Mark Knopfler hat Udine und Umgebung in die Knie gezwungen! (2008)

0 94

Ort: Codroipo (Udine) / Vila Manin / Italien
Datum: 08.06.2008


Mark Knopfler ist ein Name, den man natürlich nicht groß vorstellen muss. Der Altmeister der Rockmusik und einer der ganz Großen an der Gitarre hat sich als treibende Kraft der legendären Dire Straits für immer einen Platz unter den meistverehrten Ikonen des Rock & Roll gesichert! Der heute 58-jährige Herr, sichtlich zufrieden mit dem Status, den sein inzwischen blank polierter Schädel trägt, wählt sorgfältig die Mittel aus, mit denen er dann in Wellen das nach musikalischer Erhabenheit lechzende Publikum überrollt. Die bewegen sich seit dem Ende von Dire Straits immer öfter in Country-Gewässern, in deren Strömung Mark die Kräfte seines Könnens meisterhaft verteilt.

Das Samstagskonzert in der fantastischen Kulisse der Vila Manin unweit von Udine gehörte zu Knopflers Europatour, die auf dem kurzen Weg von Italien nach Zagreb einmal mehr vorsichtig einen Bogen um Slowenien gemacht hat. Was natürlich niemanden mehr überrascht. Die Resonanz unserer Makkaroni-Freunde war nämlich großartig, wenn nicht gar begeisternd, auf jeden Fall aber unvergleichlich besser als jedes Zucken des slowenischen Publikums. Vielleicht fehlt Knopfler in dieser Hinsicht ein bisschen mehr voralpine Bodenständigkeit, die ihn über musikalische Bildungsprogramme vom Schlag Na zdravje dem urwüchsigen Slowenentum näherbringen würde, aber das ist eine Geschichte für tiefgehende Musikanalysen. Lange Schlangen hitzköpfiger Plaudertaschen, die sich durch den schmalen Eingang aufs Gelände wanden, luden die Luft mit besonderer Erwartung und Energie auf, kurz: mit einer Spannung, wie man sie nur auf Open-Air-Bühnen findet, gefangen in der Sommerhitze, diesmal öfter unterbrochen vom Intervall-Angriff eines Regentropfens oder zweier.

Mark erschien Punkt halb neun abends auf der Bühne. Ohne Pomp, ohne irgendwelche Showman-Kniffe, mit denen viele seiner Kollegen für ein ordentlich gesalzenes Trinkgeld den legendären Musiker im Scheinwerferlicht als außerirdisches Wunder inszenieren würden. Für solche Sachen ist Mark eben „zu alt“, vermutlich aber vor allem zu klug! Umgeben von einer interessanten Truppe vielseitiger Musiker vermittelt Knopfler schon auf den ersten Blick ein Gefühl von unglaublicher Konzentration und Dominanz. Der Herr nimmt sein Tun verdammt ernst. Langsam trat er an, herausgefordert vom donnernden Gejohle der Menge, steckte dann ruhig seine „Strat“ ein und segelte mit Cannibals, einem Song von seinem inzwischen ein Dutzend Jahre alten Debüt, in den Abend hinaus. Die Magie der Mark-Knopfler-Band explodierte in all ihren Schattierungen im Handumdrehen. Das hervorragend eingespielte Ensemble aus Violine, Sitar, Orgel und Kontrabass, straff befehligt von der Eminenz an der Gitarre, hat eine mörderische Wirkung! Einen unmäßigen Anteil daran hat auch der ausgezeichnete Sound, bei dem selbst das unscheinbarste Zupfen eines Einzelnen kristallklar zu hören war. Noch mehr Öl ins Feuer goss What It Is, einer der „straitsigsten“ arrangierten Songs aus Knopflers Zeit nach Dire Straits, der mit der Kombination aus Gesang und Instrumentalkraft verblüffte. Mark ist einfach unglaublich, so verschmitzt subtil und trotzdem großartig. Seine Stimme bleibt trotz der Rauheit, die die Jahre mitgebracht haben, Balsam für die Seele, sein charakteristischer Fender-Pick eine herzzerreißende Waffe!

