Nektar beschwören mitten in Greifenburg den König der Dämmerung (2014)

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Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Greifenburg / Kultursaal / Österreich
Datum des Konzerts: 18.01.2014
Besucherzahl: 200
Kartenpreis: 22,00€

Die Gelegenheit, einen Auftritt der englischen Prog-Rock-Legenden Nektar aus nächster Nähe zu erleben, ist nicht gerade ein alltägliches Ereignis – schon gar nicht, weil es sie in ihrer bisherigen Karriere noch nie so nah an Slowenien verschlagen hat. Es war nämlich erst ihr zweiter Auftritt in Österreich und gleichzeitig erst ihr zweiter Auftritt überhaupt in diesem Land seit ihrer Gründung, was ein schlicht verblüffendes Datum ist, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Band handelt, die im fernen Jahr 1969 gegründet wurde. Doch für alle, die ihre Vergangenheit gut kennen, ist das gar nicht so verwunderlich. Nektar waren im Laufe ihrer Karriere – vor allem in den Siebzigern, als sie ihre größten Erfolge feierten und ihre besten Alben herausbrachten – mit Abstand am populärsten in Deutschland, und eine Zeit lang, so unglaublich das klingen mag, auch in den USA, wo sie in dem legendären Frank Zappa einen begeisterten Anhänger hatten, der viel für ihre Promotion auf amerikanischem Boden getan hat.

Etwas weniger beliebt waren sie in ihrer Heimat und anderen Teilen Großbritanniens, während sie andere Länder bis vor kurzem kaum bereisten – in Italien zum Beispiel hat sie fast niemand ‚geschnuppert‘, obwohl die Italiener neben den Polen und den Deutschen die glühendsten europäischen Anhänger des Progressive Rock sind. Die mangelnde Bekanntheit von Nektar ist ein großes Versäumnis, denn sie zählen zu den besten Prog-Rock-Vertretern der Siebziger, die noch heute qualitativ hochwertige Studioarbeiten veröffentlichen – darunter auch das aktuelle Album »Time Machine« (2013), auch wenn dieses bei weitem nicht so interessant war, wie es sich viele gewünscht hätten. Dabei muss man stets im Hinterkopf behalten, dass der Motor der Band, der legendäre Gitarrist/Sänger Roye Albrighton, bereits in sein sechsundfünfzigstes Lebensjahr eingesegelt ist, auch wenn er sich für sein Alter noch immer sehr gut hält.

Von den originalen Nektar-Mitgliedern sind bis heute nur Albrighton und Schlagzeuger Ron Howden geblieben, wobei auch die beiden nicht an allen bisherigen Platten mitgewirkt haben (Albrighton war zum Beispiel nicht auf dem Album »Magic Is a Child«, 1977, zu hören). Heute ist Albrighton der informelle Anführer der Gruppe, und auf seinen Schultern liegt auch ihre weitere Studio- und Bühnenzukunft. Schon die Besetzung der Band überraschte an diesem Abend, als Nektar zum zweiten Mal in ihrer Karriere österreichischen Boden betraten – im Kultursall mitten in Greifenburg, einem Städtchen in der Nähe von Villach – mit zwei großen Überraschungen in der Rhythmussektion. Am Schlagzeug saß statt des Originaldrummers Howden der junge Che Albrigton, Royes Sohn, während am Bass statt Peter Pichl (ex-Running Wild) und dessen kurzfristigen Nachfolger Lux Vibratus der praktisch völlig unbekannte Tom Fry gelandet war.

Manche waren darüber etwas enttäuscht, denn am Bass hatten sie den Amerikaner Billy Sherwood (ex-Yes) erwartet, einen erstklassigen Gelegenheitsmusiker und Produzenten, der Nektar bei »Time Machine« mit Basslinien und Produktion unter die Arme gegriffen hatte, während Howden neben Albrighton die einzig wahre Legende aus den ‚guten alten Zeiten‘ ist. An den Keyboards und im Backgroundgesang war erwartungsgemäß der ‚alte Hase‘ Klaus Henatsch (ex-Jane), ein Deutscher, der neben dem älteren Albrighton heute die treibende Kraft in der Band ist.

