Der zauberhafte Yann Tiersen verkauft das CUK Kino Šiška zum zweiten Mal aus! (2015)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 21.02.2015
Besucherzahl: 800
Kartenpreis: 23,00€
Das Gastspiel des unabhängigen französischen Musikers Yann Tiersen in der slowenischen Hauptstadt – anlässlich der Präsentation seines insgesamt achten Studiowerks »Infinity« (2014) – ist schlicht und ergreifend ein Musikerlebnis, das man sich nicht entgehen lassen darf. Bereits vor vier Jahren trat er hier zum ersten Mal im CUK Kino Šiška auf. Der renommierte französische Musiker, der vor allem durch die Filmmusik zu Amélie weltbekannt wurde, befindet sich mit dem Album »Infinity« bereits auf dem zweiten Teil seiner neuen Tournee. Dabei begleitet ihn auch Emilie Quinquis, die seit Jahren an seinen künstlerischen Projekten mitwirkt und darüber hinaus als hervorragende Fotografin gilt. Zuletzt steuerte Emilie Quinquis auch den Gesang zum Album »Infinity« bei. Dieselbe Emilie Quinquis kann sich außerdem mit eigenem Material schmücken, denn sie ist als Musikerin unter dem Künstlernamen Tiny Feet aktiv. Der jungen Frau gehörten pünktlich gegen neun Uhr abends die ersten 40 Minuten! In diesen stellte Emilie ihr Studiodebüt »Silent« (2014) vor. Das mutige Mädchen übernahm dabei alle Aufgaben beim Aufbau der Klanglandschaft ganz alleine. Emilie, eine echte kleine D.I.Y.-Zauberin, wechselte mal zur Bassgitarre, mal zur Gitarre, schaltete dazu programmierte Drum-Samples und andere Klangloops ein, die an das musikalische Experiment des „Wunderkrams“ gebunden waren, und verbog den Klang durch Modulation. Jede gespielte Linie memorisierte sie und legte darüber noch ihren Gesang, der vielfach als zusätzliches Instrument funktionierte, wobei sie sich der freien vokalen Improvisation hingab. Ein kühles, düsteres, melancholisches und geradezu extraterrestrisch-zerebrales Erlebnis, das durch die repetitiven Loops der Leitmotive hypnotisch wirkte – besonders dank der gleichförmigen rhythmischen Basis – und eine äußerst passende Einstimmung auf die Musikwelt von Yann Tiersen bot.
Kaum eine halbe Stunde vergeht, da betritt Yann Tiersen fünf Minuten nach zehn Uhr abends mit seinem Team von Begleitmusikern die Bühne. Zunächst steht er allein oben. Im Schein gedämpfter roter Scheinwerfer und flackernder weißer Bühnenlampen setzt er sich an die Keyboards, bald darauf gesellen sich die anderen Musiker dazu, um gemeinsam das Klangbild aufzubauen. Tiersen und seine Band präsentierten größtenteils Material des neuen Albums »Infinity«, flochten aber auch einige ältere Stücke ins Repertoire ein; sogar ein kleiner Tribut an den Film Amélie fand seinen Platz, und in der zweiten Hälfte widmete sich Tiersen der Wiederbelebung von Werken aus jüngerer Vergangenheit, die Martin Zeichnete zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik hinterlassen hatte – dazu aber gleich mehr. Bereits in den ersten Stücken wechselte das Musikerteam von einem Ende der reich bestückten Bühne zur anderen und nahm an verschiedenen Instrumenten und Geräten Aufstellung. Tiersen stellte sich schon zu Beginn als Sänger, Keyboarder, Schlagwerker sowie Akustik- und Elektrogitarrist vor, und das Publikum riss er zum ersten Mal wirklich aus der Reserve, als er in La Dispute mit der Mundharmonika einsetzte. Im weiteren Verlauf des Konzerts bereicherte natürlich auch sein Violinenspiel das Geschehen.
Das Album „Infinity“, das teilweise in der Bretagne, teilweise auf Island aufgenommen wurde, ist ein Geflecht aus zart gewebten Schleiern minimal geformter Klangstrukturen, die in außergewöhnlicher Kompatibilität ein vollendetes symbiotisches Geflecht bilden. Ob die Band auf der Bühne die Kulissen allein mit vokalen Harmonien aufbaut oder Schicht um Schicht, Runde um Runde Harmonie auf Harmonie stapelt – digitale und analoge Klangstrukturen reichen sich dabei auf außerordentlich versöhnliche Weise die Hand. Tiersen griff mehrfach auf altmodische analoge Klangmodule zurück; die Reihe der Keyboards über dem elektrischen Klavier verlieh dem Ganzen gelegentlich sogar den Klang eines Cembalos – doch alles war einem einzigen Ziel untergeordnet. Die musikalische Information mit großer Feinfühligkeit und nachempfundenem Erleben weiterzugeben und sie so authentisch wie möglich mit dem Publikum zu teilen. Tiersen und seinem Team gelang das mit außerordentlicher Harmonie, und das Publikum fraß den Musikern aus der Hand. Das CUK Kino Šiška war erneut restlos ausverkauft, und vor Ort befanden sich auch viele Besucher aus dem benachbarten Italien.
