Metaldays 2014 (zweiter Tag) – über Tolmin loderte das Pentagramm!
Autoren: Rok Klemše, Aleš Podbrežnik
Fotos: Nina Grad, Sebastijan Videc
Video: Sebastijan Videc
Ort: Tolmin / Sotočje / Slowenien
Konzertdatum: 22.07.2014
Besucherzahl: 12.000
Der erste interessante Act des zweiten Tages auf der zweiten Festivalbühne waren die slowenischen Folk-Metaller Zaria. Das Sextett in der Besetzung Gašper Pesek (Keyboards), Miha Merc (Gitarre), Jakob Konda (Gitarre), Nika Kos (Schlagzeug), Rok Ražman (Bass) und – als bekanntester Name der Band – Sängerin und Flötistin Inez Osina bringt schon von der Grundidee her eine ausgeprägte Portion eingängiger Musikalität mit. Im Grunde ist es eine Art Fortsetzung der musikalischen Ausrichtung der Band Brezno, bei der Inez zuvor an Gesang und Flöte mitgewirkt hat. Die halbe Stunde zeigte eine potente Truppe, der die verführerische Verbindung aus wuchtigen Symphonic-Power-Metal-Merkmalen und der melodischen Zugänglichkeit des Folk-Theaters nicht fremd ist (Stücke wie z. B. Modro obzorje), und natürlich zog der charismatische Sopran von Inez die ganze Zeit die Aufmerksamkeit auf sich. Das Publikum kam gut in Fahrt und vergaß nicht, aufblasbare Spielzeuge und Boote mit vor die Bühne zu schleppen. Die slowenischen Texte sind ein wichtiges Wiedererkennungsmerkmal der Band, in dem sonst streng abgesteckten Genrespektrum, dem sie angehören.
Auch beim Auftritt des Quintetts aus Kranj, Armaroth, ließ die Neugier nicht nach. Das Publikum wechselte schlagartig, es waren mehr »ernsthafte« Zuhörer da, mehr Mähnenschütteln als bei Zaria, oder sagen wir lieber »Gewackel« mit den vorerst noch trockenen und ordentlich durchgegelten Frisuren. Die Band kippte eine Tonne Streubomben auf den Platz, als sie die Stücke von der Studio-EP »False Vision« verkörperte. Die Jungs zeigen enorme Chemie und gegenseitiges Gespür, was mit der allmählichen Reife und der Bühnenerfahrung kommt. Vor allem imponierte Sänger Fifs mit seinem brutalen, tief gestimmten Death-Metal-Grunzen; im fetten Schraubstock der Riffs beider tobenden Gitarren und den abwechslungsreichen Rhythmen des rohen Death-Metal-Brutalisierens »verfluchte« er gründlich die gesamte wahrnehmbare Realität des Universums. Diese Band muss unbedingt ein erfahrener Produzent »an die Hand nehmen«, denn die Wiederbelebung der Taten von Old-School-Bands vom Schlag Cannibal Corpse und/oder Dying Fetus geht ihnen schon richtig gut von der Hand, weshalb diese Truppe in Zukunft wirklich viel verspricht. Und dazu noch eine slowenische!
Die große Bühne entjungferten am Dienstag die Death-Metaller aus Jesenice, Within Destruction, die trotz der frühen Nachmittagsstunde schon ein ansehnliches Publikum vor die Bühne lockten, hungrig nach modernem Death Metal mit Black-Metal-Einschlag. Genau das servierten die Jungs aus Jesenice auch, auch wenn sie von der großen Bühne offensichtlich ein bisschen eingeschüchtert waren. Obwohl Within Destruction schon internationale Erfahrung haben, störte vor allem die Statik der Gitarristen, die die meiste Zeit starr auf die Hälse ihrer Instrumente starrten. Ihren Job erledigten sie trotzdem mit Bravour, denn die Riffs, inspiriert vom modernen amerikanischen Death Metal à la The Black Dahlia Murder, flogen gefährlich von allen Seiten. Von Faulheit bei Sänger Rok dagegen keine Spur, der fleißig Kilometer auf der Bühne sammelte und dabei mühelos großartiges, brutales Gekeife bot, das durch den Wechsel von tiefem Growl und höheren Screams verdammt bunt und abwechslungsreich war. Neben Rok stahl zweifellos vor allem der technisch unglaublich versierte Drummer Luka die Show, der ein breites Spektrum an Drumkünsten vom Blast-Beat bis zu dynamischen, einfallsreichen Übergängen auspackte. Within Destruction spielten in guten dreißig Minuten den Löwenanteil des Debüts From the Depths und packten noch die frische Single Bloodbath dazu, die viel verspricht. Die größte Schwäche von Within Destruction war übrigens, dass sich der Auftritt mit Armaroth auf der anderen Bühne überschnitt, sodass man beide Bands nicht komplett sehen konnte.
Vor der zweiten Bühne wechselte das Publikum erneut, und zum Wasserdampf der feuchten Luft am frühen Nachmittag gesellten sich in reichlicher Dosis die Dämpfe von »kochendem« Bier. Der Grund fürs Kochen? Die Schweizer Pagan-Folk-Metal-Spaßvögel Abinchova. Das Septett, ausgestattet mit Violine und Flöte, bringt im Grunde nichts Neues in die Szene. Im Rahmen des Metaldays-Festivals war ihr Auftritt aber definitiv ein Pflaster auf die Wunden derer, die die Plejade populärerer (größerer) Folk-Metal-Bands vermisst haben, die in den vergangenen Jahren häufiger auf dem Festival zu Gast waren. Abinchova lehnen sich an das Erbe des Pan’schen Schabernacks an, den Bands wie Turisas und die neueren Fintroll pflegen. Natürlich fehlt dabei nicht das Schminken in heidnische Kriegsfarben und abgezogene Ziegenfelle, was zum Bühnen-Schabernack-Theater der Truppe gehört. Die Band brachte das Publikum mit ansteckenden Folk-Melodie-Einlagen schnell in Wallung und fühlte sich, als das Publikum auftaute, selbst bestens. In einer halben Stunde präsentierte sie ihr Studiodebüt »Versteckte Pfade« (2011), dazu kamen zwei ganz neue Songs, nämlich Wegweiser und Wandlung.
Die Farbenpracht des Genreangebots auf der zweiten Bühne des zweiten Metaldays-Tages ließ keineswegs nach. Für die nächste halbe Stunde enterten die italienischen Roxin‘ Palace die Bühne. Die melodischen Hard-Rocker mit Sleaze-Frisur sind zwar erst seit 2011 aktiv, bestehen aber aus Musikern, die schon einiges an Kilometern auf dem Buckel haben. Der einzige echte Milchzahn der Band ist eigentlich nur Sänger Axel Lessio , und so präsentierte er sich auch. Mit etwas Lampenfieber. Die Italiener sammelten vor der Bühnenfront einen Haufen Schminke ein. Eigentlich stellten sie einen seltenen Genre-Ausreißer eines Festivals dar, das sich streng der Wiederbelebung des Metal-Erbes in all seinen Erscheinungsformen verschrieben hat. Klassische Haltung, klassische Gitarrenmarken, zerrissene Jeans und natürlich eine Portion Aufputz und Posing. Zwei Gitarren. Das Gefühl driftete ein paarmal flüchtig in Richtung Skid Row, auch wenn Roxin‘ Palace noch immer ein paar Lichtjahre von diesem Vergleich entfernt sind. Die Band präsentierte reichlich ihr Studiodebüt »Roxin‘ Palace« (2013), man spürt aber, dass sie noch etliche Bühnen durchkauen muss, um in Kompaktheit und Definition ihrer Live-Auftritte zu wachsen. Auch das entfernte »Anlecken« der Band an Punk-Arroganz passte nicht so recht zu allem Gesehenen und Gehörten.
