Steven Wilson begeistert und verzaubert Wien mit neuem Konzerttriumph (2018)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Wien / Gasometer / Österreich
Wann: 14.02.2018


Na klar! Wenn Steven Wilson auf Tour geht, ist es irgendwie immer selbstverständlich, dass man ihn dabei mindestens einmal live erwischen muss! Steven ist ein außergewöhnlicher Musiker, in jeder Hinsicht ausgereift, sein musikalisches Visionärtum kennt keinerlei Grenzen. Dieser Mann braucht keine besondere Einführung mehr – er ist schlicht ein viel zu wichtiges Glied in der modernen Musikszene, denn er hält auf äußerst authentische Weise die Verbindung zwischen modernen Errungenschaften im Rock und der Elementarität und Ursprünglichkeit des Progressive Rock der Siebziger aufrecht. Wenn du auf ein Wilson-Konzert kommst, ist das schlicht eine umwerfende Begegnung mit einem einzigartigen Mix aus Musikgenres der Siebziger- und Achtzigerjahre, einer Einbettung popmusikalischer Erkenntnisse beider genannten Dekaden und der Transformation all dessen in die Gegenwart. Wilson ist ein Künstler, der kreativ gesehen eine Art Brücke zwischen Alt und Neu darstellt – und hat dabei mit edler Raffinesse in seinem Artismus auch ausgeprägte musikalische Eklektizität erreicht. Wilson entwickelt sich kontinuierlich weiter, sein Artismus ist dabei natürlich zugleich tief mit dem Erbe von Porcupine Tree verbunden und ist eigentlich dessen evolutionäre Weiterentwicklung. Das ist natürlich logisch. Logisch ist aber auch, dass Porcupine Tree genau deshalb »begraben« sind, weil der Name Steven Wilson das musikalische Opus dieser außerordentlich geschätzten Gruppe mit der Zeit überwachsen hat – weshalb Wilson sich auch entschieden hat, seinen eigenen musikalischen Weg einzuschlagen und Porcupine Tree in Rente zu schicken. Ganz einfach. So läuft es für ihn nämlich noch besser. Vor allem in kommerzieller Hinsicht.

Genug der Einleitung. Schon eine Viertelstunde nach sieben abends, als sich der Wiener Gasometer gerade erst zu füllen begann, stand David Kollar auf der Bühne – ein slowakischer musikalischer »One-Man-Band«-Sonderling, der Wilson mit seinem musikalischen Abenteuergeist persönlich fasziniert hat und den dieser daraufhin auf seine aktuelle Konzerttournee eingeladen hat. David ist klassisch ausgebildeter Gitarrist und zugleich ein großer Protagonist des Jazz. Doch sein künstlerisches Portfolio bietet eine subtile Fusion musikalischer Welten auf dem Silbertablett, aus der du nur schließen kannst: Der Mann ist mit seiner vielschichtigen Versiertheit und Unbeschwertheit ein innovativer junger Musikkopf der neuen Generation. Auf der Bühne begleiteten ihn ein Apple-Laptop, ein Violinbogen und eine Gitarre. Eine Kombination aus »Soundscapes«-Fahrt und einer Gitarrensprache, die sich nicht im Axiom des musikalischen Experiments erschöpft. Stimmungsmäßig äußerst reichhaltig. Im Phrasieren schwer zu definieren, eher fragmentiert und locker, zugleich aber herausfordernd und eigen. Etwas für Musikfeinschmecker, die auch die expressive musikalische Verbindung zwischen Kollar und Wilson zu finden wissen – so wie Wilson selbst sie gespürt hat, denn Kollar taucht als Gastmusiker auch auf Wilsons aktuellem Studioalbum »To the Bone« auf. Der Mann, der in der Vergangenheit auch mit Pat Mastelot (King Crimson) auf Tour war, hat bereits einige Alben und Erfahrungskilometer im Gepäck – und nutzte bei diesem Konzert vor allem die Gelegenheit, dem Publikum sein aktuellstes, das heißt sein letztes Album »Notes From the Underground« vorzustellen, das im vergangenen Jahr erschienen ist.

