Erstklassiger Blues und erstklassiger Coco Montoya in Koper (2015)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Koper / Figa Rock Bar / Slowenien
Konzertdatum: 22.10.2015
Besucherzahl: 100
Kartenpreis: 18,00€
Figa Rock Bar! Vaganel bei Koper und Donnerstag, der 22. Oktober 2015. Coco Montoya! Man kann es kaum glauben, dass so ein eminenter und geschätzter Name der Weltblues-Szene tatsächlich auf slowenischem Boden gastiert. Hand aufs Herz: Blues bleibt im allgemeinen Konzertangebot Sloweniens definitiv ein unterversorgtes Genre. Erst recht, was klingende Namen wie Coco Montoya angeht! Die umkreisen uns zwar irgendwie immer, landen aber selten auf der Landkarte des slowenischen Territoriums. Es zeichnete sich also ein echtes Konzert-Highlight ab.
Der Mann, der vor allem durch sein zehnjähriges Abenteuer mit der lebenden Blues-Legende und noch immer aktiv kickenden 81-jährigen John Mayall bekannt wurde (der erst vor wenigen Tagen in Graz aufgetreten war) – bei dem er Gitarre spielte und bei dem auch Eric Clapton, Peter Green und Mick Taylor in die Saiten gegriffen hatten –, hatte sich in dieser Zeit eine solche Reputation erarbeitet, dass er Mitte der Neunziger eine erfolgreiche Solokarriere starten konnte. Der Linkshänder, der aber nach dem Vorbild von Albert King mit einer Rechtshänder-Gitarre spielt, ohne die Saiten umzudrehen – das heißt, er greift die Akkorde auf der Gitarre im Vergleich zu einem durchschnittlichen Gitarristen-Sterblichen der Galaxis sozusagen „spiegelverkehrt“ –, griff erst ernsthaft zur Gitarre, nachdem ihn Albert Collins als Schlagzeuger entdeckt und ihm in seiner Band zunächst den Schlagzeughocker angeboten hatte. Montoya nahm Collins schnell als Gitarren-Vorbild an, was sich auch in seinem Stil und Sound widerspiegelt, die er über die Jahre weiterentwickelt hat.
Coco (bürgerlich Henry) Montoya erschien mit seiner Crew – Brant Leeper (Keyboards), Nathan Brown (Bass) und Rena Beavers (Schlagzeug) – gegen halb neun Uhr abends auf dem Gelände der Figa Rock Bar. Die Leute, die zu diesem Zeitpunkt den äußeren „Vorraum“ des Clubs bevölkerten, gemütlich an ihrer Zigarette zogen und sich mit einem verdienten Krug Bier die Zeit vertrieben, bekamen das Vorbeiziehen der Viererbande gar nicht mit. Doch kurz darauf erwachte im Inneren des Clubs die Bühne zum Leben, als die Band die letzten Details des Soundchecks abklärte. Zwanzig Minuten nach neun Uhr „donnert“ es los. Die Band startet den Auftritt, die Menge strömt ins Innere des Clubs.
Etwa 60, vielleicht 70 Neugierige im Innenraum und nochmal 30, vielleicht 40 im Außenbereich des Clubs hatten einiges zu sehen und zu hören. Montoya lieferte an diesem Abend eine außergewöhnliche Vorstellung. Als Vokalist und Gitarrist ist er ein herausragender Performer. Während er sich durch die Verse kämpfte, hielt er wachsam den Kontakt zur Menge und ließ dabei als Riese seines Fachs nicht einmal mit seinem unaufhörlichen Lächeln und Charmieren nach. Die Band spielte überwiegend Montoya-Soloarbeiten, doch vergaß Montoya keineswegs, seinem Lehrmeister Albert Collins seinen Respekt zu erweisen, als er sich I Got A Mind To Travel vornahm. Inmitten der rosigen Riege erstklassiger Blues-Nummern wie dem eröffnenden Wish I Could Be That Strong, dem schelmischen Hey Seniorita, Don’t Go Makin‘ Plans, I Won’t Beg, Three Sides to Every Story, It’s My Own Tears schmuggelte der Mann auch Tracks mit größerem melodischen Ohrwurm-Faktor ein, die sich rasch einbrennen – etwa Too Much Water und am Ende das ansteckende I Want It All Back. Einen besonders intensiven Moment des Konzerts lieferte Nothing But Love, in erster Linie dem in diesem Jahr verstorbenen B.B. King gewidmet. Der langsame Blues klang schlicht und ergreifend wunderschön. Der Gitarren-Ass brillierte darin mit außergewöhnlichem Gespür – da, wo die Gitarre bisweilen kaum hörbar wimmerte und sich Zartheit entfaltete, folgten donnernde Passagen, die den besten Momenten des Weltblues würdig sind. Leidenschaft und Emotionen überfluteten das Geschehen während des Auftritts in Wellen, und Coco erntete von seinem Publikum unablässig großen Applaus.
Auch der Rest der Crew bekam in den improvisierten Einlagen genug Raum, um sich farbenprächtig zu entfalten und die bühnensprachliche Aussage von Montoya-Blues-Visionärtum zu bereichern. Immer mit feinem Gespür. Der subtile Gitarren-Ass, der großartige Vokalist und vollständige musikalische Autodidakt lieferte an diesem Abend auf denkbar schönste Weise die Erfahrung, was es bedeutet, Emotionen in purer, unverkleideter Echtheit zu erwecken. Das Publikum ließ sich von diesen Empfindungen mehr als berühren. Es war ein Konzert intensiver Gefühle und hochgradiger chemischer Wahrnehmung. Angesichts der außerordentlichen Ausstrahlung, der tief erlebten und vor Energie überquellenden musikalischen Exekution, die die hochvirtuose Figur des einzigartigen Coco Montoya und seiner drei musikalischen Weggefährten manifestierten, stockt einem der Atem und gefriert das Blut – so viel heilige Aufrichtigkeit steckt im Spiel dieses Meisters. Coco Montoya hat mit seinem Auftritt in Koper und dem dort unvergesslichen Konzert dem Blues-Geschehen in Slowenien in diesem Jahr zweifellos das Sahnehäubchen – oder schlicht den absoluten Höhepunkt – beschert. Nicht mehr, nicht weniger.
Ungeachtet all der Superlative, die dieses Konzert eingeheimst hat, trübte das wunderbare Beisammensein mit Coco Montoya wieder einmal die altbekannte Erkenntnis, dass die Zahl der Konzertbesucher entschieden zu niedrig war. Leider ist das bei uns in Slowenien so. Nach wie vor.
Galerija slik



























