Patti Smith und all ihre Pferde (2015)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Codroipo (Udine) / Cortile d'Onore Villa Manin / Italien
Konzertdatum: 01.08.2015
Besucherzahl: 3500
Kartenpreis: 51,75€ (Sitzplätze vorne) / 46,00€ (Sitzplätze Mitte) / 36,80€ (Sitzplätze hinten)

Patti Smith braucht keine besonders ausführliche Einleitung. Poesie und Stimme, die Generationen geprägt haben – sie geht heute auf die siebzig zu. Die furchtlose Künstlerin mit unverwüstlichem Herzen war diesmal auf dem europäischen Teil einer Welttournee unterwegs, auf der sie das (erste) 40-jährige Jubiläum ihres Kultdebüts »Horses« (1975) feiert.

Passariano ist ein kleines friulanisches Dorf nahe dem größeren Codroipo. Der Veranstaltungsort, gut ein Dutzend Kilometer von Udine entfernt, wo sich der berühmte Dogenpalast namens Villa Manin befindet, erwies sich für RockLine diesmal aus mehreren Gründen als weit praktischer für den Konzertbesuch als den Tag darauf, als Patti in den Ljubljaner Križanke auftrat. Bei der Ankunft am Gelände wurden die Besucher von einem Regenschauer »begrüßt«. Vollgestopfter Parkplatz! Viele Besucher blieben einfach in ihren Autos und warteten in der Hoffnung, dass der Regen nachlässt. Ohne Rücksicht auf diesen Opportunismus flüchtete ich schnell unter das Dach der Villa Manin, wo sich das Publikum schon drängte, während die Sitzplätze im Freigelände völlig verwaist waren. Nur die Bühne mit dem Technikequipment leistete ihnen Gesellschaft, sorgfältig mit Plastikplanen abgedeckt. Gut 3000 Köpfe hatten sich unter dem Dach des weitläufigen Gebäudes der Villa Manin versammelt und warteten auf ein Einsehen des Wetters. Und tatsächlich: Fünfzehn Minuten vor neun Uhr abends hörte der Regen wie durch ein Wunder auf. Das Konzert, das für halb zehn angekündigt war, begann wegen der widrigen Wetterverhältnisse sogar zehn Minuten früher, als die legendäre Künstlerin mit ihrer Begleitband auf die Bühne marschierte. Diese bestand aus den Originalmitgliedern Lenny Kaye (Gitarre, Bass, Gesang) und Jay Dee Daugherty (Schlagzeug) sowie Andy York (Gitarre) und Tony Shanahan (Bass, Klavier, Gesang). Der Auftritt von Patti Smith in der Villa Manin war aber nicht nur dem 40-jährigen Jubiläum des Albums »Horses« gewidmet, sondern auch dem 40. Todestag des italienischen Regisseurs, Dichters und Schriftstellers Pier Paolo Pasolini. Eine der herausragendsten Figuren der modernen italienischen Kunst verbrachte den Großteil seines Lebens im friulanischen Ort Casarsa, nur einen Steinwurf von der Villa Manin entfernt – die Verbindung beider Jubiläen für dieses Konzertevent erschien daher völlig sinnvoll.

Patti Smith bleibt die erste Dame eines scharfen und freiheitsliebend geschmeidigen weltbürgerlichen Intellekts, mit dem sie ihre Poesie befruchtet. Der Konzertabend wurde mit dem berühmten Eröffnungsvers bzw. der Ansprache »Jesus died for somebody’s sins but not mine« eröffnet, und die Band machte sich dann behutsam daran, das gesamte Album »Horses« zu spielen – beginnend mit einem Cover von Van Morrisons Single-»Geniestreich« Gloria, der im Original der Gruppe Them gehört. Das dankbare italienische Publikum fraß Patti buchstäblich aus der Hand, während die Dichterin mit leidenschaftlichen Ansprachen und Gesten das Publikum ständig anfeuerte. Nach 20 Minuten Konzert begann es wieder gnadenlos zu regnen.  Doch diesmal blieben die Leute auf ihren Plätzen. Gut vorbereitet. In Windjacken und Regenmänteln, sogar mit Schirmen.  »Ich kann nicht glauben, dass ihr alle noch hier seid und mit uns durchhaltet« – das war nur einer von Pattis aufmunternden Zurufen an das durchnässte Publikum.

Patti verblüffte mit ihrer Sinnlichkeit und dem leidenschaftlich nachempfundenen Vortrag ihrer Poesie. Ihre markante Stimme reift mit den Jahren wie ein alter guter Wein, und ihr Bekenntnis und ihre Interpretation gewinnen nur dazu an Aussagekraft und Wert – so viel Wahrhaftigkeit steckt in ihnen. Der ideelle Wert ihrer Poesie bleibt aktueller denn je, und jedes Wort erwacht im Nu zum Leben, wenn die charismatische Künstlerin sich mit ihrer Poesie auseinandersetzt.