Nun, noch bevor Nektar die Bühne betraten, sorgten die lokalen Hardrocker Check Sparrow für das Warm-up – unter der Führung des charismatischen Gitarristen Gerald Stupping, einem alten Bekannten und Unterstützer von Rockline, lieferten sie einen soliden Auftritt ab, auch wenn der talentierten und sympathischen Sängerin noch Bühnenerfahrung und etwas Stimmtraining fehlen und auf den Rhythmusgitarristen in ihrem Sound – der hauptsächlich von Hard Rock der 70er Jahre geprägt war – wohl kaum jemand verzichtet hätte. Von allen Songs, die sie in ihrem kurzen Set spielten, ist den meisten im Saal wohl am ehesten eine interessante Cover-Version des Evergreens der amerikanischen Folk-Ikone Joan Baez namens »Diamonds And Rust« in Erinnerung geblieben, auch wenn die Check Sparrow-Version trotz weiblichen Gesangs im Ansatz näher an der der legendären Judas Priest war. Herr Stupping, das tragende Element dieser Band, machte sich nicht allzu viele Gedanken darüber, dass der Saal während des Auftritts seiner Band halb leer war, und bewahrte seine gute Laune und seinen positiven Ansatz auch nach Ende des Auftritts, als die Vorbereitungen für den Hauptact des Abends begannen – mit dem Rockline zuvor auch ein interessantes Interview geführt hatte.

 Nektar eröffneten ihren Auftritt mit »A Better Way«, das vom aktuellen Album »Time Machine« stammt – ein ziemlich erwartbarer Schachzug, da die aktuelle Tour hauptsächlich dessen Promotion gewidmet ist, auch wenn die Band weiß, dass die meisten Besucher zu ihren Konzerten kommen, um die unvergesslichen Klassiker aus den Siebzigern zu hören. Erwähnenswert ist, dass es im Kultursaal wegen der niedrigen Decke ziemlich heiß ist, vor allem für die Musiker, die direkt unter den Bühnenstrahlern stehen, sodass die Band bald anfing zu ’schmoren‘ – auch wenn die beiden ältesten Mitglieder das ganz gut wegsteckten. Herr Albrighton musste im weiteren Verlauf allerdings seine Jacke ablegen und sich mehrfach mit einem Handtuch abwischen. Keyboarder Henatsch war ihm dabei eine große Stütze beim Meistern bestimmter Gesangslinien, vor allem dort, wo Mehrstimmigkeit gefragt war, auch wenn einige höhere Lagen bei bestimmten Klassikern für beide eine unüberwindliche Hürde darstellten.

Der legendäre Gitarrist ist trotz seines mutigen Umgangs mit den Gesangsherausforderungen nach wie vor ein Meister seines Instruments und genoss es sichtlich besonders, die neueren Stücke zu spielen – dort ist sein gitarristischer Beitrag in der Regel etwas stärker spürbar als bei den älteren Werken, wo er in den ‚goldenen Zeiten‘ eine starke kompositorische und klangliche ‚Konkurrenz‘ im damaligen Keyboarder Alan ‚Tafu‘ Freeman hatte. Letzteren imitierte der virtuose Henatsch – der im weiteren Verlauf auch seine Entertainer-Seite zeigte – sehr gut, als die älteren Standards an der Reihe waren, wobei er auch einige eigenständige Improvisationen einstreute. Der Sound war zu Beginn des Auftritts etwas knarzig, doch gelang es ihnen im weiteren Verlauf, ihn rasch zu verbessern und auf das gewünschte Niveau zu heben.

Mit dem melodiösen »Dr. Kool« kehrte die Band überzeugend auf das Album »Book of Days« (2008) zurück, eines der gelungensten Werke der letzten Jahre. Obwohl instrumental von Anfang an alles ‚wie es sich gehört‘ gespielt wurde, war bis zu dem Moment, als die Klassiker aus den Siebzigern begannen, eine gewisse Bühnenzurückhaltung spürbar, und auch die Publikumsreaktion war anfangs ziemlich verhalten – was bei den traditionell reservierten Österreichern freilich nicht überrascht. Tom Fry spielte die Basslinien ordentlich, wirkte aber aufgrund völliger Charismalosigkeit und allzu offensichtlich einstudierter Bühnengesten als Erscheinung so, als wäre er gar nicht auf der Bühne – was man ihm als Neuling in einer legendären Band kaum vorwerfen kann. Dafür sorgte der jüngere Albrighton dafür, dass man Howden – eigentlich einen der besten Schlagzeuger der britischen Prog-Rock-Bewegung der Siebziger, dessen Status in der Band derzeit unklar ist – nicht allzu sehr vermisste.

