Blondie mit gläsernem Herzen im benachbarten Varaždin (2014)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Pozornica Stari grad / Varaždin / Kroatien
Konzertdatum: 25.08.2014
Besucherzahl: 3000
Kartenpreis: 139 Kuna (~19€)

Nicht nur die Küstenstädte unserer südlichen Nachbarin locken mit ihrem reichen Kultur- und Unterhaltungsangebot Touristen von nah und fern an. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf fuhren wir am letzten Augustmontag im Jahr des Herrn 2014 nach Varaždin, wo in diesem Jahr bereits zum sechzehnten Mal in Folge das Špancirfest stattfand. Das mehrtägige Festival, das an verschiedenen Locations quer durch das Stadtzentrum ausgetragen wird, hatte in diesem Jahr Acts wie Stereo MC’s, 2 Cellos, Urban & 4, Kawasaki 3P, Punčke, Parni Valjak, Laibach, Siddharta… und natürlich die kultigen amerikanischen New-Wave-Rocker Blondie zu Gast – und genau wegen Letzteren machten wir uns auf den Weg.

Varaždin liegt an der Drau und ist von der Größe her mit Kranj oder Celje zu vergleichen. Eine angenehme Stadt mit reicher Barockgeschichte und lebhaftem Sommertreiben, das auf dem zentralen Korso am lautesten ist. Die Stände im Zentrum bogen sich unter dem Gewicht der Waren und Erzeugnisse lokaler Handwerker – dennoch mussten wir uns aufgrund der fortgeschrittenen Abendstunde zur Hauptkonzertbühne aufmachen, die ein paar Gassen entfernt im alten Stadtteil liegt.

Gegen halb neun Uhr abends übernahmen Psihomodo Pop, eine der größten kroatischen Rockbands, das Ruder – ein Kollektiv, dem man angesichts seiner enormen Popularität und der patriotischen Kriegsthematik auch das Etikett »Pop« oder »radioverträglicher« Punkrock verpassen könnte. Psihomodo Pop sind auch drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung noch viel auf Tour, und die Eingespielheit des Quintetts ist entsprechend offensichtlich! Die simplen Drei-Akkord-Songs mit einladendem Tanzrhythmus weckten nach und nach das anfangs noch schläfrige Varaždiner Publikum, das kaum bis zum Mischpult reichte – deutlich weniger, als man angesichts des bekannten Namens der späteren Hauptakteure des Abends erwartet hätte. Das Rampenlicht schnappte sich kein Geringerer als Davorin Gobac, der charismatische Frontmann mit ausgeprägter »sex, drogs & rock’n’roll«-Aura. Gobac war an diesem Abend  gut aufgelegt und warf zwischen den Songs ein paar Standardwitze hin – größere exzentrische Ausraster gehören nach seinem vor einigen Monaten gefeierten 50. Geburtstag aber offenbar der Vergangenheit an. Kad sam imao 16, Ramona, das unvermeidliche Frida und weitere Psihomodo-Pop-Perlen aus den Achtzigern, entstanden unter dem Einfluss der New Yorker Ramones-Schule, trafen ins Schwarze und trugen das Publikum bis in die lang ersehnte späte Abendstunde.

Nach einer kurzen Bühnenumbaupause war es an der Zeit für Blondie, die legendären amerikanischen New-Wave-Punkrocker, die ihr 40-jähriges Bestehen in diesem Jahr mit dem neuen Album »Ghosts of Download« begingen. Blondie gelten als eine der erfolgreichsten Bands der späten Siebziger und frühen Achtziger, als sie mit einer Reihe von Radiohits, überwiegend im New-Wave-Gewand, wie aus dem Nichts die Weltcharts erstürmten. Nach dem Popularitätsschwund, internen Streitigkeiten und der schweren Erkrankung von Gitarrist Stein stellten sie 1982 den Betrieb ein; anderthalb Jahrzehnte später kehrten sie zurück – zu einem Zeitpunkt, als auf dem Musikmarkt bereits eine neue Generation von Bands mit Garbage und No Doubt an der Spitze regierte. Sie bauten ihre Popularität wieder auf und wurden 2006 in die ehrwürdige Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen; ständiges Touren brachte sie nach langen Jahren wieder in Reichweite der slowenischen Fans – von denen in Varaždin diesmal allerdings nicht viele zu sehen waren.

Von der klassischen Besetzung von Blondie sind heute noch Sängerin und Bandikone Debbie Harry, Gitarrist Chris Stein sowie Schlagzeuger Clem Burke dabei, während sich die übrigen Mitglieder erst später dazugesellt haben. Eröffnet wurde das Konzert mit dem frechen Klassiker One Way or Another – und schon in der Eröffnungsphase, zu der noch vor Harrys erstem Wort ans Publikum auch Rave sowie Hanging on the Telephone gehörten, war klar: Die besten Jahre des Bandkerns liegen längst hinter ihnen.