Sailing To Philadelphia ging dann in ruhigerem Stil weiter. Ohnehin ein ziemlich ambientiger Song, wird er durch das geheimnisvolle Klingen des Flötensolos noch mehr dazu, das der Darbietung auch eine ordentliche Portion Melancholie verlieh. Mit der etwas jüngeren True Love Will Never Fade setzte Knopfler den intimen Stil der berühmteren Vorgängerin fort, bis hin zur beeindruckend ausgedehnten The Fish and the Bird, die vor unseren Augen im großmeisterlichen Stil aus einem schüchternen Mädel in knapp zehn Minuten zu einem bombastisch runden Abschluss heranwuchs!

Mark Knopfler plagt sich natürlich mit einem ähnlichen Problem wie so mancher Musiker seines Formats, zumindest wenn es um Sultans Of Swing geht. Der alte Dire-Straits-Evergreen bleibt verständlicherweise ein Muss in jedem von Marks Repertoires, sogar ganze dreißig Jahre nach seiner Entstehung. Bis zu einem gewissen Grad sogar ein notwendiges Übel, zumindest für einen Musiker, der sich über die langen Jahre seines Soloschaffens hinweg beharrlich bemüht, dem Schraubstock der Triumphe der Vergangenheit fernzubleiben. Aber Mark lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht stören. Ganz im Stil des großen Meisters hat er den Song im Vergleich zum Original überraschend lockerer „gefahren“, routiniert und lässig, fast schon zu glatt, aber mit der typischen pikanten Note, die am Ende des Songs natürlich in einer Serie übernatürlicher melodischer Variationen eruptierte. Eine kaum merkliche Bewegung der Finger reicht Mark Knopfler, und das verblüffte Volk frisst ihm schon ohne zu zögern aus der Hand. Mark ist ein echter Mentor, ein starker Charakter, der eine ordentliche Portion Aufmerksamkeit für sich einfordert, egal ob beim scharf geschliffenen Gitarrendribbling oder beim balsamischen „Pianissimo“-Ansprechen, bei dem das verblüffte Volk das Geschehen auf der Bühne stumm beobachtet. Den Dire-Straits-Kranz hat Mark noch mit den Standards Romeo & Juliet, Telegrapf Road veredelt, zum Schluss außerdem mit Brothers In Arms und dem sympathisch schleppenden Klassiker vom gleichnamigen Album, So Far Away. Und ein Abend mit Mark Knopfler ist natürlich nicht komplett ohne das berühmte Local-Hero-Thema, das trotz fehlendem Saxofon das Tüpfelchen auf dem i dieses unvergesslichen Abends war, den wir die Ehre hatten, in der Gesellschaft eines außergewöhnlichen Musikers zu verbringen.

Mit dem Konzert am Samstag hat Mark Knopfler bewiesen, dass ihm nach ganzen drei Jahrzehnten im Musikbusiness die Konkurrenz immer noch kaum das Wasser reichen kann. Der stets heitere Mark zeigte sich als Musiker in Top-Form, voller Lust am Musikmachen und Liebe zum Auftritt, was man letztlich am schönsten an seinem entspannten Umgang mit seiner Crew sieht, ebenso wie an der Kommunikation, die der Meister mit dem Publikum pflegt. Und dafür können wir ihm für immer dankbar sein!

Autor: Daniel Pavlica
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1.Cannibals
2.Why Aye Man
3.What It Is
4.Sailing to Philadelphia
5.True Love Will Never Fade
6.The Fish and the Bird
7.Hill Farmer’s Blues
8.Romeo & Juliet
9.Sultans of Swing
10.Marbletown
11.Speedway At Nazareth
12.Telegraph Road
—Zugabe—
13.Brothers in Arms
14.Our Shangri-La
15.So Far Away
16. Going Home (Local Hero)


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies