Willkommen auf einer dreistündigen Pearl Jam-Odyssee! (2014)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Jernej Vene

Ort: Stadion Nereo Rocco / Triest / Italien
Konzertdatum: 22.06.2014
Besucherzahl: 25.000
Kartenpreis: 70€

Zwei Jahre sind vergangen, seit die amerikanischen Rock-Giganten der Neunziger Pearl Jam wieder auf dem Alten Kontinent aufgetaucht sind. Doch vor zwei Jahren hatte ihre Tournee einen großen Bogen um slowenischen Boden gemacht, diesmal haben aber auch die slowenischen Fans ihre Konzerte buchstäblich vor der Tür. Jahrelange Abwesenheit ist bei Pearl Jam ohnehin etwas völlig Normales – man denke nur an ihren Boykott des Konzertriesen Ticketmaster Mitte der Neunziger, durch den die Band damals sogar am Rande des finanziellen Zusammenbruchs stand. Aber  die Rede ist von einer Band, die ihre frühere Genrezugehörigkeit hinter sich gelassen und  mit der Zeit Schritt gehalten hat, was Pearl Jam auch noch mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer goldenen Ära enorme Popularität einbringt.

Im Rahmen der neuen Europatournee haben sie in unserem westlichen Nachbarland zwei Konzerte gespielt und dort fünf Tage verbracht. Zuerst gastierten sie vor einigen Tagen im Mailänder San Siro, einem der größten Fußballstadien Europas, danach im Triester Stadion Nereo Rocco, wohin sich auf tausend und eine Art auch eine ganze Schar slowenischer Pearl Jam-Fans aufgemacht hatte. Angesichts der bunten Fahnen im Publikum – darunter kanadische, chilenische und südafrikanische – bildete das ausverkaufte Auditorium eine bunte Palette von Besuchern aus aller Welt, was einmal mehr beweist, dass Pearl Jam schon längst zum globalen Phänomen geworden sind.

Die Organisation des gigantischen Events war makellos. Der öffentliche Nahverkehr sorgte in den Stunden vor dem Konzert für ein erträgliches Verkehrsaufkommen, Informationen waren an jeder Ecke abrufbar, die Gässchen steckten nicht voller illegaler Souvenir-Händler, sogar das Sicherheitspersonal trug T-Shirts mit dem Pearl Jam-Logo, und was das Wichtigste ist: das Konzert begann pünktlich – ja sogar einige Minuten vor der angekündigten neun Uhr abends. Italiener sind ja allgemein für ihre schlampige Konzertorganisation bekannt, aber offensichtlich ändert sich auch in diesem Segment einiges zum Besseren.

Die Eröffnungsnummer des Abends Elderly Woman Behind the Counter in a Small Town diente als erster akustischer Tupfer; auch die Fortsetzung in ähnlicher Manier mit Low Light und Black zeigte Pearl Jam als malerisches Stimmungskollektiv, bevor sie mit Why Go und Animal aufs Gas drückten und auch härtere Gitarrenthematik servierten. Es gibt nicht viele Bands wie Pearl Jam, die ihr Konzertrepertoire aus allen Phasen ihrer Karriere zusammenstellen. Der rote Faden des Triester Konzerts war die Präsentation des aktuellen Albums »Lightning Bolt« (Rezension hier), tief gruben sie sich auch durch ihr Kultdebüt »Ten« (1991), den Rest des Zeitplans füllten Songs aus den Zwischenalben, auch jene, die in Perioden erschienen, als ihr Stern (kommerziell gesehen) nicht mit voller Kraft leuchtete.

Die zentrale Figur des Auftritts war kein anderer als Frontmann Eddie Vedder. Der 49-jährige Musiker ist im Laufe der Jahre zur Verkörperung der Band geworden, weshalb ihm auf der Bühne die verbindende und motivierende Rolle zukommt – auch wenn ihm das aufgrund seiner scheuen Persönlichkeit nicht gerade in die Wiege gelegt wurde. Der Legende nach war Vedder beim Eintritt in die Band ein stiller, in sich gekehrter Junge. Wahrscheinlich hat ihm genau diese sympathische Eigenschaft beim Aufstieg unter die Rock-Größen geholfen, eine enorme Popularität zu erreichen, denn seine Auftritte sind geerdet und unprätentiös, was auch im Stadionumfeld die Grunge-Thematik der Band dem Publikum in einem intimeren Licht präsentiert hat. Vedder bediente sich mehrfach der bewährten Taktik, das Publikum in seiner Muttersprache anzusprechen, während er mit den Jahren offenbar eines seiner anderen Markenzeichen aufgegeben hat: das atemberaubende Klettern auf Bühnenkonstruktionen.

