Pivo in cvetje 2014 (I. Tag): Nicht The Winery, sondern The Brewery Dogs!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Laško / Jagoče (Bühne Zlatorog) / Slowenien
Konzertdatum: 17.07.2014
Besucherzahl: 500
Kartenpreis: 20,00€
Das diesjährige Festival Pivo in cvetje in Laško ist gewissermaßen ein Wendepunkt. Schon in vergangenen Saisons hatte es durch die Einladung von Acts wie Gov’t Mule angedeutet, dass es sich vielleicht künftig stärker gegenüber klangvolleren Namen der internationalen Rockszene öffnen würde, und dieses Jahr hat es durch die Einladung von Acts wie The Winery Dogs, Triggerfinger, George Clinton, Steve Stevens Band tatsächlich begonnen zu zeigen, dass es möglicherweise zu einem Festival heranreift, das begonnen hat, an einer ausgearbeiteten Ausstrahlung und eigenem Charakter zu arbeiten. Als ich vor der Bühne Zlatorog stand, hat mich die schiere Perfektion umgehauen, die das Niveau der renommiertesten Festivalbühnen Westeuropas erreicht. Der Veranstalter hat wirklich an jedes Detail gedacht. Außergewöhnliche Bühnenbeleuchtung, sogar eine Wireless-Kamera, die während des Geschehens durch die Luft schoss, dazu ein richtiges Zelt für die Tontechniker,…Nach dem Vorbild der größten europäischen Festivals. Kurzum. Hoffen wir, dass das Kontinuität wird und sich dieses Festival schrittweise in eines der bedeutendsten und bekanntesten im mittleren Teil Europas verwandelt, das künftig auch eine Menge ausländischer Besucher anziehen wird. Denn eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – also warten wir ab, was uns die nahe Zukunft bringen wird.
Also. Das diesjährige Festival Pivo in cvetje ist eigentlich das erste, das RockLine auch mit einem Team vor Ort medial begleitet. Das Team – bestehend aus einem einzigen Mitglied – traf sehr spät am Veranstaltungsort ein. Manchmal verhindert eben ein unvorhersehbares Zusammenspiel von Umständen, dass die Dinge so laufen, wie man es plant. Es ist kurz nach halb zehn Uhr abends, und die belgischen Alternativrocker Triggerfinger betreten die Bühne in Jagoče. Die Band, die seit 1998 aktiv ist, hat vier Studioalben im Gepäck. Das aktuelle »By the Absence of the Sun« erschien Mitte April dieses Jahres. Es hat mich schon immer fasziniert, dass der energetische Output einer »Trio«-Formation im Rock der »fatale« ist. Tatsächlich der effektivste. Der optimale. Die Chemie im Dreieck, im Drei-Sektor-Modell. Drei Einheiten eines musikalischen Körpers. Unabhängig von der musikalischen Ausrichtung. Von Motörhead über Rush, Grand Funk Railroad, The Police bis hin zu The Winery Dogs und natürlich Triggerfinger.