Der Besuch von Wilsons Konzert in Triest im April 2016 fühlte sich an, als wäre es erst gestern gewesen. Damals stellte Steven Wilson mit seiner Crew das Album »Hand. Cannot. Erase« und die EP »4 ½« vor – im Mai des vergangenen Jahres erblickte dann bereits das neue Studioalbum »To The Bone« das Licht der Welt, das den Hörer unter all seinen Alben mit dem größten Maß an musikalischer Zugänglichkeit anspricht. In dieser Hinsicht stellt es gewissermaßen auch Wilsons persönliche »Hommage« an den Pop-Rock der Achtziger dar. Um es etwas vorzugreifen: In der zweiten Konzerthälfte erklärte Wilson dem Publikum vor Permanating, dass das neue Album eine Verschiebung hin zum zugänglichsten Teil seiner Evolution darstellt – wahrscheinlich das bis dahin für Ohren zugänglichste überhaupt. Wilson erklärte das damit, dass er in den letzten Jahren viel Musik gehört hat, die seine Mutter liebt. Das sind Gruppen wie Abba, Electric Light Orchestra, Bee Gees, The Beatles, Marvin Gaye (im Zusammenhang mit Gaye erklärte Wilson auch, was Falsett-Gesang ist und warum er ihn in Permanating bewusst eingesetzt hat). Außerdem betonte Wilson, dass Pop einst großartig war, dass er in letzter Zeit viel Prince, David Bowie, Tears For Fears und auch Kaja Goo Goo gehört hat – dabei warf er einen Blick in Richtung Beggs, und das Publikum rastete bei dieser Geste vor Begeisterung aus. So legte der Mann noch nach, dass das, was sein neues Stück Permanating bietet, absolut nichts mit dem zu tun hat, was die heutige Popmusik à la Justin Bieber und Konsorten zu bieten hat. Damit brachte er den Gasometer erneut zum Toben und erntete wieder einen lawinenartig aufbrandenden Applaus vom Publikum. Wilson ist über die Jahre zu einem geschliffenen Redner geworden und nutzte so manche Pause für längere Ansprachen ans Publikum, bei denen auch eine ansteckende Dosis schwarzen Humors nicht fehlte, wie sie nur ein Brite von Wilsons Kaliber produzieren kann. An Witz, geistreicher Schlagfertigkeit, Charisma und Ansteckungswirkung mangelt es Wilson ganz und gar nicht.

Das barfüßige Genie überraschte mit seiner Crew erneut auch in Wien. Das größte Rätsel auf der Bühne war der neue Gitarrist Alex Hutchings, der im Musikuniversum ein relativ unbekannter Name ist. Craig Blundell ist das auch nicht – und viele hatten im Vorfeld ungläubig angedeutet, dass Hutchings weder Govan noch Kilminster sei und Blundell weder Minnemann noch Harrison. Und trotzdem. Beide Musiker sind außergewöhnlich und für das, was die Bühnenpräsenz von Wilsons eigener Musik sowie die Musik von Porcupine Tree verlangt, mehr als würdige Nachfolger ihrer berühmten Vorgänger, die in Wilsons bisherigen Line-ups mitgespielt haben. Hutchings lieferte schon zu Beginn den passenden Floyd-Sound und überzeugte im Laufe des Konzerts vollends mit der feinen Weichheit eines ätherischen Klangs, inklusive einiger »Hackett-isms« sowie wild schneller Solo-Eskapaden, wo die Struktur der jeweiligen Stücke es eben verlangte (z. B. Vermillioncore, Detonation oder Song Of I). Im gleichen Atemzug begeisterte Blundell auf der anderen Seite mit einigen außergewöhnlichen Schlagzeugübergängen, mit denen er die Kompaktheit der Stücke selbst herausforderte – denn mit weiteren jazzigen Rhythmusperversionen hätte er ihre Struktur vollständig zerstört. Doch kehrte er dabei stets im richtigen Moment meisterhaft zur treibenden rhythmischen Grundlage zurück. Damit bestätigte er, dass er derzeit einer der heißesten Schlagzeug-Virtuosen auf dem Planeten ist – ein sorgfältig gehütetes musikalisches Geheimnis. Bassist Nicholas Beggs und der amerikanische Keyboarder Adam Holzman sind bereits Veteranen von Wilsons Crew und bleiben große Musikerpersönlichkeiten. Beggs wechselte allein in Arriving Somewhere But Not Here – also innerhalb eines einzigen Stücks – drei verschiedene Bassgitarren und begeisterte erneut mit dem subtil sinnlichen Klang, den er auf der Bühne erzeugte. Der Einsatz des Chapman Stick war dabei nur eine seiner erwarteten und selbstverständlichen Pflichten.