Die ersten Ausländer, die am Dienstag die große Bühne betraten, waren die niederländischen Gold, die zum Label Van Records gehören, das einen hervorragenden Riecher für Underground-Bands hat (The Devil’s Blood, Castle, Year of the Goat, Vanderbuyst) und dessen Programm vor allem auf alles ausgerichtet ist, was nach Okkultem und „vintage“ duftet. Gold sind zwar keine fanatischen Teufelsanbeter, aber ihr Retro-Ansatz beim Rock steht Dinosauriern wie Led Zeppelin und Jefferson Airplane sehr nah. Der sangliche Rock, angereichert mit Heavy-Metal-Momenten auf der einen und fast poppigen Refrains auf der anderen Seite, wird live vom verführerischen Gesang von Milena Eve getragen, die mit ihrem Getänzel und ihren Gesten auf der Bühne zwar wirkte, als wäre sie auf Acid, aber das passt zur Band bestens. Die ansteckenden Refrains bereicherten zudem gute Gitarrenzüge, vor allem von Hauptsongwriter Thomas Sciarone, an den wir uns von The Devil’s Blood erinnern. Während des Gold-Auftritts öffneten sich die Wolken zum ersten (und leider nicht zum letzten) Mal richtig, doch der Regen wirkte beim ätherischen Rock des niederländischen Goldes reinigend, so sehr, dass Milena sogar von der Bühne in ihn hinaustrat.
Die erste richtig angenehme und positive Überraschung auf der zweiten Bühne brachten die ungarischen Power-Metal-Urgesteine aus Budapest, Crossholder. Wie schon der Name andeutet, haben sich die Jungs der klischeehaften Inspiration durch das historische Epos der Kreuzzüge verschrieben (die Songs Illuminati, The SIege of Jerusalem usw…). Die Theatralik des Bühnenauftritts gehört natürlich zur Performance. Gerade während dieses Auftritts goss es vom Himmel wieder schonungslos, doch die Band zerbrach sich darüber nicht groß den Kopf. Hervorragender, ausgefeilter Gesang, kompaktes Spiel. Man spürt, dass die Band fest an ihr Image und ihre Arbeit glaubt. Auch wenn es sich um generisches Aufwärmen des bewährten Erbes von Old-School-Heavy-Metal-Bands handelt, tragen Crossholder viel Herzblut und Bühnenengagement in sich, wie es unter anderem die Version des beschleunigten Sturmangriffs Crossholder Army zeigte, womit Crossholder beim Hörer schon »beim ersten Ball« den nötigen Magnetismus und die Ansteckungskraft erzeugen.
In den Niederlanden blieben wir noch eine Weile, denn auf der Bühne beerbten Gold ihre Landsleute Vanderbuyst. Anders als die Erstgenannten sind sie auf unseren Bühnen keine Unbekannten, erstmals traten sie bei uns als Support von Saxon auf, und mit Gold verbindet sie auch, dass Gitarrist Willem Verbuyst deren Debüt Interbellum produziert hat. Wie auch immer, Vanderbuyst sorgten dafür, dass Tolmin eine ordentliche Dosis Hard ’n‘ Heavy abbekam, mit der das niederländische Trio das Publikum mindestens so sehr überschüttete wie der Himmel, der sich bis zum Ende ihres Auftritts kurz doch ein wenig unser erbarmte. Trotz Regen begleitete das schlagkräftige Power-Trio schon ein recht zahlreiches Publikum, das sich an der explosiven Energie der Band labte (und umgekehrt). Jochem sorgte zuverlässig dafür, dass die ansteckenden, melodischen Refrains pompös ins Publikum flogen; die Kombination aus einfachem Hard-Rock-Riffing, schlichtem Viervierteltakt und schnelleren Heavy-Metal-Ausflügen brachte das Publikum zu lebhaftem Getänzel durch die Pfützen vor der Bühne. Vanderbuyst sind weit von Originalität entfernt, doch das Erbe des klassischen Hard Rock atmet durch sie mit vollen Lungen, und ihre Energie ist so schlicht, ehrlich, positiv und ansteckend, dass Beine und Köpfe während ihres Auftritts ganz von allein wippten.