Triggerfinger hatten eine Stunde zur Verfügung. In dieser Zeit spielten sie 11 Nummern, und niemand wäre hinterher gewagt zu behaupten, dass er von dem, was er erlebt hatte, nicht begeistert war. Der Sound war vernichtend, unglaublich laut. Die Beschallung ohrenbetäubend. Triggerfinger sind eine Band, die auf einem massiven Klangbild aufbaut. Die Phrasen sind einfach, prägnant, nach dem Axiom »weniger ist mehr« zurechtgeschnitten, ohne auch nur einen Hauch von Verkompliziertheit. Deswegen erinnern die Songs mit ihrem stonerigen Charakter oft an Queens of the Stone Age, besonders wenn der eitle Ruben Block mit seinem Gesang einsetzt, der wie ein frecher Lausbub wirkt. Die Band ist alles andere als unbekannt. In der Vergangenheit hat sie als Vorband für The Rolling Stones gespielt und ist auch bekannt für ihren Auftritt beim Finale des Schwergewichtskampfes zwischen Vitali Klitschko und Tony Thompson (Bern, Schweiz, Juli 2012). Triggerfinger sind »ansteckend«. Tatsächlich ist schon Ruben selbst ansteckend. Der Mann ist ein außergewöhnlicher Frontmann. Charismatisch dosiert er stets die richtigen Worte im richtigen Moment, um das Publikum wachsam und in ständiger Erwartungshaltung bei sich zu halten. Bassist Paul Van Bruystege, ein über zwei Meter großer, gefräßiger Riese, bewaffnet mit gleich vier Bässen, davon zwei der Marke Rickenbacker, ist ein enorm roher Bassist, wie es die musikalische Natur der Gruppe von ihm verlangt. Seine Linien sind oft mit Akkordspiel beladen, und der Mann reißt und gräbt unerbittlich mit dem Plektrum an seiner Bassgitarre, als würde man Lemmy Kilmister (Motörhead) zuschauen. Ruben wiederum steht Paul in nichts nach. Auch er greift zu Gitarren, die einen fetten, leicht verstimmten, aber fiebernd brummenden Sound erzeugen, wobei auch die Bühnenmikrofonie eine wichtige Rolle spielt und zur Bildung zusätzlicher heulender Töne beiträgt, die sich in den Hintergrund des allgemein hervorstehenden Brummens des gesamten Klangbildes schleichen. Ruben verwendet auch eine halbakustische »f-hole«-Gitarre, hält sich aber meistens an bewährte Schönheiten der Marke Telecaster. Drummer Mario Goossens rückte bei seinem Solo-Part ins Rampenlicht, als Ruben und Paul den kraftvollen Schlagzeuger während seines Solos von beiden Seiten mit Scheinwerferstrahlen beleuchteten. Gerissene Saiten gab es keine, ebenso wenig geplatzte Trommelfelle oder andere Formen von Ohrenbluten beim Publikum. Triggerfinger sind in ihrer luziden, beinahe bizarren Disziplin des stilistischen Minimalismus vernichtend gut. Unter ihre Riffs legen sie diskoid-tanzbare Rhythmen, womit sie Anthemcharakter und einen kokettierten Groove erzeugen, der den Zuhörer sofort ins Wippen und Mitmachen bringt. Die Jungs verstehen es, in den Stoner-Sound Fragmente von Surf und Rock ’n‘ Roll einzuwerfen. Im abschließenden Teil des Konzerts stellte die Band einmal mehr ihre luzide Note unter Beweis, indem sie Drummer Mario in ein elektronisches Rhythmusmuster versetzte, der sich dabei in einen Becken-Perkussionisten verwandelte, als die Band eine sarkastische Version des Hits I Follow Rivers der schwedischen Indie-Rockerin Lykke Li spielte. Triggerfinger erwiesen sich als außergewöhnliche Bereicherung des Festivaltages auf der Bühne Zlatororog und lieferten dem Publikum definitiv ein vollblütiges Warm-up vor dem Auftritt der ersten Stars des Abends und Hauptakteure The Winery Dogs.
Die Supergroup, bestehend aus drei außergewöhnlichen Musikern, für deren kreatives Schaffen man kaum die richtigen Superlative findet, sind Drummer Mike Portnoy (ex-Dream Theater, Transatlantic), Bassist Billy Sheehan (Mr. Big, Niacin, ex-David Le Roth, ex-Steve Vai, ex-Talas,…) und Gitarrist/Vokalist Richie Kotzen (solo, ex-Poison, ex-Mr. Big). Es ist überflüssig zu erwähnen, dass die Jungs auf die eine oder andere Weise karrieremäßig mit einer Vielzahl verwandter Musiker verbunden sind, die mit ihren Talenten weit über dem Durchschnitt der übrigen Musiker unserer Galaxie herausragen. Im Jahr 2013 veröffentlichten sie ihr Debütstudioalbum. Bei The Winery Dogs ist es die unglaubliche Erkenntnis, dass alle drei Musiker, die aus unterschiedlichen musikalischen Umfeldern kommen, eine so hervorragende Fusion eines einzigartigen musikalischen Puzzles bilden. Jeder einzelne Musiker trägt gleichwertig seinen Teil zu diesem bunten Mosaik bei. Kotzen als typischer Vertreter von Blues und Soul, dazu der unverbesserliche Jazzrock-Fusionist Billy Sheehan und einer der besten progressiven Schlagzeuger der Welt, Mike Portnoy, bei dem es irgendwie partout nicht klar werden will, warum man seiner Mitgliedschaft bei Dream Theater schon seit mehr als zwei Jahren das Wort »ex« voranstellen muss.
