Aynsley Lister – der Mann mit dem goldenen Touch (2014)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Konzertdatum: 07.05.2014
Besucherzahl: 70
Kartenpreis: 26,00€ (im Vorverkauf) /30,00€ (am Konzerttag)
Aynsley Lister ist ein weiterer Blues-Rock-Zauberer der jüngeren Garde, wie sie die britischen Inseln in den letzten zwei Jahrzehnten hervorgebracht haben. Ein Mann mit einem bei weitem weniger »berühmtem« Namen, aber einer nicht weniger zauberhaften Stimme und einem ebenso magischen Gitarren-Touch wie etwa Joe Bonamassa, der sich völlig unabhängig von irgendwelchen Musikschulen, die ihn in festgelegte musikalische Bahnen hätten zwingen wollen, zum Musiker entwickelte. Und das unter der Anleitung seines Vaters, mit dem er, als Aynsley noch ein kleiner Junge war, Songs von Legenden wie John Mayall, Eric Clapton und Freddie King durchspielte. Mit achtzehn hatte Lister bereits mehrere Bands gewechselt. In den Jahren 1996 und 1997 veröffentlichte er mit seiner Band die ersten beiden Studioalben »Messin‘ with a Kid« und »Pay Attention!«, was die Aufmerksamkeit des Labels Ruff Records auf sich zog, mit dem er einen mehrjährigen Vertrag abschloss. Nach der Veröffentlichung seines Studioerstlings begann er als Vorband für Blues-Veteranen wie Buddy Guy, John Mayall und Robert Cray aufzutreten, außerdem für Bryan Adams und Fun Lovin‘ Criminals. Mit diesen Auftritten baute er sich einen Namen auf, was ihm die Türen zu Headliner-Slots auf größeren europäischen Festivalbühnen öffnete. Im Jahr 2009 eröffnete er sogar Konzerte für die Southern-Rock-Legenden Lynyrd Skynyrd, als diese mit ihrer »God And Guns«-Tournee auf den britischen Inseln unterwegs waren.
Aynsley Lister hatte auch den Singer-Songwriter Till Bennewitz aus dem deutschen Bad Lauterberg auf die Tournee eingeladen. Den Mann konnte ich nur für eine Handvoll letzter Minuten seines »Aufwärm«-Auftritts vor Lister abfangen, doch das reichte völlig aus, um einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Gitarre, Mundharmonika, ein angenehmer mittlerer Stimmumfang, leicht angeraucht, fast ein leicht »springsteenesk« anmutender Gesangsansatz und natürlich die irgendwie erwartbare Country-/Folk-melodische Freundlichkeit seiner eigenen Kompositionen. Eine wunderschöne Ouvertüre zu Listers Konzert. Ein Mann, eine Bühne. Völlig ausreichend!
Aynsley Lister veröffentlichte im vergangenen Jahr sein insgesamt schon 10. Studioalbum mit dem Titel »Home« und kehrte nach fünf Jahren erneut für ein Konzert nach Velden am Wörthersee zurück, genauer gesagt in den dortigen Blues- und Rock-Tempel Bluesiana Rock Cafe. Mit dem Team, mit dem er das neue Studioalbum aufgenommen hatte. So begleiteten ihn auf der Bühne der dunkelhäutige Schlagzeuger Wayne Proctor , Schlagzeuger Steve Amadeo und Keyboarder Andre Bassing. Im Venue versammelte sich zwar eine kleinere Schar von Blues-Rock-Enthusiasten, die sich an Aynsleys Auftritt von einigen Jahren zuvor an eben dieser Spielstätte aber noch gut erinnerten! Aynsley begrüßte die Anwesenden beim Betreten der Bühne höflich, ganz im Stile echter britischer Etikette und mit einem großen Maß an Kultiviertheit, die Uhr zeigte etwa eine Viertelstunde vor zehn Uhr abends, und die Jungs schlugen nach einem etwas »zaghaften« Intro mit dem grandiosen Blues-Rocker ein, dem Titeltrack des neuen Albums Home. Bereits mit dem ersten Song signalisierte Lister, dass er als Musiker ein außerordentliches Talent für vollblütige melodische Eingängigkeit geerbt hat. In solchen Stilrichtungen haben Musiker üblicherweise nur eine Rhythmussektion dabei, doch bei Listers melodischer Eingängigkeit hat sich die Idee, Keyboards zu integrieren, auf teuflisch gute Weise ausgezahlt – die Keyboards hielten durchgehend eine außerordentliche organische Wärme des »Hammond like«-Klangs aufrecht, gekreuzt mit Klaviereinschüben, und vertieften so die Kontraste der eingefangenen Stimmungslagen.
