Totale Apokalypse auf den Schwingen des Schwanengesangs (2014)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 16.10.2014
Besucherzahl: 700
Kartenpreis: 18,00€ / 20,00€

Die langlebigen und in vielerlei Hinsicht klanglich innovativen New Yorker Swans schlossen ihre erste Ära im Jahr 1997 ab. Darauf folgte eine mehrjährige Pause, aus der Swans 2010 wie ein Phönix aus der Asche aufstiegen, als ihr ultimativer Anführer Michael Gira die Band neu aufstellte. Ohne die andere Ikone der Band, Jarboe, veröffentlichten Swans vier Jahre nach der Reaktivierung im heurigen Jahr ihr drittes Studioalbum (insgesamt das dreizehnte) mit dem Titel »To Be Kind«. Damit besuchten sie Ljubljana zum zweiten Mal in den letzten vier Jahren.

Das Erleben einer so besonderen Band mit einem unverkennbar avantgardistisch-künstlerischen Stempel und einer ganz eigenen, urwüchsigen Haltung ist an sich schon eine besondere Art von Konzertgenuss. Im Vergleich zum Konzert vor drei Jahren im CUK Kino Šiška war das Publikum an diesem Abend etwas kleiner ausgefallen. Im Gepäck: das neue, insgesamt dreizehnte Studioalbum »To Be Kind«.

Die Eröffnung des Marathonkonzertabends, der in Summe gut über drei Stunden dauerte, gehörte dem avantgardistischen Noise-Elektronik-Projekt Pharmakon, vertreten durch eine kleine, geschmeidige, temperamentvolle und stattliche Blondine namens Margaret Chardie. Die 23-jährige New Yorker Künstlerin erschuf in ihrer halbstündigen Performance – getragen von programmierten Loops – eine höllisch düstere Atmosphäre voller durchdringender Klangverzerrungen; dazu griff sie auf eine Kanonade ungezügelter vokaler Exzesse zurück, die eine  kalt-klaustrophobische Klanglandschaft vollständiger avantgardistischer Usurpation in sich aufsog. Das Chaostheater extremen Lärms fädelte in einer halben Stunde den Abdruck hoffnungsloser Gefangenschaft des makellos verletzlichen Wesens der Künstlerseele in das gnadenlose Räderwerk einer aggressiven anthropo(ego)zentrischen Vision materieller Aneignung auf, die am Ende all ihrer negativen Auswirkungen die unersättliche Virose sich selbst fressen und zusammen mit dem Planeten zugrunde richten wird. Auch die Kunst in all ihren Sphären – einschließlich der musikalischen – entkommt dem nicht. Die dröhnende elektronische Hölle erzielte in ihrer vollen Entfaltung die Wirkung einer ausradierten Schocktherapie des künstlerischen Eskapismus, fern von allen Schablonen und erwarteten musikalischen Standards.

Swans betraten die Bühne um zehn Uhr. Zunächst allerdings nur ein einziges Mitglied: Percussionist, Posaunist, Keyboarder, Gitarrist (und noch einiges mehr) Thor Harris. Abgewandt vom Publikum widmete er seine gesamte Aufmerksamkeit der Erschaffung eines rhythmischen Gerüsts. Gong und andere »klingelnde« Utensilien dröhnten ein Dutzend Minuten lang, ehe Thor Gesellschaft bekam: Phil Puleo ließ sich auf dem Schlagzeughocker nieder. Er verstärkte und vollendete Harris‘ Arbeit. Der zackige rhythmische Lärm rief nach einem weiteren Dutzend Minuten schließlich auch die restlichen vier Musiker auf die Bühne – angeführt von Michael Gira an Gitarre und Gesang, der als einziger echten Augenkontakt zum Publikum hielt, im Gegensatz zu Bassist Christopher Pravdica und den beiden »Wiederkäuern« Christoph Hahn und Norman Westberg.  Frankie M maß in seiner Gesamtdauer rund drei Viertel Stunden. Die Band schuf in dieser Zeit ein vollkommen einzigartiges musikalisches Erlebnis, das auf dem hypnotischen Wellengang einer denkbar schlichten Sprache von gerade mal zwei Tönen basierte. Als Sextett bauten sie dennoch eine ungemein reizvolle Klangatmosphäre auf, die schwankte und sich bis zu lärmender Noise-Schwellung aufbäumte, während Michael das Stück gelegentlich auch mit vokaler Interpretation kontrastierte – wenngleich diese eher die Funktion eines zusätzlichen Instruments erfüllte.   

Das nächste Stück enthielt sogar drei Töne. Genau dieser minimalistische Ansatz, der keinen Kitsch und kein Verstecken hinter der Kosmetik besonderer Klangeffekte duldet, ist eines der elementaren Ausgangspunkte für die Erschaffung eines freien Dahintreibens durch das Reich der tripoiden Gefilde vollständiger hypnotischer Wirkung – das durch ausgedehnte Phasen repetitiver Formen meistens nur in der Menge der freigesetzten Dezibel schwankte, die die Herzen der Anwesenden im Kino  Šiška füllten.  Da fragt man sich unwillkürlich, wie es möglich ist, dass in diesen Momenten ewiger Vertiefung in ein und dieselbe Form, die die einzigartige Klangwelt von Swans erschafft, kein Mitglied den Faden verliert und einen Fehler begeht – sondern das musikalische Ungetüm auf der Bühne durchgehend wie ein perfekt eingespielter musikalischer Organismus reagiert, bei dem alle Bausteine bis ins kleinste Detail kalibriert sind und nach dem Prinzip einer perfekten Symbiose koexistieren. Die Band vereinte für die Tour beide Teile von The Apostate zu einem einzigen inhaltlichen Punkt und passte die Aufführung gegenüber dem Original leicht an. Weitere 41 Minuten rollten vorbei – und wer sich bis dahin mit dem Ozean brodelnder, repetitiver Wellen motivischer Gleichförmigkeit identifizieren konnte, erntete das Maximale, was dir ein Künstler bei seinem Konzert bieten kann!  Ganz einfach. Wer sich an diesem Abend nicht vollblütig der Vibration der Swans-Maschinerie hingeben und den Verstand nicht ausschalten konnte, hatte in den Räumen des Kino Šiška nichts anderes zu suchen, als unten im Erdgeschoss eine Runde Bier zu trinken (oder lieber zwei).

Das Gesamtpaket aus sechs Stücken, deren Enden und Anfänge nur durch den Wechsel der grundlegenden Bühnenbeleuchtung miteinander verbunden waren (von Rot über Blau bis Grün und zurück), während die finsteren Blicke des Sextetts – von denen nur Gira gelegentlich Augenkontakt aufnahm – weiterhin die Erfüllung des Schwurs an den »no wave«-Moment diktierten. Auch die Tatsache, dass das Konzert stolze zwei Stunden und drei Viertel dauerte, hebt sich von jedem Kitsch und Glamour ab, wie er gewöhnlich halb so kurze Auftritte anderer Künstler begleitet – vor allem jener, die kommerziellen Erfolg suchen.

Swans haben mit dem erneuten Besuch des CUK Kino Šiška einmal mehr ihre Größe und ihren absoluten eklektischen Abenteuergeist bei der Erschaffung einer Kunstkultur aus frei-urwüchsigem Experimentalismus bestätigt. Die heilige Schlichtheit eines absoluten, fast bizarren Minimalismus, der durch die Erschaffung eines eruptiv dröhnenden Wellenschlags massiver Klanglandschaften außergewöhnlicher Stimmungszustände ausbalanciert wird. Außergewöhnlich und einzigartig! Totale Apokalypse auf den Schwingen des Schwanengesangs!

Fotos: Anja Ivanovič

Setlist

1. Frankie M
2. A Little God In My Hands
3. The Apostate
4. Just a Little Boy
5. Don’t Go
6. Bring the Sun / Black Hole Man

Fotogalerie

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