Das bereits erwähnte Album »Book of Days« liegt der Band offensichtlich sehr am Herzen, denn sie spielten noch einen weiteren Song daraus, »King of The Deep«, bevor endlich die lang ersehnten Nektar-Klassiker aus der Prog-Rock-‚Urzeit‘ an die Reihe kamen. Zunächst entführten sie uns mit dem ersten Teil von »Dream Nebula« auf ihr konzeptuelles Debütalbum »Journey to the Centre of the Eye« (1971), und als die psychedelischen/Space-Rock-Improvisationen erstmals erklangen, begann sich die Stimmung im Saal rasch zu heben. Die Band spürte das sofort, und nachdem sich ein Lächeln auf ihre Gesichter gestohlen hatte, belohnte sie das Publikum mit »Desolation Valley« und »Waves«, zwei Klassikern vom Album »A Tab in the Ocean« (1972). Unerwartet folgte darauf eine akustische Version der »Recycled«-Klassikerin »It’s All Over«, die im Duett Albrighton-Henatsch auf äußerst mitreißende Weise dargeboten wurde. Mit der Titelmusik des neuen Albums bewiesen sie, dass dieses durchaus einige qualitativ hochwertige Kompositionen enthält, auch wenn es sich nicht als eines ihrer besseren Werke in die Musikgeschichte einschreiben wird.

Alle Iron Maiden-Fans kamen voll auf ihre Kosten, als Nektar die »A Tab in the Ocean«-Meisterwerke »Crying In the Dark« und »King of Twilight« spielten, zwei miteinander verbundene Kompositionen, die in den Achtzigern durch das Cover der zuvor genannten Metal-Pioniere erneut Bekanntheit erlangten. Diese großen Verehrer des Nektar-Erbes – allen voran ihr Bassist Steve Harris – hatten nämlich zur Zeit der Veröffentlichung der Single »Aces High« (1984) »Crying in the Dark« und »King of Twilight« auf interessante Weise zu einem einzigen Song zusammengeführt. Genau während der Darbietung von »King of Twilight« zeigte sich zum ersten Mal ernsthaft, dass die Jahre auch vor einem so qualitätsvollen Sänger wie Albrighton keine Gnade kennen – auch wenn er noch immer in erstaunlich solider Form ist. Die epischen mehrstimmigen Passagen waren ein riesiger Brocken, und dem legendären Gitarristen ging dabei schlicht  die Puste aus, wenn es galt, die hohe Lage zu halten, selbst wenn Henatsch ihm noch so sehr half.

In allen anderen Belangen abseits gewisser gesanglicher ‚Schwächen‘ wurden die aufgezählten langjährigen Klassiker aber auf höchstem Niveau gespielt – schon allein wenn man bedenkt, dass die aktuelle Besetzung der Band erst Anfang 2014 zusammengefunden hatte. Dennoch mangelte es ihnen keineswegs an gegenseitiger Eingespieltheit. Es folgte eine ziemliche Überraschung, denn die Band spielte »Now« vom ‚Comeback‘-Album »The Prodigal Son« (2001) – einem für langjährige Fans eher obskuren Werk, auf das sie trotz seiner beachtlichen Qualität nicht allzu oft zurückkehren. Einen der Höhepunkte des gesamten Abends stellte zweifellos die 13-minütige psychedelische Delikatesse »A Day in the Life of a Preacher« dar (bestehend aus den Sektionen »Preacher«, »Squeeze« und »Mr H«; ursprünglich vom Album »Sounds Like This (1973)«), in der man einige irre Improvisationen zu hören bekam, hauptsächlich auf Gitarre und Keyboards. Im abschließenden Teil des Auftritts krempelten Nektar die Ärmel hoch und spielten die erste Hälfte des konzeptuellen Meisterwerks »Recycled« (1975), das mit seiner ökologischen Botschaft heute sogar noch deutlich relevanter ist als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung.

