Aufrichtige Lügner auf einer Mission des Chaos (2014)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 20.10.2014
Besucherzahl: 150
Kartenpreis: 10,00€

Die Elektropunk-Exzentriker aus Los Angeles,  Liars, sind eine weitere musikalische Besonderheit, die im Ausland durch das Handwerk eines Opus von sechs Veröffentlichungen und dem frisch erschienenen siebten Album »Mess« beachtliche Beliebtheit, Bekanntheit und Wertschätzung erlangt hat. Der groteske Frontalzusammenstoß oder die gelungene Kollision von Garagenpunk-Nihilismus mit tänzerischer Rhythmusprothese wirkt nur selten so ungewöhnlich, nennen wir es ruhig »abgefahren«, wie wenn die Rede auf die Musik von Liars kommt. Die Band, die das Bild einer oft vorhersehbaren Garagenrock-Punk-Dilettantschaft im Laufe der Jahre des Aufbegehrens und einer eigenwilligen musikalischen Evolution grundlegend ersetzt oder besser gesagt verzweigt (veredelt) hat – durch die Ästhetik elektronischer Soundscapes –, machte auf ihrer aktuellen Europatournee zur Promotion des Albums »Mess« an einem schönen Oktobertag auch im Tempel der alternativen Rockkultur, dem CUK Kino Šiška, halt

Das Konzert im kleineren Saal der Erdgeschossräume des Kino Šiška, also in der Komune, wirkte ideal angesichts des musikalischen Charakters, den die Gruppe pflegt. In den Raum quetschten sich eine stattliche Anzahl Besucher, rund 200 Köpfe, hungrig nach gedanklichem Abschalten. Die glühendsten Fans der Gruppe drängten sich ganz in den Kern der vorderen Reihen, direkt vor die Bühnenkante also, um möglichst  engen Kontakt zu dem hünengroßen Vokalisten und Knöpfedreher Angus Andrew aufzunehmen. Der extravagante Sänger betrat die Bühne in ein Dalai-Lama-Gewand gehüllt, mit aufgesetzter Kapuze, seine langen weizenstrohhellen Haare für diesen Anlass nach vorne über die Augen gekämmt, sodass sein Erscheinungsbild zusätzlich das Cover des neuen Albums der Gruppe symbolisierte. Dieser eröffnete seine eine Stunde und zehn Minuten lange Show mit dem neuen Song Pro Anti Anti. Auch die beiden anderen Lügner der Crew sorgten für einen markanten Bühnenauftritt: der Multiinstrumentalist Aaron Hemphill erinnerte an eine Pippi Langstrumpf ohne Zöpfe, während Schlagzeuger  Julian Gross im »Sweatshirt« den Eindruck eines Bergsteigers erweckte, der gerade von einer schwierigen Kletterroute abgestiegen war.

Die erfahrene Gruppe brachte die Dinge schnell auf den Punkt. Den Großteil der Aufmerksamkeit beanspruchte Angus mit seinem Zappeln auf der Bühne, dem Auslösen verschiedenster devianter Schreie, gurgelndem Gezwitscher und anderen kehlig verzerrten Lauten sowie tiefer intonierter stimmlicher »Mimikry«. Solche Abweichungen speicherte der Vokalist gerne im Loop und verdichtete mithilfe des Delay-Effekts den vielschichtigen Klangeskapismus der Gruppe, entschieden einem triphaften, hypnotisch fixierten Höhepunkt zugeneigt. Während Gross gnadenlos, aber mit großer Präzision auf die Snare einschlug und in Kombination mit programmierten rhythmischen Soundloops durchgehend ein scharfes, doch dem Tanz klar zugewandtes Tempo vorgab, sorgten »das bunt bemalte Osterei« Hemphill und »der weiße Geist« Andrew für die Kreation einer eigentümlichen Kulisse, die die passende Kollision aus lautem Noise-Schund, verhangen-orientalischem Synthesizing und programmierten Loops vereinte. Im großen Finale griff Hemphill für drei Songs (Plaster Casts of Everything sowie im Zugabenteil Beach und Broken Witch) auch zur Gitarre und speicherte ebenso durch den Einsatz programmierten Samplings einige Phrasen in den Loop, die er dann für die Kreation eines multifacettierten Klangbildes in ein »rücklaufendes« Delay-Reflektieren lud. Das Publikum wurde von einer besonders glühenden Fangruppe vertreten, die die Songs und ihre Refrains auswendig kannte und sich mit großem Eifer dem energetischen Output hingab, den die Show der Liars erzeugte. Irgendwo in der Mitte des Konzerts kam es dazu, dass Angus Probleme mit dem Mikrofon hatte, das den Geist aufgab. Er übernahm kurzerhand Hemphills Mikrofon und rettete damit die Situation, die der findige Tontechniker mit kühner und fleißiger Behändigkeit schnell in den Griff bekam.

Im theatralischen Abschluss warf Angus zwei Laptop-Ständer mit der Sampling-Maschinerie um und fiel beim Ausklang von Broken Witch theatralisch über das Tom-Tom direkt in Schlagzeuger Gross‘ Schoß, wo er theatralisch liegen blieb. Damit war das Konzert der Gruppe beendet. Ein Konzert erstklassiger Schocktherapie, bei dem man oft nicht weiß, was auf der Bühne passiert, angesichts der Masse an sausenden Geräuschen und Loops, durchschossen von einer kraftvollen kinetischen Rhythmusform, die die Körper zum freien Zappeln und zum Abschalten aller Gedanken zwingt. Der kurze und süße Aufenthalt in dieser Welt des musikalischen Exzentrizismus verging im Nu. Wie es sich für echte Konzerterlebnisse gehört. Liars haben dem Publikum an diesem Abend also genau das geliefert, wofür es gekommen war. Eine großartige Bühnenshow. Ein einzigartiger Katapultabschuss in die Parallelwelt der Elektropunk-Tanzextravaganz mit dem Charme eines neurotischen Nihilismus.

Setlist

1. Pro Anti Anti
2. Mask Marker
3. Barrier
4. Vox Tuned D.E.D.
5. Wixiw
6. I’m No Gold
7. Can’t Hear Well
8. No 1 Against the Rush
9. Mess On A Mission
10. Brats
11. Plaster Casts of Everything
—Zugabe—
12. Beach
13. Broken Witch 

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