Im balladesken Bann von Zlati zob (2014)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Etno klub Zlati zob / Slowenien
Konzertdatum: 16.01.2014
Besucherzahl: 70
Kartenpreis: 7,00€ (mit Reservierung) / 12,00€ (an der Abendkasse)
Hinter dem Quartett Balladero verbirgt sich ein echtes Unikat – mit der starken Charisma des musikalischen Sendungsbewusstseins aus dem schöpferisch-kreativen Geist von Dominik Bagola. Der Mann brach im Januar zu einer Wochentournee namens »I Guess« auf (benannt nach einem Stück seines Debütalbums »Club Deuce«) und zog damit durch Slowenien. Unser »kleines Hühnchen« hat er dabei konzertmäßig kreuz und quer abgearbeitet. Einer seiner Tournee-Stopps war natürlich erwartungsgemäß auch in Ljubljana angesetzt – im Ethno-Musikclub »Zlati zob« in der Zaloška 69. Angesichts der musikalischen Tradition von Balladero hätte man keinen passenderen Ort finden können. Erst recht nicht an diesen Wintertagen voller regnerischer Wehmut, mit Nächten, die eine ganze Ewigkeit andauern.
Neben Dominik Bagola gehören zu Balladero noch drei weitere Musiker: der italienische Gitarrist Lorenzo Corti, der große Meister der Bassgitarre Robert Jukič sowie Schlagzeuger Jaka Berger. Diesmal ohne besondere Vokal-Gäste und ohne Vibraphonistin Hana Šavel.
Balladero haben ihr Debütalbum »Club Deuce« (2012) draußen, das das Quartett erwartungsgemäß auch vorstellte. In seiner Gesamtheit natürlich. Der Veranstaltungsort »Zlati zob« ist bekannt für seine vorbildlichen akustischen Eigenschaften, die wie geschaffen sind für Singer-Songwriter-Auftritte, Etno-/Folk-Bands, oder allgemein gesagt für Bands jeder Art, die ihr musikalisches Schaffen auf der gemeinsamen Kreation eines organisch-akustischen Klanggeflechts aufbauen – oder zumindest auf der Platzierung raffiniert ausdrucksstarker Qualitäten eines musikalischen Artismus, der auf raumverträglicher elektrischer Intensität betrieben werden kann. Eine weite Bühne. Ein weiter Raum. Darin Tische, die bis auf den letzten Stuhl besetzt waren.
Balladero errichteten sofort die unverkennbare Kulisse eines musikalischen Unikats von erkennbar eklektischem Inhalt, der Musikkritikern beim »Schubladisieren« ernste Probleme bereitet. Der sympathische und vor allem außerordentlich charismatische Dominik Bagola – Allround-Musiker, scharfsinniger Komponist und neuerdings auch Interpret prägnanter Poesie – ist natürlich die zentrale Figur der ganzen Balladero-Geschichte. Seine musikalische Wahrnehmung befruchtet die Form der Stücke mit traditionellen Klangschleiern, die dem volkstümlichen Melos der Prekmurje-Region entstammen. Beim ersten Hinhören ist dieses Gefühl allerdings gut getarnt. Es ist meisterhaft verborgen – vor allem weil die Verse fast durchgehend auf Englisch gesungen werden, aber auch durch den Ansatz, den die Gitarre beim Einfärben der Begleitkulisse erzeugt. Diese bewegt sich nach dem Vorbild einer Klanglandschaft-Kreation, die den emotionalen Zustand selbst vertieft. Dabei zeichnet die Gitarre sinnvolle Parallelen zu einem Ass wie Steven Wilson. Und wenn am Schluss Prekmurska mit slowenischen Texten erklingt, wird jene Verbindung zur Prekmurje-Region – sagen wir zwischen Landsmann Kreslin und Bagola – schon sinnfälliger.
Die mit einem Hauch von Melancholie aufgeladenen Nummern sind durch die Linse der sinnlich-subtilen Interpretation von Dominik Bagolas Versen träumerisch und mystisch in den Blick gefasst. Die Tiefe und Sinnlichkeit, die Dominik mit Klavier und Gesang erzeugt, ist außerordentlich – kontrastreich vertieft wird dieser Effekt von den drei anderen musikalischen Bausteinen des Albums »Club Deuce« auf der Bühne. Das Quartett ist in der Lage, sofort eine hypnotische Atmosphäre zu erzeugen, die dich in die einzigartige Welt der musikalischen Magie einsaugt. »Balladero-Welt«.
