte Konzertkalender, der den Pflichtbesuch des Whitesnake-Konzerts in Zagreb am 21.11.2015 vorschrieb, ließ das nur teilweise zu.

Wegen der Widrigkeiten des Tages, die das miese Wetter (Regen, Schnee) mit sich brachte, dazu die verschärften Kontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze, wo man locker zwei Stunden Verspätung einrechnen musste, und das traditionelle Sich-Verfahren in München auf der Suche nach der Halle (wofür es nach all den Jahren, in denen man hier schon aufschlägt, keine Entschuldigung mehr gibt), kam das RockLine-Duo ohne Steuermann erst am Veranstaltungsort an, als Saxon schon das erste Drittel ihres Konzerts gespielt hatten. Die britischen Veteranen haben sonst keine besondere Überraschung geliefert. Sie haben ihren Auftritt ziemlich routiniert abgespult. Eine vorhersehbare Setlist, in der drei ganz neue Songs vom frischen Studioalbum »Battering Ram« (2015) und kultige Klassiker des eisernen Repertoires der Achtziger auftauchten, deutet darauf hin, dass die Band über die Jahre lässig und extrem routiniert geworden ist. Einen Haufen Material, das Saxon in den Neunzigern geschaffen haben und das als ausgezeichnet gilt, bekommt man leider nicht live zu hören. Schade. Das deutsche Publikum, das Saxon schon vor langer Zeit als »deutsche Band« adoptiert hat, war ganz nach Tradition und echter deutscher Konzertmanier streng respektvoll gegenüber der Band und bereitete ihr einen mehr als hervorragenden Empfang, auf dem es Biff und die Truppe hoch auf den Flügeln seiner Hände durch den Auftritt trug. Die deutsche Treue bis ins Grab hält das Bild von Saxon also auch im reifen Alter makellos, wo die Band alles erreicht hat, was sich erreichen lässt, und sich besondere kreative Großtaten und Herausforderungen gar nicht mehr auf die Schultern laden will.

Anders war es, als Motörhead auf die Bühne kamen. Diesmal ohne einleitende Begrüßung von Lemmy. Auf die dicht vernebelte Bühne stürmten sie zu den wohlbekannten Sirenen, die vor einem Bombenangriff warnen. Bomber. Da sind sie! Über dem Trio hing der Nachbau eines zweimotorigen Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg nach dem Vorbild der Heinkel He-111, ein Metallgerüst voller Scheinwerfer, und die Jungs gingen, wie erwartet, mit vollem Anlauf aufs Material los! Angesichts der jüngsten Vorfälle waren die meisten Augen in erster Linie auf die unbestreitbare und einzigartige Gestalt der ersten und vielleicht einzigen wahren Ikone des Rock gerichtet, Ian Lemmy Kilmister. Die schmächtige Erscheinung behält die Gesangskraft, und auch das Bassspiel. Das Konzert ist so angelegt, dass der Mann unterwegs immer wieder Kraft tanken kann. Das Repertoire ist abwechselnd aufgebaut. Auf einen schnellen Song folgt ein langsamerer und so weiter. Ebenso sind an Stellen des Konzerts Solos an Schlagzeug und Gitarre eingebaut, und auch die obligatorische Zugabe ist auf höchstens einen Song gekürzt.

Der Einstieg kippte im Handumdrehen, vor der Aufführung von Metropolis fassten sich Phil und Lemmy theatralisch mit den kleinen Fingern an den Händen und hoben sie hoch in die Luft. Als Phil auf seine rechte Bühnenseite wechselte, hielt Lemmy die rechte Faust noch eine Weile geballt hoch in der Luft. Dem einzigen neuen Song vom Album »Bad Magic«, den Motörhead an diesem Abend spielten, When The Sky Comes Looking For You, folgte noch ein Evergreen, Over the Top. Vor dem Song provozierte Lemmy gemeinsam mit Phil das Publikum, ein bisschen Lärm zu machen. Das war wirklich nicht schwer hinzukriegen. Lemmy sagte dann, er widme den Song allen, die Lärm gemacht haben: »This song is dedicated to all, who made fuckin‘ noise then!« Die Überraschung in der Setlist war diesmal ein Song vom Album »Antoher Perfect Day« (1983) namens Rock It. Dieses Album hat in den letzten Jahren also so etwas wie Respekt auch von Seiten der Fans bekommen. Als es erschien, wurde es von der Kritik zerrissen, weil es für damalige Motörhead-Maßstäbe schlicht zu gut war, aber es hat den Test der Zeit bestanden und endlich seinen Wert und Preis bekommen, weshalb die Band in den letzten Jahren gern Songs von diesem Album in ihre Konzerte einbaut. Der zerstörerische Orgasmatron tauchte die vernebelte Bühne in ein dunkles Grün, während Dr. Rock Lemmy zum kurzen Verschnaufen diente, und im Solo, das mitten in den Song eingebettet war, drosch Mikkey Dee gnadenlos auf die Felle.

