Laibachs Geist erteilte den Seelen der ausverkauften Križanke Absolution (2014)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Jerneja Jerak

Ort: Ljubljana / Križanke / Slowenien
Konzertdatum: 16.05.2014
Besucherzahl: 3300

Die Laibach-Maschine läuft und läuft. Neues Album, neue Tournee, neue Verpackung der alten, bewährten und erprobten, hochwirksamen Rezeptur. Von März bis April dieses Jahres befanden sich Laibach auf dem zweiten Teil ihrer Europatournee, legten dann eine kurze Pause ein und starteten noch zu einer kleinen Balkan-Tournee bis ins bulgarische Sofia, in deren Rahmen sie auch die slowenische Hauptstadt Ljubljana erneut besuchten. 3.400 Leute? Vielleicht hundert oder maximal zweihundert weniger. Also ausverkaufte Križanke. Diesmal mit »regulärer« Zahl.

Album »Spectre« und der Tourneetitel »Naredite mi to deželo znova sproščeno«! Für Laibach zweifellos ein Album, das sich schnell erschließt, angenehm »diskoid« – man kann sagen, dass es sich beim Laibach-Artismus um den Pop-Moment der Gruppe handelt. Natürlich ist der Inhalt der diesmaligen Verpackung wieder sofort an seinem typischen Gehalt zu erkennen! Er nennt sich der einzigartige »Laibachismus«.

Zwei Stunden mit einer zwanzigminütigen Pause dazwischen. Die Show vollgepackt mit reichhaltigem visuellem Bühnenbild und dem typischen Scheinwerferspiel, charakteristisch für Laibach-Konzerte. Eine riesige Bühne! Der Hypnoseeffekt funktionierte perfekt. Wie ein echter Zauber! Die Besetzung für die neue Produktion, die neue künstlerische Verkleidung von Laibach, für »Duh Laibacha« (Spectre of Laibach) also: Milan Fras (Gesang), Mina Špiler (Gesang, Synthesizer), Janez Gabrič (Schlagzeug), Luka Jamnik (Synthesizer) und Neuling in der Crew Rok Lopatič (Synthesizer), den viele durch seine Mitwirkung bei Leeloojamais kennengelernt haben. Nicht zu übergehen ist der Beitrag der »Hinterbühnen-Methoden« des ewigen Visionärs des perpetuellen Wandels im Laibach-Musikkörper, Ivan Novak (Licht, Projektionen).

Vor dem Konzert bildeten die Leute zwei beeindruckende Schlangen, die das einzige und ewig enge Nadelöhr des Geländes nur langsam schluckte. Die erste Schlange zog sich um die Ecke an der SAZU vorbei zurück Richtung Zlata Ladjica, die zweite bildete sich Richtung Aškerčeva. Wahnsinn, die heutige Nachfrage der Massen nach Laibach. Und das ist gut so. Laibach ernten endlich auch in ihrer Heimat das, was sie vor gut drei Jahrzehnten zu säen begonnen haben. Horden von Massen in Schwarz übernahmen nach und nach die Herrschaft über die Križanke!

Im ersten Teil spielten Laibach ihr neues Studiowerk »Spectre«. Der stimmliche Kontrast des legendären Milan Fras – der ersten Laibach-Ikone – funktioniert in Kombination mit Mina Špiler nach wie vor in perfekter Symbiose. Der Kontrast von Fras‘ unverkennbarer »Düsterheit«, ausgeglichen durch den melodischen, süßen, aber autoritativen Ansatz von Mina Špiler, der gelegentlich sogar an klangliche Ausflüge zu Debbie Harry (Blondie) erinnert, wirkt verlässlich! Hier ist die Kinetik des Samplings bekannter Figuren der Industrial-Elektronik der gnadenlosen Laibach-Maschine im Gespann Jamnik – Lopatič, unterstützt von den satten und präzise dosierten Schlägen von Janez Gabrič. Das Quintett arbeitete einträchtig nach dem Prinzip eingespielter Routine in den ersten fünfzig Minuten das neue Album »Spectre« durch, das mit Resistance Is Futile abgeschlossen wurde. Die Provokation des Gemischs aus Parolen und Dokumentarfilmen, sinnvoll verbunden mit der Botschaft des neuen Albums über den Untergang der Kleinen auf Kosten des Kapitals, das in den Händen der Mächtigsten und Größten liegt (natürlich wenn man davon ausgeht, dass Geld das einzige Maß der Dinge ist), und der Geburt der »demokratischen Windstille« – der Globalisierung, beziehungsweise einer Welt ausgehöhlter Seelen, jedem persönlichen Charakter beraubt.  Ein neuer Laibach-Zauber! Verlässlich wirksam also. Mit dem Element des Schocks!

