„Bluesiana Fuckers“ brachen musikalische Tabus (2014)

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Autor: Primož Novak, Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Konzertdatum: 19.03.2014
Besucherzahl: 150

Bei sogenannten Allstar-Besetzungen stellt sich zunächst die Frage, was Musiker aus verschiedenen Genres überhaupt miteinander spielen können. Diese Frage tauchte auch bei The Aristocrats auf, obwohl in der Band anerkannte Musiker spielen, die keinerlei Einschränkungen kennen. Das Trio The Aristocrats, bestehend aus Gitarrist Guthrie Govan, Bassist Bryan Beller und Schlagzeuger Marco Minnemann, definiert sich mit zwei Studioalben und einem Livealbum schlicht als Jazz-Rock. Nun, die Musik selbst ist weit davon entfernt, auch nur zufällig einfach zu sein. Von drei musikalisch hochgebildeten Kerlen, die in ihrer Karriere bereits in Bands wie Asia, Steven Wilson, Dethklok und sogar Necrophagist bewiesen haben, was sie draufhaben, und mit einer Phalanx außergewöhnlicher Musiker wie Steve Vai, Joe Satriani, Jordan Rudess und Tony Levin zusammengearbeitet haben, wäre musikalischer Minimalismus wohl das Letzte, was man erwarten würde.

Als die genannten Professoren die Bühne des sympathischen Bluesiana-Clubs betraten – der an ein größeres Wohnzimmer erinnert –, hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass The Aristocrats mit mehr als zwei Stunden Programm aufwarten würden, dem man kaum etwas Vergleichbares entgegenstellen kann.

Schon mit den ersten beiden Songs Furtive Jack und Sweaty Knockers machte das verrückte Trio klar, dass es keinen Spaß versteht. Die Musik, die es macht, ist nämlich so anspruchsvoll und komplex aufgebaut, dass im Vergleich mit The Aristocrats selbst professionelle Metal-Musiker schnell wie Grundschüler wirken. Doch der Reiz des Konzerts lag nicht allein in der Interpretation außergewöhnlicher Musik – die Mitglieder des Trios führten das Publikum vor jedem Song durch eine kurze Geschichte seiner Entstehung und der Herkunft des Titels, und nutzten all diese Momente trefflich für grenzenlos unterhaltsamen Humor, der im Publikum mehr als einmal in schallendes Gelächter ausbrach.

Die außergewöhnliche musikalische Ausgefeilheit der einzelnen Trio-Mitglieder kann auf der Bühne kaum optimaler erstrahlen. Jeder hat sein Maximum herausgekitzelt. Anfangs stach vor allem Gitarrist Guthrie Govan hervor, der durchgehend mit äußerst interessanten Riffs und außergewöhnlichem Solospiel aufwartete – als würde er Größen wie Steve Vai, Eric Johnson und Joe Satriani in einer Person vereinen, wobei die Liste solcher Meister der Sechssaitentheorie  damit noch lange nicht endet. Govans Stil ist nicht der typische »Shredder-Nintendo«, sondern dieser Musiker pflegt einen einzigartigen Stil, der eine Mischung aus den unterschiedlichsten Genres ist, aus dem üppig zurechtgehauene, beinahe progressiv-experimentelle Jazz-Lösungen herausragen, ebenso wie auf der anderen Seite bluesinspirierte Passagen. Guthrie Govan klingt völlig unkonventionell, und man findet kaum einen Gitarristen, dem er nahekäme. Er kann einfach alles spielen. Einer, der in diese Kategorie fallen würde, wäre etwa Dave Kilminster, der aber selbst eine ebenso abgeschlossene musikalische Entität ist, eine in sich geschlossene musikalische Welt, kaum vergleichbar mit irgendeinem anderen Musiker auf diesem Planeten.  Eines der fantastischsten Dinge bei Govan war, dass er durchgehend mit Klängen überraschte, von denen man sich kaum vorstellen konnte, dass sie überhaupt in die Sprache des Gitarrenspiels  zu fassen und dem Instrument zu entlocken wären. Hier zeigte sich die schiere Universalität des Instruments und was man damit alles erzeugen kann, wenn man zu viel Fantasie hat. Govan hatte seine Ausnahmestellung bereits beim Konzert mit Steven Wilson unter Beweis gestellt, dieses Mal bestätigte er seine Universalität und musikalische Abenteuerlust als »verrückter Gitarren-Erfinder« einmal mehr! Govan und die Gitarre sind eins. Eine Entität.

Auch Schlagzeuger Marco Minnemann kam voll auf seine Kosten und bewies diesmal, dass er zu den besten Schlagzeugern der Welt gezählt werden kann. Minnemann, bekannt dafür, der bestgelaunte Schlagzeuger zu sein, zeigte, dass er einer von denen ist, die zu viel Fantasie haben. Dabei ist zu betonen, dass das Schlagzeug-Set für die kleine Bühne des Bluesiana im Vergleich zu dem kolossalen angepasst war, das er am 24.05.2013 beim Konzert in Ljubljana präsentiert hatte, als er gemeinsam mit Beller Joe Satriani begleitete.  Und selbst mit diesem radikal reduzierten Set zeigte der unerschöpflich fantasievolle Minnemann unzählige Kunststücke, abgedrehte »Beats«, rhythmische Manipulationen, Polyrhythmen – und die Liste ließe sich fortführen. Besonders erwähnenswert war auch der äußerst einfallsreiche Einsatz zweier Snare Drums, durch den seine Übergänge noch mehr Dimension und Intensität gewannen. Im Song Blues Fuckers, der auch Bluesiana Fuckers getauft wurde, ließ Minnemann mit seinem Drum-Solo dem gesamten Publikum die Kinnlade runterfallen. Es wirkte, als hätte Minnemann 8 Arme und 8 Beine. Überhaupt, wenn das Trio in den ungezügelten Stampede eines ultraschnellen Rock ’n‘ Roll ausbrach!