The Winery Dogs sind die perfekte Mischung aus dem Besten, was diese drei Musiker als Einzelpersonen abliefern. Wenn sie in die Gesangsteile einschwingen, in denen natürlich Kotzens spezifischer, leicht nach Soul klingender Gesang die zentrale Rolle übernimmt, wird die dynamische Rhythmuslinie stark funky, beladen mit einem fetten Groove, den der kräftig scheppernde Sound von Sheehans Bassgitarre und Kotzens Telecaster-Gitarre produziert (Kotzen hat in den letzten Jahren das Spielen mit dem Plektrum völlig aufgegeben), und natürlich verwandeln sich diese mit Melodie gründlich durchtränkten Teile in jedem Moment (urplötzlich) in Jam-Parts, wo jeder der drei das Beste liefert, was er in diesem Moment aus seinem ausgearbeiteten Sinn für freie Ausflüge in das Terrain erstklassigen solistischen Theaters schöpfen kann, wobei Kraft, Stärke und Prägnanz der Improvisationen dem Konzertbesucher buchstäblich den Atem rauben. Einen ähnlichen Effekt hinterlässt auch das Erlebnis eines Dream Theater-Konzerts, was bedeutet, dass wir bereits jetzt sagen können, dass The Winery Dogs in diesem Moment mit Sicherheit eines der stärksten und attraktivsten Rock-Schwergewichte bzw. Supergroups des Planeten ist, das erstklassige Konzerte abliefert.
Und so war es auch in Laško. Die Menschen waren fasziniert, schockiert, verführt von der einzigartigen Bühnenpräsenz dieser fantastischen Band. Das Trio war bestens aufgelegt. Dazu beigetragen haben die riesige Bühne, der schöne Zuspruch des mitfeiernden Publikums, das vor allem in den vorderen Reihen große Verbundenheit mit dem Trio ausstrahlte, da es das Material des Debütalbums »The Winery Dogs« bestens kannte – RockLine-Rezension HIER. Kotzen bezauberte mit seiner leidenschaftlichen vokalen Hingabe, vollgepackt mit der Lebhaftigkeit echter Emotionen, wobei eine besondere Abweichung sein Solo-Part Doin‘ What the Devil Says to Do darstellte, den er nur von einer akustischen Folk-Gitarre begleitet spielte. Der Charakter der Eigenkompositionen der Gruppe gewann in der Live-Darbietung eine neue qualitative Dimension durch das unvorhersehbare Ansteuern von Solo-Melodien, das Hinzufügen prägnanter Übergangsornamente – also das Hinzufügen eines Effekts der Spontaneität –, was die Band besonders attraktiv macht. Sheehan wirkt wie ein 25-jähriger Jüngling in den besten Jahren seines »Hengst-Daseins«, obwohl er in diesem Jahr die 60 vollendet hat. Der stattliche Bassgitarren-Guru lief während seiner bravourösen Performance ununterbrochen an den äußersten linken Bühnenrand und zurück zur Mitte zu Portnoys Schlagzeugfestung, wo er und Mike während des Konzerts eine Vielzahl prägnanter Clowns-Grimassen austauschten – Ausdruck der großen Bühnenwerkchemie, die zwischen den beiden Musikern spürbar ist. Portnoy war auf der Bühne ein gänzlich anderer Portnoy als jener im März dieses Jahres in München, als wir ihn beim Transatlantic-Auftritt erlebt haben – RockLine-Reportage HIER. Dort war Portnoy ein gleichgültiger »Griesgram« und hat dem Publikum buchstäblich kein einziges Lächeln geschenkt. Vor dem Konzert ignorierte er die Fans, sofern man kein V.I.P. Paket gekauft hatte, um die Band backstage zu treffen, und auch seine Ansagen zwischen den Songs waren kurz angebunden und wirkten als misslungener Sarkasmus. Portnoy auf der Bühne