Die zwanzig Minuten Pause vergingen verdammt schnell bei angeregten Debatten und einem Bierchen – schon betrat die Gruppe die Bühne, um mit der Darbietung in den zweiten Teil zu starten. Dort nahm sie sich zunächst den vorgeschichtlichen Songs Brat moj und Ti, ki izzivaš an; beide haben natürlich im Laufe der Jahre eine vollständige musikalische Transformation erlebt! Überarbeitet, aufgefrischt und auf das künstlerische Niveau der heutigen musikalischen Wahrnehmungsfähigkeit von Laibach gehoben! Großartig kamen auch die mit dem Film »Iron Sky« verbundenen Nummern (B-Machina, Under the Iron SKy), die den Saal kurz in einen Zustand der Schwerelosigkeit versetzten, bis die Gruppe sich der kultigen Leben – Tod aus dem Album »Opus Dei« (1988) annahm, ebenfalls in Arrangements völlig »umgekrempelt« für eine neue Ära, in der die Synthesizer zum zentralen Klangkosmetikum des neuen Laibach-Erscheinungsbilds wurden. Über das Paket genial bearbeiteter Fremdsongs – was stets als große Meisterschaft der Gruppe galt und Laibach letztendlich die Türen in die Liga der bekanntesten Namen des weltweiten »underground« öffnete – bis hin zu den abschließenden (erwarteten) Tanz mit Laibach und Das Spiel ist aus. Der Visualisierungseffekt dabei weiterhin im Vordergrund, bis zum finalen Crescendo!

An manchen Stellen vermisst man die Gitarre, doch die aktuelle Laibach-Art-Pose lässt sie seit Jahren nicht zu. Sie würde aber prächtig passen. Und wenn ich weiter provoziere: Keine Sorge. Laibach würden dadurch nicht zu Rammstein. Eher umgekehrt. Wenn überhaupt. Sicher aber waren an diesem Abend in den Križanke viele Zuhörer dabei, die elektrische Gitarren definitiv nicht vermisst haben. Aber die Zukunft ist »heiter und hell«, und sicher wird eine künstlerische Inkarnation des Laibach-Schiffs kommen, die in ihrem Inhalt eines Tages auch dieses »Rock«-Element wieder trägt.

Laibach haben sogar die Ansagen zwischen den Songs voraufgenommen. Tatsächlich kommuniziert Milan Fras mit dem Publikum nicht anders als durch Mimik, Gestik und natürlich die vokale Interpretation des Konzertrepertoires. Vor Under the Iron Sky ertönt eine synthetische Stimme: »No Sieg-Heil-ing please!«. Einen clevereren Einfall, der in das Arsenal typischer Laibach-Provokation passen würde, hätte man kaum herausschlagen können. In den Videoprojektionen, die Einlagen des Films Iron SKy verwenden, erlebt man während des Konzerts tatsächlich einen solchen Gruß – es geht also nicht um Provokation, sondern um eine gutgemeinte und lehrreiche Warnung an das Publikum, die Handlungen anderer nicht zu wiederholen. Der andere verrückte Gag ist das repetitive Mitbrüllen des Publikums auf die Aufforderung derselben synthetischen Stimme: »Say how!! Say how-how! Now. Say how-how-how!« Und so weiter. Kurzum: Am Ende bellten die ganzen Križanke fröhlich und wie aus einem Mund, was wieder zur Botschaft des Versinkens in Uniformität als Folge der Globalisierung auf allen Ebenen passt. Und schon sind wir wieder bei der Botschaft des Albums »Spectre« – der Kreis schließt sich.

Es war ein weiteres unvergessliches Rennen mit Laibach. Meisterschaft einer eigenartigen Art-Kultur und Pose, die in ihren vielgestaltigen Erscheinungsformen nicht aufhört zu begeistern und zu belohnen. Auch das »Spectre«-Spektakel muss man sich bei Gelegenheit unbedingt anschauen. Zwei Stunden Hypnose der einzigartigen Laibach-Welt ließen am Ende Frieden und Ruhe in die Winkel der Seelen der zufriedenen Besucher einziehen. Wir befanden uns also in einem Land, das zumindest für einen Augenblick wieder befreit war. Bis zum nächsten Morgen.

Setlist

Te Deum – Prelude (M.-A. Charpentier)
1. Eurovision
2. Walk with Me
3. Americana
4. We Are Millions and Millions Are One
5. Eat Liver!
6. Bossanova
7. Koran
8. The Whistleblowers
9. No History
10. Resistance Is Futile
–Pause 15 Min.—
11. Brat Moj
12. Ti, Ki Izzivaš
13. B Mashina
14. Under the Iron Sky
15. Leben-Tod
16. Warme Lederhaut (orig. The Normal)
17. Ballad of a Thin Man (orig. Bob Dylan)
18. See That My Grave Is Kept Clean (orig. Blind Lemon Jefferson)
—Zugabe—
19. Love On The Beat (orig. Serge Gainsbourg)
20. Tanz mit Laibach
21. Das Spiel ist aus
The Whistleblowers (Video / Diamond Version Remix)

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