Wilson war in ausgezeichneter Stimmung und theatralisch aufgelegt! Durchgehend in der Rolle des Chefpiloten und Kommandanten. Während des Konzerts schlenderte er ständig von Musiker zu Musiker und »überprüfte wachsam« deren Arbeit. Auch sein Markenzeichen – das Pusten in die nach vorne gekämmten Haare, die bei seiner »Pagenfrisur« zwangsläufig über Augen, Nase und Mund fallen – fehlte nicht, genauso wenig wie die ausgesprochen eigentümliche Gestik, die ihn noch aus Porcupine-Tree-Zeiten begleitet. Der Mann griff wieder zur Palette verschiedenster Gitarren und stellte sich natürlich auch dem Lead-Soloing. Mehrmals setzte er sich ans Mellotron, das diesmal im Hintergrund der Bühnendekoration positioniert war. Sein Gesang dient ihm ausgezeichnet und wirkt chamäleonhaft – er evoziert durch eine intensiv gelebte Vokalperformance die Reflexion außerordentlich echter Emotionen und Leidenschaft. Im Gesang ergänzten Hutchings und Beggs Wilson durchgehend ausgezeichnet mit klar farbigen Kontrasten, was die stimmungsvolle dramatische Eindringlichkeit der Stücke selbst noch vertiefte. Der Gesang von Sängerin Ninet Tayeb war eines der wenigen Dinge, für die Wilson auf eine Klangmatrix zurückgreifen musste. Klanglich makellos. Die Darbietung ebenso.

Das Repertoire war hervorragend aufgeteilt. Der erste Teil dauerte eine Stunde. Darin stellte Wilson das neue Studioalbum »To The Bone« ausgiebig vor, schob drei Stücke des Vorgängers »Hand. Cannot. Erase« ein und spielte den »In Absentia«-Klassiker von Porcupine Tree The Creator Has a Mastertape (»…den er im Auto vergessen hat…«). Also fünfzehn Minuten Pause – dann ein Sprung in den zweiten, noch längeren Teil, der uns bis zum atmosphärischen Siedepunkt führte. Besonders in diesem Teil zeigte sich schön die Abwechslung zwischen anspruchsvolleren Stücken von experimentell-progressiver Kühnheit und Verwegenheit und kompakt eingängigen Stücken, die vor allem in den Refrains sofort ins Ohr gehen. Das heißt: Auf ein einfacheres Stück folgte ein komplexeres und umgekehrt. Dieser Teil war auch stärker mit Porcupine-Tree-Klassikern beladen, beginnend mit dem kompositorisch brillanten Eröffnungsstück, nämlich dem »Deadwing«-Meisterwerk Arriving Somewhere But Not Here. Wilson behielt auch den stets charmanten und beliebten Porcupine-Tree-»Minihit« Lazarus in der Setlist – und neben dem düsteren »Fear of a Blank Planet«-Klassiker Sleep Together freute die Porcupine-Tree-Fans besonders die Integration des etwas in Vergessenheit geratenen »In Absentia«-Stücks Heartattack in a Layby. Außergewöhnlich. Hypnotisch. Das alles begleiteten hervorragende Projektionen im Hintergrund sowie jene auf dem transparenten Vorhang im Vordergrund. Der transparente Vorhang, der bei den ersten beiden Stücken den Fotografen Probleme bereitete, war gelegentlich ganz am vorderen Rand der Bühne positioniert. Diese Projektionen beeindruckten mit einer Kombination aus jungfräulicher Zerbrechlichkeit und Grausamkeit. Himmel und Hölle. Dualität. Je zarter und naiver ein Stück klang, desto mehr erschütterte der Inhalt der Projektion, die es begleitete. Das gilt besonders für die neuen Stücke wie People Who Eat Darkness und The Same Asylum As Before – wobei im letzten Zugabenteil The Raven That Refused to Sing den ersten Platz belegte! Wir sind also bei den Zugaben. Wilson eröffnete sie damit, dass er einen kleinen Verstärkerkombo auf die Bühne brachte, an den er seine aufgepeppte Telecaster anschloss. Er kündigte ein Stück an, das er 1998 erschaffen hatte, als er sich von der Elektronik hin zu einer rockiger geerdeteren Kompositionskonfiguration bewegte. Im Solo-Modus lieferte er nämlich die Überraschung des Abends und führte uns zurück zum »vergessenen« Porcupine-Tree-Album »Stupid Dream« (1999), indem er Even Less spielte. Im Singer-Songwriter-Modus. So, wie es ursprünglich erschaffen wurde. Allein auf der Bühne. Nur mit Gitarre und Gesang – und er fügte hinzu, dass er so begeistert war, als er es schrieb, dass er es immer wieder spielen musste. Mehrmals nacheinander. Täglich.

