W.A.S.P. marschieren durch Pordenone nach Golgatha (2015)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Pordenone / Il Deposito Giordani / Italien
Konzertdatum: 05.11.2015
Besucherzahl: 450
Ticketpreis: 35,00€

W.A.S.P., die legendären Shock-Rocker aus Los Angeles, in den Achtzigern das Synonym für größte Bühnenschweinereien und Provokationen, deren gewollte Exzesse ihre eigene Musik fast in den Schatten stellten – W.A.S.P. waren also eher für ihre schockierenden Bühnenshows bekannt als für ihre veröffentlichte Musik –, sind nach 4 Jahren Pause mit ihrem insgesamt 15. Studioalbum »Golgotha« auf die Bühne zurückgekehrt.

Die Band, kommandiert vom unbeugsamen und einzigartigen Steven Edward Duren, besser bekannt unter seinem eingebürgerten Künstlernamen Blackie Lawless, mit seinen treuen Gefolgsleuten Mike Duda (Bass, Backing Vocals) und Doug Blair (Gitarre, Backing Vocals) sowie dem frischgebackenen Aushilfsmann an den Drums Randy Black (ex-Annihilator, ex-Primal Fear), machte Anfang November im Rahmen der neuen Tour »Road to Golgotha« ganz in der Nähe der slowenischen Grenze Halt. Wer den Klängen der härteren Gitarrenriff-Fraktion verfallen ist, durfte sich dieses Spektakel auf keinen Fall entgehen lassen.

Das wussten auch die slowenischen Heavy-Metal-Fans und steuerten sicher 70 Köpfe zu diesem Konzert bei, wenn nicht mehr. Dazu kamen noch ein paar österreichische und kroatische Fans – kurz gesagt, ein bunter Haufen. Der Besuch hat die Erwartungen allerdings nicht erfüllt. Nur etwa 450 Leute kamen zusammen, aber na ja. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit W.A.S.P.-Konzerten in Italien galt immer die Regel, dass das italienische Temperament von keinem anderen übertroffen wird, wenn W.A.S.P. auf der Bühne stehen. Aber war das diesmal wirklich so?

Kurz nach acht am Abend enterten die Italiener Lucky Bastardz die Bühne. Hard Rocker aus Alessandria, die seit 2008 aktiv sind. Mit ihrem dritten Studioalbum „Alwayz On The Run“ im Gepäck bekamen die Jungs die Chance, bei 10 Terminen in Europa als Support für die legendären W.A.S.P. aufzutreten. Das Quartett ging seine Sache mächtig unternehmungslustig an, man spürte Erfahrung und Kilometer auf dem Tacho. Die Band ist richtig solide eingespielt. Rauer Hard Rock mit einer Prise Frechheit und Dreck, gestrickt nach dem Vorbild von AC/DC, Guns ‚N Roses und Skid Raw, überzeugte vor allem durch die große Herzlichkeit, mit der die Jungs zur Sache gingen. Ein paar der obligatorischen Posing-Gesten waren zwar überflüssig, aber Rock’n’Roll ist eben Spaß und oft auch gute Satire. Solide, korrekt, mit der richtigen Portion Herzblut und Vehemenz gespielt, aber ohne eigenständige Highlights. Die Jungs sind also eine gute Adresse für eine Party. Eine angenehme Ouvertüre für den Konzertabend.

W.A.S.P. ließen uns diesmal 40 Minuten warten. Weniger als eine Stunde. Eine nette Geste, verglichen mit früheren Erfahrungen, vor allem mit der vom 01.12.2004 in Zagreb, die nicht in allzu guter Erinnerung geblieben ist. Konzerte von W.A.S.P. haben schon immer ein paar Eigenheiten, die zur Konstante geworden sind. Die Jungs spielen nur gut eine Stunde und setzen Backing Tracks ein. Damit muss man sich abfinden, wenn man nicht auf den Konzertgenuss verzichten will.