Aynsley ist ein ansteckender Typ. Er besitzt eine außerordentliche Ausstrahlung. Stell dir vor, du würfst in einer einzigen Person die Gesichter von Hugh Grant, David Bowie und Scott Weiland zusammen. Giftig ansteckend ist sein Charme. Er wirkt unaufdringlich, authentisch, völlig natürlich – und kauft sich das Publikum gerade durch seine Echtheit und sein ungekünsteltes Lächeln, das mit einem typischen Vorrat britischer schwarzer Humoresken bestückt ist. Obwohl das Konzert in zwei Teile mit einer zwanzigminütigen Pause dazwischen aufgeteilt war, dauerte der erste Teil ca. 50 Minuten und der zweite eine Stunde und zehn Minuten, doch das Ereignis verging wie im Flug.
Lister verwendete auf der Bühne drei Gitarren. Mit einer Kopie einer Gibson Les Paul spielte er Songs mit einer härteren Klangkontur und einem etwas trockeneren Sound, während er den roten Fender Stratocaster vor allem in Songs einsetzte, die in den Soli mehr Finesse und eine »sanftere« Tongebung der Klänge erforderten. Die dritte war eine akustische Folk-Gitarre, mit der sich der Mann einige »Slide«-Soloausflüge gönnte. Lister folgt der elementaren Melodiosität. Er komponiert Songs auf der Grundlage weniger Akkorde, in denen er die Melodiosität vollständig entfalten kann. Diese ist natürlich von der bekannten wehmütigen Klanglichkeit des britischen White-Blues-Idioms durchdrungen, gleichzeitig liegt Listers Ausdrucksstärke vor allem in seiner außerordentlichen Flexibilität bei der Anpassung an gegebene Stimmungssituationen. Der Mann kann rau sein, wenn der Moment es fordert, und im nächsten Augenblick überrascht er mit seiner Raffinesse und Sanftheit – das brachte besonders das Stück Feeling Good im Eröffnungsteil zum Ausdruck, das von eingängigem Gitarrengeheul im weiteren Verlauf noch aufgeladen wurde. Dazu das schelmische Straight Talkin‘ Woman, das feinsinnige und zartfühlende Early Morning Dew, das wachrüttelnde Free, »shuffle« With Me Tonight, dazu noch ein weiterer (abschließender) »shuffle« Running Out On Me, der Song Sugar (aufgeladen mit Slide-Gitarre), dann Hero sowie das ausgezeichnete What’s It All About vom Album »Equilibrium« (2009).
Zwischen den Songs füllte Aynsley die Pausen so aus, dass er entweder Bassing oder Schlagzeuger Proctor damit beauftragte, die Stille mit ihren Tricks zu füllen. Lister hantierte die ganze Zeit mit drei Gitarren, und häufig war es nötig, die Gitarren in eine andere Tonlage »umzustimmen«, oder schlicht zum »Stimmen« der Instrumente.
Die Begeisterung ist außerordentlich. Das Quartett kehrt auf die Bühne zurück. Die Anwesenden riefen bereits im Voraus den Titel des Songs, den sie von Aynsley verlangten. Es war eine großartige Bearbeitung von Princes Purple Rain, bei der sich Aynsley im Outro ein schönes Bündel an solistischen Ornamenten gönnte, mit denen er den Song würzte und ihm eine völlig neue Ausdrucksdimension verlieh. Doch das Volk war noch nicht ganz gestillt. Die außerordentliche Begeisterung legte sich nicht, und das Team kehrte noch ein zweites Mal auf die Bühne zurück. Aynsley fragt: »Dieser Ort heißt Bluesiana, nicht wahr?« Auf die zustimmende Antwort des Publikums fügt er hinzu, dass sie an diesem Abend weniger Blues gespielt haben als sonst, weshalb sie sich noch eines weiteren Songs seines großen Vorbildes Freddie King annehmen werden.
Was soll man sagen. Aynsley Lister ist die richtige Adresse für eine exzellente Fusion von Blues und Rock in einem inhaltlich soliden und greifbaren musikalischen Konglomerat, das durchgehend sinnlich von der richtigen Dosis ansteckender Melodiosität durchdrungen ist. Sein ansteckender Charme und seine Ausstrahlung sind außerordentlich – und nach der herausragenden Show versammelte sich nach dem Konzert am Merchandise-Stand eine lange Schlange von Blues-Liebhabern, die nach dem neuen Album dieses hervorragenden neuzeitlichen Meisters der White-Blues-Rock-Rhetorik fragten! Noch ein unvergesslicher Konzertabend in der Bluesiana also!
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