Eine Stunde und zehn Minuten regulärer Teil. Zum Abschluss hat die Band den unsterblichen Ace Of Spades rausgehauen, den Leuten im vorderen Teil der Halle, direkt an der Bühne, wurde es noch einmal so richtig die ohnehin schon ordentlich versäuerten Birnen weggeblasen – die Szenerie wirkte nämlich wieder wie die Schlacht um Vaduz aus dem Ersten Weltkrieg. Energie, wie man sie sich nur auf einem Motörhead-Konzert wünschen kann. Die obligatorische Zugabe brachte noch einen Kontrast aus langsamem und schnellem Song. Das akustische Whorehouse Blues mit Lemmy an der Mundharmonika (Mikkey Dee half an der akustischen Gitarre aus), und darauf folgte der abschließende Tornado mit Overkill und drei verlängerten Ausstiegen aus dem Song. Auch bei Overkill erwachte der improvisierte Bomber über der Bühne wieder und fing an, wild nach links und rechts auszuschlagen.  

Das Konzert dauerte eine Stunde und 20 Minuten. Fakt ist, dass Lemmy nicht besonders gut aussieht. Ich fürchte mich davor und will es wirklich nicht sagen, aber das Gefühl ist, dass er sich langsam verabschiedet. Während des Konzerts hat er den Auftritt völlig souverän durchgezogen. Mit Kraft. Mit der erwarteten und geforderten Kraft. Wie eh und je. Er hat seine Energie klug verteilt und mit der Kraft gehaushaltet.  Doch schon Lemmys bloße Erscheinung, von der Haltung über das Aussehen bis zur Energie, die er auf der Bühne ausstrahlt, lässt ahnen, dass die einzigartige Ikone des Rock’n’Roll, die Ende Dezember dieses Jahres 70 wird, ihrem Ende entgegengeht. Inzwischen geht der deutsch-skandinavische Teil der Tour weiter. Ohne Unterbrechung. Und hoffen wir, dass das auch weiterhin so bleibt. Lemmy und Kompanie haben auch für nächstes Jahr Konzerte bestätigt. Im Februar folgen unter anderem ein Auftritt in Wien und einer in Bozen (in Südtirol). Es lohnt sich, ein Konzert von Motörhead zu sehen. Das war schon immer so, und auch im Jahr 2015 ist es nicht anders. Genießen wir es, solange wir noch können, oder wie es die Eröffnungsparole des neuen Albums „Bad Magic“ verlangt: „Sieg oder Tod!“

Setlist

MOTÖRHEAD:
1. Intro
2. Bomber
3. Stay Clean
4. Metropolis
5. When the Sky Comes Looking for You
6. Over the Top
7. Guitar Solo
8. The Chase Is Better Than the Catch
9. Lost Woman Blues
10. Rock It
11. Orgasmatron
12. Doctor Rock (plus Schlagzeugsolo)
13. Just ‚Cos You Got the Power
14. No Class
15. Ace of Spades
—Zugabe—
16. Whorehouse Blues
17. Overkill

SAXON:
1. Battering Ram
2. Motorcycle Man
3. Sacrifice
4. Power and the Glory
5. Queen of Hearts
6. The Devil’s Footprint
7. Heavy Metal Thunder
8. 20,000 Ft
9. Princess of the Night
10. Wheels of Steel
11. Crusader
12. Denim and Leather

GIRLSCHOOL:
1. C’mon Let’s Go
2. Kick It Down
3. Come, the Revolution
4. Take It Like A Band
5. Future Flash
6. Watch Your Step
7. Race with the Devil
8. Emergency

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