Debbie Harry ist stolze 69 Jahre alt – da kann man ihr die angeschlagene Stimmform nicht verübeln, noch weniger die Falten, die die Stirn einstmals einer der sexiesten Sängerinnen dieses Planeten in Beschlag genommen haben. Aber Debbie kämpft! Die nachlassende Stimmgewalt ersetzte sie durch eine jugendlich wirkende Garderobe in verführerischem Rot und zog damit die meisten Blicke auf sich, sodass die Instrumentalisten an ihrer Seite kaum mehr als Statisten wirkten. Der grauköpfige Gitarrist Burke hielt sich im Hintergrund und überließ die anspruchsvolleren Gitarrenparts dem jüngeren Tommy Kessler, der dem Klangbild der neueren gespielten Songs wie Mile High, Euphoria und A Rose by Any Name seinen Stempel aufdrückte. Interessant anzuschauen war auch Drummer Burke, denn vor seinem Schlagzeug thronte ein riesiges Plexiglas, das einen allenfalls fliegenden Bierkrug von seiner Birne fernhalten sollte. Starallüre oder einfach schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit? Wer weiß.

Das gespielte Repertoire setzte sich aus Songs des aktuellen Albums »Ghosts of Download« und Hits aus früheren Zeiten zusammen – und es waren die Letzteren, die den größten Jubel ernteten. Ob das mit Disco-Rhythmen aufgepeppte Call Me, das poprockige Maria oder das melodiöse, nach Reggae duftende The Tide Is High – die immergrünen Blondie-Klassiker brachten das Publikum zum Kochen, das darüber die schwächelnde Bühnenform der Hauptakteure kurzerhand vergaß.

Jedes Mal, wenn Debbie Harry an den Bühnenrand trat, lösten ihre Bewegungen starken Jubel bei den Besuchern aus. Nicht wenige setzen das Gesamtbild der Band mit ihrem Gesicht gleich – und so gelingt es der charismatischen Sängerin trotz ihrer Rentnerjahre noch immer, die Bühne zu beherrschen. Sehr gelegen kam ihr die Unterstützung des Publikums, das die Verse der bekanntesten Bandsongs fanatisch auswendig kannte. Die Instrumentalisten erledigten ihren Job routiniert – mehr kann man von angeheuerten Studiomusikern ohnehin nicht erwarten. Leigh Foxx am Bass, Matt Katz-Bohen an den Keyboards und der bereits erwähnte Gitarrist Tommy Kessler flößten dem widersprüchlichen Blondie-Material, das mal nach rohem Punk, mal nach der Disco-Ära duftet, mit Rückendeckung der älteren Eminenzen im Hintergrund auf Anhieb genug Homogenität ein, sodass alles zu einem flüssig dahingleitenden Reigen zusammenwuchs – der den regulären Konzertteil (zu früh) mit einem weiteren Song vom legendären Album »Parallel Lines« (1978) beschloss: Heart of Glass, in der Mitte bereichert um das Motiv von Sex Pistols‘ God Save the Queen. Bei der Zugabe setzte das Konzert genau dort an, wo es unterbrochen worden war – auf dem kreativen Höhepunkt der Band: Erstmals seit dreißig Jahren kehrte War Child in die Setlist zurück, und mit dem abschließenden Dreaming kehrten Blondie mit einer sichtlich erschöpften Rock-Omi Debbie noch tiefer in ihre Vergangenheit zurück.

Nach allem, was zu hören und zu sehen war, beschränkt sich das Konzerterlebnis mit den legendären Blondie im Herbst ihres Bestehens einzig auf das Heraufbeschwören der goldenen Ära des New Wave – denn angesichts der nachlassenden Kräfte von Debbie Harry und Konsorten wussten sie in ihren alten Jahren kaum mehr als nostalgische Erinnerungen zu wecken. Die persönliche »must see«-Liste ist um einen großen Namen der jüngeren Musikgeschichte kleiner geworden – das ist auch der einzige nennenswerte Meilenstein des Konzertabends am Montag in Varaždin.

Setlist

1. One Way or Another
2. Rave
3. Hanging on the Telephone
4. Mile High
5. Call Me
6. What I Heard
7. Maria
8. Euphoria
9. A Rose by Any Name
10. Rapture
11. The Tide Is High
12. Atomic
13. Sugar on the Side
14. Heart of Glass
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15. War Child
16. Dreaming

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