in Laško hingegen präsentierte sich als völlig andere Person. Ausgelassen, zugänglich! Bereit für jeden Blödsinn. Immer ein Lächeln im Gesicht. Er suchte ständig den Augenkontakt mit dem Publikum, zeigte mit seinen Drumsticks auf einzelne Personen im Publikum, kletterte auf den Drums herum, und am Ende des Konzerts , als sein Kollege Sheehan im abschließenden »fade outu« begann, seine berühmte türkise Yamaha Bassgitarre hoch in die Luft zu werfen, griff er nach dem Hi-Hat-Ständer und schleuderte ihn hoch in die Luft. Dann bestieg er sein Schlagzeug und warf buchstäblich Tom-Toms und Becken durcheinander, sodass das Set am Ende aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Die Songs des Albums »The Winery Dogs« sind in kompositorischer Hinsicht qualitativ gleichwertig, und es fällt schwer, darunter Favoriten zu finden. Dennoch wählte die Band für den Schluss des Konzerts, in dem sie die Show zu einem großen atmosphärischen Finale führen wollte, die Songs I’m No Angel, The Dying und Desire, die in den Refrains eine besonders beißende melodische Ansteckungskraft besitzen, womit sie das Publikum anstachelte, auch noch zu später Stunde nach Mitternacht mit voller Energie mitzumachen. Die Band überraschte auch in der obligatorischen Zugabe, als sie sich dem Talas-Cover Shy Boy annahm. Sheehan übernahm dort, wie auf dem Original, den Hauptgesang, und die Band lieferte damit ihr letztes ultraschnelles Schrapnell ins Konzertmosaik und schloss das Konzert mit einem weiteren theatralischen Höhepunkt ab. Das Publikum jubelte der Band ekstatisch zu, die ihre große Zugänglichkeit zu ihren Fans auch durch abschließende herzliche Abschiedsgesten ans Publikum bewies. The Winery Dogs sind eine Band, die jeden Sündenfall wert ist. Schon gar bei einer Karte, die im Vorverkauf schlappe 12,00€ gekostet hat, am Konzerttag aber 20,00€. Wer die Gelegenheit verpasst hat, The Winery Dogs live in Laško zu sehen, wird sich diesen Fehler so schnell nicht verzeihen.
Schön war die Erkenntnis, dass sich neben der starken Präsenz von Gästen aus Österreich und Kroatien an diesem Tag auch eine Menge Leute aus der Laško-Celje-Sevnica-Region unter das Publikum gemischt hatten, die Rock-Spektakel sonst nicht regelmäßig besuchen (es sei denn, Giganten wie The Rolling Stones, U2, Bon Jovi oder AC/DC spielen in der Nähe) und sich so selbst das Erlebnis eines Konzertbesuchs einer Super-Rock-Band bescherten, wie sie sie in ihrem Leben noch nicht gesehen hatten.
Setlist
TRIGGERFINGER:
1. Game
2. Short Term Memory Love
3. By Absence of the Sun
4. And There She Was Lying in Wait
5. On My Knees
6. My Baby’s Got a Gun
7. Perfect Match
8. Let It Ride
9. All This Dancin‘ Around (incl. Mario Goossens drum solo)
10. I Follow Rivers (original Lykke Li)
11. Is It
THE WINERY DOGS:
1. Elevate
2. Criminal
3. We Are One
4. One More Time
5. Time Machine
6. Damaged
7. Six Feet Deeper
8. Hey Joe (original The Leaves)
9. The Other Side
10. Bass Solo
11. You Saved Me
12. Not Hopeless
13. Doin‘ What the Devil Says to Do (Richie Kotzen solo)
14. I’m No Angel
15. The Dying
16. Desire
—Zugabe—
17. Love Is Alive (original Gary Wright)
18. Regret
19. Shy Boy (original Talas)
Bildergalerie












































































