Bassist Bryan Beller kam anfangs nicht so richtig zur Geltung. Es wirkte, als spiele er im Schatten Govans, doch mit der Zeit zeigte sich, dass auch Beller ein erstklassiger Bassist ist. Denn Beller war nicht nur das Fundament für Minnemanns verrückte Rhythmen, sondern präsentierte eine ganze Ladung abwechslungsreicher, farbenfroher Linien, die sich bestens mit Govans Solospiel verbanden. Zeitweise wirkte es, als würde jedes Mitglied seine eigene separate Linie innerhalb desselben Songs spielen – was aber stets wirkungsvoll in das sinnvolle Gesamtkunstwerk der Gruppe gravitierte.

Der eigentliche Charme des The Aristocrats-Konzerts lag nicht nur im Perfektionismus des Spiels, sondern auch im Humor der Band. Neben all den witzigen Ansagen betonte Marco bei einem der Songs, dass The Aristocrats als erste Instrumental-Band wegen des Songtitels Blues Fuckers den »Parental Advisory«-Aufkleber bekommen würden. Für reichlich Gelächter sorgte Guthrie Govan, während Schlagzeuger Minnemann genüsslich damit begann, eine Mozartkugel auszuwickeln. Govan entwickelte in jenem Moment auf der Gitarre ein atonales Intro voller suchender Töne, und als er sah, wie sein Kollege mit der Mozartkugel rang, sprang er unvermittelt in das Motiv der »Kleinen Nachtmusik«, was Minnemann mitten im Hineinbeißen in ein solches Gelächter versetzte, dass er den Bonbon beinahe ausgespuckt hätte. Den Komödien war kein Ende in Sicht – darunter Guthries Geschichte, wie er sich am Türrahmen seiner Wohnung den Kopf gestoßen hatte, sowie die Situation, als Beller versehentlich ein Weinglas zerbrach. Dieses ergoss sich über die Bühne und es fehlte nicht viel, bis die Schaltkreise seines »Pedalboards« mit den zahlreichen Effekten Schaden genommen hätten. Zum Glück konnte Beller seine Effekte retten. Beller blickte zu Guthrie hinüber, der derweil seelenruhig sein Bier schlürfte, und riet ihm, so etwas niemals auszuprobieren. Govan konterte elegant mit der Antwort, das könne nur Beller passieren, denn nur er bestellt Wein. Govan hatte die Bierflasche kurzerhand »Weaselburger« getauft (auf dem Etikett stand wohl eigentlich »Weissbier«), da ihm das Lesen von Wörtern in deutscher Schreibweise einiges Kopfzerbrechen bereitet. Minnemann, als waschechter Deutscher, eilte ihm zu Hilfe und klärte ihn auf, dass er Weizenbier trinke. The Aristocrats sorgten auch zwischen den Songs für Lacher. Bei einem davon spielten sie zu den Tönen von Spielzeugschweinen und -hühnern, die sie auf einem der Tournee-Ausflüge im türkischen Istanbul gekauft hatten. Beim letzten Song Erotic Cakes wiederum spielten sie mit den lustigen Tönen irgendeiner App auf dem Handy, zu denen Minnemann geschickt mit den Beinen den Rhythmus hinzufügte.

The Aristocrats schlossen ihren Konzertauftritt mit dem Song Erotic Cakes ab, der ursprünglich Guthrie Govans gleichnamigem Soloalbum entstammt. Beller erklärte, dass alle Mitglieder ihre eigenen Soloalben haben. In seiner typisch komischen Manier erläuterte er, dass Minnemann rund 20.000 Soloalben habe, er selbst drei, Govan aber nur eines – weshalb sie sich Guthries erbarmt und einen Song von seinem einzigen Album ausgewählt hätten. Genau dieser Song unterschied sich ein wenig vom restlichen Konzertrepertoire, da er Elemente des Progressive Rock aufnahm – und gemessen an der einleitenden Gitarrenfrase sogar des Metal

The Aristocrats präsentierten sich in knapp über zwei Stunden als Trio glänzender Perfektionisten und musikalischer Extremisten. In einem und demselben musikalischen Körper. Ohne Bremsen. Mit entspanntem Spiel, einer außergewöhnlichen Mischung aus drei genialen Musiktalenten und dem Drill der Feinmechanik außerordentlicher Handfertigkeiten!

Setlist

1. Furtive Jack
2. Sweaty Knockers
3. Ohhhh Noooo
4. Louisville Stomp
5. Get it Like That
6. Culture Clash
7. Flatlands
8. Blues Fuckers (plus drum solo)
9. Gaping Head Wound
10. Desert Tornado
11. Living the Dream
—Zugabe—
12. Erotic Cakes

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