Vielleicht der am wenigsten spektakuläre Moment des Konzertabends – aber im Hinblick auf musikalische Evolution und künstlerisches Reifen ein viel zu wichtiger Teil von Wilsons Karriere – war die Coverversion von Princes Sign „☮“ the Times. Wilson vergaß dabei nicht zu betonen, dass sie sich diesmal extrem anstrengen und eine deutlich verbesserte Version von Princes Hit-Stück liefern würden. Die Band hatte dem verstorbenen Musiker mit diesem Stück bereits auf der vorherigen Tour gehuldigt, Wilson ist aber trotzdem noch der Meinung, dass die damalige Version dieser Hommage nicht gerecht wurde, und möchte diesmal den Eindruck korrigieren. Auf jeden Fall hat er es wieder voll abgeliefert. Jedenfalls spielte die Band die Prince-Coverversion beim Wiener Konzert überhaupt zum ersten Mal im Rahmen der aktuellen »To The Bone«-Tour. Einen besonderen Höhepunkt lieferte im Abschlussteil des Konzerts The Raven That Refused To Sing. Es überläuft einen eiskalt bis auf die Knochen – so erschütternd ist diese magische Komposition. So viel Bedrängnis, Melancholie, Sehnsucht steckt darin – und zugleich auch menschliche Grausamkeit. Diese Art von Mystik können nur britische Musiker auf die Bühne beschwören, und Wilson gilt derzeit als der Erste unter ihnen.

Nach so einem Konzert fehlen einem die Worte. An Superlativen mangelt es nicht, denn zweieinhalb Stunden reine Musik, die man hier erlebt, werden von erstklassigem Perfektionismus und schlichter musikalischer Fehlerlosigkeit begleitet. Du kannst dir nur noch eines sagen: »Wo und wann ist Wilsons nächstes Konzert?« Die Antwort lautet: »Verona, Montag, 25.6.2018, das alte römische Amphitheater.« Wir sind in Gedanken schon dort. Kurzum: Ein Wilson-Konzert zu besuchen bleibt ein unvergleichliches Erlebnis.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Setliste:

Set 1:
1. „Truth“ (Kurzfilm, voraufgenommenes Intro)
2. Nowhere Now
3. Pariah
4. Home Invasion
5. Regret #9
6. The Creator Has a Mastertape
7. Refuge
8. People Who Eat Darkness
9. Ancestral
—Pause ca. 20 Minuten—-
Set 2:
10. Arriving Somewhere but Not Here
11. Permanating
12. Song of I
13. Lazarus
14. Detonation
15. The Same Asylum as Before
16. Heartattack in a Layby
17. Vermillioncore
18. Sleep Together
—Zugabe—
19. Even Less
20. Sign „☮“ the Times
21. The Raven That Refused to Sing

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