Das Konzert war in zwei Teile aufgeteilt – was bei so ausgeprägten musikalischen Eigenheiten der Balladero-Sprache nicht die beste Idee ist. Genau dieser Faktor hat unglücklicherweise die magische musikalische Welt, die im ersten Konzertteil aufgebaut wurde, zerrissen, und auch das Quartett zeigte an einigen Stellen nicht die richtige Lockerheit. Man spürte einen kleinen Hauch von Unbehagen, weil das Konzert ein bisschen angepasst werden musste. Aber so ist es nun mal. Es ist überall auf der Welt gängige Praxis, dass noch ein paar Euros mehr aus den Taschen der Besucher geholt werden. Und als Profi musst du manchmal in den sauren Apfel beißen und damit klarkommen, dass die Bedingungen für eine optimale Konzertperformance von Location zu Location stark schwanken – und einen dabei gelegentlich auch unangenehm überraschen.
Dominik ist ein Mann, der seinen Gefühlen und seiner Leidenschaft freien Lauf lässt. Dabei ist er auch ein äußerst geschickter Rhetoriker. Die Momente zwischen den Stücken nutzt er meisterhaft. Darin ist er leicht selbstironisch – er besitzt nämlich einen schwarzhumorigen Sarkasmus, mit dem er es versteht, die Barriere zwischen Publikum und Band effektiv zu durchbrechen. Die Band ist zwar sehr statisch, braucht aber keinerlei besondere Bewegungen, die ins Repertoire eines Jazz-Balletts gehören würden. Ein Konzert von Balladero ist nämlich eines, bei dem in der Gesamtrechnung allein die Musik das Wort ergreift!
Insgesamt war es ein ausgezeichneter Auftritt, der ein klein wenig Zurückhaltung verbarg – das Gefühl, dass die Band sich nicht ganz entfalten konnte, leicht verkrampft und nicht vollends locker war. Aber es handelt sich eben um so gute und erfahrene Musiker, dass irgendwelche allgemein hörbaren Ausführungsmängel gar nicht erst auftraten. Überraschend war der Notenständer bei Robert Jukič – aber das ist offensichtlich eher eine Gewohnheitssache. Angesichts der Meisterschaft dieses Musikers glaube ich, dass Jukič die Basslinien bei Balladero im Schlaf spielen kann, aber der Ständer ist eben seine Sache. Ebenso hätte der Einsatz eines Kontrabasses an einigen Stellen des Konzerts hervorragend gepasst. Im Klangbild hätte ich mir gewünscht, dass Cortis Gitarre ein bisschen lauter gewesen wäre. Einige Klanglandschaften, die er erzeugte, haben in Kombination mit allen Bausteinen der musikalischen Sprache von Balladero echte Gänsehaut ausgelöst. Vielleicht eine unwichtige Beobachtung – aber dennoch. Der Band täte eine einheitlichere Bühnenoptik noch gut. Abend-»Smoking«, etwas mehr Wert auf Eleganz. Die Musik, die sie machen, ist nämlich außergewöhnlich – und ihre Eleganz gehört definitiv eher in die Sphäre der »High-Society«-Clubs als in ein durchschnittliches Konzert-»Loch«.
Die Band streckte einige Nummern mit verlängerten Improvisationseinlagen aus, für die Dominik am Klavier sorgte – und mehrfach schloss sich ihm im Zusammenklang effektiv ausgeführter Lösungen der »arrangementmäßigen Kalibrierung« äußerst geschmackvoll auch Lorenzo Corti mit der Gitarre an. Wie sehr ich auch Haare spalte – das Gesamterlebnis ist durch und durch positiv! Ein Konzert, das die Anwesenden erneut vollständig in seinen Bann gezogen und verführt hat. Das bestätigten am Ende die donnernden Ovationen des Publikums, das bekommen hatte, wofür es gekommen war – und sich wegen der Konzertpause keinen einzigen Moment Gedanken gemacht hatte.
Setlist
1. Prekmurska
2. Shadow Street
3. Lioness
4. I Guess
5. Dream Come Lie
6. Pawnshop
—15-minütige Pause—
7. . Shallow Creeks
8. Monsters
9. Long Distance To Ruin
10. Mirror See
11. Superbomber
12. Če bi
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