Da Tiersen in einer Welt von Alternativrockeinflüssen aufgewachsen ist, lässt sich das auch in seiner Musik wahrnehmen, die dabei gleichzeitig außerordentlich zugänglich und hochmusikalisch ist. Das Ineinandergreifen der rhythmischen Strukturen übernimmt dabei organische Klänge der Natur oder versucht ihnen feinfühlig zu folgen – was besonders gut zur Grundstimmung des neuen Albums passt, das in der Tundra der vulkanischen Insel inmitten des nördlichen Meeres aufgenommen wurde. Die repetitiven Formen, die häufig auch mit Elementen der Folkmusik verziert sind, wirken in ihren Schleifen zudem proto-post-rockartig.
Im zweiten Teil des Konzerts löste Tiersen auch das Geheimnis um die Werke von Martin Zeichnete auf, die unter der gemeinsamen Bezeichnung »Kosmischer Läufer« firmieren. Die Geschichte geht so: Zeichnete, als Bürger der DDR, hörte einst Mitte der Siebziger – in jenen Zeiten, als man im Ostblock mit Trabants und Wartburgs durch die Gegend fuhr – heimlich westeuropäische Radiofrequenzen ab. Stark beeinflusst von deutschen Krautrock-Pionieren, vor allem Kraftwerk, NEU! und Harmonia, entwickelte Zeichnete so auch seine eigene Musik. Zeichnete war kein Innovator, aber ein guter „Abschreiber“ der Originale, weshalb man ihn kaum als musikalischen Visionär bezeichnen kann. Seine Werke waren für das Training und die Vorbereitung von Sportlern gedacht, die die DDR vertraten, und die Kompositionen, die Martin schuf, sind thematisch auf die einzelnen Sportdisziplinen der Olympischen Spiele zugeschnitten. Beim Training sollten die Sportler also in erster Linie Musik genießen, die auf ihre jeweilige Sportdisziplin zugeschnitten war. Tiersen passt das alles wie maßgeschneidert, und es fügt sich nahtlos in die elementaren Ausgangspunkte seiner Wahrnehmung von Information und deren Transformation in eine musikalische Botschaft ein. Tiersen ist nämlich ein ausgezeichneter Seiltänzer zwischen dem Organischen und dem Synthetischen. Offensichtlich steckt auch in Tiersen ein Stück des avantgardistischen schöpferischen Pioniergeistes seines französischen Landsmanns Jean Michel Jarre – besonders aus der Zeit der Revolution seiner Alben »Oxygene« und »Equinoxe«. Hypnose und Abschuss in eine parallele Welt, in der das Abschalten des Rationalen unausweichlich ist. Das Publikum genoss sichtlich das Streicheln dieser „intergalaktischen“ Klänge.
Das Konzert von Yann Tiersen ist ein Zusammenspiel außerordentlicher Sanftheit und milder Klänge, in ein faszinierend geordnetes musikalisches Gebilde gefasst, dem alles der Schaffung einer hypnotischen Atmosphäre untergeordnet ist, die den Geist befreit und infolgedessen das Bewusstsein erweitert. All diese minimalistischen Tricks des endlosen Einbeziehens von Instrumenten, Klangmodulationsgeräten und vokalen Harmonien machen Yann Tiersen zu einem einzigartigen und unnachahmlichen musikalischen Maler und Akrobaten, der bei aller Bescheidenheit und Volksnähe, mit der sich die Masse sofort identifiziert, den Zuhörer verzaubert und in eine parallele musikalische Welt entführt, in der Zeit und Raum verschwinden und nur die Grenzenlosigkeit bleibt. Die Unendlichkeit. Ein Konzerterlebnis von vollendeter artistischer Brillanz.
Setlist
- Meteorites
- Slippery Stones
- Ar maen bihan
- A Midsummer Evening
- Palestine
- Dark Stuff
- La Dispute
- La Crise
- Steinn
- In Our Minds
- Chapter 19
- Rue des cascades
- Grønjørð
- The Gutter
- The Crossing
- Vanishing Point
- Lights
- The Long Road
- Sur le fil
- Die Kapsel
- Zeit zum Laufen 172
- Sandtrommel
- Tonband Laufspur
Fotogalerie



