Patti zur Seite stand eine hervorragend eingespielte Band. Feinabgestimmt und harmonisch in allen Passagen und Akten dieses Abends – was angesichts des allgemein »punkigen« Erbes von Patti Smith ein weiterer Beweis ihres schrittweisen künstlerischen Reifens ist. Das Konzert voller intensiver Eindrücke und Emotionen unterstrich Patti mit einleitenden Kommentaren zu jedem einzelnen Stück, während der Moment echter urpunkiger Schärfe überraschenderweise dem The Who-Cover My Generation gehörte. Von Break It Up, gewidmet Jim Morrison, über den Höhepunkt des Albums »Horses« in Land bis zur abschließenden Elegie, gewidmet Jimi Hendrix – Patti bestätigte einmal mehr, was für ein starkes Kunstdokument das ewig grüne Album »Horses« ist. Als die A-Seite des Albums »Horses« abgespielt war, folgte vor dem Beginn von Kimberly folgender Aufruf: »That was a side A of an album »Horses«. And now we turn the record over and we put the needle in the groove and we play side B.« Während der Aufführung von Elegie zählte Patti die Namen verlorener Musikerfreunde und Künstler auf, beginnend mit allen vier verstorbenen Jungs der Ramones; sie vergaß weder Lou Reed noch den früheren Partner Allen Lanier (Blue Öyster Cult) und ihren Mann Fred Sonic Smith, dazu den Fotografen Robert Mapplethorpe und Nirvanas Kurt Cobain. Den Namen Pier Paolo Pasolini ließ sie selbstverständlich ebenfalls nicht aus. Birdland lieferte einen außergewöhnlichen Vortrag, der sofort für Gänsehaut sorgte, und die Intensität der Gefühle kulminierte im weiteren Verlauf im punkrockartig aufgeladenen Free Money. Als Patti die Bühne verließ, nahm sich die Band einem The Velvet Underground-Medley an, was beim nostalgischen italienischen Publikum weitere Wellen der Euphorie auslöste. Für Beneath the Southern Cross  griffen Patti Smith und Lenny Kaye zur Akustikgitarre, und die Aufmerksamkeit galt wieder dem Vortrag der »donnernden« Patti Smith.

Das Publikum ließ sich weiterhin ordentlich vom Regen durchweichen, hielt aber tapfer bis zum Ende durch. Genau wie Patti und ihre Crew, die dem Publikum erwartungsgemäß People Have the Power widmeten und das Publikum mit diesem aufrüttelnden, kämpferischen Song einmal mehr in tosenden Jubel versetzten. Der Auftritt erlebte an diesem Punkt nämlich sein finales Crescendo. Die meisten Emotionen löste allerdings (wohl die bekannteste Nummer ihrer Karriere) Because the Night aus, von der Patti sagte, sie habe es für ihren verstorbenen Mann Fred Sonic Smith geschrieben.  Der Mitautor des Songs blieb zwar unerwähnt, aber es ist schon längst kein Geheimnis mehr, dass es sich um Bruce Springsteen handelt.

Als Zugabe nahm sich die Crew dem The Who-Cover My Generation an. Während die Band den Großteil des Gesangs übernahm, schüttelte Patti dem Publikum in den vorderen Reihen die Hände, schnappte sich danach die Gitarre aus den Händen des Technikers, hängte sie sich um und im Stil von Pete Townshend »zertrümmerte« sie den Sound mit kreischender Distortion. Nur die abschließende Zerstörung des Instruments fehlte noch, dann wäre das Maß voll gewesen. Mehr muss nicht gesagt werden. Ein erschütterndes Erlebnis, voller brodelnder Leidenschaften und Emotionen. Die Stunde und dreiviertel, die das Konzert dauerte, vergingen wie im Nu. Ein ausgezeichnetes Konzert. Auch wenn die Jahre an Patti durchaus nicht spurlos vorübergegangen sind, bleiben ihre Bühnenpräsenz und ihre Interpretation der Poesie – und ohnehin ihre einzigartige Vision und ihr unverhohlen spitzer Intellekt – ewig jung, immergrün und freie Begleiter unseres Alltags! Bei einer so starken und überzeugenden Darbietung fällt es einem sogar leicht zu glauben, dass Patti auch mit ihren stolzen 68 Jahren noch wirklich glühend an ein besseres Morgen für den kleinen Mann glaubt.

Setliste

1. Gloria (In Excelsis Deo)
2. Redondo Beach
3. Birdland
4. Free Money
5. Kimberly
6. Break It Up
7. Land: Horses/Land Of A Thousand Dances/La Mer(de)/Gloria
8. Elegie
9. Privilege (Set Me Free)
10. Summer Cannibals
11. Rock and Roll / I’m Waiting for the Man / White Light White Heat
12. Beneath the Southern Cross
13. Because the Night
14. People Have the Power
—Zugabe—
15. My Generation 

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