Die Band präsentierte sich in sehr guter Form. Heitere Stimmung und genug Bewegung auf der Bühne, auch von Blackie, der von der Bühnenkante mal nach links, mal nach rechts spazierte. Der Chef der Truppe bewies, dass er auch stimmlich noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Nur am Anfang brauchte er etwas Zeit, um die Stimmbänder auf Betriebstemperatur zu bringen, danach entfaltete er die Kraft seines typisch kehligen Kratzens. Frisur toupiert, weißer Puder, schwarzer Lippenstift. Enges Spandex, hohe Desperado-Stiefel und natürlich das auffällige W.A.S.P.-Shirt. Keine Sägen, kein Blut, kein rohes Fleisch, kein Sadomaso und kein bizarrer Latex. Aus diesen Requisiten ist Blackie herausgewachsen und hat sie weit hinter sich gelassen. Blair, Duda und Black machten ihren Job hervorragend. Randy fügte sich schnell in die Philosophie der Band ein und ablieferte Weltklasse-Arbeit. Blair war vor allem im abschließenden Solo des neuen Golgotha phänomenal, ebenso in der Ballade Miss You, wo er sein ganzes Können auch von der Seite zeigte, die ordentlich Feingefühl verlangt.

Die Band eröffnete das Konzert erwartungsgemäß mit der Standardkombination On Your Knees / Inside Electric Circus und brachte das Publikum schnell in Galopp. Trotz der passenden Mischung aus altem und neuem Material, aus der etwa das ältere Arena of Pleasure und das Zwei-in-eins-Paket (Hellion/ I Don’t Need No Doctor) herausstachen, blieb das Publikum ziemlich zurückhaltend. Von Minute zu Minute kühlte es mehr und mehr ab. Den einzigen echten Krawall machten tatsächlich die Slowenen in den vorderen Reihen. Das ist eine verblüffende Erkenntnis, wenn man bedenkt, wozu die Italiener bei Konzerten der Band vor Jahren fähig waren. Trotzdem schaffte es gegen Ende des Konzerts einer der Fans auf die Bühne. Blackie, der den Eindringling bemerkte, zog sich in den hinteren Teil der Bühne zurück, ganz bis zum Schlagzeug, und der kleine Störenfried stellte sich währenddessen einfach ans Mikrofon und stieg in den Refrain des Songs ein. Schnell flog er kopfüber ins Publikum, als Sicherheitsmann und Tourmanager der Band das bemerkten. Auch Blackie vergaß das nicht gleich. Er trat links ganz an die Bühnenkante und sah dem verdatterten Fan direkt in die Augen, dabei schüttelte er tief den Kopf. Die Band kam dann zurück, um die obligatorische Zugabe zu spielen, wo erwartungsgemäß War Child seinen gewohnten Platz fand, überraschenderweise aber Blind In Texas durch I Wanna Be Somebody als Abschluss ersetzt wurde.  Das Publikum hätte mit etwas mehr  Feuer und Temperament auch Chainsaw Charlie herausholen können, den W.A.S.P. auf dieser Tour sonst ebenfalls spielen. Aber angesichts der lahmen Resonanz konnten wir am Ende schon froh sein, dass Blackie mit seiner Kompanie überhaupt auf die Bühne kam und die obligatorische Zugabe spielte.

Wie auch immer. Blackie ist ein Mann mit außergewöhnlichem Charisma. Seine Bühnenfigur strahlt Macht und Autorität aus, dazu eine Portion Lausbubenhaftigkeit und Frechheit, die in ihrer gekonnten Groteskheit immer noch dreist, ja sogar beängstigend wirken kann. Die Band hat ordentlich zugebissen. Sie hat in allem überzeugt. W.A.S.P. halten sich, und das neue Material fügt sich hervorragend zu den Klassikern. Eine Faust voll energiegeladenem Bühnenkarussell mit einzigartigem musikalischem Ausweis – auch in reiferen Jahren bewahren sie also genau die richtige Dosis Dynamit.

Setlist

W.A.S.P.:
1. On Your Knees / Inside the Electric Circus
2. The Real Me
3. L.O.V.E. Machine
4. Last Runaway
5. Crazy
6. Arena of Pleasure
7. Miss You
8. Hellion / I Don’t Need No Doctor
9. Golgotha
—Zugabe—
10. Wild Child
11. I Wanna Be Somebody

LUCKY BASTARDZ:
1. Dawn of the Phoenix
2. Fuckinsnow
3. Liar
4. Circles on the Shore
5. Wolf’s Lair
6. New Era
7. Tiger Hostel
8. eDrugs
9. Sin City

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