Den emotionalsten Moment des Konzerts brachte Come Back. Vedder widmete den Song seinem vor einigen Tagen verstorbenen besten Freund, weshalb die Worte im abschließenden Teil des Stücks »ohhh I’ll be here,come back, come back« in den Ohren noch viel stärker nachklangen. Die schläfrig-verträumten Momente verwandelte der Hit Even Flow mit seinem langen mittleren Instrumentalteil im Nu in einen schwungvollen Marsch, bei dem sich Gitarrist Mike McCready sogar das Gitarrespielen hinter dem Rücken gönnte. Genau die bekanntesten Songs – darunter besonders die Darbietung von Rearviewmirror am Ende des regulären Teils – dehnte das Quintett aus und hauchte ihnen etwas lebendige Konzertform ein, wodurch sie gewitzt für mehrfache Wiederholung der Refrains sorgten.

Mit der Rückkehr auf die Bühne kamen die tieferen Kenner der Band auf ihre Kosten, denn Pearl Jam spielten Chloe Dancer / Crown of Thorns der Band Mother Love Bone, der wahren Pioniere des Grunge, bei der Bassist Jeff Ament und Gitarrist Stone Gossard gespielt hatten. Trotz des Marathon-Auftritts sparten Pearl Jam auch in beiden Zugaben nicht mit Energie – ganz im Gegenteil: die druckvollen Songs mit Garagen-Rauheit Life Wasted und Porch sparten sie sich genau für den Schluss auf.

Das Quintett bediente sich in diesem Konzertteil dem spielerischen Schwenken von Scheinwerfern, in denen Kameras montiert waren; die entstandenen Aufnahmen fesselten die Blicke des Publikums an die großen Leinwände, die auf beiden Seiten der Bühne angebracht waren. Von der Tribüne, wo die Rockline-Crew untergebracht war, sah man deutlich eine riesige, quer aufgespannte längliche italienische Fahne mit dem Aufdruck »Keep on Rockin‘ in the Free World«. Die Stimmung stieg nach den Darbietungen zweier weiterer »Ten«-Perlen – Once und Alive – bis zum Siedepunkt, und die ganze Magie von Stadionkonzerten brach sich schließlich mit der oben genannten Hymne von Neil Young in die Nacht Bahn. Tausende Kehlen vereint in einer Melodie, tausende Herzen im selben Moment vereint im gleichen Gedanken hippiesker Hymnenseligkeit. Gänsehaut überflutet den Körper, und die wunderschöne Atmosphäre des ausverkauften Veranstaltungsorts bekam mit dem Aufflackern der Stadionscheinwerfer auch sein visuelles Antlitz.

Ganze drei Stunden haben dafür gesorgt, dass man noch lange über das Pearl Jam-Konzert in Triest sprechen wird. Ungeachtet der Tatsache, dass die Konzertindustrie ständig die Ticketpreise anheizt und diese heute schon extrem teuer sind, war jeder investierte Cent bezahlt, und die hervorragende Form von Pearl Jam hat den Appetit ihrer slowenischen Fans nur noch weiter angefacht – die sich wünschen, die amerikanischen Rock-Giganten nach fünfzehn Jahren endlich wieder auch im Ländchen unterm Triglav zu sehen. Die Zeit wird zeigen, ob sich dieser Wunsch erfüllt!

Setlist

1. Elderly Woman Behind the Counter in a Small Town
2. Low Light
3. Black
4. Sirens
5. Why Go
6. Animal
7. Corduroy
8. Getaway
9. Got Some
10. Given to Fly
11. Leatherman
12. Lightning Bolt
13. Mind Your Manners
14. Deep
15. Come Back
16. Even Flow
17. Down
18. Unthought Known
19. Infallible
20. Whipping
21. Do the Evolution
22. Rearviewmirror
—————–
23. Let Me Sleep
24. Chloe Dancer
25. Crown of Thorns
26. Jeremy
27. State of Love and Trust
28. Wasted Reprise
29. Life Wasted
30. Porch
——————
31. Better Man
32. Once
33. Alive
34. Rockin‘ in the Free World (Neil Young cover)
35. Yellow Ledbetter

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