Das war aber erst der Auftakt zum ersten Akt echter Raubtierhaftigkeit unter den Acts des zweiten Tages auf der kleinen Bühne. Die ägyptische Band aus Kairo namens Scarab. Mit goldgefärbten Gesichtern. Düsterer, epischer Death Metal, gewürzt mit dem Zauber von Arabesken in der Melodik. Authentisch und unglaublich ehrlich. Das sollten sich unbedingt auch Karl Sanders und seine Kumpels von Nile anhören. Hervorragendes Death-Metal-Growling. Unheilvoll, bedrohlich, dämonisch. Alles in einem. 40 Minuten »lebendiger Totenstarre«, Verwesung mesopotamischen Fleisches, Gewimmel heiliger Käfer und sonstigen Ungeziefers sowie die tödliche Flut lebenden Sandes endloser Sahara-Dünen unter der sengenden Furie der großartigen Scarab – das war eine der eigenständigsten und besonderen Bands nicht nur unter den Acts der zweiten Bühne, sondern des gesamten zweiten Festivaltages. Eine Band, die ihr alle, die auf finstere und eigenwillige Atmosphäre mit theatralischem Touch arabischer Melodik steht, unbedingt checken müsst.
Nach den Hard-Rock-Rhythmen hüllte sich auch die Hauptbühne in schweres Death-Metal-Gestampfe der Redneck-Veteranen aus Florida, Obituary. Die legendären Floridianer veröffentlichen noch dieses Jahr ein lang erwartetes Album, doch schon vorher verkündeten sie ihren unfehlbaren Nachruf auch in Tolmin. Obituary habe ich noch nie in schlechter Form gesehen, und die amerikanischen Hinterwäldler rechtfertigten auch diesmal ihren Status als einer der größten Namen des Death Metal aller Zeiten. Die Amerikaner haben seit dem letzten Auftritt auf unserem Boden – in der Mostovna beschworen sie vor zwei Jahren »Threatening Skies« herauf – die Setlist ordentlich durchgemischt und auch einige lange nicht gehörte Nummern ergänzt. Aus dieser Sicht war ihr Konzert ein echter Leckerbissen zum Blutfinger-Ablecken, denn das Publikum begrüßten sie gleich mit der Fäulnis namens Stinkupuss von Slowly We Rot. Auch sonst wählte die Band die meisten Songs vom Kult-Trio Slowly We Rot, Cause of Death und The End Complete, sodass wir eine echte historische Death-Metal-Lektion bekamen; Obituary spielten außerdem den Titeltrack des kommenden Albums Inked In Blood. Der phänomenalen Setlist, dem tollen Sound und dem höllischen Auftritt blieb auch das Publikum nichts schuldig, das vom ersten Moment an durchgehend wild moshte, und Crowdsurfer nahmen kein Ende. Auch die Band ruhte nicht, denn John Tardys legendäre Mähne flatterte die ganze Zeit in der Luft, und darunter entlockte John seinen Stimmbändern wieder einen der abartigst klingenden Growls, der in der Szene seinesgleichen sucht; seine tierische Stimme, selbst für Taube erkennbar, würde Pablo Francisco so beschreiben: »He sings like a creature.« Donald Tardys Drumsound klingt immer noch wie Knochenbrechen in alten asiatischen Prügeleien, und Trevor Peres‘ Gitarre röhrte dank des enorm mächtigen Sounds wie ein Hubschrauber. Obituary sind der lebende Beweis, dass die alten Death-Metal-Furzer durch nichts zu stoppen sind, was sich schon am nächsten Tag nur noch bestätigte.
Deutlich weniger Spannendes lieferte einer der wenigen Deathcore-Vertreter des Festivals. Brutality Will Prevail. Eigentlich gibt es solche Bands heute wie Sand am Meer auf dem Planeten, und kaum eine überrascht noch wirklich, wenn es nicht um makellose technische Perfektion, viel Virtuosität und natürlich kreative Inspiration geht, die dem Ausdruck das gewünschte Maß an Eigenständigkeit verleiht. Brutality Will Prevail sind leider alles andere als das Aufgezählte. Weder zwei Gitarren, tiefer gestimmtes Geschrammel der Instrumente noch ein reißender Bass, der gelegentlich durch den Bühnensound drang, reichten aus, um gegen den typischen kreischenden Core-»Sportler«, gekleidet nach der neuesten Mode des Geschäfts »Intersport«, die Aufmerksamkeit zu erobern. Der hüpfte auf der Bühne links und rechts herum, machte erfolglos auf grimmig und versuchte mit seiner Erscheinung die Menge zu »einschüchtern«, die den Auftritt der Band verfolgte. Geisttötend und vergesslich.