Die einzelnen Kompositionen des Albums bündelten sie zu einer einzigen, rund zwanzigminütigen Suite und zauberten einige der interessantesten Momente des Abends herbei, vor allem während der Sektionen »Recycle«, »Cybernetic Consumption« und »Flight to Reality«. »Recycled« war das Album, auf dem Nektar durch den Einsatz fortschrittlicher Synthesizer und Orchesterarrangements eine völlig neue Stufe klanglicher Raffiniertheit erreichten und den Großteil der psychedelischen Elemente der Vergangenheit hinter sich ließen – weshalb es bis heute als eines ihrer zugänglichsten Werke gilt, was die ‚breite Masse‘ betrifft. Bei der abschließenden Sektion, »Unendless Imaginations«, wo das Original orchestrale Arrangements und epische weibliche Mehrstimmigkeit enthält, mussten sie an diesem Abend kräftig improvisieren – doch am Ende fiel die Darbietung des ersten Teils von »Recycled« als Ganzes trotzdem sehr gut aus und weckte in uns freudige Erwartung auf die Aufführungen der weiteren Klassiker.

Nach diesem Höhepunkt des gesamten Konzertabends verabschiedete sich die Band von der Bühne, kam aber schnell zurück, denn die Begeisterung im Saal war trotz der bescheidenen Besucherzahl in diesem Moment auf bewundernswertem Niveau. So mancher im Publikum hatte heimlich gehofft, dass sie zumindest eine Sektion vom legendären Konzeptalbum »Remember The Future« (1973) spielen würden – das oft als ihr bestes Werk gilt –, und auch eine Rückkehr zum ‚zirkushaften‘ Album »Down to Earth« (1974) war nicht ausgeschlossen, während Songs von »Magic Is a Child« schlicht nicht gespielt werden, da Roye Albrighton darauf nicht vertreten ist. Die Zugabe war kurz, stellte aber eine sehr interessante Auswahl dar: »Man In the Moon« wurde nicht von irgendeinem Album gewählt, sondern vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1980, an das sich Nektar äußerst selten erinnern – war es doch ihr letztes Album vor der zwanzigjährigen Bandpause. Gleichzeitig handelte es sich um ein etwas kommerzieller ausgerichtetes Werk, wobei gerade der Titelsong einer der wenigen eher experimentellen Momente war, wovon wir uns auch live überzeugen konnten, als sie ihn noch mit einigen höchst unterhaltsamen Improvisationen ausdehnten. Die allzu schnelle Verabschiedung der Bandmitglieder war unvermeidlich, denn nach zwei Stunden Spielen bei hohen Temperaturen waren sie gehörig ausgezehrt – außerdem wissen der ältere Albrighton und Henatsch wohl beide, dass sie nicht mehr in dem Alter sind, das für lange Nächte geeignet ist.

Nektar haben uns beim Auftritt in Greifenburg in jeder Hinsicht begeistert – mit improvisatorischer Kühnheit, spontaner Bühnenpräsenz und einer hervorragenden instrumentalen Chemie untereinander, die man heutzutage bei vielen jüngeren Bands schmerzlich vermisst. Es kommt selten vor, dass zwei alte Hasen die Lokomotive der gesamten Band so überzeugend antreiben – doch wenn man die Hauptstars des Abends in jeder Hinsicht benennen müsste, dann gibt es keinen Zweifel: Es sind der ältere Albrighton und Henatsch, denen das größte Verdienst dafür gebührt, dass der Auftritt ‚wie es sich gehört‘ gelungen ist und dass wir alle, die wir große Erwartungen an eine Gruppe hatten, die man heutzutage wirklich nur sehr schwer auf der Bühne zu sehen bekommt, am Ende glücklich und zufrieden nach Hause gegangen sind.

Manche der älteren Besucher, die vielleicht die Gelegenheit hatten, Nektar in ihren besten Zeiten spielen zu sehen, haben gewiss zumindest ein wenig die monumentale Lichtshow vermisst, die – vor allem in der Zeit, als der Lichttechniker Mick Brocket zur Band gehörte – eine der besten in der Prog-Rock-Bewegung jener Zeit war. Angesichts der Größe und Höhe des Kutursaal musste man sich aber damit abfinden, dass es an diesem Abend nicht allzu viele Lichteffekte und Projektionen geben würde und dass der Fokus ausschließlich auf der Musik liegen würde – was bei Prog-Rock-Bands wie Nektar ohnehin immer das Wichtigste ist.

Setlist

1. Better Way
2. Dr. Kool
3. King Of The Deep
4. Dream Nebula
5. Desolation Valley
6. Waves
7. Little Boy (intro)
8. It’s All Over (acoustic)
9. Time Machine
10. Crying In The Darkness
11. King Of Twilight
12. Now
13. A Day in the Life of a Preacher / Squeeze / Mr H
14. Recycled
—Zugabe—
15. Man In The Moon 

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