Es dämmerte, von Heiterkeit am Himmel war längst keine Spur mehr. Der Regen spülte weiter ohne jedes Erbarmen die ansonsten ausdauernden Metal-Horden durch. Dementsprechend knüppelte es passend düster von der kleinen Bühne, als die französischen Black-Metaller Nocturnal Depression sie erklommen. Frankreich ist dafür bekannt, gerne »durchgeknallte« Acts zu liefern. Nun, Nocturnal Depression sind nicht so durchgeknallt, wie sie ansonsten erkennbar oder besonders durch ihre eigenständige Originalität sind. Sie dosieren Black Metal mit langen, »hohl dröhnend« abgemessenen Passagen, die auf dem Gestampfe langsam hereinschlagender rhythmischer Strukturen schweben, wo in technischer Hinsicht nichts Besonderes passiert. Im Gegensatz dazu schafft die Band es verdammt echt, eine hypnotische Atmosphäre zu kreieren, was auch das A und O der musikalischen Mission der Band ist. Die Depression wirkt! Ob in Kings Of Black Metal, Nostalgia oder dem Opener We Are All Better Of Dead. Der Vulkan der Depression wirkte wirklich gewaltig. Wenn du die linke Hand des Sängers / Gitarristen erblickst, läuft dir ein Schauer über den Rücken, denn sein »Zweifinger-Stummel« erinnert an den Haken von Käpt’n Hook, doch sein Spiel, wie der Auftritt der ganzen Band, klang makellos.
Nach Nocturnal Depression ging es weiter zur Hauptbühne, wo Borknagar ihren Auftritt ankündigten. Die norwegische Kult-Black-Metal-Band, in die vor Kurzem ICS Vortex wieder zurückgekehrt ist, gilt als Truppe gestandener Meister ihres Black-Metal-Handwerks, kräftig gewürzt mit Folk-Melodik. Trotz großer Erwartungen lieferte der Auftritt von Borknagar nicht die geforderten Standards. Vor allem störte der miese Sound. Instrumental kamen Borknagar ganz gut davon, erstaunlich schlecht klangen dagegen die Vocals im Mix des Klangbildes. Die Band spielte eine Old-School-Setlist mit Schwerpunkt auf den ersten vier Alben, mit Ausnahme des Openers The Genuine Pulse (»Empiricism«, 2002) und des einzigen Stücks vom aktuellen Album »Urd« (2913) namens Epochalypse. Eine Setlist, maßgeschneidert für Fans des alten Borknagar, die sich nach den letzten Studioveröffentlichungen der Band nicht einmal mehr wundern, warum Dimmu Boergir ICS Vortex aus der Band »verjagt« haben, hat deren Herzen aber mit ziemlicher Sicherheit nicht erfreut. In der Atmosphäre fehlte ein Quäntchen mehr, dieses »Tüpfelchen auf dem i«, das wir mit dem Wort »Magie« bezeichnen. Sicher auf Kosten des durchschnittlichen Gesangsergebnisses, das das gesamte Konzertbild verdarb, haben Borknagar auf der Hauptbühne des zweiten Festivaltages also enttäuscht, obwohl sie erfahren genug sind, um dem »weiträumig auszuweichen«. Beim Gesang werden sie nachbessern müssen. Es ist unzulässig, ICS Vortex so weit aufzudrehen, dass sein Geheul sogar das Gitarrenarsenal übertönt, während Vintersorg neben ihm sowohl im Cleangesang als auch im Growl ein »kleines Baby« ist. Vielleicht war er krank oder hatte einen schlechten Tag. Egal. Der Alarm ist da, und die Band wird etwas unternehmen müssen, bevor es zu weiteren Blamagen bei Live-Auftritten kommt. Wie man den richtigen Sound serviert, zeigten ihre norwegischen Landsleute Satyricon, die den mickrigen Eindruck des Vorgängers ruckartig korrigierten und damit ihre Rolle als Headliner des zweiten Festivaltages rechtfertigten.
Wenn Obituary im Death Metal seit einem Vierteljahrhundert keine Ruhe kennen, gilt das im Heavy Metal erst recht für die amerikanische Kultband Manilla Road bzw. ihren Boss, das einzige noch verbliebene Originalmitglied Mark »The Shark« Shelton. Die Veranstalter haben sich in den letzten zwei Jahren wirklich ins Zeug gelegt und die zweite Bühne mit einigen wirklich legendären Namen bereichert, und ihrem Namen wurden auch die Jungs aus Kansas gerecht. Die haben in über dreißig Jahren schon sechzehn Studioalben veröffentlicht, für dieses Jahr kündigen sie das siebzehnte an. Tatsache ist also, dass sich die ideale Setlist unmöglich zusammenstellen lässt, auch weil es keine größeren Qualitätsschwankungen bei den Alben gibt, doch Manilla Road führten uns gekonnt durch ihre Geschichte des ursprünglichen (Proto-)Heavy-Metal voller epischer Momente und fantastischer, mythologischer und gruseliger Themen, die dich mit ihrer Pracht und Epik geradezu drängen, gleich nach dem Konzert in irgendeinen LARP-Club einzutreten. Mark marschierte zwar wie ein verwelkter, gealterter Hippie auf die Bühne, aber er soloierte mit der Leichtigkeit und Geschicklichkeit eines Hais im Wasser, was er schon mit der virtuosen Eröffnung in Flaming Metal Systems bewies. Den Großteil der Gesangsaufgaben übernahm Bryan »Hellrodie« Patrick, der live viel besser klingt als Marks nasaler Gesang auf den Platten, auch wenn dieser diesmal als Backing-Sänger Bryans klassischen Heavy-Metal-Gesang schön mit seiner typisch nörgelnden Stimme und fast death-metal-artigen Growls würzte. Roher, aber genau richtig lauter und klarer Sound zeigte, wie Manilla Road auf den Alben klingen sollten (statt der miesen Produktion, die sie von Anfang an begleitet), dazu eine großartige Setlist voller eiserner Klassiker wie Crystal Logic, Open the Gates und Death By the Hammer, ein Publikum (wenn auch vom Regen ausgedünnt) und eine bestens aufgelegte Band – zweifellos ein Grund dafür, dass Manilla Road einen der Höhepunkte des Festivals darstellten. Heavy Metal to the World!
Als Headliner der Hauptbühne betraten zuletzt die norwegischen Black-Metal-Pioniere Satyricon die Bühne und spielten vor vollem Gelände ein fast identisches Konzert wie im Dezember letzten Jahres in Šiška. Aus dem Material ließen sie zwar einiges an Langeweile der noch aktuellen Platte weg, wodurch der Konzertverlauf viel besser und lebendiger war. Die Norweger beherrschen ihr Handwerk, und auch der Sound war diesmal wie aus dem Ei gepellt, denn die Gitarren schnitten wie Skalpelle, und Frosts Getrommel klang wie das Donnern von Kanonen vor hundert Jahren. Satyricon gelang es ohne übertriebene Mühe, eine diabolische und epische Atmosphäre zu schaffen, die der niederprasselnde Regen nur noch verstärkte. Gerade deshalb hätte noch der eine oder andere reinrassige Black-Metal-Brecher von den ersten drei Platten gut gepasst, so bekamen wir aber wieder die zwar fantastische Hymne Mother North und zum Schluss wie immer K.I.N.G. Satyr ist immer noch ein Charisma ohnegleichen, Frost drischt auf die Felle wie Animal aus der Muppet Show, und alles, was den heutigen Satyricon-Auftritt von dem im Kino Šiška unterschied, war, dass er unter freiem Himmel stattfand. Solide, aber ohne große Highlights.
Nach dem sehr guten Erlebnis mit Satyricon bot die zweite Bühne noch den Auftritt des letzten Acts des zweiten Festivaltages. Der Auftritt der hervorragenden Death-Metal-Veteranen aus Polen, Vader. Die legendäre Band, die sich schöpferisch keinen Karriere-Patzer geleistet hat, liefert immer ihr Maximum. Vader-Konzerte sind stets Garant für ein hervorragendes Erlebnis. Dank der Exzellenz der scharf geschliffenen musikalischen Vision ihres ersten Kommandanten, des einzigen Originalmitglieds, Sängers und Gitarristen Piotr Wiwczarek. Die Band, die Ende Mai dieses Jahres bereits ihr insgesamt zehntes Studioalbum mit dem Titel »Tibi Et Igni« veröffentlicht hat (RockLine-Rezension HIER), kümmerte sich diesmal nicht groß um dessen Promotion, denn sie hat einen Beutel voller exzellenter Death-Metal-Gnadenschüsse im Ärmel, mit denen Vader ständig scharfe Ohrfeigen an Brutalo-Hungrige verteilten. Der Platz vor der Bühne war bestens gefüllt, und trotz Dauerregens störte das bei der tollen Atmosphäre wirklich niemanden. Vader bauten ihre charakteristische musikalische Wand auf, die niemanden auf Erden verschonte und zum Spaß Engel vom Himmel hackte. Auch das neue Where Angels Wheep fügte sich bestens ins restliche Repertoire ein, was heißt, dass Vader ihrer einzigartigen musikalischen Vision treu bleiben. Hervorragendes Spiel, hervorragendes Gespür, Soli, Abgestimmtheit in den Übergangspassagen und das potente Funktionieren von Piotrs »Growl«. Eine Eruption extremer Energie rief nach der Katastrophe, und Piotr vergaß nicht, das Publikum mehrmals mit donnernden Dankesworten für die gezeigte Unterstützung anzuheizen. Auch Vader würzten die Setlist mit einigen uralten Momenten ihrer Karriere. Schon gleich zu Beginn steigerte die Band wild die Stimmung, als sie sich nach der megalomanischen Eröffnung mit dem »De Profundis«-Klassiker (1995) Sothis dem Stück Vicious Circle widmete,, dann kehrte sie mit den Songs Silent Empire und Reborn in Flames zum Album »De Profundis« zurück. Schon der Einstieg genügte dem Geschmack der Alt-Vader-Fans, vom Studiodebüt selbst hallten später auch Choas in der Mitte des Konzerts und kurz vor Schluss, nach Piotrs letzter Ansprache ans Publikum, noch der Klassiker Dark Age. Ein ultimativer Schrapnell-Treffer direkt in die Stirn – für erholsamen Schlaf nach dem zweiten Festivaltag!
Nina Grad (Fotos): Within Destruction, Vanderbuyst, Obituary, Manilla Road,
Sebastijan Videc (Fotos, alle Videos): Zaria, Armaroth, Gold, Borknagar, Satyricon
Aleš Podbrežnik (Text): Zaria, Armaroth, Abinchova, Roxin‘ Palace, Crossholder, Scarab, Brutality Will Prevail, Nocturnal Depression, Borknagar, Vader
Rok Klemše (Text): Within Destruction, Gold, Vanderbuyst, Obituary, Manilla Road, Satyricon
Setlist
GOLD:
1. The Waves
2. North
3. Love, the Magician
4. Antebellum
5. One of Us
6. Ruby/Machine Gun
7. Lucky Day
BORKNAGAR:
1. The Genuine Pulse
2. Oceans Rise
3. Epochalypse
4. Ruins of the Future
5. Ad Noctem
6. The Eye of Oden
7. Dauden
8. Frostrite
9. Universal
10. Embers/The Dawn of the End
11. Colossus/Ved steingard
SATYRICON:
1. Voice of Shadows/Now, Diabolical
2. Black Crow on a Tombstone
3. Our World, It Rumbles Tonight
4. Tro og Kraft
5. Forhekset
6. Possessed
7. Die By My Hand
8. Nekrohaven
9. The Infinity of Time and Space
10. The Pentagram Burns
11. To the Mountains
12. Fuel For Hatred
13. Mother North
14. K.I.N.G.
VADER:
1. Sothis
2. Vicious Circle
3. Reborn In Flames
4. Silent Empire
5. Fractal Light
6. Return to the Morbid Reich
7. Come And See My Sacrifice
8. Triumph of Death
9. Where Angels Weep
10. Carnal
11. Chaos
12. Wings
13. Sword of the Witcher
14. Helleluyah!!! (God Is Dead)
15. Dark Age
16. This Is the War
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